Aufruf zur Solidarität mit Achille Mbembe

Streit um Historiker Mbembe – Antisemitismusbeauftragter als diskursiver Schrankenwärter

Seitdem der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, dem kamerunischen Historiker Achille Mbembe antisemitische Argumentationsmuster vorgeworfen hat, liegt das Werk Memebes und dazu eine ganze Forschungsrichtung, der Postkolonialismus, auf dem Seziertisch der Feuilletons. Es wird diskutiert, ob und wie afrikanische Wissenschaftler die Geschichte von Kolonialismus und Sklaverei in Beziehung zur Shoa setzen dürfen.

 

 

„Kampagne“

Wissenschaftler aus dem In- und Ausland haben in einem Aufruf Achille Mbembe gegen Antisemitismus-Vorwürfe in Schutz genommen. In einem zweiten Schreiben fordern jüdische Gelehrte und Künstler Innenminister Seehofer in scharfen Worten auf, den Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein, abzuberufen. Mbembe, einer der wichtigsten afrikanischen Denker, hatte den Eröffnungsvortrag der inzwischen abgesagten Ruhrtriennale halten sollen.

 

 

Die Unterzeichner des ersten Schreibens, darunter Jan und Aleida Assmann, Wolfgang Reinhard und Micha Brumlik, kritisieren die „Kampagne“ gegen Mbembe und die „missbräuchliche Verwendung des Antisemitismusbegriffs“. Die Autoren des Briefs an Seehofer, die großenteils an israelischen und US-Universitäten lehren, erklären, Kleins Versuch, „Mbembe als Antisemiten hinzustellen“, sei „unbegründet, unangemessen, anstößig und schädlich“. Klein habe „dem dringenden Kampf gegen echten Antisemitismus einen schlechten Dienst erwiesen“ und „der akademischen Freiheit geschadet“. Für seine Aufgabe sei Klein „unqualifiziert“.

–Aufruf: Solidarität mit Achille Mbembe –1.Mai 2020

Wir, die Unterzeichner*innen dieser Stellungnahme, beschäftigen uns von Berufs wegen mit der Geschichte des Antisemitismus und Nationalsozialismus, des Kolonialismus und Rassismus in ihren unterschiedlichen Ausprägungen. Einige von uns sind in der Genozid-Forschung tätig. Als Wissenschaftler*innen nehmen wir mit großem Befremden die schwerwiegenden Vorwürfe zur Kenntnis, die gegen unseren Kollegen Prof. Achille Mbembe von unterschiedlichen Seiten erhoben worden sind. Er sollte den Eröffnungsvortrag bei der diesjährigen Ruhrtriennale halten, die der Aufsichtsrat der Kultur Ruhr GmbH mittlerweile jedoch wegen der Corona-Pandemie abgesagt hat.

Es geht uns um die Art und Weise, wie versucht worden ist, ins Programm einzugreifen und Achille Mbembe als Hauptredner zu diskreditieren. Gegen ihn wurden Vorwürfe ins Feld geführt, die gerade in einem Land wie der Bundesrepublik schwerer kaum wiegen könnten: Relativierung und Verharmlosung des Holocaust und –letztlich –Antisemitismus.In den Augen seiner Kritiker*innen bestand Mbembes Verfehlung unter anderem darin, politische und ideengeschichtliche Ähnlichkeiten seit der Sklaverei und Kontinuitäten zwischen Kolonialregimen und der NS-Ideologie herauszuarbeiten bzw. auf eine Gemeinsamkeit der NS-Politik mit der südafrikanischen Apartheid aufmerksam zu machen –ohne dabei die Vernichtungspolitik der Nazis mit der Apartheid gleichzusetzen, wie behauptet worden ist.

Wer die Schriften Mbembes aufmerksam gelesen hat, wird viel Stoff zur kritischen Auseinandersetzung finden und vielleicht mancher Aussage widersprechen wollen.Geschichte als wissenschaftliche Disziplin kommt jedoch ohne analytische Vergleiche nicht aus. Ohne die vergleichende Betrachtung wäre ein Erkenntnisgewinn in der Geschichtswissenschaft, wie in den meisten anderen Wissenschaftsdisziplinen, grundsätzlich nicht möglich. Unseren Kollegen dafür der Verharmlosung der Shoa oder gar Gleichsetzung des Genozids an den europäischen Jüdinnen und Juden mit dem rassistischen Regime Apartheid-Südafrikas zu bezichtigen, stellt eine fundamentale Grundlage der Wissenschaft in Frage und ist deshalb falsch. Historische Vergleiche, die ja dazu dienen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Ereignissen, Diskursen und Prozessen herauszuarbeiten, sind nötig und legitim. Darauf haben im Juli 2019 unter anderem rund 600 Kolleg*innen, international anerkannte Historiker*innen, Holocaust-und Genozid-Forscher*innen, in einem offenen Brief an die Direktorin des US Holocaust Memorial Museum aufmerksam gemacht.

Zwischen zulässigen Vergleichen und unzulässigen Gleichsetzungen besteht ein wichtiger und wesentlicher Unterschied. Zweifel an der Singularität des Holocaust oder seine Relativierung wird man bei Achille Mbembe vergeblich suchen.Achille Mbembe hat jenseits seines wissenschaftlichen Arbeitens verschiedentlich Position zur israelischen Siedlungspolitik bezogen. Für dieses Engagement wird er jetzt angegriffen und von manchen seiner Kritiker*innen als Antisemit diffamiert. Nun kann man unterschiedlicher Meinung darüber sein, ob die von der BDS-Bewegung gewählte Taktik zur Erlangung palästinensischer Rechte –der Boykott des Staates Israel, Sanktionen und Investitionsabzug –als Instrumente zielführend und gerecht sind. Solche Maßnahmen gehen immer auch zu Lasten von Menschen, die unbeteiligt sind oder sogar für dieselben politischen Ziele einstehen.

Auch im Streit um BDS, der nicht nur in Deutschland seit Längerem tobt, der sich hier aus verständlichen Gründen aber besonders heftig und emotional aufgeladen abspielt, weisen wir darauf hin, dass zwischen zulässigen Vergleichen und unzulässigen Gleichsetzungen ein wichtiger und wesentlicher Unterschied besteht.

https://taz.de/Debatte-ueber-Antisemitismus/!5679768/

Debatte über Antisemitismus: Rückendeckung für Mbembe

Dank an Claudia Karas

Antisemitismus
Jenseits der Grenze
Der Antisemitismusstreit um Achille Mbembe hat grundsätzliche Bedeutung. Es geht um das Verhältnis von Realität, Reflex und Ressentiment

Von Peter Merg
Beitrag von Claudia Karas

Eine „probate Kritik“ sollte „keine Seite aussparen“? Warum nicht? Weil es keine Gleichwertigkeit geben kann, ist es falsch, die BESATZER, die seit Jahrzehnten das palästinensische Volk unterdrücken und ihres Landes berauben auf eine Stufe zu stellen mit den unter brutaler BESATZUNG lebenden Palästinensern, die sich zu Recht dagegen wehren – auch mit Gewalt, gedeckt durch das Völkerrecht!

Und wer eine „angemessene Haltung zum Nahostkonflikt“ und „die Realitäten vor Ort zur Kenntnis nehmen“ will, wird schnell erkennen, dass von Anfang an die autochthone palästinensisch-arabische Bevölkerung völlig ignoriert wurde, weil immer klar war, dass die jüdischen Siedler, dass alle israelischen Regierungen, niemals einen palästinensischen Staat akzeptiert haben, was sie auch immer öffentlich bekundet haben. Beredter Beweis ist die stetig fortschreitende sichtbare Landnahme, entweder durch den völkerrechtswidrigen Siedlungsbau oder die Konfiszierung, Diebstahl palästinensischen Landes und Zerstörung ihrer Lebensgrundlage, womit man die Palästinenser außer Landes zu treiben trachtet, auch das von Beginn an, wie Joseph Weitz (Vorsitzender des JNF) ungerührt sagte „Der Transfer (euphemistisch für Vertreibung!) der arabischen Bevölkerung aus dem Gebiet des jüdischen Staates dient nicht nur einem Ziel – der Verringerung der arabischen Bevölkerung. Er dient auch einem zweiten, nicht weniger wichtigen Ziel, nämlich das Land zu evakuieren, das gegenwärtig von Arabern besessen und kultiviert wird und es so für die jüdischen Einwohner freizumachen.“ und „Die einzige Lösung ist Eretz Israel, zumindest der westliche Teil Eretz Israels, ohne Araber…Nicht ein Ort oder Stamm soll übrig bleiben.“ Diese menschenverachtenden Ziele kann man nachlesen, trotzdem faseln die Politiker immer wieder von „Zwei-Staaten“, die es, weil Israel dies niemals zulässt, nie geben wird. Deshalb hat Israel auch bis heute keine festgelegte Grenze, damit es sein Territorium ausweiten kann.

Deshalb ist auch die Kritik an dem erwähnten Vorwort zu „Apartheid Israel“ zurückzuweisen, denn wenn man die „Realitäten vor Ort“ anschaut, ist es ganz sicher kein „gefährlicher Unfug“ zu erkennen, was mit dem nächsten völkerrechtswidrigen israelischen Schritt bevorsteht: Die ethnische Säuberung des Jordantals, beschrieben in dem hochinformativen Buch „Apartheid und ethnische Säuberung in Palästina. Der zionistische Siedlerkolonialismus in Wort und Tat.“ – UND SAGE KEINER NACHHER, ER HABE VON NICHTS GEWUSST!

 

Dank an Dominic Johnson  von der taz und seinen wichtigen Kommentar

Debatte um Achille Mbembe: Zum Schweigen gebracht

Bei der Debatte um Achille Mbembe geht es weniger um dessen angeblichen Antisemitismus als um Deutschlands Unwillen, die eigene Kolonialzeit aufzuarbeiten. Wer die globalisierte Welt verstehen will, kommt an „Critique de la raison nègre“ nicht vorbei.

 

 

1 Kommentar zu Aufruf zur Solidarität mit Achille Mbembe

  1. Es gibt mir sehr zu denken, das ausgerechnet die „Süddeutsche Zeitung“, die so am Rockzipfel der zionistischen Lobby (u.a. regelmäßige Beiträge einer gewissen Frau Knobloch ) wie kaum eine andere Zeitung in diesem Land, außer vielleicht die „Nicht- Zeitung“ Bild, hängt, diesen Aufruf veröffentlicht. Da von der SZ unter dem Beitrag ein Feedback der „Leserinnen und Leser“ erbeten wird, vermute ich, das es sich dabei um eine „Falle“ handelt, um im Nachhinein die Befürworter von „Solidarität mit Achille Mbembe“ als Antisemiten zu brandmarken (oder die Trolle im Auftrag der zionistischen Lobby befeuern die ganze Diskussion). Es wäre nicht das erste mal, das eine derartige Kampagne so verläuft. Genauso fragwürdig wäre eine Meldung der „Bild“, in der diese für ein Ende der Besatzung, des Siedlungsbaus und des Landraubs durch das zionistische Regime eintreten würde.

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