Sicht vom Hochblauen

Evelyn Hecht-Galinski

Georges Sarre zu: Komm zurück, Voltaire, sie sind verrückt geworden

Georges Sarre reagiert auf das Gespräch mit Philippe Val, Autor von „Reviens, Voltaire, ils sont devenus fous“ (Komm zurück, Voltaire, sie sind verrückt geworden) im Express vom 23. Oktober 2008.

George Sarre

 

Als Philippe Val Kabarettsänger war, hat er mich zum Lachen gebracht; nicht immer feinsinnig, nicht immer beschwingt, nicht immer so frech wie er aussah, er hatte  aber einen ätzenden Humor, eine freie Ausdrucksweise, und manchmal sogar rührende Worte. Als Philippe Val Chefredakteur war, hat er mich zum Nachdenken gebracht; Ich habe nämlich das Prinzip der Laizität, das in meinem Gehirn fest verankert ist, infrage gestellt, indem ich mich fragte, ob die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen durch Charlie-Hebdo angebracht war oder nicht. Damals habe ich behauptet, dass Val nicht unbedingt Recht gehabt hatte aber dass man ihm nicht vorwerfen könnte, Unrecht gehabt zu haben; weil, wenn die Laizität eine Ethik der Verantwortung ist  (und deswegen wäre diese Veröffentlichung vielleicht nicht besonders angebracht gewesen), dann geht das Recht der Gotteslästerung mit der Trennung des öffentlichen Raumes und der Privatsphäre einher.

 

Aber Philippe Val als „westlicher Aktivist“ beunruhigt mich. Sein neustes Gespräch mit Christophe Barbier im Express fasst gut den intellektuellen Kurzschluss zusammen, der diese sympathische Rote Socke befallen hat, um daraus einen Anwalt des Neokonservatismus zu machen. Es ist alles gesagt, wenn Val diese Linke als „eine antieuropäische, antidemokratische und besonders antiamerikanische Linke, die die falschen Entscheidungen preist“ beschimpft. Diese Linke, liest man weiter, das ist „Chevènement und Mélenchon“. Diese Linke ist „rechts“. Warum? Weil sie „eher republikanisch als demokratisch“ ist.

 

Val steht diesbezüglich soweit „westlich“, dass er die Wörter und die Unterschiede nach den Maßstäben der politischen Landschaft der Vereinigten Staaten analysiert: die Republikaner rechts und die Demokraten links! Er ist so „westlich“, dass er kein Problem bei der demokratischen Teilung unter „Weststaatlern“ sieht: keine Besonderheit – keine sozialen Errungenschaften, keinen öffentlichen Dienst, keine Umweltfreundlichkeit, keine Erziehung zur individuellen Emanzipation – nichts also in Frankreich verdient es, laut Philippe Val, verteidigt zu werden, und diejenigen, die eine französische Sicht der sozialen Republik verteidigen, sind Schüler von „Maurras“ und nicht von Jaurès: Val dreht durch.

 

Er dreht durch, weil er die offene, internationalistische Bürgernation und die ethnische, romantische Nation vermischt. Er dreht durch, weil er vergisst, dass die Linke sich nach den Maßstäben der individuellen Emanzipation, der sozialen Gerechtigkeit charakterisiert, und nicht der „Bejahung des Wandels“ für den Wandel, also des „Aktivismus“.

 

Er dreht durch, weil er ganz bei seinem Schema ist: der Westen gegen die Islamisten, die er gern mit den Moslems und mit den Arabern in einen Topf wirft (im kurz geschlossenen Hirn des Bürgers Val kommt es nicht auf eine Vereinfachung  mehr oder weniger an). Der Kampf der Kulturen… In diesem Schema gibt es keinen Platz für Debatte über Gesellschaftsvertrag, Republik, Demokratie. Man ist für den Westen, also für Washington, für Brüssel, oder dagegen. Gerade noch räumt er ein, dass man dagegen sein kann, weil man Pro-Islamist ist oder weil man ein gestriger Konservativer, also Rechter, ist.

 

Val ist kein Linker mehr, er ist ein Westler. Es ist so, aber es ist gefährlich. Gefährlich für die Linke, die weit davon entfernt ist, wenn sie Val folgt, sich vom Sarkozysmus zu unterscheiden, höchstens formal. Gefährlich für die Welt, weil der Kamp der Kulturen eine realistische selbsterfüllende Prophezeiung werden könnte.

 

George Sarre – Donnerstag, den 23. Oktober 2008

 


 

Übersetzt von Christine Reynaud

 

http://www.georges-sarre.net/Philippe-VAL-n-est-pas-a-gauche,-il-est-a-l-ouest-!_a90.html?PHPSESSID=2051fc7e58fda05d8ed0bf435d66fa6e

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


%d Bloggern gefällt das: