Sicht vom Hochblauen

Evelyn Hecht-Galinski

Du magst mich nicht (aus Frei erfunden 1996 …)

eine Kurzgeschichte von Bernd Weikl

„Ich weiß es“, sagte sie, „wirklich, ich weiß es und hab es auch schon immer gewusst, dass du mich nicht magst“. Dabei schaute sie ihn vorwurfsvoll an, als er den Kühlschrank öffnete. „Schon, wie du die Tür zum Kühlschrank aufmachst, so brutal! Das zeigt doch deutlich, dass du mich nicht magst.“ „Aber hör doch bitte einmal damit auf“, antwortete er, indem er in gebückter Haltung nach einer gekühlten Flasche Bier griff. „Seit Jahren hast du kein anderes Thema. Du weißt doch, dass ich dich mag, und mehr noch als das. Und den Kühlschrank muss ich doch nicht unbedingt liebevoll streicheln, oder?“ „Nein“, sagte sie mit tränenerstickter Stimme, „nein, streicheln musst du ihn wirklich nicht. Aber die Art und Weise wie du schon die Tür aufmachst und nach der Flasche greifst, das zeigt mir überdeutlich, dass du mich überhaupt nicht magst.“ „Dann kannst du mir vielleicht erzählen, was dieser blöde Kühlschrank mit dir zu tun hat?“, kam es jetzt gereizt von ihm. „Siehst du, so hast du dich verraten“, sagte sie mit Nachdruck, „du sagst einfach, dass der Kühlschrank blöd ist. Wieso sagst du das einfach so? Weil du brutal bist und nicht einmal den Kühlschrank magst, der dir nie im Leben überhaupt etwas getan hat. Schon deshalb weiß ich, dass du mich auch nicht magst.“ „Liebling“, versuchte er es sie beschwichtigend, „schau“. Dabei wurden seine Worte langsam und beinah etwas schulmeisterlich. „Schau, mit dem Kühlschrank verbindet mich doch rein gar nichts.“ „Mit mir doch auch nicht“, wurde sie laut, „das ist es ja! Weil du mich eben nicht magst.“ „Mit dem Kühlschrank bin ich doch nicht verheiratet, oder?“, schrie er sie an und nahm ärgerlich einen großen Schluck vom kalten Bier aus der Flasche. „Warum hast du mich denn überhaupt geheiratet“, schluchzte sie herzzerreißend,“ wenn du mich eh nicht magst!“ „Aber, ich mag dich doch! Wie soll ich dir das denn endlich einmal beibringen?“, insistierte er eindringlich. „Du kannst mir das gar nicht beibringen“, kam es wieder von ihr, „weil du mich sowieso nicht magst. Ich habe es ja gesehen, wie brutal du den Kühlschrank aufgemacht hast“. „Andere Männer öffnen ihre Kühlschränke auch und genau so, wie ich! Auf die gleiche Art und Weise. Anders kann man einen Kühlschrank doch gar nicht aufmachen“, sagte er jetzt ruhiger. „Weil du unsensibel bist, merkst du das selber gar nicht mehr. Auch das zeigt mir doch überdeutlich, dass du unfähig bist, mich zu mögen“, schrie sie mit leichter Hysterie und drückte ihre Zigarette im Aschenbecher aus. „Nein, nein“, sagte sie dann nach einer kurzen Pause, das heißt, sie flüsterte es, beinah tonlos und so unendlich müde darüber, „du magst mich eben nicht, und hast mich auch schon damals nicht gemocht. Du mochtest mich noch nie. Das ist es ja. Als Frau merkt man das halt mit der Zeit.“ „Du sollst jetzt endlich aufhören mit diesem Blödsinn“, schrie er gequält. „Du gehst mir echt auf die Nerven! Das sag ich dir..!“ „Aha, so ist es also“, erwiderte sie, indem sie sich erhob und ihm den Rücken zudrehte, „jetzt sagst du es endlich. Ja, endlich hast du es gesagt. Auf die Nerven gehe ich dir! Wo ich immer nur dein bestes wollte, für dich Tag und Nacht da war, deine Unterhosen gewaschen habe, regelmäßig deine abgelatschten Schuhe zum Schuster bringe und deinen Frack putzen lasse…! Auf die Nerven gehe ich dir! Ja, ja, ich weiß es schon. Weil du mich nicht magst, gehe ich dir auf die Nerven. Das ist es ja, das hab ich immer schon gewusst!“ „Ja! ja,! ja! Ich mag dich, hörst du, ich mag dich! Und jetzt lass mich endlich in Ruhe mit diesem Schwachsinn!“, schrie er und lief dabei ganz rot an im Gesicht vor lauter Ärger. „Warum musst du dabei so laut werden?“, drehte sie sich wieder zu ihm, „doch nur deshalb, weil es gar nicht stimmt, was du sagst. Du lügst ja! Es stimmt doch gar nicht, dass du mich magst. Und deshalb schreist du auch so laut“. „Ich kann das jetzt nicht mehr hören“, überschlug sich da seine Stimme vor lauter Zorn, „jahrelang quälst du mich mit dieser idiotischen Annahme, dass ich dich nicht mögen könnte. Du solltest einmal zum Psychiater gehen. Das ist ja krank, das Ganze. Du bist ja verrückt!“ „Ihr Männer“, antwortete sie jetzt triumphierend, „ihr Männer seid doch immer so stolz auf eure Logik. Sag mir doch einmal allen ernstes, wie du mich mögen kannst, wenn du mir gleichzeitig vorwirfst, dass ich verrückt sei und einen Psychiater bräuchte!“ „Das hält doch kein Mensch aus“, schrie er so laut es nur überhaupt ging, „ich lasse mich scheiden!“ Dann stürzte er zur Tür hinaus und schlug sie krachend hinter sich zu.

Da ging sie mit ruhigem Schritt zum Telefon, wählte ziemlich gefasst die Nummer ihrer besten Freundin und hinterließ auf deren Anrufbeantworter: „Stell dir vor, Erika, eben hat er es mir gesagt, dass er mich nicht mag. Was sagst du dazu? Jetzt will er sich auch scheiden lassen. Siehst du, ich hab es immer schon gewusst. Dabei habe ich ihm jahrelang die Unterhosen gewaschen, die abgelatschten Schuhe zum Schuster getragen und seinen blöden Frack putzen lassen. Aber ich wusste es ja schon von Anfang an, dass er mich nicht mochte. Noch nie mochte er mich, weißt du? Aber jetzt, wie aus heiterem Himmel, jetzt, gerade eben hat er es mir endlich gesagt, dass er mich nicht mag. Wie findest du das? Und geschrieen hat er dabei, wie ein Wahnsinniger. Das hättest du sehen sollen. Ich habe es ja immer gewusst. So etwas fühlt man einfach. oder? Da macht einem doch keiner etwas vor. Jetzt will er sich sogar von mir scheiden lassen. Was sagst du dazu? Und dass du mich bitte gleich anrufst, Erika, wenn du zurück bist, ja?“

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