Sicht vom Hochblauen

Evelyn Hecht-Galinski

Den Lehrern zufolge arbeiten die israelische Armee und die Schulen eng zusammen

#InsideIsrael Enge Beziehungen heißt, dass die israelischen Schüler dazu erzogen werden, „gute Soldaten“ mehr als gute Bürger zu werden.

Fast 300 Schulen wurden dazu angespornt, am ministeriellen Programm für IDF-Erziehung mit der Bezeichnung „Weg der Werte“ teilzunehmen (AFP)

Jonathan Cook

Sonntag, 27. September 2015 20:11 Uhr

HAIFA – Die Aufgabe der israelischen Schüler: einen bevorstehenden terroristischen Angriff gegen ihre Schule zu vereiteln. Wenn sie es aber schaffen wollen, müssen sie vorab die Anhaltspunkte finden, indem sie die Schlüsselwörter anwenden, die sie im Arabischunterricht gelernt haben.

Der arabische Lehrplan für die jüdisch-israelischen Schulkinder weist eine starke Ausrichtung aus.

Diejenigen, die sich für diese Sprache anmelden, können kaum ein Gespräch in arabischer Sprache führen. Und fast keiner der Hunderte Lehrer, die den jüdischen Kindern die Zweitsprache Israels beibringen, sind Muttersprachler, obwohl ein Fünftel der Bevölkerung zur palästinensischen Minderheit des Landes gehört.

Der Grund hierfür, so Yonatan Mendel, ein Forscher am Van Leer Institute in Jerusalem, besteht darin, dass der Arabischunterricht für die jüdischen Schulen in Israel nur von den Anforderungen der israelischen Armee bestimmt wird.

Die vor kurzem durchgeführte Forschungsarbeit von Mendel zeigt, dass die Beamten der militärischen Gemeindiensteinheit Telem den Großteil der Lehrpläne für die arabische Sprache festlegen. „Ihre Einbeziehung könnte man als ein „offenes Geheim“ Israels bezeichnen“, berichtete er MEE.

Das Militär ist Teil und Bestandteil des Erziehungssystems. Die Zielsetzung, die mit dem Unterricht der arabischen Sprache verfolgt wird, besteht darin, die Kinder so zu erziehen, damit sie dann ein nützlicher Bestandteil des Militärsystems sein können und um sie zu Geheimdienstmitarbeitern zu machen.“

Telem ist eine Abteilung der Einheit 8200: Dutzende von Beamten dieser Einheit unterzeichneten im letzten Jahr einen Brief, aus dem hervorgeht, dass deren Jobs darin bestanden, bei den Palästinensern herumzuschnüffeln und ihr Sexualleben, ihre Geldprobleme und Krankheiten auszuspähen. Den Beamten zufolge nutzte man die Informationen dann, um Palästinenser „politisch zu verfolgen“, „Mitarbeiter zu rekrutieren“ und „Teile der palästinensischen Gesellschaft gegen die eigenen Landsleute aufzuhetzen“.

Mendel meinte, dass Arabisch „ohne Gefühl“ unterrichtet wird. Das ist eines der Ziele, die der Staat in den ersten Jahren festgelegt hat.

Es war nämlich zu befürchten, dass die Schüler im Falle eines guten Verhältnisses zur Sprache vielleicht die Araber als potentielle Freunde sehen, die Seiten wechseln und somit dem israelischen Sicherheitssystem entwischen könnten. Das war einer der Gründe, wofür der Arabischunterricht vollkommen von Arabern „gesäubert“ wurde.“

Militärbeamte im Klassenraum

Der Arabischunterricht ist nur einer der Wege, die die israelischen Verteidigungskräfte (IDF) einschlagen, damit das israelische Militär in die Schulklassen gelangt. Dies haben Lehrer und Pädagogen auch MEE mitgeteilt.

Und viele befürchten, dass sich die Situation mit dem neuen Erziehungsminister Naftali Bennett, dem Chef von Jewish Home, der rechtsextremen Partei der Siedlerbewegung, nur noch verschlechtern könnte.

Viele jüdische Kinder werden in Israel einer militärischen Prüfung unterzogen, wenn sie im Alter von 17 die Oberschule abschließen und den Militärdienst antreten. Die Jungs gehen drei Jahre zum Militär, die Mädchen zwei.

Das Heer und die zeitgenössischen, rechtsradikalen Regierungen von Benjamin Netanyahu haben sich auf die wachsende Anzahl derer konzentriert, die normalerweise aus medizinischen, psychologischen oder religiösen Gründen vom Militärdienst befreit werden möchten.

Ungefähr 300 Schulen wurden aufgefordert, am ministeriellen Programm mit der Bezeichnung „Weg der Werte“ der IDF-Pädagogik teilzunehmen. Das offizielle Ziel des Programms besteht in der „Stärkung der Verbindungen zwischen den Schulen und der Armee.“

Im Konkreten heißt es, so die Lehrer, dass es regelmäßige Besuche von Armeeoffizieren in den Schulen gibt. Es werden auch gegenseitige Fahrten zu Militärbasen für Kinder organisiert, um sie auf diese Weise zu motivieren, nach dem Schulabschluss zum Militär zu gehen.

Obwohl die Ereignisse während dieser Besuche sehr selten an die Öffentlichkeit gelangen, berichteten die israelischen Medien im Jahre 2011, dass eine simulierte Schussübung das Ziel verfolgte, Kinder mit ihren Waffen auf Ziele schießen zu lassen, die Keffiyeh oder traditionelle arabische Kopfbedeckungen trugen.

Der Militarismus durchdrängt alle Aspekte unserer Gesellschaft. Es ist somit keineswegs verwunderlich, dass er in den Schulen so vorherrscht“, berichtet Amit Shilo, ein Aktivist von New Profile, einer Organisation, die sich dem Einfluss der Armee auf das öffentliche Leben in Israel widersetzt.“

Uns wird beigebracht, dass die Gewalt die erste und beste Lösung ist, um jegliches Problem zu lösen. Und das ist genau die Art und Weise, auf die wir unseren Konflikt mit unseren Nachbarn lösen.“

Die Angst vor dem Rausschmiss

MEE darf die Namen der Lehrer, mit denen die Gespräche geführt wurden, nicht preisgeben, weil das Erziehungsministerium eine vorherige Genehmigung für jegliches Interview mit den Medien erteilen muss.

Viele Lehrer fürchteten sich vor dem Rausschmiss, wenn herauskäme, dass sie die offizielle Politik kritisierten.

Alle Lehrer haben darauf hingewiesen, dass immer mehr Druck auf die Schulen ausgeübt wird, damit diese aktiv am Programm der Armee teilnehmen.

Jede Schule wird nun auch jährlich vom Erziehungsministerium nicht nur hinsichtlich ihrer akademischen Errungenschaften, sondern auch auf der Grundlage der Quote der Schüler und des Prozentsatzes der Schüler, die sich für die Eliteeinheiten der Armee, im Kampf oder für Funktionen innerhalb des Geheimdienstes qualifizieren, bewertet.

Schulen mit einer hohen Rate können sich auf für zusätzliche Zuschüsse qualifizieren, meinten die Lehrer.

Ofer, ein Geschichtelehrer aus Zentralisrael meinte: „Wenn Sie größere Schüler unterrichten, müssen Sie davon ausgehen, dass die Armee innerhalb der Schule und auch im Klassenzimmer anwesend sein wird. Die Schüler werden dauernd auf den Wehrdienst vorbereitet.

Die Armee gilt als heilig. Sie darf auf keinen Fall kritisiert werden.“

Rachel Erhard, eine Pädagogikprofessorin an der Universität Tel Aviv, warnte vor kurzem davor, dass die israelischen Schüler die Gefahr laufen, wie die von Sparta zu werden. In dieser altgriechischen Stadt wurden die Kinder nämlich von klein auf zu Kriegern erzogen.

Öffentliche Verfolgung

Es wird auch zusätzlicher Druck auf die Schulleiter ausgeübt, damit diese am Programm teilnehmen, so die Lehrer.

Zeev Dagani, Hauptlehrer an einer der bedeutendsten Schulen von Tel Aviv, der sich 2010 nach seiner Einführung gegen das Programm entschied, erlitt Morddrohungen und wurde vor ein parlamentarisches Komitee geladen, um sein Handeln zu erklären.

Die öffentliche Verfolgung von Lehrern, die sich dem Militarismus des israelischen Erziehungssystems widersetzen oder die einfach außerhalb des Klassenzimmers aktiven Widerstand gegen die Besatzung leisten, geht weiter.

Adam Verete, ein jüdischer Philosophielehrer in einer Schule in Tivon, in der Nähe von Haifa, wurde letztes Jahr entlassen, nachdem er eine Klassendiskussion dazu führte, ob die IDF wirklich begründet als die moralischste Armee der Welt gelten könne.

Nach Beginn des neuen Schuljahres in diesem Monat haben Eltern und Bürgermeister in den Medien große Beachtung findende Kampagnen gegen zwei Lehrer eingeleitet, weil sich diese gegen die Besatzung geäußert hatten.

Avital Benshalom, die gerade ihre Stelle als Leiterin der Kunstschule in Ashkelon angetreten hatte, würde gezwungen, sich dafür zu entschuldigen, dass sie vor 13 Jahren eine Petition zur Unterstützung von Soldaten unterzeichnet hatte, die den Wehrdienst verweigerten.

Auch gegen Herzl Schubert, einen Geschichtelehrer, wurde heftig protestiert, nach er gefilmt wurde, während er während seiner Ferien im Westjordanland an einer Demo zur Unterstützung des palästinensischen Dorfes von Nabi Saleh teilgenommen hatte.

Weder Bennett noch Premierminister Benjamin Netanyahu intervenierten, um das Recht der beiden Lehrer zu unterstützen, ihre Meinung frei zu äußern.

Rassistische Darstellungen

Die Lehrer und Pädagogen, die mit MEE gesprochen haben, meinten, dass diese Zwischenfälle ein Klima der Furcht erzeugt hatten, um somit weitere Lehrer in Angst zu versetzen.

Der Geschichtelehrer Neve aus einer Schule in der Nähe von Tel Aviv berichtete: „Die Lehrer haben Angst, ihre eigene Meinung zu äußern. Der Druck kommt aber nicht nur vom Erziehungsministerium, sondern auch von den Schülern und Eltern. Die Schulleiter fürchten um den Ruf ihrer Schule.“

Das Erziehungsministerium weigert sich, auf diese Vorwürfe zu antworten.

Lehrer und Pädagogen sprechen Beispiele geheimer Absprachen zwischen den Schulen und der israelischen Verteidigungsarmee in allen Aspekten des Erziehungssystems an.

Nurit Peled-Elhanan, eine Pädagogikprofessorin an der Hebräischen Universität Jerusalem, berichtete, wie ihre Analyse israelischer Schulbücher „sei es verbale als auch visuelle rassistische Darstellungen“ aufzeigt.

Diese Darstellungen dienen dazu, den jüdischen Staat, die Geschichte der Massaker der Araber, die Diskriminierung der palästinensischen Bürger und die Menschenrechtsverletzungen in den besetzten Gebieten zu rechtfertigten“, berichtete sie MEE.

Das Ziel besteht darin, gute Soldaten hervorzubringen, die vorbereitet werden, gut zu foltern und gut zu töten und dabei immer noch zu meinen, sie würden das Beste für ihre Nation tun.“

Getrennte Analysen von Landkarten in den Schulbüchern haben ergeben, dass drei Viertel nicht mal die grüne Linie anzeigen, die Israel von den besetzten Gebieten trennt und somit davon ausgehen, dass die gesamte Region zur rechtsextremen Idee von Großisrael gehört.

Revital, ein Arabischlehrer, meinte, dass die Lehrpläne der Armee bei den Schülern beliebt seien. „Ich akzeptiere sie nicht, aber den Schülern gefallen sie. Sie feiern und lachen, wenn sie die Terroristen töten.“

Revital fügte auch hinzu, dass sie sich nun diszipliniert hat, was das Sprechen in der Klasse angeht und nun viel vorsichtiger wäre.

Sie werden dann so, dass Sie immer vorsichtig sind, bevor Sie etwas sagen, was nicht der allgemeinen Wahrheit entspricht. Ich zögere nun viel mehr als vor zwanzig Jahren. Seitdem ist aber viel mehr Faschismus und Rassismus in der weiteren Gesellschaft herum“, meinte sie.

Holocauststudien

Einige der engen Verbindungen zwischen der israelischen Verteidigungsarmee und dem Erziehungssystem sind bekannt.

Das Erziehungsministerium finanziert verschiedene berühmte Schulen, wie die Reali in Haifa, deren Schüler die Erziehung mit dem militärischen Training als Kadetten kombinieren.

Ofer zufolge wurden viele Senior-Lehrer und Schulleiter direkt von der Armee rekrutiert, als sie im Alter von 45 in Rente gingen. „Sie beginnen dann eine zweite Karriere, indem sie den Schülern „zionistische Werte einflößen““, erzählte er.

Aber die Beispiele der offen militarisierten Erziehung tendieren dazu, das subtilere Engineering der Lehrpläne der ordentlichen Schulen zu überschatten, klagen Lehrer.

Es gibt besonderen Zweifel an der Betonung des Holocausts in den Lehrplänen, inklusive eines Beschlusses des letzten Jahres, um die verpflichtenden Holocauststudien auf alle Altersstufen auszuweiten und so auch im Kindergarten einzuführen.

Nach den Beschwerden von Seiten der kleinen, linken Partei Mertz, wies der damalige Erziehungsminister Shai Piron die Kindergärten an, dass Soldaten ihre Waffen nicht in die Klassenräume bringen sollten, um die Sicherheit der Kinder zu gewährleisten.

Der Meretz Gesetzgeber Tamar Zandberg bemerkte, dass Soldaten sich gar nicht im Kindergarten aufhalten sollten.

Die Menschen halten die Integration der Armee ins Erziehungssystem als etwas vollkommen Natürliches an, aber es ist an der Zeit, dass das Erziehungssystem die Tatsache wahrnimmt, dass man zu zivilen Werten erziehen soll“, meinte sie.

Neve zufolge lernen die Schüler im Geschichteunterricht keine Menschenrechte und auch keine universalen Werte.

Es geht nur noch um jüdische Geschichte – und der Holocaust ist der Mittelpunkt der jüdischen Geschichte“.

Wenn wir die Kinder zu den Vernichtungslagern nach Polen bringen, lautet die Botschaft, dass alle gegen die Juden sind und wir ums Überleben kämpfen müssen. Sie sind erfüllt von dieser Angst.“

Die Schlussfolgerung, die viele daraus ziehen ist: hätten wir eine Armee gehabt, so hätte man den Holocaust stoppen und das jüdische Volk retten können.“

Eine Atmosphäre der Angst

Den Lehrern zufolge beherrschten eine Atmosphäre der Angst und ein Opfergefühl die Klassenräume. Diese wurde auf eine junge Generation übertragen, die somit noch rechtsradikaler wurde als die ihrer Eltern.

David, Informatiklehrer in Galiläa, berichtete: „Wir müssen auf uns aufpassen, weil die Schüler immer nationalistischer und religiöser werden. Die Gesellschaft, die Medien und das Erziehungssystem verschieben sich immer mehr nach rechts.“

Eine Umfrage von 2010 zufolge meinte 56 Prozent der jüdischen Schüler, dass ihren palästinensischen Mitbürgern das Wahlrecht aberkennt werden soll und 21 Prozent war der Meinung, es wäre legitim zum „Tod den Arabern“ aufzurufen.

Die Fächer, die eine ganz besondere Förderung militärischer Werte „erleiden“, sind den Lehrern zufolge Arabisch, Geschichte und Staatsbürgerkunde.

Naftali Bennett führte im Juli eine neue Leitung im Bereich Staatsbürgerkunde ein. Asaf Malach ist ein politischer Verbündeter, der den Standpunkt vertritt, dass die Palästinenser kein Recht auf einen eigenen Staat haben.

Ein Unterrichtsplan im Fach Geschichte, der letztes Jahr kurz nach dem 51-Tage-Krieg gegen Gaza, in dem mindestens 500 palästinensische Kinder starb, vorgeschlagen wurde, spornte die Schüler an, „jüdische Kämpfer“ zu sein und sich dabei an der biblischen Figur von Joshua zu inspirieren.

Revital zufolge machten sich die meisten Lehrer keine Sorgen um diese Entwicklungen. „2-3 Lehrer auf 100 denken vielleicht in meiner Schule wie hier. Der Rest vertritt den Standpunkt der Bedeutung der Anwesenheit der Armee in der Schule.“

Zu diesen Letzteren zählt Amit, der in Mittelisrael das Judentum unterrichtet. Er meinte: „Die Einladung von Soldaten in die Klasse spornt nicht nur die Schüler an, zur Armee zu gehen, sondern fördert Gespräche über den Wert der Solidarität und des Beitrags, den jeder von uns an der Gesellschaft leisten kann.“

Unser Job besteht darin, die Schüler auf die zukünftigen Herausforderungen vorzubereiten, und dies schließt die Armee ein. Wir können die Tatsache, dass wir in einem Land leben, indem es überall Soldaten gibt, einfach nicht ausklammern.“

Neve zufolge muss ein zivileres Ethos zurück in die Schulen, wenn es noch eine Hoffnung geben soll, die Konflikte Israels in der Region zu beenden.

Wenn unsere Studenten nicht die Geschichte der Anderen und die der Palästinenser lernen, wie können Sie denn dann Empathie empfinden? Ohne Empathie gibt es nämlich keine Hoffnung auf Frieden.“


 

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