Sicht vom Hochblauen

Evelyn Hecht-Galinski

Gedankenaustausch mit einem Analytischen Philosophen Georg Meggle – im Gespräch mit Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann NRhZ

 

 

Kultur und Wissen
Gedankenaustausch mit einem Analytischen Philosophen
Auf dem Weg zu einer „Internationale der Humanisten“
Georg Meggle – im Gespräch mit Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Georg Meggle definiert sich als Analytischer Philosoph – und ist über sein Fach hinaus auch durch zahlreiche Philosophische Interventionen bekannt. Seine Begriffs-Interventionen zielen auf zentrale politische Kampfbegriffe ab wie zum Beispiel Nukleare Abschreckung, Humanitäre Interventionen, Kollateralschäden, Kollektive Identitäten, Terrorismus – und jüngst auch Antisemitismus versus Antizionismus. Zahlreiche seiner Stellungnahmen haben die Serie der neueren Kriege (Jugoslawien, Irak, Gaza, Jordanien, Iran und speziell den Völkermord im Jemen) im Fokus. Seine Analytischen Interventionen legen die Logik der betreffenden Begriffe offen – und machen so deutlich, was an der üblichen Verwendung dieser Begriffe korrekt und was purer – mitunter auch strategisch kalkulierter – politischer Missbrauch ist. Eine der ersten Begegnungen mit Georg Meggle liegt zwölf Jahre zurück. Anlässlich des 70. Jahrestages der Gründung der Arbeiterfotografen-Bewegung hielt er in Erfurt 2007 eine Laudatio. Zuletzt sind wir Georg Meggle beim Salzburger Symposium „Analytische Explikationen & Interventionen“ begegnet, das vom 12. bis 14. Juli 2019 mit und für den 75jährigen Philosophen stattgefunden hat und bei dem ihm die Ehrenpräsidentschaft der Gesellschaft für Analytische Philosophie (gap) verliehen worden ist. Jetzt haben wir mit Georg Meggle ein Gespräch geführt, das die NRhZ nachfolgend wiedergibt.


Der analytische Philosoph Georg Meggle

1. Warum philosophierst Du?

Diese Frage hört sich für mich ganz komisch an. Etwa wie: „Warum denkst Du gelegentlich überhaupt nach?“ Und das – das gelegentlich mal über was Nachdenken – , das sollte doch wohl jeder, nicht wahr? Insofern ist Philosophie für mich also überhaupt nix Besonderes. Oh, ich glaube: Das ist auch schon der ganze Kern meiner Auffassung von Philosophie. Danke, dass Ihr mir dies durch Eure so simple Frage habt klarmachen können!

Aber ich weiß natürlich auch, dass nicht jedes Nachdenken ein philosophisches ist. Und ich weiß auch, dass ganze Bibliotheken nur diesem (manchmal kleinen, manchmal großen) Unterschied gewidmet sind. Ich halte ihn nicht für soooo wichtig.

2. Welche Erfahrungen in Deiner Entwicklung (Kindheit, Jugend, und auch später) haben zu Deinem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn geführt?

Nun, ob dieser Sinn bei mir wirklich „ausgeprägt“ – im Sinne von: recht differenziert – ist, weiß ich nicht. Tiefere Wurzeln, da vermutet Ihr richtig, hat er bei mir freilich. Jedenfalls bin ich vielleicht bei gewissen Arten der Diskriminierung manchmal wirklich etwas übersensibel. Bei Oberschicht/Unterschicht-Differenzen z.B., bei der Arroganz mancher akademischer Mandarine etc. Woher das kommen mag? Da würden mir nun in der Tat gleich einige frühe Erfahrungen einfallen. Welche mit meinen Eltern, und ein paar aus meiner Kemptener Gymnasialzeit. Aber über solche Personalia will ich nicht in einem öffentlichen Interview sprechen. Die damit verbundene Präsupposition, dass meine Erinnerungen mitteilenswert seien, ich mich gar selbst für „wichtig“ halten würde, diese Präsuppositionen mag ich nicht. Manche Dinge sind, finde ich, in der dritten Person vielleicht in Ordnung, in der ersten aber nur peinlich. Ich hoffe, Ihr versteht in etwa, was ich meine.

3. Es gibt viele philosophische Betrachtungen zur Stützung von (krimineller) Machtausübung wie die von Machiavelli und Sunzi. Auch das Alte Testament lässt sich als philosophisches Werk zur Rechtfertigung brutaler Herrschaft lesen. Wie bewertest Du diese Art von Philosophie?

Uff, geht’s nicht etwas kleiner? Wer bin ich denn, um mir über solche Mega-Narrative wie das Alte Testament (AT), die Bagavadgita oder – derzeit bei uns die große Mode: über den Islam – auch nur ein grobes Urteil anmaßen zu wollen?

Richtig ist: Es gibt im AT Stellen, die eine blanke Aufforderung zum Völkermord sind. Aber was sagt das über „das Ganze“? Nehmt doch mal die säkulare Variante der Religion, den modernen Menschenrechtsdiskurs. Auch dieser wird – sogar von sich selber für höchst aufgeklärt haltenden Intellektuellen – zur puren Kriegsrechtfertigung missbraucht. Stichwort: die so genannte Humanitäre Intervention (der völkerrechtswidrige Angriffskrieg) der NATO gegen Jugoslawien von 1999. Ist wegen solcher eklatanter Missbräuche des Menschenrechtsdiskurses dieser selber in toto zu verwerfen?

Ich weiß, genau das hätten viele gerne. Aber haben wir denn was Besseres?

So in etwa sähen auch meine Gründe dafür aus, dass ich mit schnellen Verurteilungen von ganzen Religionen doch etwas vorsichtiger wäre.

4. Es geht uns nicht um die Verurteilung ganzer Religionen, weder um die generelle Verurteilung des Christentums, des Hinduismus und auch nicht des Islam, der aktuell als DAS große Feindbild zur Führung imperialistischer Kriege – wie z.B. des nicht enden sollenden „Kriegs gegen den Terror“ – aufgebaut ist. Wir finden in „unserer“ Religion – ähnlich wie der Kirchen-Kritiker Karlheinz Deschner oder die Publizistin Evelyn Hecht-Galinski – eine ideologische Basis für die imperialistischen Verbrechen von heute. Evelyn Hecht-Galinski schreibt z.B. „Als Menachem Begin, der damalige Anführer der Terrorgruppe Irgun, vor 71 Jahren das Massaker von Deir Yassin an den Einwohnern dieses Ortes … als ‚prächtigen Akt der Eroberung‘ beschrieb, rief er: ‚Mit diesem Angriff hat Israel Geschichte geschrieben, so wie in Deir Yassin werden wir überall den Feind angreifen und schlagen. Gott, Gott, Gott, du hast uns zur Eroberung auserwählt‘.“ (KROKODIL 30 und NRhZ 716) Darf sie das? Dürfen wir uns derartige Gedanken machen?

Lange Frage, kurze Antwort: Dürfen? Wir müssen uns solche Gedanken machen. Also muss man sie sich auch machen dürfen.

5. Nochmal zu Machiavelli und Sunzi. Wie schätzt Du deren Philosophie ein? Z.B. hat Sunzi sinngemäß geäußert: Wenn du deinen Feind nicht besiegen kannst, dann umarme ihn. Eine derartige Strategie könnte hinter Willy Brandts Ostpolitik oder Obamas Politik gegenüber Kuba gestanden haben. Machiavelli betone – so ist zu lesen – „dass in Bezug auf moralisches Verhalten in erster Linie der Schein von Belang ist. So erklärt er den Wortbruch des Fürsten für fast unausweichlich, will dieser denn Erfolg haben. Und da Machiavelli im Erfolg das wichtigste Ziel des Fürsten sieht, stuft er die Lüge als legitimes Mittel ein, um diesen Zweck zu verwirklichen.“ Also: inwiefern sind die Philosophien von Machiavelli und Sunzi Stützen krimineller Machtausübung?

Ich bin kein Machiavelli-Experte. Einer für Sunzi schon gar nicht. Speziell bei ersterem weiß ich z.B. nicht einmal, ob dessen für Il Principe formulierte Maximen vom Autor wirklich als von ihm selbst unterschriebene unbedingte Normen (Dies sind die Gebote für den Erhalt der Macht), „nur“ als Regeln für den Erhalt der Macht, wenn diese (wie in Eurem sinngemäßen Zitat nahegelegt) oberstes Ziel ist (So musst Du als Fürst handeln, wenn Du als Fürst – in einer Gesellschaft wie dieser – Erfolg haben willst) oder vielleicht nur als Beschreibung der damals üblichen Praxis der fürstlichen Machterhaltung (Mit der er dem Fürsten quasi dessen Lügen-Spiegel vorhält) gedacht waren. Was für die Beurteilung von Machiavelli sicher zu unterschiedlichen Ergebnissen führen würde.

Wer sich heute auf diese Prinzipien beruft, meint das wohl meist im Sinne einer der beiden ersten (also normativen) Prinzipien. Die selbst, da habt Ihr mit Eurer Unterstellung ganz recht, klar „kriminell“ (wenngleich vielleicht üblich) wären. Diese Kriminalität würde ich freilich weder Willy Brandt noch Barack Obama unterstellen wollen. Aber vielleicht habt Ihr ja auch gar nicht diese beiden Individuen, sondern deren Rollen im jeweiligen imperialistischen System im Blick. Was eine etwas andere Bewertungsperspektive eröffnen würde.

Inwiefern Philosophen mit ihren Produkten bzw. ihrem Tun Stützen „krimineller Machtausübung“ sein können? Nun, eine solche Stütze wäre ja nicht nur von Seiten der Philosophie denkbar – und würde auch nicht nur von dieser geliefert, sondern auch von vielen weiteren akademischen Akteuren (Soziologen, Politologen inklusive).

In diesem Kontext würde ich gerne auf Chomskys Unterscheidung zwischen zwei Typen von „Intellektuellen“ zurückgreifen: Die einen, deren Funktion in der Tat in der Verschleierung, Stützung, Förderung und eventuell gar der ideologischen Rechtfertigung von Herrschaft besteht; und die anderen, die sich selber (in der Tradition von Sokrates bis hin zu Chomsky selbst) eher als Kritiker der bestehenden Ordnung verstehen – und dementsprechend als Dissidenten oder gar Schlimmeres (Verschwörungstheoretiker, Verräter und Terroristen) verstanden und auch behandelt werden. Ich würde mir wünschen, eher zum zweiten Typ gerechnet zu werden.

6. In der Bibel, im Buch Josua – ohne jede Distanz vorgetragen noch im August 2019 im Kölner Domradio – heißt es: „… ich gab sie [die Feinde] in eure Hand und ihr konntet ihr Land in Besitz nehmen. Ich selbst vernichtete sie vor euch… Dann gab ich euch dieses Land, um das ihr euch nicht gemüht habt, und seine Städte, die ihr nicht gebaut habt. Ihr wohnt darin und esst Trauben von Weinstöcken und Oliven von Bäumen, die ihr nicht gepflanzt habt.“ Wir erkennen darin den heutzutage operierenden räuberischen Imperialismus – auch den Israels. Wie beurteilst Du die Rolle der Bibel hinsichtlich der Rechtfertigung der Kapitalverbrechen von heute?

Gleiche Antwort wie auf Frage 3. Einerseits: Angeblich göttliche Rechtfertigung von Völkermord. Andererseits: Der Mensch – ein Ebenbild Gottes. Ich kenne keine Vorstellung, die dem Reden von Menschenwürde einen tieferen Sinn geben könnte. Aus diesem Grund war ich im übrigen jahrelang aktives Mitglied in der Nahostkommission von Pax Christi, der katholischen Friedensbewegung. Aber egal, ob Katholizismus oder Judaismus: Wenn Religionen (und nicht nur irgendwelche Vertreter derselben) „Kapitalverbrechen“ rechtfertigen würden, dann ist das ein klares Argument gegen diese Religionen. Aber Vorsicht: Ich selbst sähe eine solche Behauptung wie die, dass solche Kapitalverbrechen von Gott geboten seien, schlicht als eine extreme Gotteslästerung an. Auch wenn diese Behauptung von einem Papst gemacht würde.

7. Gibt es als Gegenstück zu einer Philosophie im Interesse von Herrschaft auch eine Philosophie, die den Menschen Mittel in die Hand gibt, sich von der Ideologie des Stärkeren und Gerisseneren und damit von Herrschaft generell zu befreien? Wie sieht die aus? Wie hätte die auszusehen?

Ganz generell: Dass es zu der und der Position P eine P-Philosophie wie auch eine Gegen-P-Philosophie gibt, sagt gar nichts. Es gibt wohl nichts, was sich nicht in irgendeiner Philosophie finden ließe.

Genau das ist einer der Gründe dafür, weshalb ich die Analytische Philosophie so befreiend finde: Man ist mit ihr auf keinerlei inhaltliche Weltanschauungsposition festgelegt. Gute Philosophie kennt keine Dogmen. Bzw., verwirft diese Dogmen, sobald sie diese als solche entdeckt.

Eure Frage impliziert zudem einen Denkfehler. Nicht jede Art von Herrschaft ist notwendigerweise verwerflich; aus meiner Sicht zum Beispiel nicht die Herrschaft des Rechts, speziell des so genannten Völkerrechts. Wenn dieses Recht doch nur das herrschende wäre! Und eine echte Demokratie fänden doch auch wir, denke ich, nicht per se für was Schlechtes.

Klar, welche Fragen jetzt gleich aufzuwerfen wären. Dass solche Fragen dann auch wirklich gestellt werden und zwar auch öffentlich, das ist freilich nicht Aufgabe einer bestimmen Sorte von Philosophie (welcher denn?). Dazu braucht es schon etwas mehr: Zum Beispiel das, was der alte Kant gemeint haben dürfte, wenn er vom Mut spricht, sich öffentlich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Und damit meinte er keineswegs nur seinen (also Kants) eigenen, sondern den, über den jeder Mensch verfügen kann, wenn er nur will. Nun, an Philosophen fehlt’s bei uns wohl nicht; aber wohl etwas an Mut.

Auch Mut lässt sich aber einüben; und solcherart Übungskurse wären m.E. die wichtigste Aufgabe auch einer universitären Philosophie-Ausbildung. Wie die Inhalte einer solchen kritisch-mutigen Philosophie aussähen?

Wenn mit solchen Inhalten ganze Philosophie-Systeme gemeint sein sollten, so würde ich meinen: Diese Inhalte sind – im Vergleich zum Frage-Impetus – absolut zweitrangig. Weltanschauungsphilosophie mag historisch interessant sein; ist bei echter Philosophie in der Nachfolge der Aufklärung aber weder nötig noch sonderlich nützlich. Ich jedenfalls will und brauche keine.

8. Du meinst, es sei ein Denkfehler, davon auszugehen, dass jede Art von Herrschaft verwerflich sei. Nun: dazu müssten wir den Begriff Herrschaft definieren. Unsere Frage geht vom Wortsinn aus: von der HERRschaft über Untertanen und zielt auf die Überwindung einer Form von Herrschaft, die auf der Ideologie des Stärkeren und Gerisseneren basiert. In diesem Sinne sind wir auf der Suche nach Philosophen, mit denen zusammen wir uns für die Emanzipation des Menschen und damit der Gesellschaft einsetzen können – auf dem Weg zu einer menschlicheren, friedlicheren und gerechteren Welt. Unsere Wunschvorstellung ist eine „Internationale der Humanisten“, in die sich Intellektuelle wie Philosophen, Psychologen, Soziologen usw. einbringen – sich gegenseitig mit ihren Gedanken und Argumenten verstärkend. Wären Philosophen, die sich in dieser Weise verstehen, als Weltanschauungsphilosophen zu bezeichnen, die wir nicht brauchen?

Aha, ich verstehe. Ihr wollt mich dazu bewegen, dass ich meine (im letzten Absatz meiner Antwort auf Frage 7 zum Vorschein kommenden) Vorbehalte gegenüber Ideologien (Weltanschauungen) doch etwas revidiere. Nun, gerne: Wenn damit kein großartiges theoretisches Konstrukt, vielmehr „nur“ eine grundsätzliche Einstellung gegenüber der Welt gemeint ist – insbesondere gegenüber unseren Mitmenschen und anderen empfindungsfähigen Wesen. Ist diese Einstellung z.B. Empathie- bzw. gar Sympathie-fähig? Wenn Ihr das mit „humanitär“ meint, dann teile ich diese Grundeinstellung gerne. Und klar: Natürlich bräuchten wir von solchen Humanistischen Philosophen wohl etwas mehr.

Andererseits glaube ich nicht, dass die Wirksamkeit von Philosophie irgendwas mit der Frage zu tun hat, wieviel philosophische Lehrstühle es gibt. Zudem ist Wahrheit auch keine Frage von Mehrheiten.

Ja, Euer Denkfehler bleibt einer, auch wenn ich ihn gut verstehen kann. Ihr seid wohl mehr oder weniger Hegelianer – und verknüpft so den Herrn untrennbar auf ewig mit dessen Knecht. Aber ist nicht auch eine Regierung zumindest denkbar, für die die Regierten eben keine Knechte oder „Untertanen“ sind, sondern emanzipierte Bürger, zu deren optimaler Unterstützung – und weiterer Emanzipation! – die Regierungen (die jeweils formal die „Herrschaft“ – die vorläufige Entscheidungskompetenz –Ausübenden) sich selber verpflichtet sehen? Gehört ein solches (meinetwegen ja auch utopisches) Bild von Herrschaft nicht zu dem Ideal, was Eure bzw. unsere „Internationale der Humanisten“ letztlich realisieren sollte? So in etwa meine ich es jedenfalls, wenn ich „Herrschaft“ nicht notwendigerweise als etwas Übles ansehe. Und insofern widersprechen wir uns vielleicht auch gar nicht.

Auch die Philosophen einer solcher Internationale der Humanisten müssten aber keine klassischen Weltanschauungsphilosophen sein. Ich selber wäre gerne Teil einer solchen Bewegung. Aber mir käme das Grausen, wenn ich dazu erstmal ein System weltanschaulicher Positionen (wie konkret oder abstrakt auch immer) zu unterschreiben hätte. Um nachzudenken, brauche ich kein solches System. Will auch keines. Dass ich von daher viele Fragen vielleicht nicht beantworten kann – so what? Ich sehe meine Rolle auch gar nicht als Antworten- oder auch nur Stichworte-Lieferanten; kritische Fragen zu stellen, das reicht mir. Und meine ganze bisherige Erfahrung sagt mir: Das, das Fragen-Stellen, geht ohne System leichter. Ungefähr klar, wie mein analytischer Hase läuft?

9. Wenn eine wesentliche Aufgabe menschlichen Handelns darin besteht, dazu beizutragen, eine bessere, gerechtere Gesellschaft aufzubauen: was ist dabei die Aufgabe der Philosophie?

Den Wenn-Satz würde ich vorbehaltlos bejahen. Die Aufgabe eines jeden denkenden Menschen – und erst wenn es von denen zu wenige gibt (wofür einiges spricht), dann auch speziell der Philosophen – ist es, die Fragen zu stellen, die man stellen muss, um herausfinden zu können, wann eine Gesellschaft eine bessere, eine gerechtere ist.

Aber man beachte: Solche Fragen sind nicht rein deskriptiv zu beantworten; sie verlangen oft auch nach einer eigenen Stellungnahme, nach einer Entscheidung darüber, welche Art von Mensch man selbst sein möchte. Das wäre dann auch schon der ganze sinnvolle Kern der so genannten modischen (personalen wie kollektiven) Identitätsphilosophie. Der Rest der Identitären-Ideologie ist einfach Geschwätz.

10. Wir erleben oder spüren zumindest, wie weit sich Gedankenwelten von Menschen auseinander entwickeln, so dass ein Verstehen – geschweige denn ein sich einander Annähern – fast ausgeschlossen scheint. Im Menschen entwickelt sich im Laufe seines Lebens offenbar ein Gedankenkosmos – geprägt von diversen (auch propagandistischen) Einflüssen – und dies von Individuum zu Individuum unterschiedlich. Wie – mit welcher Art der Gesprächsführung z.B. – ist es möglich, dass zumindest die Bereitschaft entsteht, die Gedankenwelt des anderen zu erfassen und sich auf sie einzulassen?

Oh, jetzt hebt Ihr aber gleich selber philosophisch ganz schön ab!? Der Begriff des Verstehens menschlichen Handeln war, wie Ihr wisst, in meinem eigenen traditionell akademischen Philosophieren (speziell in meinen beiden Qualifikationsarbeiten Grundbegriffe der Kommunikation (Dissertation) und Handlungstheoretische Semantik (Habilitation)) von allen Begriffen der allerwichtigste. Und Eure Vermutung, dass es für die Rettung des Verstehens auf eine besondere Art der Gesprächskoordinierung ankommen könne, klingt mir schon ziemlich stark Habermas-imprägniert. Mit diesem Ansatz teile ich die Auffassung, dass für ein stabiles interpersonelles Verstehen eine geteilte Einstellung wechselseitiger Offenheit das A und O ist. Aber das ist alles noch viel zu abstrakt, als dass sich damit wirklich etwas anfangen ließe. Welches Problem habt Ihr denn genau?

11. Ob wir ein Problem haben? Wir haben keines; aber wir sehen eines. Wir erleben immer wieder, dass Menschen Gedanken nicht an sich heranlassen wollen oder sich gar von uns abwenden, wenn wir „unbotmäßige“ Gedanken darlegen. Zwei Beispiele: Wir sprechen mit einem Philosophen, der den Begriff „Verschwörungstheorie“ im Sinne von unzulässigen, verirrten, verrückten Überlegungen – z.B. in Zusammenhang mit der Operation 9/11 – zur Abwehr des Infragestellens verwendet. Und wir erleben, wie er jeden Versuch, dies in Frage zu stellen, an sich abprallen lässt. Zweites Beispiel, mit dem wir uns in der Nähe der Fragen 3 und 4 bewegen. Wir schreiben einen Artikel über die Grausamkeiten von König David und denken darüber nach, wie diese Geschichte aus dem Alten Testament sich im Imperialismus von heute wieder findet (KROKODIL 24 und NRhZ 649). Und Menschen, die uns bis dahin eng verbunden waren, wenden sich von uns ab. Wir fragen uns – und Dich – was das für Mechanismen sind, mit denen die Kommunikation nur zu oft (einseitig) beendet oder verweigert wird. Und wir haben erlebt, wie das Gedankengebäude eines Geisteswissenschaftlers über die Psyche der angeblichen 9/11-Täter auf einer fiktiven, unbewiesenen (unseres Erachtens falschen) Annahme basiert. Gibt es die Gefahr solcher „falschen Gewißheits-Fiktionen“ auch in der Philosophie? Und wenn ja, was kann oder muss ein Philosoph unternehmen, um dieser Gefahr zu entgehen?

Gut, dass unser Gespräch nun auch noch etwas persönlicher wird. Denn für mich hat jede Philosophie, die zwischen Philosophie einerseits und Humanität (oder ganz einfach: Menschlichkeit) andererseits trennen will, radikal trennen will, etwas Unmenschliches an sich.

Also: Wir Menschen sind nun mal – kognitiv wie auch prudentiell – fehlbare Wesen. Wir alle. Also auch wir Philosophen. Habt also etwas Nachsicht. Auch mit Philosophen.

Klar, Fehler in der Philosophie können besonders gefährliche sein. Weil diese dann eben ziemlich grundsätzlicher Art sind. Zu den folgenreichsten derartigen Fehlern – dankenswerterweise am deutlichsten und so auch am besten lokalisierbar sogar in der Analytischen Philosophie selber (die ja keineswegs einen Unfehlbarkeitsanspruch erhebt) – gehört zum Beispiel die These vom wesentlich Nicht-Kognitiven Charakter des Normativen, d.h. auf Deutsch: dass es in Fragen des moralisch Gebotenen oder des Guten keine (erkennbare) Wahrheit gibt. Ich hatte das große Glück, als Philosophie-Lehrling Lehrer und Freunde zu finden, die mich von diesem Irrtum befreiten: Richard M. Hare (Oxford) und, einige Jahre später, mein Hare-Mitschüler Peter Singer (Melbourne & Princeton) sowie meine beiden wichtigsten deutschen Lehrer Franz von Kutschera und Wolfgang Lenzen (in meiner Lehrzeit beide in Regensburg).

Ein wohl noch grundsätzlicheres Feld für folgenreiche Fehler auch in der Philosophie hängt direkt mit dem von Euch berührten epistemischen Grundproblem der Differenz zwischen Glauben einerseits und Wissen andererseits zusammen. Und seltsamerweise bin ich da erst vor ganz kurzem (nämlich in meinem jüngsten Aufsatz Who’s Afraid of Skepticism? Zum Abstract siehe Anhang 1) auf etwas ziemlich Seltsames gestoßen: Nämlich dass gerade einige derer, die in ihrem Philosophie-Programm (Bereich: Erkenntnistheorie) die radikalsten Skeptiker sind (mit der extremen These: Es gibt keine Wahrheit bzw. Wahrheit ist, selbst wenn es sie gäbe, nie wirklich als solche erkennbar), außerhalb der Philosophie – also im so genannten echten Leben – zu den stärksten Glaubens-Fundis gehören. Nun, eine lange Story kurz gefasst: Auch philosophische Programme sind mitunter pure Propaganda. Während beim Philosophieren diesen Leuten schon die bloße logische Möglichkeit (d.h., die bloße Denkbarkeit) von nicht-p reicht für ihren (angeblichen) Zweifel daran, dass p, akzeptieren sie selbst dort, wo es sehr starke empirische Gründe für nicht-p gibt (zum Beispiel ein Gutachten von Hunderten von Physikern über den Einsturz des dritten New Yorker Turms – des WTC 7 – am 9/11), eben diese starken Gründe nicht einmal als einen schwachen Grund dafür, dass p tatsächlich falsch sein könnte. Ein Gutachten von Hunderten von Physikern zählt für diese philosophischen Skeptiker einfach sage und schreibe nichts – nichts gegenüber der offiziellen Geschichte, in der dieser Turm signifikanterweise einfach gar nicht vorkommt.

Mein Rat: Nehmt solche Leute, die das Programm P predigen, in ihrem eigenen Leben sich aber nie an P halten, einfach nicht weiter ernst. Oder besser: Habt einfach etwas Mitleid mit ihnen! (In etwa so, wie ich im besagten Skepticism-Artikel sogar mit David Hume Mitleid gezeigt habe; er hatte offenbar keine so guten Freunde wie ich. Der Arme.)

Was die derzeitige Verwendung des Begriffs „Verschwörungstheorie“ angeht, so habt Ihr dessen Hauptzweck voll erfasst. Er dient, wie Ihr treffend bemerkt, inzwischen primär „zur Abwehr des Infragestellens“ einer blind – sich gegen alle Gegenargumente selbst-immunisierenden – für wahr erklärten Position. Dieser Begriff spielt heute in der gleichen Klasse wie seine Geschwister „Terrorismus“ und „Antisemitismus“ (dazu mehr in den von Euch eingangs schon erwähnten Arbeiten von mir); es sind politische Kampfbegriffe, die nicht zum Erkenntnisgewinn eingesetzt werden, sondern zur Vernichtung opponierender Positionen – oder am besten gleich der Opponenten selbst. Was auch oft genug funktioniert.

Auch hier mein Rat: Nehmt auch diese Bedauernswerten unter unseren Mitmenschen, die mangels Argumenten auf solche kognitiv wertlosen Begriffs-Missbräuche angewiesen sind, ebenfalls einfach nicht länger ernst.

Vor allem dann nicht, wenn die gleichen Leute einerseits, was billig genug ist, über die Fake News von Trump lästern, andererseits aber in ihrem erkenntnistheoretischen Fundamentalprogramm genau die Theoriewürdigkeit dieser Fake News begründen. Ich selbst verwende das Wort „Verschwörungstheoretiker“ inzwischen als Test: Wenn dieser Begriff auch dann vorkommt, wenn keine anderen Argumente vorkommen, dann lese ich nicht mehr weiter.

Dass auch sonst kluge Kollegen derart blind sein bzw. sich eventuell derart blind stellen können, dieses Phänomen ist in der Sozialpsychologie unter dem Stichwort Kognitive Kollektive Dissonanz (KKG) doch bereits bestens bekannt. Dieses Phänomen sollte Pflicht-Thema eines jeden Uni-Einführungs-Kurses sein. Bei Philosophen und anderen Akademikern kommt dieses Phänomen typischerweise auf der so genannten Meta-Ebene vor. Im Klartext: Wir glauben eben, dass KKG nur die Anderen trifft. „Werch ein Illtum!“ (Ernst Jandl).

Zu Eurer Frage, ob’s auch in der Philosophie „falsche Gewißheits-Fiktionen“ gibt, und was ein Philosoph tun muss, um solchen Fiktionen – und wohl auch anderen Irrtümern – zu entgehen: Nun, es gibt, wie schon gesagt, in der Philosophie nichts, was es nicht gibt. Mit der einen Ausnahme: Den Königsweg, der jeden Irrtum ausschließt, den gibt es nirgendwo, also auch nicht in der Philosophie. Auch nicht in der Analytischen. Was aber kein Argument dafür ist, zum Skeptiker zu mutieren. Und dann natürlich: Hüte Dich, speziell als Philosoph, vor KKG!

Dass wir gegen die Einsicht, uns selber getäuscht zu haben, in der Regel etwas allergisch reagieren, ist zudem ganz normal. Geht es Euch anders? Mir nicht. Natürlich hätte ich mit dem, was ich für richtig halte, meist lieber recht. Mein Rat an mich selbst: Urteile über Andere nicht strenger als über Dich selbst. Wie schon gesagt: Nachsicht (Charity) ist eine philosophische Tugend.

Ich verstehe Euch aber leider nur zu gut, wenn Ihr beklagt, dass dann, wenn man sich die Freiheit des Denkens und auch des öffentlichen Aussprechens seiner Meinung tatsächlich heraus nimmt, dies mitunter zu sozialen Verwerfungen führt, dass Distanzierungen eintreten, wo vorher vielleicht sogar etwas Nähe war. Ich kenne das; ich habe diese Erfahrung oft genug selbst machen müssen. Und so kann ich Euch nur wünschen, dass auch Euch widerfahren möge, was mir in diesen Situationen am ehesten geholfen hat, nicht den Mut zu verlieren, nicht aufzugeben. Nämlich, dass eben nicht nur bisherige Freunde einem die kalte Schulter zeigen; sondern dass gerade in solchen Kontexten, in denen es wirklich um Leben und Tod geht – im wörtlichen (physischen) wie auch in dem damit engstens verbundenen sozialen Sinne –, auch neue, tiefere, und letztlich auch wertvollere Freundschaften entstehen. Nachdem ich Chomsky zu einem Vortrag in meine Ringvorlesung Deutschland / Israel / Palästina in das Leipziger Gewandhaus eingeladen hatte, wurden er und ich (siehe seine Erinnerung im Anhang 2) sofort als „Antisemiten“ bezeichnet. Einige „Freunde“ wandten sich ab. Aber unter meinen neuen Freunden waren dann: Uri Avnery, Dan Bar On, Helga Baumgarten und der unvergessliche Hajo Meyer.

12. Angenommen Du siehst Erkenntnisgewinn als ein entscheidendes Ziel. Wie schlägst Du vor vorzugehen, wenn erkennbar wird, dass Erkenntnis gar nicht gewollt ist? Einige Beispiele: Du erkennst, dass Israel ein rassistischer, krimineller Apartheid-Staat ist. Du erkennst, dass die Welt (zumindest der so genannte Westen) von einer global operierenden Mafia beherrscht wird. Du erkennst, dass das Entstehen-Lassen des Hitler-Faschismus zur Strategie des angloamerikanischen Imperiums gehörte. Du erkennst, dass die Operation 9/11 nur selbstgemacht sein kann. Und so weiter. Schlägst Du vor, den Erkenntnisprozess abzubrechen? Was ist Dein Rat? Welche Methoden gibt es, solche weltbildzerstörenden Erkenntnisse einzelnen Menschen oder gar einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln?

Nun wird’s aber heiß – und somit spannend! Schön!

Lassen wir den Streit darüber, ob’s nicht noch Wichtigeres als Erkenntnis und Wahrheit gibt – wozu wir sicher gleich in Detailfragen wie „Welche Wahrheiten worüber denn?“ einstiegen müssten – einfach mal offen (Meine Meinung kennt Ihr ja: Sicher noch wichtiger ist, dass wir, was wir als richtig erkennen, auch tun.). Dann lässt sich der heiße Rest Eurer Frage doch ganz cool wie folgt beantworten: WENN (ich betone: WENN) ein Staat ein rassistischer, krimineller Apartheid-Staat ist, und WENN (dito) die Welt von einer bekannten Mafia beherrscht wird, und WENN (dito) dies und das ein Element der angloamerikanischen imperialen Strategie ist, und WENN (wieder dito) 9/11 eine False-Flag-Operation gewesen ist, DANN … ja, was DANN?

Dann habe ich als Analytischer Philosoph mit all diesem Null Probleme. DANN müssen diese Sachverhalte den diversen WENNs zufolge eben auch als Tatsachen formuliert werden – so what? Was soll hier die Option eines Abbruchs weiterer Erkenntnisprozesse? Was soll denn ein solcher Abbruch bringen? Wo doch all diese „Tatsachen“ nach weiteren Erklärungen, nach Einbettungen in weitere Kontexte, nach Vergleichen mit historischen Parallelen etc. etc. geradezu schreien!

Bei jedem dieser WENNS geht es um FAKTEN-Fragen. Und diese nach bestem Wissen und Gewissen (also insbesondere auch nach dem jeweiligen Stand des Wissens in den zuständigen empirischen und historischen Wissenschaften) beantwortet zu bekommen bzw. auch nur beantwortet zu bekommen wollen, das darf nicht verboten werden.

Kurz: Die generelle Maxime für den Umgang mit Tatsachen-Behauptungen ist diese:

MTB: Tatsachen-Behauptungen müssen auch als solche behandelt werden.

Woraus folgt: Alle möglichen Gründe für und gegen die Wahrheit dieser Behauptungen müssen auch artikuliert werden dürfen. Und dies in der Regel auch öffentlich.

Zu Hause ist der Streit um MTB primär in der Debatte um die Grenzen der Redefreiheit. Die in dieser Debatte umstrittensten Fälle wären: Der der (generellen oder auch nur partiellen) Leugnung des Holocaust, der Leugnung des Völkermords an den Armeniern und anderer entsprechend großen Schandtaten der Menschheitsgeschichte.

Nun, Ihr werdet von mir ja wohl nicht erwarten, diesen großen MTB-Streit in diesem Mini-Interview entscheiden zu können. Aber eines scheint doch klar zu sein: Jede rechtliche Einschränkung des generellen MTB-Prinzips verlangt nach einer extrem starken Begründung. Zwei meiner philosophischen Freunde, Noam Chomsky und Peter Singer, vertreten sogar dezidiert die Auffassung, dass es solche hinreichend starken Einschränkungsgründe gar nicht geben kann bzw. nicht geben darf. Klar, dass sie schon allein deshalb zu den weltweit am meisten angegriffenen Intellektuellen gehören.

Ihr fragt mich um Rat, was m.E. zu tun wäre, wenn man merkt, dass es jemandem gar nicht auf Erkenntnis ankommt. Nun, ganz simpel nochmal: Ignoriert so jemanden einfach!

13. Vor circa 20 Jahren ist das von Dir mit Deinen beiden damaligen Assistenten Christoph Fehige und Ulla Wessels herausgegebene Buch „Der Sinn des Lebens“ (dtv) erschienen. Was ist der Kerngedanke für Dich in diesem Buch? Was die Erkenntnisse? Was hat sich in den zurückliegenden 20 Jahren geändert oder veranlasst Dich zu einer veränderten bzw. erweiterten Sicht?

Dieses Buch hat keinen Kerngedanken. Es enthält nicht eine Position, sondern eine ganze Palette von Positionen. Wir haben über 10 Jahre an diesem Buch gearbeitet. Diese Textsammlung enthält die unseres Erachtens wichtigsten und typischsten Antwortversuche aus der ganzen Menschheitsgeschichte: Von der Frühzeit bis zu uns Endzeit-Analytikern. Von den deutschen Bischöfen bis zu Woody Allen.

Mein eigener kleiner Text zu diesem Thema ist in dem Band gar nicht drin. Aber auf meiner website leicht zu finden: Das Leben eine Reise. Das war meine Antrittsvorlesung an der Uni Leipzig (1994). Da hatte ich sozusagen das Leben noch vor mir. Und so spielte bei meinen damaligen Reise=Lebens-Sinn-Überlegungen die Zukunftsperspektive, das noch vor mir liegende Leben, die erste Geige. Die jetzt eher angesagte ex-post-Perspektive wäre natürlich eine andere. Ob ich zu deren Fixierung und Reflektierung noch komme? Vielleicht. Wohl eher nicht.

Aber zunächst gibt es ja auch noch ein paar wichtigere Dinge zu klären. Zum Beispiel: Wie lässt sich in die derzeitige völlig schiefe Debatte um den Antisemitismus und Antizionismus und das unselige anti-BDS-Votum des Bundestags vom 17. Mai dieses Jahres ein bisschen mehr Klarheit bringen? Falls, was ich zunehmend bezweifle, bei solchen Fragen überhaupt noch ein echtes öffentliches Interesse an Klarheit besteht. Schief ist diese Debatte deshalb, weil ihr dank der völlig unbrauchbaren IHRA-„Arbeitsdefinition Antisemitismus“ eine wohl absichtlich auf Unklarheiten hin angelegte extrem vage Begriffsbasis zugrunde liegt. (Siehe Test „Arbeitsdefinition Antisemitismus“. Ergebnis: Mangelhaft; NRhZ 724)

Die nächste Deadline für dieses spannende Projekt steht schon fest. Die Humboldt-Universität zu Berlin hat mich für den Abend des 12. Februar 2020 zu einem öffentlichen Vortrag genau zu diesem Thema eingeladen. Auf diesen Abend freue ich mich schon jetzt. Vielleicht seid ja auch Ihr wieder dabei. Jedenfalls: Herzlich Willkommen!


Der Weise ist ein Meister in der Abstraktion
Kalligraphie von Mouneer Al Shaarani

Georg Meggle ist Analytischer Philosoph – und über sein Fach hinaus auch durch zahlreiche Philosophische Interventionen bekannt. (Dies auch der Titel seines 2011 bei mentis erschienenen Bandes.) Seine Begriffs-Interventionen zielen auf zentrale politische Kampfbegriffe ab wie zum Beispiel Nukleare Abschreckung, Humanitäre Interventionen, Kollateralschäden, Kollektive Identitäten, Terrorismus – und jüngst auch Antisemitismus versus Antizionismus. Zahlreiche seiner Stellungnahmen haben die Serie der neueren Kriege (Jugoslawien, Irak, Gaza, Jordanien, Iran und speziell den Völkermord im Jemen) im Fokus. (Für eine Auswahl siehe: Über Medien, Krieg und Terror, eBook, Heise-Verlag, 2019.) Seine Analytischen Interventionen legen die Logik der betreffenden Begriffe offen – und machen so deutlich, was an der üblichen Verwendung dieser Begriffe korrekt und was purer – mitunter auch strategisch kalkulierter – politischer Missbrauch ist.

Zur Biographie, dem Schriftenverzeichnis und den Aktivitäten von Georg Meggle siehe seine website sozphil.uni-leipzig.de [https://www.sozphil.uni-leipzig.de/cm/philosophie/mitarbeiter/georg-meggle]

Mit der Arbeiterfotografie ist Georg Meggle seit langem verbunden. 2007 – 80 Jahre, nachdem die Vereinigung der Arbeiterfotografen Deutschlands in Erfurt gegründet worden war, hielt Georg Meggle seine Laudatio auf die Arbeiterfotografie, die er mit einem dreifachen Wenn-Dann-Satz abschloss: Wenn es, erstens, richtig ist, dass das Funktionieren einer Demokratie vom Urteilspotential ihrer Bürger abhängt und dieses wiederum, zweitens vom Aufklärungspotential unserer Medien, und wenn somit, drittens, die kritische Begleitung der Medienpraxis zu den wichtigsten demokratischen Pflichten gehört, dann hätten wir uns um unsere Demokratie verdient gemacht – woran er noch anfügte: „Behaltet Euren Mut und macht weiter so!“.

Unsere Verbundenheit ist eine symmetrische. Als Georg Meggle im Rahmen eines Symposiums (anlässlich seines 75ten Geburtstages) an der Universität Salzburg die Urkunde der Ehrenpräsidentschaft der von ihm 1990 an der Akademie der Wissenschaften zu Ost-Berlin gegründeten GAP (Gesellschaft für Analytische Philosophie) verliehen wurde, haben wir die wichtigsten Momente dieses Symposiums in Bild und Ton dokumentiert:

Fotogalerie: Zwischen Realität und Fiktion – Fotografische Interventionen für den Philosophen Georg Meggle
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=26079

Filmclip: Reinhard Merkels Laudatio für Georg Meggle: Er ist eben, im Gegenteil, ein Philosoph
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=26108

Filmclip: Was hat Wert? Gedanken zur Freundschaft, Kommunikation und dem Ziel der Philosophie
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=26081

Filmclip: Marianne Manda: Glückliches Arabien – Armer Jemen
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=26162

Text der Laudatio für Prof. Georg Meggle von Reinhard Merkel
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=26083

Anhänge:

1 Abstract von Who’s Afraid of Skepticism?

Everybody is, I guess, acquainted with the famous distinction of Hume’s as to between his despairs of reasoning when being engaged in philosophical (skeptical) thinking versus his pleasures of living his normal life when playing backgammon with his friends. Most of our philosophical colleagues are taking this distinction for granted. Not me. I am not afraid of Skepticism at all. Why not? I will give you my reasons – not as an ad hominem (ad me) argument; but by arguing for the thesis that Hume’s very starting position (his famous distinction) is logically flawed. For a good (= analytical) philosopher there are no good reasons to be afraid of Skepticism.

2 Chomsky’s Eintrag in GM’s ALBUM DER FREUNDE:

Our philosophical cooperation culminated in 2005, when Georg invited me to open his Lecture Series „Germany – Israel – Palestine“. I gave a lecture on USA – Israel – Palestine at Leipzig’s Gewandhaus. My lecture and Georg’s engagement, as well as our persons, were immediately and even before the fact dubbed „antisemitic“. This gave me the opportunity to remark on the totalitarian legacy of Stalinist propaganda. Not distinguishing between the critique of a state’s policy, on the one hand, and of the people living within the respective state, on the other, is a central feature of its communicative strategy. On this and on many other occasions Georg showed himself to be a Socratic philosopher: He is not afraid to speak out – even in case of radical dissent.

Siehe auch:

Vorwort aus dem Buch „Über Medien, Krieg und Terror – Politische Reflexionen“
Viele verstehen unsere Welt nicht mehr
Von Georg Meggle
NRhZ 685 vom 05.12.2018
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25445

Was steckt wirklich hinter diesem Krieg: gewaltige Öl-Reserven
Der wahre Grund des Jemen-Kriegs?
Von Georg Meggle
NRhZ 680 vom 31.10.2018
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25341

Zweiter Versuch
Jemens Reichtum als Kriegsgrund?
Von Georg Meggle
NRhZ 682 vom 14.11.2018
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25378

Dritter Anlauf auf der Suche nach den Kriegsgründen
Der Jemenkrieg – Ein imperialer Krieg der USA?
Von Georg Meggle
NRhZ 686 vom 12.12.2018
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25469

Glaubwürdigkeit der gesamten internationalen Rechtsordnung steht zur Disposition
Zur Rolle der UN beim Völkermord im Jemen
Von Georg Meggle
NRhZ 690 vom 30.01.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25579

An den „Beauftragten der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus“
Worte können töten
Von Georg Meggle
NRhZ 714 vom 31.07.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=26095

Vortrag bei der Deutsch-Arabischen Gesellschaft (DAG), Berlin, 10.9.2018
Wer ist Antisemit?
Von Georg Meggle
NRhZ 718 vom 11.09.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=26192

Test der „Arbeitsdefinition Antisemitismus“
Ergebnis: Mangelhaft
Von Georg Meggle
NRhZ 724 vom 06.11.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=26319

Online-Flyer Nr. 724  vom 06.11.2019

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