Sicht vom Hochblauen

Evelyn Hecht-Galinski

70 Jahre mörderische Vertreibung und „Selbstverteidigung“! Von Evelyn Hecht-Galinski

Kommentar vom Hochblauen

 

70 Jahre mörderische Vertreibung und „Selbstverteidigung“!

Von Evelyn Hecht-Galinski

Montag und Dienstag, der 14. und 15. Mai 2018, werden als schwarze Tage für die Freiheit Palästinas, die Menschenrechte und das Völkerrecht in die Geschichte eingehen. Es sind Tage der Trauer und des Mitgefühls, nicht aber des Feierns. In den besetzten Palästinensergebieten begann ein Generalstreik, Geschäfte bleiben geschlossen, ebenso Schulen, Universitäten und Regierungsgebäude. Und die Flaggen wehen auf Halbmast. Es ist eine Trauer, die wir alle, die wir uns für ein freies Palästina einsetzen, empfinden. Der 14. Mai als Gründung des „Jüdischen Staates“ ist das grausame Symbol dafür, wie rücksichtslos Zionisten von Anfang an auf Kosten der Palästinenser ihr Ziel verfolgten, deren Land für sich allein zu kolonialisieren, während der 15. Mai, der Tag der Nakba, für die Katastrophe steht, die für das palästinensische Volk bis zum heutigen Tag andauert.

Kampf um Würde und Freiheit

Fassungslos muss man mit ansehen, wie das mutige, von der Weltgemeinschaft im Stich gelassene palästinensische Volk auf ihrem friedlichen „Marsch der Rückkehr“ um seine Würde und Freiheit kämpft, die ihnen seit 70 Jahren genommen wird. Es ist ein Aufschrei der Menschen, eingesperrt im von Israel abgeriegelten Konzentrationslager Gaza, diesem Armutsstreifen, die nichts mehr zu verlieren haben als ihr erbärmliches Leben.

Dass es so weit gekommen ist, haben wir Politikern weltweit, allen voran den USA zu verdanken, die immer wieder an der Seite dieses das Völkerrecht brechenden „Jüdischen Staates“ stehen und diesen Besatzerstaat seit Jahrzehnten treu unterstützen, vor allem mit Waffen. So feiern die USA und der „Jüdische Staat“ gemeinsam die Verletzung internationaler Gesetze.

Auch Deutschland lädt durch seine „unhinterfragbare“ Solidarität und Unterstützung Schuld auf sich, weil es immer wieder mit hilft, den „Jüdischen Staat“ militärisch stärker zu machen als je zuvor. Diesen Atom-Staat kann ernsthaft kein Feind von außen in seiner Existenz bedrohen! Es gibt nur eine wirkliche Bedrohung: die Zustände im Lande selbst. Das Netanjahu-Regime hat eine Spaltung des Landes gefördert, die einmal existenzbedrohend werden könnte. Daher auch das ewige Mantra mit der Forderung nach Anerkennung des Existenzrechts, eines Staates allerdings ohne Verfassung und ohne definierte Grenzen, der nur mit Gewalt gegen seine selbst erschaffenen Feinde, souveräne Staaten, und gegen das von ihm besetzte palästinensische Volk vorgeht und dadurch Einheit und Stärke von innen suggeriert. So hält das Regime an seiner Macht fest.

Wie kann Mord an Zivilisten verhältnismäßig sein?

Es ist einfach nur schändlich und empörend, wenn der deutschen Bundesregierung und dem Außenministerium zu dem aktuellen israelischen Massaker mit bis jetzt mehr als 60 ermordeten und tausenden verletzten friedlichen Demonstranten nichts gefühlloseres einfällt, als sich „besorgt“ über die jüngsten Entwicklungen in Nahost zu zeigen, und gleichzeitig darauf hinzuweisen, dass die Eröffnung der US-Botschaft im besetzten (!) Jerusalem kein Anlass für Gewalt sein dürfe und die israelischen Besatzer mahnen, die „Verhältnismäßigkeit zu wahren“. Verhältnismäßigkeit für Mord an Zivilisten, und die unverschämte Gleichsetzung der brutalen Besatzergewalt, die gezielt die Palästinenser ermordet, mit der Abwehr des besetzten Volkes, Frau Merkel? Nehmen Sie sich ein Beispiel an dem französischen Präsidenten Macron, der die „Gewalt der israelischen Streitkräfte“ verurteilte.(1)

Die Krankenhäuser in Gaza rufen die Staatengemeinschaft auf, Blutkonserven und medizinische Hilfe zu schicken. Auch die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“, die in Gaza mehrere Krankenhäuser unterstützt, warnte vor einem Kollaps, ähnlich dem nach dem Gaza „Völkermord-Krieg“ 2014. Aber auch diesmal, genau wie während des Gaza-Angriffs, tat die Bundesregierung nichts, um den Palästinensern zu helfen. Statt Lazarettschiffen wurden U-Boote und Korvetten an die jüdischen Besatzer geliefert. Gaza braucht unsere Hilfe, das ist unsere deutsche Verantwortung und das gebietet die deutsche Staatsräson, die dringend erweitert und die Sicherheit Palästinas einschließen muss.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International kritisierte das Vorgehen der jüdischen „Verteidigungsarmee“ und bezeichnete das Vorgehen als „eine schändliche Verletzung des internationalen Rechts und der Menschenrechte im Gazastreifen“. Gerade Deutschland, das sich immer wieder auf die „Würde des Menschen“ sowie die „christlichen Werte“ beruft, vergisst die Würde und Werte der Palästinenser!

Recht auf Widerstand gegen die illegale Besatzung

Während also das mörderische Massaker an der Grenze zu Gaza immer mehr palästinensische Opfer fordert, pocht der bis an die Zähne bewaffnete „jüdische Staat“ und wie die Papageien die westliche Wertegemeinschaft immer wieder auf ein „Recht auf Selbstverteidigung“. In Wirklichkeit aber hat das palästinensische Volk ein legales Recht auf Widerstand und Selbstverteidigung gegen die illegale Besatzung.

 

Angesichts der mörderischen Angriffe gegen unschuldige Palästinenser tagt ein hilfloser UN-Sicherheitsrat, dem die USA und das Netanjahu Regime eine unabhängige Untersuchung des Massakers verweigern. So werden die Palästinenser auch diesmal durch die UN und ihre Vertreter allein gelassen.

 

70 Jahre Besatzung und Verweigerung des legitimen Rückkehrrechts sind genug! Dieses schreiende Unrecht ist ein Kains-Mal in der westlichen Weltpolitik, die in all den Jahrzehnten nichts dazu beigetragen hat, diesen völkerrechtswidrigen Zustand zu beenden. (2)

 

Verzweifelt wehrt sich die hoffnungslose aber mutige Jugend Palästinas mit brennenden Drachen, die die Weizenfelder der illegalen jüdischen Siedler verbrennen lässt und die „moralischste“ aller „Verteidigungsarmeen ratlos macht. Vielleicht können die illegalen Siedler nun nachvollziehen, wie es seit Jahr und Tag den Palästinensern geht, denen jüdische Extremisten immer wieder ihre Felder und Olivenbäume zerstören. Allerdings ist ein Umdenken bei diesen judaistischen Extremisten eher unwahrscheinlich. (3)(4)

Hoffnungsloser Kampf wie im Warschauer Ghetto

Mich erinnert dieser fast hoffnungslose Kampf an all das, was ich von den Schilderungen meiner Mutter weiß, die selbst im Warschauer Ghetto war und versuchte Widerstand zu leisten. Eine Erinnerung an den Aufstand der verzweifelten eingesperrten jüdischen Menschen im Warschauer Ghetto, die versuchten, Widerstand gegen die deutschen Besatzer zu leisten, was jedoch kläglich an deren Übermacht scheiterte. Auch damals waren diese Ghettobewohner allein gelassen worden von der Weltgemeinschaft. Dies ist keine Gleichsetzung, aber ein berechtigter Vergleich, der sich aufdrängt und nicht verdrängt werden darf. (5)

 

Wenn der deutsche Außenminister Maas (Auschwitzminister) in beispielloser Weise die Freundschaft zu dem „Jüdischen Besatzerstaat“ unterstreicht, diese Freundschaft gar als Geschenk betrachtet, dann läuft etwas völlig falsch. Wie kann man eine Freundschaft zu einem Staat pflegen, der von Beginn an die Rechte des palästinensischen Volkes mit Füßen getreten hat? Und wie kann ein „Sozial“demokrat (!) eine persönliche Freundschaft zu einer rechtsextremen Justizministerin im Netanjahu-Regime pflegen, die für jeden demokratischen Bürger unfassbar wäre? (6)

 

Ich schäme mich als Tochter von Holocaustüberlebenden für diesen „Jüdischen Staat“, der alle humanen Werte über Bord geworfen hat und mit eiserner Hand die ewige Judaisierung Palästinas betreibt. Mit der Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem ist die einseitige endgültige Judaisierung Jerusalems eingeleitet. Damit hat US-Präsident Trump zusammen mit Netanjahu die endgültige Phase des palästinensischen Niedergangs eingeläutet.

Kriegserklärung an die Palästinenser

Diese völkerrechtswidrige Verlegung der Botschaft ist eine Kriegserklärung an die Palästinenser. Sie haben so gut wie nichts mehr zu erwarten von diesem US- Präsidenten und seinen jüdischen und evangelikalen “Einflüsterern“, die mehr oder weniger in Jerusalem versammelt waren. Diese Einweihungsshow hat gezeigt, wie die Macht der Israel-Lobby gewirkt hat und was für ein Unheil sie anrichtet, das sich auf den gesamten Weltfrieden auswirken wird.

Wenn der Siedlungs-Sponsor, US-Botschafter Friedman, der durch diese „Zeremonie“ führte, ebenso wie Trump davon spricht, dass die USA damit Israel das Recht gewährt, dass sie auch anderen Nationen ihre Hauptstadt selbst zu wählen, dann öffnet das alles Schleusen für den Bruch des Völkerrechts und die Zementierung der ewigen Besatzung Palästinas. Dazu noch der berüchtigte Hass-Prediger Robert Jeffreys, der schon einmal vor dem Islam als einer „Irrlehre aus der Höllengrube“ gewarnt hatte, den Präsidenten für seinen Mut lobt, der an der richtigen Seite der Geschichte und Gottes steht, dann ist das scheinheilige Maß voll. Wenn Trump per Video-Botschaft noch von „Hoffnung auf Frieden“ und „möge es Frieden geben“ spricht, während derweil an der Grenze zu Gaza unschuldige Palästinenser von jüdischen Scharfschützen abgeknallt werden. Schließlich dann auch noch Schwiegersohn Jared Kushner in seiner Rede der Welt zeigen will, dass man sich auf uns verlassen kann – wir stehen an der Seite unserer Freunde und Alliierten. Dazu gehöre auch die Kündigung des Atomabkommen mit Iran. Kushner, der „eiskalte Engel“, setzte noch eins drauf, indem er die Proteste „selbst am heutigen Tag“, die Teil des Problems und nicht Teil der Lösung sind, verunglimpft. Sieht so also sein zu erwartender „Friedensplan“ aus?

Es ist eine Politik der ausgestreckten Faust und eine Ohrfeige für die Palästinenser, die schallender nicht sein könnte und ein Sieg für die aggressive Besatzungspolitik mit dem Schwert in der Hand, wie es der Haaretz-Journalist Gideon Levy so treffend formulierte.

„Beginn einer neuen Weltordnung“

Was ist von dem Jerusalemer Bürgermeister Barkat zu erwarten, der nur die tiefe Verbundenheit, die Trump mit Jerusalem verbindet, die mit dem Umzug das Symbol der ewig ungeteilten Hauptstadt eines „Jüdischen Staates“ besiegelt hätte, sowie den „Beginn einer neuen Weltordnung“ spricht und der allen Ernstes meint, die „Vereinigung“ Jerusalems nach 1967 habe Frieden gebracht. Regierungschef Netanjahu dankte Trump für seinen Mut und betonte den „ewigen“ Anspruch auf Jerusalem als die Hauptstadt des „Jüdischen Staates“.

Gnadenlose Provokation

Es war eine gnadenlose Provokation, den Botschaftsumzug gerade auf den „Geburtstag“ des Jüdischen Staates“ zu legen, und nach jenem Sonntag, an dem der jährliche „Jerusalem-Tag“ stattfand, an dem judaistische Siedler mit ihrer „Davidstern-Flaggenparade“ durch die besetzte Altstadt, den palästinensischen Ost-Teil von Jerusalem, marschieren und singen „Das Volk der Ewigkeit hat keine Angst vor dem langen Weg“.

Präsident Trump ist voll mitverantwortlich für das Massaker, dass das Netanjahu-Regime anrichtet, besonders wenn er per Twitter die Anerkennung Jerusalems als israelische Hauptstadt und den Umzug der Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem als „großen Tag titulierte, ebenso wie Freund Netanjahu, der von einem „glorreichen Tag“ und „großen Tag für den Frieden“ sprach.

 

Am Dienstagabend (15. Mai) steht auch noch der Beginn des Ramadan vor der Tür, und dann werden die Palästinenser noch mehr geknebelt und eingesperrt und an freiem Zugang zu den Gebetsstätten auf dem Haram al-Sharif gehindert werden.

 

Besonders empörend ist es, dass bei dem Empfang im israelischen Außenministerium am Sonntagabend (13. Mai) eine bilaterale Veranstaltung zwischen den USA und Israel stattfand, während alle anderen EU-Staaten dieser Veranstaltung eine Absage erteilten. Nur Österreich, Ungarn, Rumänien und die Tschechische Republik nahmen teil an diesem unwürdigen Spiel. Die EU sollte diese Staaten deshalb zur Rechenschaft ziehen.

Die Türkei rief ihre Botschafter in Israel und den USA zu „Beratungen zurück, während Südafrika seinen Botschafter aus Israel abzog und die „wahllose und gravierende Gewalt“ verurteilte. Die einzig richtige Konsequenz, der andere Staaten folgen sollten.

„Israel ist ein Terrorstaat“

Präsident Erdogan hatte Israel zuvor des „staatlichen Terrors“ und „Völkermords“ beschuldigt. Erdogan weiter, „Israel ist ein Terrorstaat“. Und er bezeichnete es als „Schande, dass die Welt zu so einer „systematischen Barbarei der Vernichtung“ schweige. Diesen Sätzen kann man sich nur voll anschließen.(7)

 

Trump hat jede Glaubwürdigkeit zerstört und gezeigt, dass kein Vertragspartner mehr auf die Seriosität dieses US-Präsidenten und geschlossener Verträge und Abkommen mit ihm vertrauen kann.

 

Es ist der eklatante Bruch des Völkerrechts und die Missachtung allen internationalen Rechts, was jetzt in dieser Politik zum Ausdruck kommt, aufgebaut auf „USA First“, was „USA allein“ meint.

 

Jahrzehnte der „Friedensverhandlungen“ haben nichts gebracht außer immer mehr Verluste von Land und Rechten für die Palästinenser. Diese Botschaft ist die Aufkündigung jedes Konsenses, auf das sich bis jetzt auch die USA mit der EU geeinigt hatten.

 

Israel braucht immer Feindbilder um zu existieren, am Frieden würde es zerbrechen. Daran, dass es dazu nicht kommt, wird kräftig gearbeitet und anscheinend auch immer erfolgreicher. Das Netanjahu-Regime kennt nur die Sprache der Gewalt, um seine Ziele zu erreichen, und schreckt auch nicht davor zurück, einen Flächenbrand zu entfachen.

 

Es ist an der Zeit, dass die deutsche Politik, anstatt Kippa-Tage zu veranstalten und die Hamas zum Täter zu machen, endlich die Rechte des palästinensischen Volkes verteidigt. Es muss endlich Schluss sein mit dem deutschen Freibrief für die so genannte „Selbstverteidigung“ in Form der ethnischen Säuberung Palästinas. Diese kriegerische und mörderische Politik ist ganz sicher keine „Selbstverteidigung“, die der „Jüdische Staat“ gegen Palästinenser und souveräne Staaten anwendet. (8)(9)

 

Es reicht! 70 Jahre mörderische Vertreibung und „Selbstverteidigung“ sind genug!

 

Hierzu wieder ein erschütternder Brief aus Gaza von Dr. Abed Schokry

Sehr geehrte Damen und Herren,

Liebe Freundinnen und Liebe Freunde,

Gaza am 15 Mai 2018

Meine letzte Email hatte ich mit den Sätzen: „Ich bin wütend“ und „ich bin verzweifelt“
begonnen. Nach den Ereignissen gestern, bin ich nun sprachlos, fassungslos, machtlos,
ohnmächtig. Und um ehrlich zu sein, weiß ich nicht so recht, wie ich in Worte fassen kann, was in mir vorgeht, was ich zum Ausdruck bringen möchte. Denn es ist gestern ein
Verbrechen/Blutbad geschehen, es wurde ein Massaker verübt, das zum Himmel schreit.

Die Täter sind die Soldaten und Befehlshaber und letztlich die Regierung „der einzigen
Demokratie im Nahen Osten“. Die Opfer sind die unbewaffnet demonstrierenden
Palästinenserinnen und Palästinenser an der von Israel festgesetzten Grenze zwischen dem
Gazastreifen und Israel. Die Demonstranten mit leeren Händen, nur mit Mut und Courage
ausgerüstet. Sie tragen keine Schutzanzüge, keine Gewehre, keine Zielfernrohre wie die
Soldaten auf der anderen Seite. Diesen Soldaten wurde kein Haar gekrümmt, keiner von ihnen  wurde verletzt. Aber sie schießen auf Männer, Frauen und Kinder. Es gibt Videos, in denen zu hören ist, wie sie sich über einen „Treffer“, einen Erschossenen freuen. Das ist so unglaublich menschenverachtend, dass ich laut schreien möchte.

Seit fast 12 Jahren leben wir im größten Freiluftgefängnis der Welt. Wie der Alltag in diesem
Gefängnis aussieht, habe ich Ihnen schon oft beschrieben. Strom bekommen wir vier Stunden
täglich, das Wasser aus der Leitung ist sehr salzig oder mit Abwasser vermischt, also ungeeignet um zu duschen oder um Gemüse oder Obst damit zu waschen. Die Jugendlichen haben keine Hoffnung, sie sehen keine Perspektive, sie sehen sich auch als Opfer der Besatzung, der Abriegelung und der zerstrittenen palästinensischen Gruppen.  Inzwischen sind fast 70% von ihnen arbeitslos. Die Jugendlichen kennen nichts anderes als das
Leben mit permanenten Problemen, denn mal mangelt es an Brennstoffen bzw. Kochgas, mal an Grundnahrungsmitteln, vor allem auch an Medikamenten. Und die Familienmitglieder, die
überhaupt Arbeit haben, bekommen oft ihr Gehalt nicht. Es ist ein Leben, dass nicht nur zornig und wütend macht, sondern das auch krank macht, oft genug körperlich krank aber vor allem psychisch krank.

Gestern bin ich am Rande der Demonstration in Gaza Stadt gewesen. Ich habe die vielen
Menschen gesehen, junge und alte Menschen, Männer und Frauen, auch Kinder mit ihren
Eltern. Danach kehrte ich heim und kaum war ich Zuhause, da erfuhr ich, dass der 17 Jahre alte Sohn meiner Cousine erschossen worden war. Danach kamen Meldungen, dass weitere
Verwandte von mir verletzt wurden. Einige hatten Schusswunden an den Beinen, andere an der Brust und weitere hatten Bauchschüsse erlitten. Manche von ihnen wurden sofort in den
Krankenhaeusern operiert, andere warten darauf, ins Ausland verlegt zu werden, denn es fehlen geeignete medizinische Geräte oder Medikamente. Ob man sie aus Gaza raus lässt, weiß ich nicht.

Ich lief sofort los, um meine Verwandten im Krankenhaus zu besuchen. Es fällt mir immer
schwer, ein Krankenhaus zu betreten, aber was ich diesmal sah, das übersteigt alles, was man
sich vorstellen kann. Verletzte in den Gängen, überall Blut, die Patientenräume überfüllt.
Während ich schreibe, klingen mir noch das Stöhnen und die Schmerzensschreie in den Ohren. Ich konnte sehen, wie sehr die Ärzte und das gesamte Personal alles taten, was in ihrer Macht stand, um zu helfen, um in all diesem Elend zu funktionieren. Über 2700 Menschen sind verletzt worden. Stellen Sie sich vor, was es bedeutet, so viele Verletzte zu versorgen. Das ist selbst in einer Stadt in Deutschland kaum möglich.

60 Menschen wurden erschossen, 60 Menschen ließen ihr Leben, während die Welt die
fröhlichen Gesichter der Regierungen, die in Jerusalem feierten, im Fernsehen sehen konnte.
Unser Leid interessiert die Welt nicht. Die, die sowieso auf der Seite der fröhlichen Gesellschaft stehen, die mit ihnen, was auch immer sie tun, uneingeschränkt sympathisieren, geben den zynischen Rat, dass wir still sein sollen, dass wir uns damit abfinden sollen für alle Zukunft unter Besatzung zu leben.

Ein Bruder von mir arbeitet im Krankenhaus und sagte mir, ich möge doch nach Hause gehen,
denn der Anblick dieses Elends könne ich nicht ertragen. Wie recht er hatte. So blieb ich nur kurz bei meinen Verwandten und machte mich auf den Heimweg. Ich weiß gar nicht mehr, wie das war. Ich lief wie ein Automat. Alles ging mir durch den Kopf. Zu Hause angekommen, fiel ich sofort ins Bett. Ich fühlte mich ganz elend. Aber das Einschlafen war sehr schwer, denn weder die Bilder der Verletzten aus dem Krankenhaus konnte ich verdrängen noch den Geruch vom Blut konnte ich loswerden. Heute war ich dann bei den Familien der Erschossenen, um ihnen mein Beileid zum Ausdruck zu bringen. Die Toten sind nun begraben. Und sie werden nicht zum Leben erweckt werden. ABER was ist mit den vielen Verletzten? Wie werden sie ihr Leben weiterführen können, wenn ihre Beine amputiert wurden oder wenn sie gelähmt werden oder wenn sie nicht mehr sehen oder hören können. Die Mehrheit der Verletzten ist unter 30 Jahre alt. Und sie haben nun kaum eine Zukunft vor sich.

Gewalt erzeugt Gegengewalt, das ist bekannt. Jeder Präsident bzw. Regierungschef muss alles
tun, um sein Land zu beschützen. Das ist auch bekannt.
Nun stelle ich aber Fragen, auf die ich keine Antwort habe

– Ist der Einsatz von diesen Waffen gegen eine zivile und unbewaffneten Demonstranten
legitim bzw. rechtens?
– Sind unbewaffnete Demonstranten so gefährlich für die Sicherheit einer Besatzungsarmee, die zur stärksten der Welt gehört?
– Gibt es keine anderen Wege auf Demonstrationen zu reagieren als mit scharfer Munition gezielt zu schießen?
– Was sagte das internationale Gesetz?
– Darf sich ein Land ungestraft über internationale Gesetze und Menschenrechte
hinwegsetzen?
– Handelten die schwer bewaffneten Besatzungssoldaten tatsächlich aus „Notwehr“ wie
sie behaupten? Wurde auch nur einer der Besatzungssoldaten verletzt?
– Darf ein Land ein anderes Land 50 Jahre und mehr einfach besetzen und das Leben der
Menschen unerträglich machen? Ist es nicht Aufgabe der Weltgemeinschaft dem Einhalt
zu gebieten?

– Wie kann es sein, dass der deutsche Bundesaußenminister sich für die Wahrung der
Menschenrechte einsetzen will, aber wenn es um die Menschenrechte der Palästinenser
geht, dann schweigt er?
– Im ersten Absatz des deutschen Grundgesetzes heißt es „Die Würde des Menschen ist
unantastbar“. Ich will nichts mehr als in Würde, in Ruhe und in Frieden mein Leben
leben und es gestalten, wie ich es mag und nicht wie eine andere Macht oder wie der
Stärkere es mir vorschreibt.

Mit dieser extremen Gewalt seitens der Besatzung kann kein Frieden entstehen und solche
unmenschlichen Kollektivstrafmaßnahmen werden weder uns, noch unseren Nachbarn
Frieden bringen.

Zum Thema die Verlegung der US-Botschaft von Tel-Aviv nach Jerusalem werde ich in
meiner nächsten Mail schreiben. Heute musste ich erst einmal loswerden, was ich gestern
hautnah erlebt habe.

Mit traurigen Grüßen aus Gaza

Ihr

Abed Schokry

 

 

Fussnoten:

 

1https://palaestina-nachrichten.de/2018/05/15/gaza-zahl-getoeteter-palaestinenser-steigt-auf-114-darunter-14-kinder-inzwischen-mehr-als-10-000-palaestinenser-verletzt/

https://www.jungewelt.de/artikel/332292.gerecht-w%C3%A4re-die-r%C3%BCckkehr-aller-gefl%C3%BCchteten.html

https://www.transatlantikblog.de/2008/06/23/zerstoerung-olivenbaeume-juedische-siedler/

https://palaestina-nachrichten.de/2017/10/25/israelische-siedler-fluten-olivenhaine/

http://www.deutschlandfunk.de/aufstand-im-warschauer-ghetto-symbol-des-juedischen.724.de.html?dram:article_id=415723

6 https://www.tagesspiegel.de/politik/gewalt-in-nahost-tuerkei-schickt-israelischen-botschafter-zurueck/22519726.html

http://www.faz.net/aktuell/politik/israels-justizministerin-shaked-und-heiko-maas-verstehen-sich-gut-15576071.html

8 http://www.spiegel.de/politik/ausland/israel-gazastreifen-bundesregierung-wirft-hamas-anstachelung-zur-gewalt-vor-a-1207846.html

9https://www.auswaertiges-amt.de/de/newsroom/proteste-gazastreifen/2078584

 

 

 

In der Neuen Rheinischen Zeitung (NRhZ) veröffentlicht in Ausgabe 659 vom 16.05.2018 unter http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24842

 

 

Evelyn Hecht-Galinski, Tochter des ehemaligen Zentralratsvorsitzenden der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, ist Publizistin und Autorin. Ihre Kommentare für die NRhZ schreibt sie regelmäßig vom „Hochblauen“, dem 1165 m hohen „Hausberg“ im Badischen, wo sie mit ihrem Ehemann Benjamin Hecht lebt. (http://sicht-vom-hochblauen.de/) 2012 kam ihr Buch „Das elfte Gebot: Israel darf alles“ heraus. Erschienen im tz-Verlag, ISBN 978-3940456-51-9 (print), Preis 17,89 Euro. Am 28. September 2014 wurde sie von der NRhZ mit dem vierten „Kölner Karls-Preis für engagierte Literatur und Publizistik“ ausgezeichnet.

3 Kommentare zu 70 Jahre mörderische Vertreibung und „Selbstverteidigung“! Von Evelyn Hecht-Galinski

  1. Sehr geehrter Frau Hecht-Galinski,

    Sie haben recht….. auch ich schäme mich als Deutsche Christin für das, was das so geannte „auserwählte Volk“ tut und wie es handelt. Denn das ist der Grundteno all dessen was Israel tut! Dieser Staat sieht sich als das ausewählte Volk, welches alle anderen beherrschen soll, welches alleine das Sagen über diese Erde hat und welches alles, ws nicht in ihren Augen „jüdisch und auserwählt ist“, abschießen, töten, hängen, massakrieren kann!
    Das, was dieser Staat tut, mit allen die daran beteiligt sind in Unterstützung jeglicher Art und Weise, kommt in GOTTES GERICHT denn der lebendige GOTT läßt sich NICHT SPOTTEN!

    GOTT ist nicht der Gott der Kriege und der Gott dieses Staates, und, glauben Sie mir, jeder Palästinenser der in den letzten Monaten getötet, besser gesagt, abgeknallt wurde durch Scharfschützen der IDF, wird eines Tages vor diesem GOTT stehen. Und ich glaube dass Gott ihn belohnen wird für seine Taperkeit gegenüber des so genannten jüd. Staates, den es eigentlich nicht gibt. Sie schreiben sehr klar, dass es keine Verfassung noch Grenzen gibt für dieses Gebilde im Nahen Osten!
    Jeder dieser Scharfschützen wird für das Blut das er vergossen hat, zur Rechenschaft gezogen werden, von diesem GOTT der die LIEBE ist!
    Israel muß wissen., Gott läßt sich nicht spotten was Israel sät, wird es ernten!
    Seien Sie behütet und bewahrt……..

    P.S. ganz besonders schäme ich mich zutuiefst für all die Unterstützung dieses Staates seitens der Christen,,, die aber auch verblendet wurden und die Wahrheit nicht erkennen!! Gekaufte, verführte, verblendete und abgefallenen Christen haben sich zu Werkzeugen der Lüge machen lassen und dafür, bitte ich stellvertetend um Vergebung! Es tut mir leid, dass alles so kam.

  2. wo ist da eigentlich der Unterschied zur DDR? In der DDR wurden die Menschen beim Verusch an der Ausreise an der Mauer abgeschossen, in Israel beim Versuch der Einreise. Ergebnis ist dasselbe – tote Menschen. Nur, bei der DDR sprach man von einem Unrechtsregime und bei Israel von einem „Rechtsstaat“. Scheinbar ist die Würde der Palästinenser doch nicht unantastbar. Der ganze Hype um Israels Staatsgründung ist untrennbar mit dem Blut Unschuldiger verbunden. Damit hat sich Israel keinen Gefallen getan. Da können sie noch so viele fröhliche Gesichter bei den Feierlichkeiten machen. Sie feiern Tod und Vertreibung. Das ist pervers. Auch der ewige Verweis auf die 3000 jährige Besiedlung dieses Gebiets durch Juden und dem angeblichen Geschenk Gottes dieses Landstrichs an die Juden ist schlicht der untaugliche Versuch die Verbrechen bei der Staatsgründung und danach rein zu waschen. Selbst die orthodoxen Juden teiloen diese Sichtweise zum Teil nicht. Auch die Umstände unter denen die Balfour Erklärung zu stande kam und die dort formulierten Rechte für die bereits vor Ort lebende Bevölkerung sollte man nicht vergessen. All dies wird von den Zionisten heute schlicht verschwiegen.

  3. Ein Trauerspiel wie wie sehr die Menschen auch heute wiederum den Kapitalisten und Mächtigen
    nachlaufen und dabei über die Leichen der Palästinenser steigen.

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