Sicht vom Hochblauen

Evelyn Hecht-Galinski

Kriegserklärung an die Palästinenser und der vermeintliche Antisemitismus – Gespräch mit Evelyn Hecht-Galinski

Interview vom 05. Juni 2011 in der Freiheitsliebe

Die Debatte über Kritik an Israel, ausgelöst durch einen rassistischen Artikel auf der Homepage der Linksjugend/solid in Duisburg und das von uns veröffentlichte Interview mit Hermann Dierkes, haben uns dazu veranlasst mit Frau Evelyn Hecht-Galinski zu reden. Sie ist Publizistin und die Tochter des 1992 verstorbenen Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland, dessen Lebensmotto: „Ich habe Auschwitz nicht überlebt, um zu neuem Unrecht zu schweigen“ auch für ihr  Leben und Handeln von großer Bedeutung ist!

Die Freiheitsliebe: Evelyn, du setzt dich schon seit einer langen Zeit für eine Lösung des Nahost-Konfliktes ein. Wie kommt es, dass du dich in, solchem Maße für eine Lösung dieses Konfliktes engagierst?

Evelyn Hecht-Galinski: Schon sehr frühzeitig störte mich anlässlich verschiedener Israel-Besuche die Arroganz der Israelis, die mit tiefer Ver- und Missachtung auf die palästinensischen Nachbarn/Unterdrückten herabsahen. Als ich mich dann aus vielen Büchern und unabhängigen Quellen weiterbildete, fiel es mir wie Schuppen von den Augen, welcher verlogenen Ideologisierung und Mystifizierung und Verzerrung der Geschichte ich durch die israelische Propaganda erlegen war. Ich hatte es satt, als deutsche Jüdin von Israel vertreten zu werden. Israel spricht nicht im Namen aller Juden. Aus diesem Grund, unter vielen anderen, muss mich dieser Palästina-Konflikt einfach besonders angehen.

Die Freiheitsliebe: Wie genau zeigt sich denn die Verachtung von Teilen der israelischen Bevölkerung gegenüber den Palästinenser und den israelischen Arabern?

Evelyn Hecht-Galinski: Durch das Wählen und der somit breiten Unterstützung der israelischen Regierungen,  macht sich die Bevölkerung seit Jahrzehnten mitschuldig! Das es dieser “einzigen Demokratie im Nahen Osten” gelungen ist, ein Apartheid System aufzubauen, dass seinesgleichen in der Welt sucht und die palästinensischen Bürger Israels als Menschen “2. Klasse” behandelt. Israel ist also, wenn überhaupt nur eine Ethnokratie, also eine Demokratie nur für die jüdischen Bürger. In diesem Zusammenhang möchte ich ausdrücklich das Buch des israelischen Historikers Prof. Ilan Pappe empfehlen “Die ethnische Säuberung Palästinas”, das die Vorgeschichte und Gründung des Staates Israel historisch genau schildert und im  Gegensatz zu den Unwahrheiten und Mythen steht!

Die Freiheitsliebe: Welche Rechte haben denn die palästinensischen Bürger innerhalb Israels nicht, dass man diese als Bürger 2ter Klasse bezeichnen kann?

Evelyn Hecht-Galinski: Israel definiert sich als jüdischer  Staat, d.h. damit werden die palästinensischen Bürger nicht als gleichwertig, betrachtet, sondern als 5. Kolonne, Eindringling und Fremdkörper und damit ausgegrenzt. Die israelischen Palästinenser, also die sogenannten “48er” kämpfen um die Gleichberechtigung und die Anerkennung als nationale Minderheit, das erscheint mir allerdings ausweglos. Stattdessen wird in israelischen Schulbüchern weiterhin die “Erbärmlichkeit” der Araber gelehrt. Übrigens gibt es  im offiziellen Sprachgebrauch, immer Araber anstatt Palästinenser, auch das von Anbeginn eine Diskriminierung im sprachlichen und anderem Denken, eine unter vielen anderen propagandistisch falschen Parolen! Auch die Nakba wird von Israel negiert und die Erinnerung und das Gedenken, wurde gerade eben per Gesetz unter Strafe gestellt. Auch haben die israelischen Palästinenser kein freies Niederlassungs-, Wohn- und Kaufrecht, für Grundstücke, Häuser, oder Wohnungen, nein man ruft sogar dazu auf, “nicht an Araber zu vermieten.”
Auch werden sie im Gegensatz zu den jüdischen Israelis von der Polizei weitaus stärker drangsaliert, als Staatsfeinde und Terroristen betrachtet und auch vor Gericht verurteilt man sie ungleich stärker. Man ruft offen zur Judaisierung Israels auf und betreibt diese in erschreckender Weise auch täglich. Auch aus diesem Grund das Beharren auf der Anerkennung als jüdischem Staat. Rabbiner rufen schamlos dazu auf, Palästinenser zu töten, auch ihre Babies und ihr Vieh. Ebenfalls werden die israelisch-palästinensischen Knesset Abgeordneten diskriminiert, man will von ihnen  als Loyalitätsbeweis die Anerkennung des jüdischen Staates fordern und am liebsten ihre Parteien verbieten. Auch die israelische Armee zeichnet sich durch Gnadenlosigkeit gegenüber den Palästinensern aus. Durch die rassistisch-faschistische Regierung Netanjahu-Lieberman hat sich die Situation nochmals zugespitzt, obwohl die Vor-Regierung, Olmert-Livni, auch nicht besser war und den Gaza Angriff startete. Aber im Grunde ist es völlig egal, ob Likud, Beitenu, Arbeitspartei, oder Kadima, das sind nur Nuancen, sie ziehen alle an einem Strang, gegen die Palästinenser. Der Rassismus ist in ganz “Groß-Israel” verankert.

Die Freiheitsliebe: Du sprichst von den verschiedenen Parteien in Israel und den geringen Unterschieden. Gibt es dort denn keine Partei, die wirklich den gerechten Frieden unterstützt?

Evelyn Hecht-Galinski: Ich sehe in der Tat keine israelische Partei, die einen wirklich gerechten Frieden  unterstützt. Da bleibt nach meiner Meinung nur die einzige palästinensische Israelin, Abgeordnete der Knesset, nämlich Haneen Zoubi, die auch die einzige Knesset Abgeordnete war, die an der Gaza Hilfsflotte im letzten Jahr teilnahm. Seitdem wird sie übrigens  von jüdischen Israelis innerhalb und außerhalb der Knesset mit Hass verfolgt. Es bleiben also nur noch israelische Friedensaktivisten und Menschenrechtsorganisationen übrig, die ich für unterstützenswert halte.

Die Freiheitsliebe: Wie stehst du denn zur Balad-Partei, der Partei der Hanen Soabi angehört? Ist es nicht zu hart zu sagen, dass sie von den jüdischen Israelis mit Hass verfolgt wird, damit schließt du das ganze Volk mit ein?

Evelyn Hecht-Galinski: Es geht mir nicht um die Balad Partei, sondern um die einzige Oppositionspartei und Abgeordnete, die die Oppositionsarbeit leistet, die ich von den etablierten israelischen Parteien vermisse. Es mangelt an einer gewichtigen Gegenbewegung in Israel und bei den Diaspora Juden, die sich dieser Politik widersetzen. Ich weigere mich, nur weil ich Deutsche jüdischer Herkunft bin, mich von Israel ideologisch missbrauchen zu lassen. Daher schließe ich auch das “ganze Volk” ein, das solche Regierungen und Parteien wählt, die diese Politik der Besatzung, Entrechtung, Enteignung und Unterdrückung der Palästinenser betreibt und das täglich immer schlimmer, seit Jahrzehnten.

Die Freiheitsliebe: Die Enteignung der Palästinenser lässt sich gut in Ostjerusalem beobachten. Siehst du eine Perspektive für die dort lebenden Palästinenser?

Evelyn Hecht-Galinski: Nein ich sehe keine Perspektive, da die USA als “Welt-Friedensstifter” Israel als jüdischen Staat weiter ungehemmt expandieren lassen. Ebenso Kanzlerin Merkel, die sofort Israel als jüdischen Staat anerkannte, den Palästinensern eine einseitige Staatsgründung verbat, die Hamas als Terrororganisation bezeichnete.  Es reichen keine Floskeln einer Zweistaatenlösung in den Grenzen von 1967, wenn das sofort aufgeweicht wird, mit Gebietstausch und Jerusalem muss die ungeteilte Hauptstadt Israels bleiben. Noch während Netanjahu in die USA flog, wurde der Bau neuer Siedlungen für Ostjerusalem verkündet. “Kriegsminister” Barak gab zur gleichen Zeit grünes Licht für neue Siedlungseinheiten im besetzten Westjordanland. Bei seiner Kongressrede bekam Netanjahu für seine “Unfrieden- Rede” 29 mal standing Ovations in nur 50 Minuten. Nein, nochmals, solange sich die israelische Lobby-Aipac sich der ungeteilten, erfolgreichen Lobbyarbeit so sicher sein kann, wird es keine erfreuliche Perspektive für die Palästinenser geben. Auch das Nahostquartett und der Uno-Generalsekretär sind zahnlose Tiger und spielen Israel in die Hand. Die Vertreibung der Palästinenser aus Israel schreitet unaufhaltsam voran.

Die Freiheitsliebe: Die Hamas verübt Terroranschläge gegen Zivilisten, ist in diesem Falle Merkels Einschätzung nicht richtig?

Evelyn Hecht-Galinski: Die Hamas als Organisation hatte mehrmals einer Waffenruhe mit Israel zugestimmt. Der letzte wurde willkürlich von Israel in der Nacht des 4. November 2009 gebrochen. Pikanter Weise war das die Wahlnacht von Präsident Obama. Hat nicht Israel schon vor, während und nach der Staatsgründung Terror Organisationen, wie Irgun und Stern-Gruppe gehabt, die ebenfalls vor den blutigsten Anschlägen und Morden an Zivilisten nicht zurückschreckten?  Wie viele Palästinenser sind seit der Staatsgründung Israels durch Kampfhandlung ums Leben gekommen? Sie haben es geschafft, der Welt ein einseitiges Bild zu vermitteln. Soviel zu zweierlei Maß. Vergessen wir nicht, dass die Hamas Regierung ebenso wie die israelische, aus demokratischen Wahlen hervorging. Selbstverständlich bin ich gegen das Töten von Zivilisten!

Die Freiheitsliebe: Gewalt zu verurteilen ist vollkommen richtig. Wieso gelingt es in Deutschland nicht, Gewaltakte der israelischen Siedler ebenso zu verurteilen wie solche der Hamas?

Evelyn Hecht-Galinski: Wieso fragen Sie eigentlich nur nach der Verurteilung der Gewalt durch israelische Siedler? Haben Sie die Armee vergessen? Selbstverständlich hat Deutschland eine besondere Verantwortung aufgrund der Geschichte. Das darf aber nicht dazu führen, dass die Palästinenser die heutigen Leidtragenden des Holocaust sind. Israel hat es immer verstanden, die Schuldgefühle und Traumatisierung Deutschlands für seine ideologischen Zwecke zu benutzen. Schon der frühere Präsident des jüdischen Weltkongresses Nahum Goldmann betonte, dass man in Deutschland besonders gut zurecht käme. Das zeigt sich heute auch besonders gut bei den großen Medienkonzernen,  diese haben ein extrem gutes Verhältnis zu Israels Politik und dem Zentralrat der Juden in Deutschland. In den letzten 10 Jahren hat sich das enorm gesteigert. Inzwischen wird durch selbsternannte Extremismus-Experten eine Haltung vermittelt, die die Kritik an Israel automatisch mit Antisemitismus gleichsetzt. Muss man vor solchen Journalisten wirklich so kuschen? Für mich ein Phänomen, einfach unbegreiflich! Die Sorge als Antisemit zu gelten, beeinflusst die direkte Berichterstattung und Haltung der Medien gegenüber dem Nahostkonflikt. Die Macht der AIPAC ist inzwischen auch in Europa erkennbar. Inzwischen gibt es in Berlin kaum eine jüdische Organisation, die nicht ihre Vertretung und ihr Netzwerk hat. Von dieser Propaganda Abteilung des “The Israel Projekt” können wir “jüdische Antisemiten” nur träumen. Ein anderes Beispiel, die IHH wird als “Hamas nah” und terroristisch verunglimpft, weil sie Spendengelder für die Gaza Flotte sammelt, aber für israelische “Hilfsorganisationen” wie Magbith, Keren Hayesoth oder Keren Kayemed, dem jüdischen Nationalfond, wird offen zum Spenden aufgerufen oder Benefiz Veranstaltungen abgehalten. Diese Organisationen haben aber in Wirklichkeit nur ein Ziel, die israelische “Siedlungsindustrie” zu unterstützen. Wenn man konsequent wäre, würde man diese Organisationen gezielt durchleuchten und feststellen, dass nicht alles so “koscher” läuft im Staate Israel. Unter Merkel ist es auch deutlich schwieriger geworden, Israel zu kritisieren. Israel ist nicht der kleine David gegen den großen Goliath, es ist einer der auch mit unserer Hilfe hochgerüsteten Staaten in der Welt! Hier laden wir uns erneut Schuld auf, diesmal gegenüber den Palästinensern. Wir müssen wegkommen von dem Bollwerks Denken, das heute gezielt gegen die Muslime geht und Israel weiter die Gelegenheit gibt, auch aus diesem Grund seine “Politik” ungestört weiter zu betreiben. Das muss endlich aufhören! Deshalb stehe ich auch voll hinter der BDS Kampagne, die sich gegen israelische Waren richtet und nicht gegen Juden! Die Medien versuchen zu suggerieren, dass die Unterstützung des BDS gleichbedeutend mit Antisemitismus sei. Das ist aber falsch, Israel und Deutschland sind ja auch für Boykott, wenn es ihnen nützlich erscheint. Daher auch das heutige Beharren Israels auf Anerkennung als jüdischer Staat. Für jeden Palästinenser unannehmbar, aber auch für nachdenkende Juden. Ich möchte aber nicht als Deutsche jüdischer Herkunft von Israel vereinnahmt werden. Gibt es etwa einen katholischen (außer dem Vatikan) oder evangelischen Staat? Ist das etwa die jüdisch christliche Allianz, von der inzwischen so viele deutsche Politiker schwadronieren? In der Tat, ich sehe in ferner Zukunft nur einen Staat Palästina/Israel, mit gleichen demokratischen Rechten für alle Bürger, diese Vision ist für mich die einzig übriggebliebene da es laut Netanjahu, in seiner letzten, Kongress Rede keinen lebensfähigen, zusammenhängenden palästinensischen Staat an der Seite Israels geben wird. Natürlich werde ich diese Zukunft nicht mehr erleben, dazu gehört Druck auf Israel, der momentan ausbleibt. Ich möchte aber nicht das Geschäft mit der Hoffnung verkaufen, das betreiben schon zu viele. Ich sehe mich als Realistin!

Die Freiheitsliebe: Gibt es in Deutschland noch Organisationen, die sich offen für einen gerechten Frieden einsetzen?

Evelyn Hecht-Galinski: Es gibt viele Organisationen und Vereine und “Einzelkämpfer”, auf die ich der Vielzahl wegen nicht einzeln eingehen möchte. Nur soviel, ich war am letzten Sonntag – Abend Gründungsteilnehmer/innen des gemeinnützigen Verein Cafe Palestine in Freiburg. Wir haben uns einen gerechten Frieden für Israel und Palästina zum Ziel gesetzt. Übrigens werde ich alle meine Honorare jetzt diesem Verein spenden. Nicht mehr der Rachel Corrie Stiftung in Düsseldorf, der ich zuvor alle Honorare, mehrere Tausend Euro gespendet hatte. In diesem neu gegründeten Verein sehe ich mehr Möglichkeiten in Deutschland zur Aufklärung beizutragen und gegebenenfalls auch Hilfe zu leisten. Es ist mir auch ganz wichtig und ein besonderes Anliegen, dass mein “Einsatz” für diesen gerechten Frieden für mich eine  Herzensangelegenheit ist und ich kein Geschäft damit betreiben möchte.

Die Freiheitsliebe: Wir danken dir für dieses Gespräch!

Wir fragten auch beim BAK Shalom wegen eines Interviews an, um die verschiedenen Standpunkte zu verdeutlichen. Leider hat uns dieser bisher nicht geantwortet!  Sobald wir die Möglichkeit zu einem Interview erhalten, werden wir dieses selbstverständlich durchführen und veröffentlichen!

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