Sicht vom Hochblauen

Evelyn Hecht-Galinski

„Israels fatale Ausgrenzung“

Anbei noch die sehr gute Replik von Kurt Wyss auf den Artikel „Einseitige Kritiker – Israels fatale Ausgrenzung“ von Ulrich Schmid in der NZZ (Meinungen & Debatte) am 19. Januar (http://www.nzz.ch/meinung/kommentare/israels-fatale-ausgrenzung-ld.4293), die Sie auch in ihrem Vortrag in Aarau erwähnt haben.

Die NZZ hat diese Replik abgelehnt, was nicht verwundert, seit Eric Gujer – ein erklärter Israel-Fan – Chefredaktor ist. Kurt Wyss hat ausdrücklich erlaubt, dass man die Replik weiterverbreiten darf. – zugesendet von Jürgen Barben – herzlichen Dank!

 

Der im Titel erwähnte Beitrag Ihres Nahost-Korrespondenten Ulrich Schmid in der Rubrik “Meinung & Debatte vom 19. Januar 2016 darf aus verschiedenen Gründen nicht unerwidert bleiben.
Klar, es gibt eine immer heftiger werdende Kritik in der europäischen Zivilgesellschaft an Israel, die die verschiedensten Formen annehmen kann. Dass die Israelis diese Kritik als teilweise krass übertrieben empfinden, schildert der Autor mit viel Empathie. Dabei geht leicht vergessen, dass das gleiche Israel in seiner Anfangsphase in Europa – wohl nicht zuletzt auch als Zeichen der Sühne für die an den Juden begangenen Nazi-Gräuel – auf ausserordentlich hohe Zustimmungsraten zählen konnte. Das zionistische Narrativ von der Neuauflage der biblische Auseinandersetzung des tapferen David mit dem arabischen Goliath wurde kritiklos übernommen. In unserem Land war die Begeisterung für den jüdischen Staat besonders ausgeprägt, weil das kleine Israel und seine Armee – auch für die offizielle Schweiz – geradezu Vorbildcharakter genoss. So etwa, wie man sich zur Zeit des Kalten Krieges, als das die Araber unterstützende Böse sowieso aus dem Osten kam, gegen einen übermächtigen Gegner erfolgreich zur Wehr setzen konnte. Die palästinensische Anschlagsserie auf Swissair-Flugzeuge, die unser Land 1970 schwer heimsuchte, war wohl nicht zuletzt auf die einseitige pro-israelische Stellungnahme der neutralen Schweiz zurückzuführen.

Israel wird nicht müde, immer wieder den palästinensischen Terror anzuprangern. Es waren aber – wie man heute weiss – nicht etwa palästinensische Widerstandskämpfer, sondern jüdische Untergrundorganisationen, die bereits vor der 1948 erfolgten Staatsgründung Israels erstmals den Terror im grossen Massstab im Nahen Osten eingeführt hatten: Es gab mindestens 32 politisch gewollte Massaker, um die alteingesessene palästinensische Bevölkerung zu vertreiben (heute würde man von ethnischer Säuberung sprechen), eine Vielzahl von Dörfern wurde zerstört, der bis heute andauernde Landraub setzte ein. Und David Ben Gurion, der spätere Gründervater und nachmalige erste israelische Ministerpräsident, verkündete schon 1937: „Wenn ich ein Araber wäre, würde ich noch heftiger, noch bitterer und verzweifelter gegen die Einwanderung rebellieren, die eines Tages Palästina und alle seine arabischen Einwohner unter jüdische Herrschaft stellen wird.“
Trotz dieser in kleinem Kreis gemachten Aussage schürte Ben Gurion in der Öffentlichkeit bewusst die Bedrohungs- und Existenzängste seiner Bevölkerung und verkündete unablässig, dass Israel von einem „zweiten Holocaust“ bedroht sei. Israel braucht ständig Feindbilder, um das Volk zum Mitmachen zu bringen. Dieses an totalitäre Verhaltensmuster erinnernde Vorgehen wird bis zum heutigen Tag befolgt: Der gegenwärtige Ministerpräsident Netanjahu ist geradezu ein Meister der manipulierten Panikmache.

Es ist ein unumstösslicher Glaubenssatz der zionistischen Ideologie, dass die Juden und speziell die israelischen Juden die „ewigen Opfer“ einer gegen sie feindselig eingestellten Welt seien. Diese Opfer-Mentalität und –Ideologie führt automatisch zur Unmöglichkeit, andere als Opfer anzuerkennnen. So müssen die israelischen Politiker und ihre indoktrinierten Mitbürger verdrängen, was sie in Jahrzehnten den Palästinensern an furchtbarem Unrecht angetan haben. Die sich gegen Demütigung und Unterdrückung wehrenden Palästinenser werden kurzerhand als „Nazis“ und als tierähnliche Wesen dämonisiert, die je nach Bedarf zum Abschuss freigegeben werden können. Will das zionistische Israel mit sich im Reinen bleiben, kann die eigene Schuld an den Palästinensern nicht eingestanden werden. Daraus ergibt sich auch die Unfähigkeit zu einem allseits tragfähigen Frieden. Verschiedene Friedensvorschläge sind denn auch schubladisiert worden. Dabei weiss das offizielle Israel genau, dass selbst die Verantwortlichen der Hamas – die Organisation wird vom Autor als „mörderisch, undemokratisch, homophob“ eingestuft – mehrheitlich mit einem palästinensischen Staat in den Grenzen von vor dem Sechstagekrieg von 1967 einverstanden sind, von dem auch die Staatengemeinschaft ausgeht. Stattdessen wird die zur Terrororganisation erklärte Hamas, die nur die Vernichtung Israels zum Ziel habe, in regelmässigen Abständen militärisch in die Schranken gewiesen, worunter vor allem die Zivilbevölkerung enorm zu leiden hat. In Befolgung des zionistischen Projekts wird auch die gewaltsame siedlerkolonialistische Politik auf palästinensischem Boden stetig vorangetrieben. Die in Unnachgiebigkeit und Selbstgefälligkeit erstarrte israelische Gesellschaft ist dem Kult militärischer Stärke und Gewalt verfallen und erachtet diese fundamentalistische Grundhaltung für die einzig richtige und angemessene Vorgehensweise.

Das ist der Hauptgrund für den Wegfall des ursprünglichen Wohlwollens in weiten Bevölkerungskreisen des Westens sowie für „Israels fatale Ausgrenzung“, was sich das Land mit seiner kompromisslos-feindseligen Politik den Palästinensern gegenüber weitgehend selber zuzuschreiben hat. Auch wenn die gut geölte Desinformationsmaschinerie den angeblich bedrohlich angestiegenen Antisemitismus gerne dafür verantwortlich machen möchte.
Diese Grundstimmung in der europäischen Zivilbevölkerung findet noch kaum eine Entsprechung in westlichen Regierungskreisen, wo man sich bisher mit Rufen nach einer nachhaltigen Regelung des Konflikts begnügt hat, die jeweils ungehört verhallten. Der Zeitpunkt wäre überfällig, den Druck des Westens zu erhöhen. Das hat nichts mit einer „Delegitimierung“ Israels sowie einer Untergrabung seines Existenzrechts zu tun.

Im Falle Südafrikas wurde das Apartheid-System als Folge der Sanktionspolitik aufgehoben. Im Falle Israels können sich seine jüdischen Bewohner laut dem israelischen Journalisten Gideon Levy schamlos und ohne Schuldbewusstsein als „nationalistische Rassisten“ definieren und sich zu einem Apartheidstaat bekennen, ohne negative Folgen befürchten zu müssen. Das ist die weltweit einzigartige „Sonderbehandlung Israels“ – sicher nicht in dem vom Autor gewünschten Sinne! Solange man im Westen wie bisher von staatlicher Seite von Gerechtigkeit spricht und die Bevorzugung Israels meint, solange muss sich das blutige Szenario immer wieder von neuem abspielen: Die Militärmaschinerie des jüdischen Staates kann von Zeit zu Zeit das als bedrohlich empfundene palästinensische und arabische Gegenüber mitsamt seiner Bevölkerungsbasis straflos in die Unterwerfung schlagen und schafft so eine trügerische Ruhe, womit die Israelis durchaus leben können. Dieser Staat ist eben nicht der „Winzling“, wie Ulrich Schmid meint, sondern er verfügt über die stärkste Armee im Nahen Osten sowie einen wirkungsvollen Repressionsapparat und er ist erst noch im Besitz von Atomwaffen. Im Schutze der amerikanischen Supermacht beeinflusst er direkt und indirekt die Geschehnisse der Region.
Es ist gerade die offizielle Tolerierung all dieser Abläufe durch die westlichen Regierungen, die den Unwillen in der europäischen Zivilbevölkerung wachsen lässt, weil im Falle Israels – der selbsternannten „einzigen Demokratie des Nahen Ostens“ mit der „moralischsten Armee der Welt“ – im Unterschied zu allen anderen renitenten Staaten laufend zweierlei Massstäbe zur Anwendung kommen. Die deutsch-jüdische Friedensaktivistin Evelyn Hecht-Galinski gibt einer Veröffentlichung denn auch den Titel „Das Elfte Gebot: Israel darf alles“. Man könnte noch ein zwölftes Gebot anfügen: „Israel hat immer Recht“.

Kurt O. Wyss
a. Botschafter, Bern

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