Sicht vom Hochblauen

Evelyn Hecht-Galinski

Angie und Bibi über Silo und Gilo

logo_nrhzKanzlerin Merkel, die manche ihrer Fans lieber Angie nennen, hat mit Benjamin Netanjahu telefoniert, der in Israel auch Bibi heißt – kurz nachdem sich sogar US-Präsident Barack Obama und seine sonst auch nicht allzu Israel-kritische Außenministerin Hillary Clinton über diese Nachricht aufgeregt hatten, dass in Ost-Jerusalem der Neubau von 1.100 Wohnungen genehmigt worden sei. Ich fragte mich, wie dieses Telefongespräch wohl verlaufen sein könnte.

Angela: Bibi, du hast mich provoziert! Mir fehlt jegliches Verständnis für die Genehmigungen der Baupläne in der Siedlung Silo. Du musst meine Zweifel an Dir zerstreuen, wo ich doch immer in christlich-jüdischer Einigkeit hinter Dir stehe.

Bibi: Aber Angie, warum regst Du Dich auf? Du weißt und duldest doch seit jeher, dass wir gegen jedes Völkerrecht auf geraubtem Land siedeln. Außerdem: Gilo ist weder eine Siedlung, noch ein Außenposten, es ist eine Wohngegend im Herzen von Jerusalem, die in jedem Friedensplan der vergangenen 18 Jahre ein Teil unserer Hauptstadt Jerusalem bleiben sollte. Das ist Teil unserer Forderung nach Verhandlungen ohne Vorbedingungen. Wir haben die Vorbedingungen, auch Dank Deiner aktiven Hilfe geschaffen, die es uns ermöglicht, so frei in Verhandlungen mit den Palästinensern ein- bzw. auszusteigen.
Angela: Ich und Außenminister Westerwelle haben doch wiederholt erklärt, wie auch jetzt wieder in New York, dass die Sicherheit Israels für Deutschland Staatsräson ist. Wir haben Dir Waffen und U-Boote geliefert, wir wollen die Türkei nicht in der EU haben, so wie Du Dich nicht bei den Türken für die auf der Mavi Marmara Getöteten entschuldigen willst. Auch das verbindet uns in unserer christlich-jüdischen Leid/Leitkultur. Habe ich Euch nicht als Kanzlerin sofort anerkannt, als Ihr Israel in „Jüdischer Staat“ umbenannt habt? Also bitte, lieber Bibi, mach weiter, wenigstens als ob, und verhandele über die Farce der Zwei-Staatenlösung.
Bibi: Das wird schwierig, da wir schon die US-Finanzkeule in Bewegung gesetzt haben, die USA schon gebeten haben, ihre Politik fortzusetzen, indem sie das Spiel „Was ist ein Sitz im UNO-Sicherheitsrat wert?“ weiter treiben und Staaten fördern, die ihren Forderungen nachkommen. So werden jetzt Portugal, Nigeria und Kolumbien mit Entwicklungshilfe geködert, wenn sie sich weigern, für die Anerkennung von Abbas-Palästina zu stimmen. Bei Dir liebe Angela war dieser Druck ja nicht nötig, Du gehorchst uns ja freiwillig, auch aus christlicher – zionistischer Überzeugung und Nächstenliebe. Schließlich haben wir ja auch vor, in der Knesset über die Annexion der Westbank abzustimmen. Viele einflussreiche und betuchte Freunde von mir kaufen schon seit längerer Zeit Land in Jordanien, um den Transfer, d.h. die ethnische Säuberung Palästinas endlich zum Ende zu bringen. Schließlich haben wir die PA, die Abbas „Vichy-Ramallah“-Regierung, nur solange finanziell zu unterstützen, wie sie mit uns zusammenarbeitet und uns untertan ist. Letztendlich fühlen wir uns auch nicht gegenüber der Palästinensischen Autonomiebehörde verpflichtet, irgendwelche Abkommen oder Verträge einzuhalten. Das haben wir eigentlich noch nie getan. Aber was erzähle ich Dir da, liebe Angela, das weißt Du als „mächtigste Frau der Welt“ doch alles selbst.
Angela: Bibi, ich muss jetzt auflegen, da ich im Bundestag gebraucht werde, um meinem Land darzulegen, warum wir weiter die Banken und Griechenland unterstützen müssen. Schließlich ist Griechenland einer der wichtigen Waffenkäufer und neuer Verbündeter, auch von Euch, anstelle des „Hamas-Freundes“ (FAZ) und „Islamisten Recep Tayyip Erdogan“. Ich wünsche dir nochmal alles Gute im Neuen Jahr, und zum bevorstehenden Yom Kippur, dem Versöhnungstag, lass uns wieder versöhnen, ich verzeihe Dir noch einmal.
Bibi: Es war schön mit Dir zu sprechen, und ich verspreche Dir, der jüdische Staat wird sich nie mit den Palästinensern versöhnen, nur mit Dir.
Könnte so oder ähnlich dieses Telefonat zwischen den Beiden abgelaufen sein? Die traurige deutsche Politik gegenüber Israel lässt es vermuten. Ebenso die Grußbotschaft der beiden großen Kirchen in Deutschland, die in der Äußerung von Erzbischof Zollitsch gipfelte: „Möge Gott unseren jüdischen Mitbürgern und ganz Israel inneren und äußeren Frieden schenken.“ Merke: Frieden, besonders der „äußere“ wird nicht geschenkt, sondern man muss ihn erlangen und wollen. Da Israel aber alles außer Frieden mit den Nachbarn will, geht diese Botschaft vollkommen an den Tatsachen vorbei und lobt dann auch den christlich-jüdischen Dialog, das gemeinsame biblische Erbe, und dieser lässt selbstverständlich den jüdisch-islamischen Dialog „außen vor“.
Vertritt ausgerechnet Broders Anwalt die Ein-Staatenlösung?
Hier noch ein Fundstück aus der „jüdischen Welt“: Der Anwalt von Henryk Broder, der es sich nicht nehmen liess, während des laufenden Prozesses, den ich gegen seinen Mandanten führte, einen Leserbrief an die FAZ zu schreiben, ohne sich als dessen Anwalt erkennen zu ergeben. Soviel zu Norman Nathan Gelbart als Anwalt und seinen Methoden. Gelbart ist Vorsitzender des Keren Hayesod (eine jüdische Spendenaktion, die für Projekte in Israel sammelt), der in einem schlimmen Artikel in der Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung vom 28.September, in glühenden Farben die Kunst der Rhetorik von Netanjahu preist und Abbas „hasserfüllte“ Rede angreift. Dieser schreckliche Artikel gipfelt dann im Schlusssatz folgendermaßen (Original-Text): „Denn beharren die Palästinenser unter Verstoß gegen die von ihnen selbst akzeptierte Ratio von Oslo und der Roadmap auf ihrem Alleingang, so dürfen ihre Aussichten auf Eigenstaatlichkeit dort enden, wo sie bereits bei Basken, Korsen und Kurden gelandet sind: Im Poesie Album der Weltgeschichte.“ (Zitat Ende)
Vertritt er in diesem Artikel nicht eigentlich auch die Ein-Staatenlösung? Hier der Original Text: „Während seiner Rede zitierte Netanjahu passenderweise das arabische Sprichwort, wonach man mit nur einer Hand nicht applaudieren kann. Ebenso wenig können die Palästinenser eigenmächtig einen Staat auf einem ihnen zumindest nicht allein gehörenden Territorium gründen.“ Zitat Ende. Gibt es dieser Logik folgend nicht nur einen Staat für zwei Völker? Oder?
Es ist zu hoffen, dass Israel, nachdem es sich völlig ins Abseits begeben hat, nicht mehr bedingungslos unterstützt wird. Das wünsche ich uns zum Neuen Jahr und zum bevorstehenden Versöhnungstag, Yom Kippur. (PK)
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