Sicht vom Hochblauen

Evelyn Hecht-Galinski

Es sind unsere Regierungschefs, die eine neue Generation von Terroristen aufbauen.

von Yasmin Alibhai-Brown, Independent UK, Sonntag, den 20. März 2016. Deutsche Übersetzung von Milena Rampoldi, ProMosaik e.V.

Europa ist im Begriff, den Kampf zu verlieren, weil seine Regierungschefs immer noch die Sponsoren des Terrorismus verhätscheln und Feindseligkeit und Hass schüren.

Am Freitag fasst die belgische Polizei Salah Abdeslam, einen Schlüsselverschwörer und ein Mitglied der islamistischen Gang, die im November 2015 so viele Unschuldige in Paris ermordete. Der belgische Premierminister Charles Michel triumphiert: „Heute Abend haben wir einen riesigen Erfolg im Kampf gegen den Terror erzielt“. Michels Schwulst ist typisch für die westlichen Regierungschefs – sie feiern ihre „Siege“ und überlegen nie, warum so viele, in Europa geborene junge Muslime zum gewaltigen Extremismus gelangen.

Keine Nation der EU hat bisher Saudi Arabien, den Befürworterstaat des Hardline-Islam und der eifrigen Intoleranz verurteilt. Saudi Arabien kam am Ende der Sechziger Jahre nach Belgien und verbreitete den Wahhabismus unter den neu angekommenen Migranten. Bis heute wurden $70 Milliarden in dieses globale Gehirnwäsche- und Destabilisierungsprogramm investiert. An diesem Dienstagabend analysierte auf ITV ein geheim aufgenommener Dokumentar das ruchlose Königreich. Wird diese Erörterung die besondere Beziehung Europa zum schändlichsten aller Reiche verändern? Die Antwort lautet nein.

Hier kommt eine düstere Warnung: Europa ist im Begriff, den Kampf gegen den Terror zu verlieren, weil seine Regierungschefs immer noch die Sponsoren des Terrorismus verhätscheln, achtlos die IS-Propagandisten unterstützen und begünstigen und Feindseligkeit und Hass in einer neue Generation von Muslimen säen. Die EU-Regierungen entschuldigen sich nie, lassen sich nie von ihren Machomissionen abhalten, weil sie in einer verwickelten Lage sind, sind unfähig holistisch zu denken, beschäftigen sich nie mit der Geschichte oder den Hintergründen, untergraben demokratische Werte, reagieren nur auf Gegebenheiten, wenn sie sich gerade abspielen und setzen auf diese Weise Millionen von Bürgern der Gefahr aus.

Die Polizei und Spezialeinheiten erwarten zahlreiche Terrorangriffe in London. Andere Städte bereiten sich auf neue Detonationen vor. Gegen diese Verbrechen kann man sich nicht verteidigen. Nein. Ich sage nicht, dass der Westen diese Blutbäder verdient hat oder in vollem Umfang dafür verantwortlich ist. Widerwärtige Islamisten und deren Ideologien sind wild dazu entschlossen, die Modernität und die angehäuften menschlichen Kulturen auszulöschen. Aber ich bin der Überzeugung, dass die europäischen Politiker über Jahrzehnte die Bedingungen geschaffen haben, damit dieser Fanatismus gesät werden kann und dann auch gedeiht. Die bodenlosen offiziellen Antworten auf die Flüchtlingsströme führen gerade zu neuer Wut gegen den Westen.

Ich habe hier eine Freundin, eine muslimische Frau, die in der City arbeitet und in einem stattlichen Haus wohnt. Sie sagt: „Ich wurde hier geboren und habe Einiges geschafft. Mein Glaube ist eine private Angelegenheit, und ich habe keine Zeit für Fundamentalisten. Aber ich bin schockiert. Wie kann Cameron, mein Premierminister, Flüchtlinge wie Kakerlaken behandeln? Und ihre Kinder? Würde er das tun, wenn sie Weiße aus Zimbabwe wären? Ich kann nachvollziehen, wie ein junger Muslim sich verändert und voller Hass wird. Mein eigener Sohn ist erfüllt von Zorn.“ Und ich bin es auch. Die Medien und unsere Regierungschefs – außer Frau Merkel – dämonisieren Flüchtlinge und ertrinken im Selbstmitleid. Die Flüchtlingskrise betrifft nur uns. Das ist widerwärtig.  

Nun werden Milliarden Dollar an die Türkei, wo die Regierung täglich gegen die Menschenrechte verstößt, bezahlt, um das Flüchtlingsproblem aus Europa rauszuhalten. Männer, Frauen und Kinder aus Afrika und der arabischen Welt werden zu Handelsware. Und in der Zwischenzeit reden unser Politiker viel über die europäischen Werte und die „höhere“ Zivilisation. Sehen Sie nicht, wie diese Dissonanz jene betrifft, die eine Verbindung zu diesen Orten haben? Und auch menschliche Bürger unseres Landes?

Vor kurzem traf ich einen jungen, Möchtegern-Jihadisten. Salim (das ist nicht sein wahrer Name) ist 19 Jahre alt und sehr aufgeweckt. Seine Mutter schrieb mich mit der Bitte an, mich mit ihm zu treffen. Er sprach von sich als von einem verachteten Muslim, dann erzählte er von den irakischen, libyschen, afghanischen und syrischen Flüchtlingen. Er will sich dem Kalifat anschließen. Denn er sieht keine Zukunft für sich hier in England. Er war wie ein angekettetes Tier, das aus dem bekannten Leben ausbrechen wollte.

Seine Mutter hat nun Krebs, und er ist ein wenig runtergekommen. Aber seine Ansichten über diese törichten Kriege sind nicht trügerisch und werden auch von Vielen geteilt. (Die Polizei wird diese Namen nicht aus mir herausholen. Viele Leser schreiben mich privat an. Aber ich kann dieses Vertrauen nicht verraten.)

Die europäischen Kreuzritter, die Irak und Libyen angriffen, und geheime Kriegsspiele in Syrien spielen, haben nie die Verantwortung für den Wirbel, das Chaos, den Zorn und die Gewalt, die sie nach ihrem Angriff hinterlassen haben, übernommen. Die westlichen Sanktionen und Bomben vernichteten mehr Menschen im Irak als Saddam jemals tat. Lesen Sie das neue Buch von Patrick Coburn mit dem Titel „Chaos & Caliphate“. Hier finden Sie die Chroniken über diese historischen Katastrophen. Für Salim und seinesgleichen, vermischen sich diese mörderischen Tatsachen mit den eigenen Lebensgeschichten von Durcheinander und Ablehnung. Und diese Mischung ist explosiv.

Abdeslam wurde von den Bewohnern von Molenbeek, einem dicht besiedelten muslimischen Ghetto voll perspektivenloser Menschen, in Sicherheit gehalten und versteckt. Einige Bewohner beschreiben den Ort als einen Ort der größten Jihadistenfabriken Europas. Aber warum sollte das denn so sein? Weil die Luft, die man hier atmet, voller Desillusionierung ist und von allen eingeatmet wird, die hier leben.  

In den sechziger Jahren hieß Belgien billige Fabrikarbeiten aus Marokko und den anderen arabischen Ländern willkommen. Die alten Fabriken wurden dann geschlossen, und die Familien wurden arbeitslos, schlecht ausgebildet und mit einem Bewusstsein, Versager zu sein, im Stich gelassen. Sie glauben, dass die darauffolgenden Regierungen sie nur ausnutzten und dann wegwarfen. Francoise Schepmans, die Bürgermeisterin von Molenbeek, ist nun an die Öffentlichkeit getreten und hat von einer „Kultur der Ablehnung“ gesprochen, die nun überwunden werden muss. Belgien muss sich mit seinem Rassismus auseinandersetzen und sich der Herausforderung der Missachtung der Muslime, die sich in seinem nationalen Blutkreislauf befindet, stellen. Dasselbe gilt für Frankreich, Deutschland, Spanien, Großbritannien, Dänemark, usw.

Unsere politischen Eliten müssen ehrlich, klug und ethisch sein. Sie müssen Abstand nehmen vom stürmischen Militarismus und sich den entfremdeten Muslimen zuwenden. Vergessen Sie nicht: Der Westen hat den Kommunismus geschlagen, indem er sich der politischen und wirtschaftlichen Verführung bediente. Waffen, repressive Gesetze und ein rassistischer Diskurs werden den islamischen Terrorismus nicht besiegen. Nur eine weiche, intelligente Macht ist dazu in der Lage.

2 Kommentare zu Es sind unsere Regierungschefs, die eine neue Generation von Terroristen aufbauen.

  1. „Es sind unsere Regierungschefs, die eine neue Generation von Terroristen aufbauen. “

    Die überschrift stimmt.Alles weitere im Artikel stellt sich so da, als wüssten unsere Regierungschefs nicht was sie tun, trotz der vielen Berater.

    Das ist schlicht gesagt Naiv.

  2. Ein Islamischer kämpfer ist indirekt von Westlichen Staaten erwünscht, um Geopolitik zu ihren eigenen Gunsten zu betreiben.

    „Seid Willkommen ihr Unzufriedenen in aller Welt und macht bei dem Islamischen Kämpfern mit.“

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