Sicht vom Hochblauen

Evelyn Hecht-Galinski

Es gibt nur eine moralische Pflicht Von Evelyn Hecht-Galinski

Kommentar vom Hochblauen

 

 

Es gibt nur eine moralische Pflicht

 

Von Evelyn Hecht-Galinski

 

Immer wieder, wenn Holocaust-Überlebende, wie zuletzt der israelische Historiker Saul Friedländer anlässlich des Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus, meinen, dass das „Existenzrecht Israels zu verteidigen … eine grundsätzliche moralische Verpflichtung“ sein soll, macht mich das fassungslos, und über so viel Einseitigkeit des Historikers und Zeitzeugen bin ich entsetzt. (1) Ich finde es schlichtweg absurd, wenn ausgerechnet Holocaustüberlebende einen Staat verteidigen, der schon allein durch seine jahrzehntelange völkerrechtswidrige Besatzung Palästinas und des anhaltenden steten Landraubs jegliche moralische Integrität verloren hat. Tatsächlich hatte Friedländer das Glück, 1948 im „Jüdischen Staat“ seine Heimat zu finden. Wie viele andere hat auch er sich offensichtlich nie gefragt, worauf dieses „Glück“ aufgebaut war! Denn auch er hat wie viele andere verdrängt, dass dieses „Glück“ erschaffen wurde auf dem Unglück der mehr als 750.000 aus ihrer angestammten Heimat vertriebenen Palästinenser, heimatlos gemacht bis zum heutigen Tag. Die ethnische Säuberung Palästinas durch Israel schreitet voran, denn die jüdischen Besatzer wollen das Land, aber ohne ihre autochthone palästinensische Bevölkerung.

Moralische Pflicht, das Völkerrecht einzuhalten

Als ernst zu nehmender Historiker hätte Friedländer die Pflicht gehabt, auch an diese dunklen, mörderischen Kapitel seiner neuen Heimat zu erinnern, die das palästinensische Volk zu dem letzten vergessenen Opfer der Nazibarbarei macht. Seine Rede vor dem Bundestag hätte eine gute Gelegenheit sein können, an diese traurige Tatsache zu erinnern und die deutsche dort versammelte Elite darüber aufzuklären dass gerade Deutschland aus der Geschichte heraus in der „moralischen Pflicht“ steht, sich für das palästinensische Volk einzusetzen.

Palästinenser letzte „Mit-Opfer“ des Holocaust

Zwar erinnerte Bundestagspräsident Schäuble in seiner Eingangsrede salbungsvoll an das Gebot, ein Mitmensch zu sein und unsere Verantwortung nicht zu vergessen, aber für ihn bezieht sich diese Verantwortung eben nicht auch auf die Palästinenser als letzte „Mit-Opfer“ des Holocaust. Stattdessen kramte Schäuble lieber den wohlfeilen angeblich „neu zugewanderten Antisemitismus“ aus der Vorurteilsschublade hervor. Hiergegen ergreife ich ganz klar Partei: ganz sicher ist es kein Antisemitismus, wenn Muslime den „Jüdischen Staat“ und seine Politik angreifen, sondern schlichtes Einfordern des Völkerrechts von Israel! Auch die immer weniger werdenden palästinensischen Christen verlangen die Einhaltung des Völkerrechts.

Neue Rechte in Deutschland fest an der Seite der extremen Rechten im „Jüdischen Staat“

Dass Friedländer in seiner Rede nicht nur die extreme Rechte, sondern auch die extreme Linke angriff und in einen Topf warf, ist unerträglich! Es ist doch mehr als bekannt, dass die extreme Rechte hier in Deutschland, die AfD, ganz fest an der Seite der Juden steht und wie die israelische Regierung die Gründung eines Palästinenserstaats vehement ablehnt, und sich damit ganz im Einklang befindet mit der extremen Rechten im „Jüdischen Staat“, also der Netanjahu-Regierung, wie auch die Mehrzahl der israelisch-jüdischen Bürger und die Mehrzahl jüdischer Organisationen in der Diaspora. Demgegenüber hat ein Großteil der Linken noch ein Gewissen und steht an der Seite der unterdrückten Palästinenser. Es ist ungeheuerlich und stimmt eben nicht, wie Friedländer es ausdrückt, dass es die „politisch korrekte Art der Rechtfertigung ihres Hasses, ihres nur notdürftig verhüllten Antisemitismus“ ist, die israelische Politik obsessiv anzugreifen und zugleich das Existenzrecht Israels in Frage zu stellen.

Wenn immer wieder die Antisemitismuskeule geschwungen wird

Nein Herr Friedländer, es ist ganz sicher kein Antisemitismus, wenn der „Jüdische Staat“ für seine Besatzungs- und Menschenrechtsverletzungen angegriffen wird, und mehr als beschämend, wenn zur Kritikabwehr immer wieder die Antisemitismuskeule geschwungen wird.

Friedländer-Rede: Beispiel für Israel-Propaganda und Kunst der Ablenkung

Bedauerlicherweise ist die Kritik noch nicht obsessiv genug, weil sich in all den Jahren nichts geändert hat, sondern immer schlimmer und brutaler wird. Und Ihre Rede, Herr Friedländer, war ein Musterbeispiel dafür, wie man das „Jewish Project“, das Hasbara-Projekt, für weltweite Israel-Propaganda dafür benutzt, um Kritiker Israels zum Schweigen zu bringen und zu denunzieren. Und in der Tat, in dieser schäbigen Weise Kritik zu stoppen, ist Israel ein Meister, und wo könnte diese wissenschaftliche Propaganda auf fruchtbareren Boden fallen als in Deutschland, dem Land der ehemaligen Täter. Sie, Herr Friedländer, trafen genau den richtigen Nerv, sie schilderten herzzerreißend Ihre wirklich erschütternde und traurige Biografie, in einem ruhigen Ton, der alle Zuhörer zu Recht in seinen Bann zog.

Das hohe Gut der Meinungsfreiheit wird von der Israel-Lobby weltweit in Frage gestellt

Während er darauf hinwies, dass Deutschland und die Mehrheit der Deutschen heute ein verändertes Land ist, das ihn ermutigt, konnte er sich der stehenden Ovationen der versammelten Zuhörer gewiss sein. Ja, die Mehrzahl der Deutschen braucht Lob und Anerkennung, aber noch mehr Absolution für die Vergangenheit. Dieses Spiel zwischen Lob und Tadel, zwischen Schlägen und Streicheln macht sie glücklich, besonders wenn es von Menschen wie ihnen oder vom „Jüdischen Staat“ kommt. Was stört in dieser Einigkeit? Die Kritik am „Jüdischen Staat“. Deshalb wird diese Kritik sofort als antisemitisch verunglimpft und im Keim erstickt, entgegen der allseits bekannten Wahrheit über die Verbrechen Israels und allen demokratischen Gepflogenheiten und der Meinungsfreiheit zum Trotz. Dieses hohe Gut wird von der Israel-Lobby weltweit in Frage gestellt, wenn es um Israel/Palästina geht. Ihre Rede, Herr Friedländer, war ein Paradebeispiel für diese „Kunst“, die Kunst der Ablenkung.

Es gibt kein Existenzrecht für einen Staat ohne Grenzen und Verfassung

Durch die schäbige Instrumentalisierung des Holocaust, der Einmaligkeit dieses Verbrechens, wird jede Diskussion abgeschmettert, die auch nur ansatzweise versucht, den „Jüdischen Staat“ zu kritisieren. Es gibt kein Existenzrecht für einen Staat ohne Grenzen und Verfassung, sondern nur eine Existenzrecht für Menschen, Bürger, das aber auf keinen Fall nur für Juden gilt, wie immer wieder propagiert wird. Die Palästinenser, die Ureinwohner Palästinas, denen weder die gleichen Rechte, noch ihr legales Rückkehrrecht eingeräumt wird, noch ihr Recht auf Heimat, werden mit Hilfe der Nachfahren der Opfer und der Täter diskriminiert. Es ist erschreckend, wie sich ehemalige Opfer und Täter vereinen und in trauter Gemeinsamkeit agieren. Außen vor bleiben die Kritiker, auch jüdische, sowie die Muslime als Metapher für Antisemitismus, mit dem man jegliche Kritik zum Schweigen bringt.

Apartheidstraßen nur für Juden

Während die neue Rechte in Europa immer mehr gemeinsam hat mit dem „Jüdischen Staat“, setzen sich BDS-Unterstützer und kritische Linke für das Existenzrecht eines palästinensischen Staates ein. 71 Jahre nach Staatsgründung Israels ist es immer noch nicht gelungen, einen Palästinenser-Staat zu gründen. Dieser Wunsch wird, dank jüdischer und „jüdisch-christlicher “ Unterstützer und Helfer immer mehr zu einer Fata Morgana, einem Märchen. Während die Siedler und die Siedlungen im besetzten Palästina immer mehr Land rauben, die Apartheidstraßen „nur für Juden“, Mauern und Checkpoints immer mehr von Palästina zerstückeln, und Jerusalem einfach als ewige Hauptstadt eines „Jüdischen Staates“ illegal vereinnahmt wird, schweigt die Politik zu diesem offensichtlichen Unrecht. In Ihrer Rede, Herr Friedländer, kamen die Palästinenser und Palästina nicht vor. Empathie ist in der zionistischen Staatsräson eben nicht vorgesehen.

Ein solcher Staat hat kein Recht auf Existenz

In der Tat stellt sich die Frage, hat der „Jüdische Staat“ ein Recht auf Existenz, so wie er heute existiert und aufgebaut ist? Nein, und ich kann es immer wieder nur wiederholen, so nicht. Trotz allem müssen wir uns weiter für die Freiheit Palästinas und die Selbstbestimmung seines Volkes einsetzen, denn nur so ist eine friedliche Zukunft garantiert.

In Deutschland gibt es wieder ein Redeverbot für Juden

Wer, wenn nicht Sie, Herr Friedländer, als Zeitzeuge und Holocaustüberlebender hätten all Ihre Kräfte für dieses Ziel einzusetzen können. Sie, der so großzügig den Deutschen verziehen hat und 2002 dabei half, die Geschichte des Bertelsmann-Konzerns „Koscher“ zu machen. Aber dass es heute in Deutschland wieder ein Redeverbot für Juden gibt, man also „wieder „gute“ Juden und „schlechte“ Juden selektiert, übersehen Sie geflissentlich. (2)

Empathie für die Leiden der Palästinenser

Während Holocaustüberlebende wie Hajo Meyer, der Verfasser zahlreicher Bücher und Kämpfer für ein freies Palästina weder vom Bundestag noch von offizieller Seite je die verdiente Anerkennung fanden, hofiert man inzwischen nur noch „genehme“ Juden. Hajo Meyer empfand Empathie für die Leiden der Palästinenser und konnte sich aus seiner Erfahrung heraus mit palästinensischen Jugendlichen identifizieren, was ihn zu einem bewundernswerten Zeitzeugen machte, der niemals die Leiden der anderen ignorierte. Es ist das schleichende Gift des „neuen Antisemitismus“, das Juden wieder zu Ausgestoßenen macht. Juden, die es wagen die friedliche BDS-Kampagne zu unterstützen, werden von philosemitischen Politikern und Medien unter Anleitung des „Jüdischen Staates“ und seiner Helfer (Sayanim weltweit) ausgebootet. (3)

Bürgermeister Becker: besoffen vor Glück beim Blick auf den Besatzerstaat

Friedländer hat insofern Recht, dass Deutschland heute zu einem Land wurde, dass in mustergültiger Weise die Zusammenarbeit mit dem „Jüdischen Staat“ intensiviert – medial und politisch unterstützt von einer beispiellosen Überhöhung alles Jüdischen in Deutschland. Es ist eine einzigartige Verklärung im Gange, die jeden „normalen“ jüdischen Bürger abstoßen muss, da er in seiner Peinlichkeit betroffen macht. Wollen jüdische Bürger wirklich wieder etwas „besonderes“ sein, also als „Kippa-Exoten“ angesehen werden. Noch dazu, wenn der Frankfurter multifunktionale Bürgermeister Becker meint, an vorderster Front aus Solidarität mit dem Besatzerstaat einen ganzen Tag lang mit der Kippa „in der jüdischsten Stadt Deutschlands“ herumzulaufen, weil er regelrecht besoffen vor Glück ist, wenn er in Israel ist und auf den besetzten Golan blicken kann. Recht lustig was für diesen Becker alles zusammenpasst: Das Oxymoron Besatzung + Rechtsstaat. Verkommen nenne ich das! (4)(4a)

 

Warum, so frage ich, soll es antisemitisch sein, darüber zu diskutieren, ob es nicht als Körperverletzung angesehen werden muss, wenn man gerade geborenen jüdischen männlichen Babys die Penis-Vorhaut abschneidet? Was rechtfertigt dieses Ritual eigentlich? Nirgends in der Torah (Altes Testament) wird dieses Ritual gefordert. Es wurde zu einem in Stein gemeißelten Dogma, das mit nichts zu rechtfertigen ist. Immer wieder wird von allen Seiten gefordert, dass sich der Islam zu erneuern hätte, aber beim Judentum wird jede Fragestellung dieser Art sofort zu Judenhass stilisiert. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass nicht nur im Reformjudentum, sondern auch im „Jüdischen Staat“ immer mehr Juden ihre Jungen nicht beschneiden lassen, noch andere Regeln beachten. Ebenso wie sich Juden heute nach dem Tod verbrennen lassen, sollten alle Riten endlich auf den Tisch kommen. Wenn eine Religion von einem Stückchen Vorhaut abhängt, dann ist nicht viel an ihr dran. Dass gilt für mich ebenso für den Zölibat der Katholiken, was meiner Meinung nach unnatürlich und keineswegs „Gottgewollt“ ist, sondern – wie immer wieder ans Licht kommt – nur Missbrauch und Pädophilie  oder laut Papst Franziskus Nonnen Missbrauch durch Priester begünstigt.  (5)

Wenn es die Religionen auf Dauer nicht schaffen, sich zu erneuern und die Gleichberechtigung der Frau akzeptieren, wird es in Zukunft immer weniger Gläubige geben. Auch wenn ich mir mit diesen Aussagen wenig Freunde mache, bleibe ich dabei, Glaube und religiöse Riten sind nur so lange berechtigt, wie sie nicht in Grundrechte eingreifen. Jeder soll glauben, was und an wen er will, aber bitte ohne Zwang und Staat.

Moralische Pflicht, israelische Staatsterroristen anzuprangern

Wenn wir es also als unsere moralische Pflicht ansehen, den Freiheitskampf des palästinensischen Volkes zu unterstützen und Besatzung und Unterdrückung durch israelische Staatsterroristen anzuprangern, dann ist das völlig legitim und im Einklang mit dem Völkerrecht.

Wenn wir uns dagegen wehren, dass die Bundesregierung immer mehr gemeinsame Sache mit eben diesen Staatsterroristen macht, dann ist es unsere moralische Pflicht, dagegen anzugehen. Wir fordern:

 

  • Kein Jugendaustausch, der unsere Jugend mit dem Besatzungsgift infiziert,
  • kein Bundeswehraustausch mit jüdischen „Verteidigungssoldaten“, die diese illegale Besatzung mit allen Mitteln verteidigen.
  • Keine Rüstungs-Drohnen, Cyberaustausch, sowie
  • keine gemeinsamen Kabinettssitzungen.
  • Keine Beteiligung am Songfestival ESC in Tel Aviv zur Weißwaschung der Besatzung
  • Kein kultureller Austausch, sondern Unterstützung israelischer Künstler, die sich dagegen wehren in ihrer Arbeit eingeschränkt zu werden.Nicht die BDS-Unterstützung ist antisemitisch, sondern es sind die neuen Judenhasser, die Juden das Recht auf freie Meinungsäußerung verbieten wollen.
  • Nicht BDS, sondern die neue Rechte in Europa, die in Zusammenarbeit mit den „Jüdischen Staatsterroristen“ alles versucht, Linke und Muslime als Terroristen zu diffamieren.

 

Das hohe Gut der Meinungsfreiheit verteidigen!

Es gibt nur eine moralische Pflicht, die uns alle betrifft und für die es einzutreten gilt: das hohe Gut der Meinungsfreiheit zu verteidigen.

 

 

Fußnoten:

 

(1) https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2019/kw05-nachbericht-gedenkstunde/589230

(2) https://www.randomhouse.de/Buch/Bertelsmann-im-Dritten-Reich/C-Bertelsmann/e122519.rhd

(3) https://linkezeitung.de/2017/03/11/auschwitz-ueberlebender-hajo-meyer-ich-kann-mich-mit-der-palaestinensischen-jugend-identifizieren/

(4) https://www.journal-frankfurt.de/journal_news/Panorama-2/Gespraech-mit-Uwe-Becker-Frankfurt-ist-die-juedischste-Stadt-Deutschlands-33474.html?newsletter_id=4135

(4a)https://www.journal-frankfurt.de/journal_news/Politik-10/Uwe-Becker-kritisiert-Amnesty-International-Meron-Mendel-Beckers-Reaktion-ist-ueberzogen-33493.html?newsletter_id=4140

(5)https://www.waz.de/politik/papst-franziskus-nonnen-werden-von-priestern-missbraucht-id216375935.html

 

In der Neuen Rheinischen Zeitung (NRhZ) veröffentlicht in Ausgabe 691 vom 06.02.2019 unter http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25593

 

 

Evelyn Hecht-Galinski, Tochter des ehemaligen Zentralratsvorsitzenden der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, ist Publizistin und Autorin. Ihre Kommentare für die NRhZ schreibt sie regelmäßig vom „Hochblauen“, dem 1165 m hohen „Hausberg“ im Badischen, wo sie mit ihrem Ehemann Benjamin Hecht lebt. (http://sicht-vom-hochblauen.de/) 2012 kam ihr Buch „Das elfte Gebot: Israel darf alles“ heraus. Erschienen im tz-Verlag, ISBN 978-3940456-51-9 (print), Preis 17,89 Euro. Am 28. September 2014 wurde sie von der NRhZ mit dem vierten „Kölner Karls-Preis für engagierte Literatur und Publizistik“ ausgezeichnet.

 

5 Kommentare zu Es gibt nur eine moralische Pflicht Von Evelyn Hecht-Galinski

  1. Jenseits von einigen herzzerreißenden* Passagen in des Historikers Friedländer Rede – vieles könnte der abgestumpfte Bürger auch in BILD oder in der WELT gelesen haben – war auffallend, wie der Historiker Friedländer unkritisch, Millionen Juden in der Welt verhöhnend, die es vorziehen, nicht im Land der Besatzer und Landdiebe zu leben, eine zwanghafte Identifizierung aller Juden mit dem Staat Israel „bescheinigte“. Kein Gedanke, kein Wort von den Palästinensern, von ihren Rechten, von ihrer tief verletzten Würde, von ihrer Heimatliebe! Deutsche an ihre Pflicht aus schuldhafter Vergangenheit zu erinnern, müsste dies nicht zu aller erst heißen, sie daran zu erinnern, bei Unrecht nie mehr zu schweigen, wo auch immer, am deutlichsten dann, wenn es sich um Unrecht handelt, für das unser Land eine ursprüngliche Mitverantwortung trägt? Kurz: die Rede Friedländers, feierlich im Ton und Inhalt, war in weiten Passagen wohlfeil, eine „etwas feinere“ Propaganda-Rede. Sie hätte auch im Büro Netanjahus, geschrieben werden können. Wenn Freundschaft mehr sein sollte als der Austausch leerer Worte, so drückte sie sich in Mitverantwortung, auch für das von Freunden begangene Unrecht an Dritten aus. Wer aber sind, im Verhältnis Deutschlands und Israels, diese Dritten? Es sind die Palästinenser. Mitverantwortung, ausgedrückt in nachdrücklicher Ermahnung nicht nur in wirkungslosen Worten, das wäre das Zeichen echter Freundschaft. Was aber will der „Festredner“ Friedländer, was wollen seine deutschen Partner sagen, wenn sie einen Jugendaustausch anregen? Jugend in Erez Israel, dem von Israel beanspruchten und beherrschten Land zwischen Mittelmeer und Jordan, das sind junge Juden und junge Palästinenser, die einen auf der Sonnenseite, die andern im Schatten der Unterdrückung. Hatte man diese im Auge? Daran wäre aber Professor Friedländer zu erinnern gewesen, bei der epochalen Idee eines Jugendaustausches. Der anzusprechenden kritischen Fragen bezüglich des „Rechtsstaates“ Israel wären es zu viele gewesen, für diese Rede des Historikers. Es geht ja keineswegs darum, ob das Existenzrecht Israels anzuerkennen ist (Israel existiert, basta), wichtig ist vielmehr: welches Israel anzuerkennen ist? Eines das Regelwerk des Völkerrechts und der – auch von Israel unterschriebenen – Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 anerkennendes? Oder das Israel der nicht-endenden Besatzung, Unterdrückung und Landraubes palästinensischen Landes? Das ist die Lehre aller Deutschen aus der Shoah, Unterdrückung und Rechtlosigkeit aus Gründen der Zugehörigkeit ist nie mehr hinzunehmen. Es ist mir nicht aufgefallen, dass Saul Friedländer von dieser Lehre aus der Geschichte gesprochen hat. Dass Bundestagspräsident Schäuble in geschliffenen Worten zwar, aber keine anderen als Allgemeinplätze vorgetragen hat, ist dem Geladenen aus Israel gewiss nicht vorzuwerfen. Die Chance des Ernstes der Stunde jedoch wurde auf diese Weise beidseitig verschenkt.

    *es ist in diesem Zusammenhang bezeichnend, dass dem Überlebenden von 10 Monaten Auschwitz, Dr. Hajo Meyer, zu seinen Lebzeiten keine Einladung des
    Deutschen Bundestag erreichte. Sein Zeugnis wäre – auf ganz andere Weise und doch nicht weniger authentisch als jenem Saul Friedländers – herzzerreißend gewesen.
    Dank an die kritische Betrachtung – auch zu Punkten wo’s schmerzt – von Evelyn Hecht-Galinski – über ihren verstorbenen Vater selbst eine Überlebende der Shoah !

  2. Liebe Evelyn, wenn mehrere Leute in unserem Land soviel Courage zeigen würden wie Du, hätten wir weitaus weniger Probleme.
    Leider ist es aber so, das das politische Deutschland mittlerweile moralisch ganz unten im braunen Sumpf angekommen ist. Hauptsache, den stärkeren (Besatzern) nachlaufen, die schwächeren (Palästinenser) noch schwächer machen und am besten gleich ganz auslöschen. Was wir momentan erleben, kommt fast einer Wiederholung der Geschichte gleich, nur sind die Opfer diesmal nicht „Die Juden“, sondern die Palästinenser. Und wenn das das Resultat dessen ist, was wir ale Holocaust kennen, sollten sich unsere PolitikerInnen und MedienvertreterInnen ganz schnell selbst kritisch hinterfragen oder zumindest endlich zumindest ansatzweise etwas Courage zeigen.

  3. Liebe Frau Hecht-Galinski.
    Ihr Kommentar spricht mir aus dem Herzen. Was mich in dem in der Süddeutschen Zeitung gross aufgemachten Artikel zur Rede Friedländers befremdet hat, ist seine Bemerkung zum „Antisemitismus von Links“. Ich habe noch von keinen „Linken“ erfahren, der antisemitische Äusserungen, geschweige denn Handlungen begangen hat. Wenn Friedländer hier berechtigte Israelkritik von Links meint – und anders kann es wohl nicht gemeint sein – dann zeigt er, dass er den Kontakt zur Realität verloren hat.

  4. Der Holocaust-Überlebende Saul Friedländer sagte in seiner Rede im Bundestag: “Das Existenzrecht Israels zu verteidigen ist eine grundsätzliche moralische Verpflichtung.” Dagegen läßt sich bestimmt nichts einwenden, wenn damit der israelische Staat innerhalb seiner international anerkannten Grenzen gemeint ist. Aber Israel hat auf seinen amtlichen Karten nicht nur das ganze Land zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan, also einschließlich des Gasastreifens und des Westjordanlandes, sondern auch die syrischen Golanhöhen jenseits des Jordans als sein Staatsgebiet ausgewiesen. Wie ist Saul Friedländers Aussage zu Israels Existenzrecht nun zu verstehen? Warum wird das nicht hinterfragt?

    Interessant ist hierzu auch Folgendes: Nachdem im irischen Unterhaus eine Gesetzesvorlage verabschiedet wurde, die den Import und den Handel mit Produkten aus den israelischen Siedlungen verbieten soll, wurde ein Besuch einer Knesset-Delegation in Dublin abgesagt. Ein israelischer Abgeordneter erklärte, daß man lieber in ein Land gehen würde, das mit Gesamt-Israel zusammenarbeiten wolle.

    Bei den zahlreichen Dokumentationen und Filmen der Fernsehanstalten habe ich den französischen Film “Auf Wiedersehen Kinder” vermißt. Er handelt von einem jüdischen Jungen, der in einem katholischen Internat unter einem falschen Namen versteckt wird –ähnlich wie Saul Friedländer. Ganz hervorragend sind die schauspielerischen Leistungen der beiden Hauptdarsteller. Zum Schluß sagt der Leiter des Internats, ein katholischer Priester, bei seiner Verhaftung “Auf Wiedersehen, Kinder.” Es ist einer der besten Filme, die ich gesehen habe. Er zeigt auch die Rolle der französischen Polizei bei der Judenvernichtung, die in Frankreich nie aufgearbeitet wurde, sondern weiterhin tabuisiert wird.(Übrigens kann man den Film sehr günstig im Internet als DVD erwerben.)

    Saul Friedländer sieht den Fremdenhaß, die Verlockung autoritärer Herrschaftspraktiken und einen sich immer weiter verschärfenden Nationalismus überall auf der Welt „in besorgniserregender Weise“ auf dem Vormarsch. Das sehe ich auch so. Um so befremdlicher ist Netanjahus Schulterschluß mit dem rechtsextremen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro, zu dessen Vereidigung er fuhr. Bolsonara will u. a. Schutzgebiete im Amazonas für die wirtschaftliche Ausbeutung freigeben und den Schutz der Ureinwohner einschränken. Im Oktober 2018 sagte er “Ich bin für Folter. Und das Volk ist auch dafür.”.(Quelle: Amnesty Journal 1 / 2019) Hauptgrund für Netanjahus Begeisterung für Bolsonaro ist dessen Ankündigung, unter Mißachtung des Völkerrechts die brasilianische Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen.

    Der gemeinsame Haß auf Moslems ist das Bindeglied zwischen Netanjahu und dem rechtsradikalen, demokratiefeindlichen ungarischen Präsidenten Orban, ungeachtet dessen antisemitischen Einstellungen. Dies wurde von Saul Friedländer leider nicht angesprochen.

  5. Man sollte die Rede von Herrn Friedländer nicht zu sehr kritisieren. In Israel pflegt man nun mal eine etwas andere Erinnerungskultur. Bei uns hier werden Gedenktage abgehalten, Stolpersteine, Mahnmale, Denkmäler u.a.m. installiert und unterhalten. In Israel pflegt man einen etwas andeen Stil. Dort wird das Land geraubt, die Leute totgeschlagen oder vertrieben, die Dörfer platt gemacht und danach auf dem so „erworbenen“ Land werden Wälder gepflanzt. So erspart man sich Erinnerungsrituale und lästige Fragen, da ja an nichts erinnert werden kann. Diejenigen, die sich dagegen auflehnen gilt es dann halt zu bekämpfen, denn es sind ja Terroristen. Bei uns werden die Täter von damals noch im hohen Alter in’s Gefägnis gesteckt. In Israel ist dies etwas anders. Dort kommen sie in höchte Staatsämter und werden glorifiziert. Denke da an M. Begin und andere große „Führer“ in Irgun, Haganah und anderen Terrorgruppen die einen heldenhaften Kampf gegen die damalige Besatzungsmacht geführt haben. Deren Glaube rechtfertigt jede Schandtat. Dies konnte man sehr schön an der Vorhautentfernung Schutzbefohlener sehen. Diese Körperverletzung wurde durch die Anpassung unseres Grundgesetzes sofort legalisiert. Daran kann man sehen dass etwas passend gemacht wird, wenn es nicht passt. Gesetz hin oder her. Ansonsten wird sofort mit gepackten Koffern gedroht. Vor diesem Hintergrund muß man die Rede von Herrn Friedländer sehen. Er bekam dafür auch standing ovations. Frl. Roth patsche kräftigst in ihre Händchen.Das Unrecht welches von israelischer Seite den Plästinensern seit Jahren zugefügt wird scheint dieses Frollein nicht zu interessieren da sie sonst immer so bedacht auf die Einhaltung von Menschenrechten pocht.

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