Sicht vom Hochblauen

Evelyn Hecht-Galinski

Die letzten Aufrechten in der Linken Partei Dank an Wolfgang Gehrcke

Denunziation? Nein Danke!

Stigmen statt Argumente sind von übel

Zur Diskussion um die Lederer-Babylon-Jebsen-Zensur

 

 

Es ist inakzeptabel, dass Politiker der LINKEN, die es besser wissen (müssen), ungeprüft so schwerwiegende Vorwürfe wie „offen abgründiger Israelhass, die Verbreitung typisch antisemitischer Denkmuster und kruder Verschwörungstheorien“ (Lederer zu Jebsen) ohne einen einzigen Beleg in die Welt setzen – und darin zu allem Überfluss noch Wiederholungstäter sind. Lederer hatte 2014/2015 ähnlich frei von Wahrhaftigkeit „Zitate“ von Protagonisten der Montagsmahnwachen und des Friedenswinters in die Welt gesetzt, um diese anti-Kriegs-Bewegungen zu diskreditieren. Diese Art unlauterer Unterstellungen hatten wir in unserem Artikel Wider denunziatorische Kommunikation nachgewiesen[10] und zu deren Methoden, Inhalten und Interessen das Buch Rufmord. Antisemitismuskampagne gegen links geschrieben. Interessierten schicken wir es gern zu. In Hülle und Fülle gibt es Literatur zum politischen Schaden, den diese Kampagnen anrichten[11], allein: sie hören nicht auf.

 

Eine größere Rolle als schon 2015 spielt inzwischen der Querfront-Vorwurf. So wird etwa in besagtem Tagesspiegel-Artikel von Matthias Meisner der Tweet von Petra Pau, Bundestagsvizepräsidentin und Genossin der LINKEN, zitiert: „Lieber Wolfgang, ich bin entsetzt: Bei allen Meinungsverschiedenheiten. Bisher ging ich davon aus, dass wir bei #Antisemitismus #Menschenfeindlichkeit #Rassismus beieinander sind. #Querfront ist einfach übel.“ Wir mögen nicht glauben, dass Petra Pau Wolfgang Gehrcke – die beiden kennen sich gut und arbeiten seit 1990 gerade im Kampf gegen Antikommunismus, Rechts, Rassismus kollegial zusammen – unterstellt, sie hätten keine Gemeinsamkeiten mehr zu Antisemitismus, Menschenfeindlichkeit und Rassismus wegen…Querfront! Das hieße doch, die Gemeinsamkeiten seien dahin, weil Wolfgang aus der Linken eine Rechte machen wolle. Querfront, wir zitieren uns selbst (Rufmord, S. 31/32) „bezeichnet den Versuch, rechte Inhalte in linke Bewegungen zu schleusen. Der Querfrontpolitik verdächtigt zu werden, konnte unter Stalin tödlich enden. Karl Radek, dem galizisch-polnisch-russisch-deutschen Revolutionär und Mitbegründer der KPD, wurde im 2. Moskauer Schauprozess 1937 Querfrontpolitik vorgeworfen, in der Haft wurde er erschlagen. Auf diesem Hintergrund sollten Linke den Vorwurf mit Bedacht verwenden. Aktuell aber wird er inflationär und als Stigma benutzt…“ Und „Querfront“, nebulös und vielseitig verwendbar, ist inzwischen für alle etwas Widerwärtiges: Für Spiegel und taz, für ND und Berliner Zeitung, für Tagesspiegel und Lederer… Eine mögliche Erklärung für diese eigentümliche Übereinstimmung eigentlich doch unterschiedlicher bis gegensätzlicher Medien und politischer Strömungen bietet der Soziologe Wolfgang Streeck in seinem Artikel Merkel. Ein Rückblick in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 16.11.2017. Er spricht dort von einer „neuen, 90-prozentigen gesellschaftlichen Großmitte“, die die heutige Politik in Deutschland bestimme. Spinnen wir diesen Gedanken weiter: Diese Großmitte besetzt Begriffe, die sie der Linken gestohlen hat, etwa Reform oder humanitär (-e Intervention); sie führt Stigmen ein und definiert sie, sie bestimmt, was beispielsweise Antisemitismus, Antiamerikanismus oder Querfront sei und belegt Begriffe wie etwa Israelkritik oder Russland verstehen mit einem Bann. So setzt die Großmitte Ausgrenzungen, Tabus und Denkverbote durch. Gehören zur Großmitte inzwischen auch Linke und Mitglieder der LINKEN?

 

[1] Diether Dehm, Wolfgang Gehrcke und Christiane Reymann

[2] http://www.wolfgang-gehrcke.de/de/article/1939.bitte-helft-zensur-zurückzuweisen.html

[3] Matthias Meisner, Unter Putinverstehern und Aluhüten, Tagesspiegel online v. 22.11.2017, http://m.tagesspiegel.de/politik/die-linke-unter-putin-verstehern-und-aluhueten/20610784.html?utm_referrer

[4] Ken Jebsen über Rausschmiss beim RBB und dreiste Antisemitismus-Vorwürfe, https://www.youtube.com/watch?v=dKheNN_lXl0

[5] ebd.

[6] Henryk M. Broder vs. Ken Jebsen: RBB setzt KenFM ab, Jacon Jung Blog v. 08.11.2011, https://jacobjung.wordpress.com/2011/11/08/henryk-m-broder-vs-ken-jebsen-rbb-setzt-kenfm-ab/

[7] Arnulf Scriba, zit.n.: Wolfgang Gehrcke, Rufmord. Die Antisemitismus-Kampagne gegen links, Köln 2015, S. 148.

[8] Vgl. ebd., S. 149f.

[9] Ken Jebsen entschuldigt sich für „Missverständnis“, Berliner Morgenpost v. 13.11.2011, https://www.morgenpost.de/kultur/article105259592/Ken-Jebsen-entschuldigt-sich-fuer-Missverstaendnis.html

[10] im Einzelnen anhand der Etiketten Holocaust-Leugner und Nazi-Nähe, Russlandfreunde und Nationalisten, Verschwörungstheoretiker, falsche Kapitalismuskritik und Querfrontstrategen  (http://www.wolfgang-gehrcke.de/de/article/1283.wider-denunziatorische-kommunikation-volksfront-statt-querfront.html?sstr=Wider%7Cdenunziatorische%7CKommunikation)

[11] Zu den Folgen der aktuellen Auseinandersetzung besonders lesenswert etwa Albrecht Müller, Die Doppelstrategie gegen alles Linke, in NachDenkSeiten v. 23.11.2017, http://www.nachdenkseiten.de/?p=41232 oder Andreas Wehr, Solidarität mit Ken Jebsen!, http://www.andreas-wehr.eu/solidaritaet-mit-ken-jebsen.html. Andreas Wehr verdanken wir auch den Hinweis auf Streecks Großmitte.

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