Sicht vom Hochblauen

Evelyn Hecht-Galinski

Hin zur globalen Katastrophe

airstrike photo
Photo by DVIDSHUB
von Richard Falk

Deutsche Übersetzung von Dr. phil. Milena Rampoldi, ProMosaik e.V.

Es gibt zahlreiche Störsignale, die darauf hinweisen, dass der Westen im Nahen Osten und in Asien die Bedingungen für den Ausbruch eines ausgedehnteren Krieges schafft. Dieser könnte sich so ähnlich gestalten wie der Kalte Krieg, aber auch bedrohliche Gefahren für den Ausbruch des Dritten Weltkrieges in sich bergen. Die rücksichtslose Grenzkonfrontation mit Russland, die durch den Einsatz provokativer Waffen in verschiedenen NATO-Ländern und die Förderung russenfeindlicher Regime in Ländern wie der Ukraine und Georgien verstärkt wird, scheint eine gewisse Nostalgie nach dem Kalten Krieg zu zeigen und ist sicherlich der falsche Weg, um den Frieden zu wahren.

Dazu kommt der kürzliche, zunehmend kriegerische Ansatz der US-See- und Verteidigungsoffiziere bezüglich der Kosten der Auseinandersetzungen um die Inseln und die Navigationsrechte in der chinesischen Südsee. Ein solches Getue liefert alle notwendigen Zutaten zwecks Intensivierung des internationalen Konflikts und verleiht Obamas „Drehpunkt nach Asien“ eine militaristische Note.

Diese Entwicklungen spielen sich gerade während des mutmaßlichen Konfliktes gegen Obamas Präsidentschaft ab. Wenn man einen Blick auf die neue Führung wirft, so wird auch das optimistischste Szenario einer Präsidentschaft von Hillary Clinton die Vorkriegstrommeln noch lauter ertönen lassen.

Von einem distanzierteren Standpunkt aus kann man sagen, dass Obama eher friedensorientiert erscheint, nur weil die politische Führung der USA und die Beltway- bzw. Mainstremmeedien so daran gewohnt sind, sich auf militärische, egal ob erfolgreiche oder erfolglose, gefährliche und verschwenderische oder ungefährliche und kostengünstige Lösungen zu verlassen. Obama erscheint somit nur im Vergleich zu den kriegstreiberischeren Alternativen als ein Mann des Friedens.

Die derzeitige paranoide politische Atmosphäre in den USA ist ein weitere wichtige Sorge: sie fordert die Regierungsbehörde eines Überwachungs- bzw. Polizeistaates im Inland, erhöhte Waffenbudgets und die dauerhafte Militarisierung der polizeilichen und der Strafverfolgung.

Solche Schritte untermauern auch den militaristischen Umgang mit den ausländischen Herausforderungen an die US- und israelischen Interessen von Seiten des Islamischen Staates, Irans und Chinas. Man kann nicht sagen, wohin diese Art von Kriegstreiberei führen wird, aber was erschreckend klar ist, ist, dass dieses gefährliche geopolitische Draufgängertum höchstwahrscheinlich sogar noch lautstärker wird, während sich der US-Präsidentschaftswahlkampf von 2016 entfaltet.

Der republikanische Spitzenkandidat Donald Trump scheint die USA zu einem Kampf gegen den Islam verpflichtet zu haben, indem er sich der wahnsinnigen Mühe hingibt, darauf zu bestehen, dass jeder Muslim ein Terrorverdächtiger und somit ein potentieller, islamistischer Terrorist ist, der auch dementsprechend behandelt werden soll. Wäre er noch am Leben, würde sogar Samuel Huntington eine solche Befürwortung des „Kampfes der Zivilisationen“ nicht unterstützen!

Tiefe historische Wurzeln

Nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches dauerte es fast ein Jahrhundert, bis die nach dem Ersten Weltkrieg von der Friedensdiplomatie gesäte kolonialistische Ernte eingebracht wurde. Im berühmten Sykes-Picot Abkommen führten britische und französische Diplomaten geheime Verhandlungen zwecks Aufspaltung des Nahen Ostens in eine Reihe künstlich abgegrenzter Territorialstaaten, die als Kolonien von den entsprechenden europäischen Regierungen verwaltet werden sollten.

Einer der Fehler dieses trickreichen Vorhabens bestand im Verrat der Versprechungen an die arabischen Führer, nach denen Großbritannien im Besonderen die wahre Unabhängigkeit unterstützen würde, um im Gegenzug die Unterstützung der anti-osmanischen und anti-deutschen Allianz von Seiten der arabischen Führer während des Ersten Weltkrieges zu sichern. Eine solche Aufteilung der osmanischen Beute verriet nicht nur die Kriegsversprechungen einer politischen Unabhängigkeit an die arabischen Führer, sondern untergrub auch Woodrow Wilsons Bemühungen, das Prinzip der ethnischen Selbstbestimmung der Völker nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches anzuwenden.

Eines der Ergebnisse der diplomatischen Manöver war der 1919 in Versailles geschlossene Kompromiss, der die Sykes-Picot-Grenzen akzeptierte, die gezogen wurden, um die kolonialistischen Ambitionen bezüglich der Handelsstraßen und Einflussbereiche zu befriedigen. Der kolonialistische Charakter des Ganzen wurde durch die Errichtung eines internationalen Mandatssystems für den Nahen Osten, in dem London und Paris die Territorien verwalteten, ein wenig verschleiert. Man stimmte auch einer vagen Verpflichtung zu, die verschiedenen Gesellschaften zu einem noch nicht festgelegten Zeitpunkt in der Zukunft eventuell in eine politische Unabhängigkeit zu führen. Diese Sykes-Picot-Staaten waren künstliche, politische Gemeinschaften, die den einheimischen Vorrang ethnischer, stammeszugehöriger und religiöser Affinitäten nicht überwinden und nur durch oppressive Staatsstrukturen als kohärente politische Realitäten erhalten werden konnten. Hätte der Zweite Weltkrieg den europäischen kolonialistischen Willen und die kolonalistischen Fähigkeiten nicht ausgelaugt, wären die Gesellschaften des Nahen Ostens immer noch von den Mandaten unterdrückt.

Die zweite Nachkriegszeit

Ist es somit überhaupt noch verwunderlich, dass die Region von verschiedenen, autoritären Regierungsformen heimgesucht wird, nachdem die Länder des Nahen Ostens nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ihre Unabhängigkeit erlangten?

Ob nun in der Form dynastischer Monarchien oder säkularer Regierungen: die in der Region erlangte Stabilität hing von der Verneinung der Menschenrechte, inklusive der Rechte auf demokratische Parizipation, sowie vom Aufbau kleiner, privilegierter und ausbeutender Eliten, die die nationalen Märkte und Ressourcen an die globale Wirtschaftsordnung kopppelten, ab. Und als das Erdöl zur primären strategische Ressource wurde, wurde die Beherrschung der Region für den von den USA angeführten Westen absolut lebenswichtig.

Von diesen Standpunkten aus war der stabile Authoritarismus der Region so ziemlich angenehm für die verfahrene Situation des Kalten Krieges zwischen den USA und der Sowjetunion, die das Interesse verfolgte, die strategische und wirtschaftliche Partnerschaft zu gewährleisten, die die ideologischen Rivalitäten widerspiegelte. Es war in diesem Zusammenhang völlig unwichtig, ob die Menschen von missbräuchlichen und brutalen Regierungen schikaniert wurden oder nicht.

Das Festhalten der USA am Status-Quo im Nahen Osten kam schon 1980 nach der sowjetischen Intervention in Afghanistan und der iranischen Revolution von 1979 durch die Verkündung der Carter-Doktrin anschaulich zum Ausdruck.

In seiner Rede zur Lage der Nation, warnte Präsident Carter die Sowjetunion mit einem starken diplomatischen Signal, dass die USA dazu bereit waren, ihre Interessen am Persischen Golf auch mit Gewalt zu verteidigen. Wegen der mutmaßlichen Überlegenheit der sowjetischen Streitkräfte im Landkrieg klang damals die Drohung heraus, notfalls auch Atomwaffen einzusetzen.

Nach dem Kalten Krieg

Nach dem Ende des Kalten Krieges förderten die Vereinigten Staaten woimmer sie konnten und somit auch im Nahen Osten leichtfertig die Verbreitung der konstitutionellen Demokratie nach kapitalistischem Stil. Die Präsidentschaft Clinton (1992-2000) sprach von der „Ausweitung“ der demokratischen Staatengemeinschaft. Damit meinte er, dass jeglicher anderen politischen Option die Legitimitätsgrundlage fehlte (es sei denn, es handelte sich um einen wohlgesinnten Erdölproduzenten oder strategischen Verbündeten).

Die neukonservative Präsidentschaft George W. Bush (2000-2008) mit ihrer Neigung zum Interventionismus berief sich auf das Ziel der „Demokratieförderung“. 2002 wurde es in ihrer offiziellen Formulierung der Sicherheitsdoktrin klar, dass einzig und allein die kapitalistischen Demokratien legitime, westfälische Staaten waren, deren Souveräntitätsrechte auch Respekt verdienten.

Diese Art von lautstarkem Militarismus erreichte nach dem 11. September 2001 einen neuen Höhepunkt.

Das Weiße Haus hoffte scheinbar auf die Einleitung einer Reihe von Interventionen im Nahen Osten und in Asien zwecks Regimeumwälzung, um mit minimalem Aufwand Musterbeispiele von Befreiung und Demokratisierung zu statuieren, sowie die Erdölreserven des Golfs zu sichern und Militärbasen zu errichten, um seine regionalen Zielsetzungen zu untermauern.

Die Angriffe gegen Afghanistan und im Besonderen gegen den Irak waren die bekanntesten Anwendungen dieses missgeleiteten Ansatzes. Anstatt der „Demokratie“ (das Kodewort aus Washington für die Einführung in seine Version der neoliberalen Globalisierung) kam es zu Bürgerkriegen und Chaos und zum Zusammenbruch der stabilen internen Regierung. Der starke Staat, der vor der Intervention bestand, machte den örtlichen Milzen und aufständischen Stammes-, Clan- und religiösen Rivalitäten Platz und führte die einheimischen Bevölkerungen dazu, sich trotz deren Brutalität und Korruption die Rückkehr zur relativen Stabilität der vorherigen autoritären Anordnungen zu wünschen.

Und sogar in Washington trifft man auf zugeflüsterte Annahmen, nach denen der Irak am Ende unter Saddam Hussein besser gewesen war als diese Ar sektarischer und spaltender Führer, die das Land seit Beginn der US-Besatzung im Jahre 2003 regierten und aufgrund derer dem Irak nun eine Implosion droht, die mindestens zu zwei Staaten führen wird, die den derzeitigen zerrütteten Staat ersetzen werden.

Der Arabische Frühling

2011 kam der Arabische Frühling, der zu einer schwierigen Spannung zwischen dem angeblichen Wunsch Washingtons, die Demokratie in der arabischen Welt aufzubauen, und der übergeordneten Verpflichtung, die eigenen strategischen Interessen im Nahen Osten zu wahren, führte. Zu Beginn reagierte der Westen ambilalent auf die Unruhen in der arabischen Welt und wusste nicht, ob er diese anti-autoritären Bewegungen der arabischen Massen zuerst willkommen heißen und dann versuchen sollte, sie zu bändigen, oder die Gefahren neuer Eliten in Kauf nehmen sollte, die sich höchstwahrscheinlich vom neoliberalen Kapitalismus und den strategischen Partnerschaften abwenden würden und im schlimmsten Falle dazu neigen könnten, Israel herauszufordern.

Die Ereignisse der darauffolgenden Jahre beendeten diese Ambiguität und bestätigten, dass materielle und ideologische Interessen gegenüber den visionären Vermerken zur arabischen Demokratie Vorrang hatten.

Die entstandete Lage wies darauf hin, dass weder die inländische Lage noch der internationale Kontext mit dem Vorhandensein demokratischer Regierungsformen vereinbar waren. Es überrascht demzufolge nicht, dass eine Reihe weiterer militärischer Interventionen und strategischer Konfrontationen entweder über die NATO wie in Libyen oder über ihre regionalen Partner wie Saudi Arabien, Katar und die Vereinten Arabischen Emirate im Iran, in Syrien, Bahrein und im Jemen folgte.

In Washington wurden wenige Tränen vergossen, als die authentischen und vielversprechenden Anfänge der Demokratie in Ägypten, die die Welt nach den Ereignissen auf dem Tahrir Platz 2011 so begeistert hatten, nach zwei Jahren von einem populistischen Militärputsch niedergeschlagen wurden, der den Autoritarismus der Mubarak-Ära wiederherstellte, indem er seine schlimmsten Aspekte betonte.

Was dann die Rache der städtischen, säkularen Elite von Kairo ausmachte, war u.a. eine natürliche Verbindung zwischen einer neuen Mehrheit des ägyptischen Volkes und seinen Streitkräften in einem blutigen Kampf zwecks Herausforderung und Zerstörung der Muslimbruderschaft, die nach verschiedenen Wahlsiegen die Kontrolle über die Regierung übernommen hatte.

Trotz ihres angeblichen Liberalismus spielte die Führung Obama mit diesen Entwicklungen mit. Sie verpflichtete sich der neuen Sisi-Führung, indem sie den Begriff „Putsch“ vermied, obwohl der militärischen Übernahme eine blutige Repression der gewählten Führung und der Führung der Zivilgesellschaft folgte.

Dieser orwellsche bildliche Ausdruck des Verzichts, einen Putsch beim Namen zu nennen, versetzte die USA in die Lage, Ägypten weiterhin militärisch zu unterstützen, ohne eine neue Genehmigung vom Kongress einzuholen.

Ein Volksweisheit aus der arabischen Welt verschafft Einblick in das Spiel der Gegenrevolution, die die Hoffnungen des Volkes von 2011 zerschmetterte: „Die Völker ziehen 100 Jahre Tyrannei einem einzigen Jahr Chaos vor.“

Und diese Art von Priorität wird von den meisten Gestaltern und Verwaltern der US-Außenpolitik geteilt. Genauso wie die arabischen Massen bevorzugen auch die Planer des Pentagon die Stabilität des Autoritarismus gegenüber der anarchistischen Unsicherheiten des ethnischen und stammeszugehörigen Wettstreits, den Milizformen der Regierung, die so oft entstehen, wenn sei es die Diktaur als auch die Demokratie als Regierungsformen scheitern.

Und die Business- und Finanzchefs arbeiten, abgesehen von den Verlockungen der Märkte nach dem Konflikt für den Wiederaufbau der militärisch zerstörten Strukturen, lieber mit verlässlichen und vertrauten nationalen Eliten zusammen, die ausländischs Kapital zu lukrativen Konditionen willkommen heißen und wo sei es In- als auch Ausländer gleichermaßen profitieren, während die Massen unter Bedingungen mittelloser Knechtschaft leben.

In vielfacher Hinsicht zeigen die Beispiele von Syrien und dem Irak die fürchterlichen, menschlichen Tragödien, die die Völker dieser beiden Länder heimgesucht haben. In Syrien wurde der Volkswiderstand von 2011 vom Regime von Basher el-Assad in Damaskus brutal niedergeschlagen und führte zu einer Reihe katastrophaler Interventionen auf beiden Seiten der beiden Fronten des ausgebrochenen Bürgerkrieges. Saudi Arabien und Iran begannen einen Stellvertreterkrieg auf syrischem Boden, während Israel seine diplomatische Macht nutzt, um dafür zu sorgen, dass der ungelöste Krieg so lange wie möglich anhält, da Tel Aviv, sich weder einen klaren Sieg des Regimes noch seiner Gegenspieler wünscht.

Während dieses Kampfes intervenierten Russland, die Türkei und die USA mit einer verwirrenden Mischung gemeinsamer und widersprüchlicher Zielsetzungen, von der regierungsfreundlichen Stabilisierung bis hin zu einer Varietät von Szenarien mit einer Regimeänderung. Diese externen Akteure haben unterschiedliche Auffassungen von den kurdischen Kämpfern, die entweder als begehrte Verbündete oder als gefährliche Widersacher gesehen werden.

In diesem Prozess haben mehrere Hunderttausende Syrer ihr Leben gelassen. Fast die Hälfte der Bevölkerung ist zu Flüchtlingen und international vertriebenen Menschen geworden. Der Großteil des Landes und seine Stätten altertümlichen Erbes sind vollkommen zerstört. Und ein konkretes Ende der Gewalt und der Zerstörung ist nicht in Sicht.

Die Erfahrung im Irak ist nur zum Teil besser.

Nach 12 Jahren Strafsanktionen nach dem Waffenstillstand von 1991, die die Zivilbevölkerung ungemein belasteten und der Schock- und Einschüchterungskampagne der US/UK-Angriffe, begann eine Besatzung, durch die das Land seinen grausamen und repressiven Diktator Saddam Hussein und sein Umfeld loswurde.

Was auf der politischen Ebene folgte, wurde mit der Zeit tief ernüchternd und ist derzeitig sogar schlimmer als das gestürzte Regime, was zu Beginn der US-angeführten Besatzung kaum denkbar gewesen war. Der irakische Staat war sektarischen Linien entlang neu aufgebaut worden, indem man die Eliten der sunnitischen Minderheit aus der Bürokratie und den Streitkräften in Baghdad verdrängte und auf diese Weise eine weit verbreitete interne gewaltige Opposition gegen die ausländische Besatzung verursachte und auch eine Widerstandsbewegung gegen die irakische Führung aufbaute, die dank der amerikanischen Präsenz an Macht gewonnen hatte.

Diese Kombination zwischen Aufstand und Widerstand verursachte auch verbreitete Gefühle von Erniedriung und Entfremdung, die sich als die Ursachen für das Aufkommen des jihadistischen Extremismus, zuerst in Form von al-Qaida und dann als Islamischer Staat im Irak, erwiesen.

Eine toxische geopolitische Lage

Es ist unmöglich, einen solchen katastrophalen Misserfolg des militärischen Interventionismus zu verstehen und zu erklären, ohne die Auswirkungen der beiden besonderen toxischen Beziehungen der USA mit Israel und Saudi Arabien zu berücksichtigen.

Das Hauptmerkmal solcher besonderer Beziehungen ist eine bedingungslose Partnerschaft, in der Israelis und Saudi tun können, was sie wollen. Sie können sich sogar politisch gegen die US-Interessen entscheiden, ohne deshalb auf jeglichen bedeutungsvollen Widerstand von Seiten Washingtons oder Europas zu stoßen.

Dieser Bereich der Ermessungsfreiheit hat Israel ermöglicht, den Palästinensern den Weg zur Selbstbestimmung zu versperren, während Israel seine territorialen Ambitionen verfolgt, indem es seine Siedlungen in den besetzten palästinensischen Gebieten immer mehr ausweitet. Auf diese Weise entstehen in den Völkern der gesamten arabischen Welt antiwestliche Rührseligkeiten aufgrund dieser dauernden Abhängigkeit von einem grausamen, kolonialistischen Siedleransatz, der seit sieben Jahrzehnten den palästinensischen Kampf um wesentliche und mindeste nationale Rechte vereitelt.

Die besondere Beziehung zu Saudi Arabien ist sogar noch verwunderlicher, bis man nicht den Vorrang der wirtschaftlich-strategischen Prioritäten berücksichtigt und in dieser Hinsicht im Besonderen die Bedeutung des zu erschwinglichen Preisen gelieferten Erdöls erfasst. Obwohl Saudi Arabien die absolut schlechteste Menschenrechtsbilanz in der Region aufweist und gerichtlich erlassene Enthauptungen und Hinrichtungen durch Steinigung häufig sind, werden die Mitglieder der Führung in Riyadh in den westlichen Hauptstädten weiterhin warmherzig als Verbündete und Freunde empfangen. Gleichzeitig wird das ebenso theokratische Iran heuchlerisch scharf kritisiert und international bestraft, um die um vieles geringeren Verstöße der Regierung zu rächen.

Wenn man das Ganze natürlich von einer anderen Perspektive aus betrachtet, so ist das in der zynischen Führung der opportunistischen Geopolitik zu erwarten, aber die Rolle der Saudis in der weltweiten Förderung des Jihadismus zu tolerieren und gleichzeitig Billionen in die Terrorbekämpfung zu stecken, ist viel schwieriger zu ergründen, bis man die Aufmerksamkeit nicht von der Titelstory der Terrorbekämpfung auf das aufschlussreichere Narrativ der Petropolitik richtet. Trotz der Entdeckungen von Frack- und Erdgas, die die westliche Abhängigkeit vom Erdöl aus dem Nahen Osten vermindern, bleiben die alten kapitalistischen Gewohnheiten auch noch bestehen, wenn ihre wirtschaftlichen Begründungen bereits hinfällig sind. Das ist offensichtlich auch wahr, wenn solche politische Orientierungen lebensgefährlich werden und finanzielle Lasten darstellen.

Kein Schimmer Hoffnung?

Unter solchen Umständen ist es schwierig, im derzeitigen Kosmodrama der Weltpolitik einen Schimmer Hoffnung zu sehen.

Es ist möglich, wenn auch unwahrscheinlich, dass sich die geopolitische Vernunft durchsetzen wird, um eine diplomatische Formel zu finden, um der Gewalt in Syrien und im Jemen ein Ende zu bereiten, sowie die Beziehungen zum Iran zu normalisieren, die Ordnung im Irak und Libyen wiederherzustellen, obwohl so spürbare Auswirkungen auf zahlreiche Hindernisse stoßen und wahrscheinlich in Jahren Entfernung liegen.

Die Alternativen für den Nahen Osten in der nahen Zukunft gestalten sich offensichtlich, abgesehen vom politischen Wunder eines revolutionäreren und emanzipatorischeren zweiten Arabischen Frühlings, im Bereich der autoritären Stabilität oder des anarchistischen Unfriedens und Chaos, was absolut vorzuziehen ist, wenn die Alternative im tiefen Trauma besteht, das mit den konstanten amerikanischen militärischen Interventionen verbunden ist.

Wenn man die Republikaner hört, die ihre Vorschriften machen, um den Nahen Osten in Ordnung zu bringen, läuft man auf große Zähigkeit hinaus, einschließlich der beängstigenden Vorschläge einer Flächenbombardierung und einer viel breiter gefächerten amerikanischen, militärischen Präsenz.

Sogar die vernünftigsten Demokraten beschränken ihre Vorschläge auf den wachsenden Militarismus. Sie erhoffen sich dadurch, die arabischen Ländern dazu zu bringen, Soldaten zu entsenden. Sie sorgen sich weder um den Ausbruch eines regionalen Krieges noch um einen einfallsreichen Zerfall, der den Krieg als einziges Friedensrezept sieht. Dies ist ein erneuter Hinweis auf das Niveau, auf dem die orwellsche satirische Ironie als zuverlässige Grundlage dient, um außenpolitische Bestimmungen durch ehrgeizige Politiker zu gestalten.

Eine ideenreiche Diplomatie, der Dialog und das Zuhören in der Beziehung zum Feind und die Ausübung von Selbstritik bleiben außerhalb des Stahlgusskäfiges der militaristischen Mentalität, die seit langer Zeit den Großteil des politischen Raums der Debatten der US-Außenpolitik beherrscht hat und dabei von den passiv-aggressiven Mainstreammedien unterstützt wurde.

In dieser Hinsicht ist die amerikanische Demokratie eine zerrissene Realität, und verantwortungsbewusste Bürger müssen woanders hinsehen, denn ein Gefängnisausbruch der politischen Imagination ist schon lange fällig.

Richard Falk ist ein amerikanischer Emeritus-Professor für internationales Recht an der Princeton Universität. Er hat gerade ein sechsjähriges Mandat als Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen über die Menschenrechte in Palästina hinter sich. Falk ist Partner der Transnational Foundation for Future Research, wo das Original des vorliegenden Essays veröffentlicht wurde.  

1 Kommentar zu Hin zur globalen Katastrophe

  1. -Und als das Erdöl zur primären strategische Ressource wurde, wurde die Beherrschung der Region für den von den USA angeführten Westen absolut lebenswichtig.-

    Bereits im ersten Weltkrieg spielten das Erdöl und der Zugang zu den Erdölquellen auch für die deutsche Politik eine Rolle. Schon damals stand die Destabilisierung Russlands auf der Tagesordnung.

    Volck schreibt in seinem Buch „Öl und Mohammed“ 6. – 10. Tausend 1938:
    Mitten im russischen Zusammenbruch treibt Ludendorff 1917 die deutschen Heere durch Südrußland, schiebt sie ans Schwarze Meer heran.
    https://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=2&cad=rja&uact=8&ved=0ahUKEwjqqcCvwprKAhVFOxQKHd6cDtwQFggqMAE&url=http%3A%2F%2Fwww.literaturundwirtschaft.de%2Ffileadmin%2Fluw%2Fpdf%2FArchiv_2002-11.pdf&usg=AFQjCNH1AH9xDuHh13Vq5QmS6eBeRK-W8g

    In „Zum wilden Aufstande entflammen“ Inaugural-Dissertation: Salvador Oberhaus
    heißt es in der Einleitung:
    Dass Deutschland vor 90 Jahren diesen angeblichen islamischen Fanatismus für seine Bedürfnisse im Ersten Weltkrieg auszunutzen versuchte, ist in der
    veröffentlichten Meinung ebenso wenig ein Thema, wie es im öffentlichen Bewusstsein
    kaum eine Rolle spielt, dass die deutsche Regierung zwischen 1914 und
    1916 die Kooperation mit muslimischen Staatsmännern, Stammesführern und
    religiösen Würdenträgern suchte, um die islamischen Gebiete zu revolutionieren,
    die von den Staaten der Entente in kolonialer Abhängigkeit gehalten wurden.“
    https://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&cad=rja&uact=8&ved=0ahUKEwiktt_g3JrKAhUGKA8KHQaWBssQFggkMAA&url=http%3A%2F%2Fdocserv.uni-duesseldorf.de%2Fservlets%2FDerivateServlet%2FDerivate-3695&usg=AFQjCNGFEzCZu8a9USKFqePjQ9RQeBKqZw

    Zur Rolle der Ölmultis am Beispiel
    Shell (Detering) im „dritten Reich“ Wikipedia
    Finanzielle Unterstützung des Nationalsozialismus
    dass Deterding schon 1921 von Adolf Hitler beeindruckt gewesen sei und ihm in jenen Tagen durch den Agenten Georg Bell 4 Mio. Niederländische Gulden gespendet habe. 1937 spendete er Hitler 10 Millionen Gulden und dem Winterhilfswerk des Deutschen Volkes 40 Millionen Reichsmark Deterding unterstützte finanziell die deutschen Freikorps im Osten und bewaffnete Aufstände in der Sowjetunion.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Henri_Deterding

    Da sollten wir nicht mehr über irgendwelche arabischen Frühlinge oder Demokratiebewegungen
    irgendwo sprechen. Reden wir doch nur noch über Öl und Gas.

    Z.Bsp. „Elf Aquitaine und die Politik“
    Elf bot den gaullistischen Präsidenten die ideale Tarnung und die finanziellen Ressourcen für politische und militärische Operationen in französischen Interessengebieten in Afrika. Die Vorstände des Ölkonzerns betrachteten die gaullistischen Machthaber als ihre einzigen legitimen Herren und erwarteten deren Rückkehr zur Macht. Dabei finanzierten sie sogar Versuche, die Autorität des nichtgaullistischen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing zu schwächen. Elf bestimmte und entfernte Politiker in Gabun, Kamerun, Angola und im Kongo und dehnt seinen Einfluss in das ganze frankophone Afrika aus.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Elf_Aquitaine

    ENI

    FAZ vom 30.08.2015
    Ägyptische Hoheitsgewässer
    Größtes Gasvorkommen des Mittelmeeres entdeckt“
    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/eni-konzern-groesstes-gasvorkommen-des-mittelmeeres-entdeckt-13776744.html

    Nachrichten für Südtirol 9. März 2011
    Der libysche Staatsfonds LIA hält einen einprozentigen Anteil am mächtigen italienischen Energiekonzern, der 28 Mrd. Euro in Libyen investieren wollte. Eni generierte bisher 13 Prozent seines Umsatzes in Libyen“.
    http://www.stol.it/Artikel/Wirtschaft/UniCredit-Eni-und-Fiat-raetseln-um-Zukunft-ihrer-Libyen-Beteiligungen

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