Sicht vom Hochblauen

Evelyn Hecht-Galinski

Dr. Abed Shokry berichtet aus Gaza

Wieder ein erschütternder Bericht von Dr. Abed Shokry aus Gaza, nichts für schwache Nerven

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und liebe Freunde,

Gaza am 09, Feb. 2019

Mit Enttäuschung und Verzweiflung schreibe ich Ihnen und Euch heute aus Gaza. Leider hat es mit meiner geplanten Reise nicht geklappt. Das Visum habe ich erhalten und soweit ist alles in bester Ordnung. Aufgrund der Abriegelung und der Blockade des Gazastreifens und aufgrund der Inner-Palästinensischen-Zerstrittenheit wurde die Grenze zwischen dem Gazastreifen und Ägypten für Ausreisende seitens Ägyptens leider geschlossen. Das geschah am 6. Januar 2019, weil unser Präsident Abbas seine an der Grenze stationierten Beamten zurückgezogen hatte. Seitdem wurde diese Grenze nur für Waren und Rückkehrer geöffnet. Über Israel/Jordanien wäre theoretisch auch eine Ausreise möglich, dafür muss man sich viele Wochen vorher um die Antragstellung kümmern. Das geht wie folgt: erst muss ich das deutsche Visum bekommen, dann kann ich einen Antrag bei der jordanischen Botschaft in Ramallah stellen (geht über bestimmte Büros in Gaza). Bearbeitungsdauer ca. 4 – 6 Wochen. Bekommt man eine Zusage bzw. das Visum, kann man dann erst einen Antrag bei den Israelis über unsere Behörden in Gaza stellen. Bearbeitungsdauer bis zu 70 Tage. Wenn es schließlich klappt, so könnte man es eventuell schaffen, Gaza über Israel/Jordanien zu verlassen. D.h. man fährt dann durch Israel nach Jordanien, um von Amman nach Deutschland zu fliegen. Nur ganz nebenbei möchte ich erwähnen, dass sich der Flughafen Tel Aviv weniger als zwei Stunden von Gaza Stadt entfernt befindet.

Im Jahr 2015 hat es bei mir geklappt und ich konnte Gaza über Israel/Jordanien tatsächlich verlassen. Jetzt ist aber der Zeitrahmen zu knapp, um die verschiedenen Anträge zu stellen. Aufgrund meiner Berufstätigkeit bin ich an bestimmte Urlaubszeiten gebunden, ich kann nicht einfach dann ausreisen, wenn alle Genehmigungen schließlich vorliegen. Die Grenze zwischen dem Gazastreifen und Ägypten ist inzwischen sogar manchmal wieder geöffnet, aber das Semester hat begonnen und meine Vorlesungstätigkeit läuft wieder.

An der Bet-Hanoun – Erez Grenze (zwischen Israel und dem Gazastreifen) wurden außerdem leider viele Palästinenserinnen und Palästinenser verhaftet. Mal bei der Ausreise und mal bei der Wiedereinreise. Es ist also ein riskantes Unternehmen, über diese Grenze zu reisen. Die Verhaftungen geschehen oft willkürlich. Eine „reine Weste“ ist keine Garantie, ohne Probleme durchzukommen. Auf der anderen Seite der Grenze sieht es teilweise ähnlich aus. LEIDER.

Ich habe es schon oft geschrieben, wir leben tatsächlich wie in einem Gefängnis, mit dem Unterschied, dass wir Gefangene sind ohne Grund, ohne Anklage, ohne Prozess, ohne Anwalt, ohne Schutz, ohne die minimalen Bedingungen für ein halbwegs normales Leben.

Mir fehlen die Worte und ebenso die Wörter. Ich kann es nicht beschreiben, wie sehr mich diese Lebenssituation bedrückt. Mich kränkt es außerdem, dass die Medien in Deutschland und in Europa kaum über uns und über unser Schicksal berichten. Nur wenn es kracht und es wieder Tote und Verletzte gibt (da spielt es auch eine Rolle wo sie fallen und wer sie sind), dann hören Sie und lesen Sie über uns.

Nun hoffe und plane ich um den 20. Juni herum Gaza verlassen zu können und werde dann 6 – 8 Wochen bleiben wollen. Das ist mein neuer Plan. Ob ich es dann schaffe oder nicht, das werde ich im Sommer sehen. Eigentlich ist es doch nicht viel verlangt, eine Einladung aus Deutschland auch annehmen zu können.

Die Studierenden hier Gaza müssen im Rahmen ihres Studiums an meiner Fakultät die Prinzipien der Planung lernen, nämlich: „First plan the work, then work the plan“, „Fail to plan, means you are plan to fail“. Ich aber kann das in Bezug auf mein Leben nicht in die Tat umsetzen. Ist das nicht eine vollkommen verrückte Situation?

Das Recht auf Bewegungsfreiheit ist uns nicht erlaubt. Warum, das weiß ich nicht. Warum ist es uns, wenn es um unsere Bewegungsfreiheit geht, nicht erlaubt, selbst Entscheidungen zu treffen? Warum sind wir so sehr von den Anderen abhängig? Immer in Abhängigkeit von den Anderen leben zu müssen, das ist frustrierend, macht traurig, depressiv und hoffnungslos und erschwert unser ohnehin sehr schweres Leben.

Wir wollen in Frieden und Würde leben und zwar mit allen Menschen auf dieser Welt. Wir wollen, dass unsere Kinder ebenso wie die Kinder überall in der Welt eine Zukunft haben. Wir wollen ein Leben ohne Angst und mit Würde.

In der Hoffnung, Ihnen gute Meldungen senden zu können, verbleibe ich für heute

Mit traurigen Grüßen

Ihr

Abed Schokry

 

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