Sicht vom Hochblauen

Evelyn Hecht-Galinski

Leserbrief an SZ zu Leben in Angst von Ronen Steinke SZ 9.8.19 geschrieben von Wolfgang Behr

Der Antisemitismus zerstört den Charakter der Republik

Judentum in Deutschland, das heißt Religionsausübung im Belagerungszustand. Eine Schande – besonders für dieses Land, das sich als Antithese zum Nationalsozialismus konstituiert hat. In München steht ein hübsches neues Gebäude. Schon bei seiner Grundsteinlegung vor ein paar Jahren bereiteten Neonazis einen Bombenanschlag darauf vor.

 

Ich danke Wolfgang Behr für seinen treffenden Leserbrief auf diesen empörenden und falschen Kommentar von Ronen Steinke in der SZ vom 9.August 2019 und veröffentliche ihn sehr gern. An diesem Artikel sieht man, wie der Philosemitismus den Antisemitismus abgelöst hat.

Leserbrief an SZ
zu Leben in Angst von Ronen Steinke SZ 9.8.19
Fast täglich berichten deutsche Medien über eine Zunahme des Antintisemitismus, obwohl alle Umfragen belegen, dass die Vorurteile gegenüber Muslimen viel größer sind als gegenüber Juden. Über Islamophobie wird aber ganz offensichtlich in der Süddeutschen Zeitung wenig berichtet und schon garnicht über die brutale Besatzungspolitik Israels in Palästina. Offensichtlich ist es die mediale Tendenz, Juden als ewige Opfer darzustellen und darüber zu schweigen, dass ihr zionistisch orientierter Teil schon längst zum Täter geworden ist.
Seit 30 Jahren wiederholt der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz, dass es keine neue Qualität des Antisemitismus gibt. Allerdings wird mit dem Thema undifferenziert in Deutschland Politik und Stimmung gemacht. Die lächerlichen sogenannten Antsemitismusbeauftragten, die den Juden eine Sonderstellung im Rahmen der allgemeinen und notwendigen Rassismus-Bekämpfung einräumen, tragen sicher nicht zum Rückgang des Antisemitismus bei.
Die von Ronen Steinke geschilderten agressiven Übergriffe auf Juden sind unendschuldbar, aber er unterlässt es, sie zu hinterfragen. Eigentlich wird die Kippa von Juden nur im häuslichen Bereich und in der Synagoge getragen. Ihr Nichttragen in der Öffentlichkeit bedeutet also keine Einschränkung. Allerdings ist die in der Öffentlichkeit getragene gehäkelte Kippa das Symbol der gewalttätigen jüdischen Siedler in den besetzten palästinensischen Gebieten und wird bei Palästinensern im In- und Ausland natürlich als Provokation angesehen.
Zu einem „Leben in Angst“ hat die arabische Bevölkerung in Palästina allen Grund, bedingt durch die tausendfach häufigeren Agressionen, Demütigungen und Verbrechen jüdischer Israelis ihnen gegenüber. Ihre der Apartheid ähnliche Diskriminierung in Israel und die völkerrechtswidrigen Luftangriffe der israelischen Armee in Syrien und das weitgehende Schweigen darüber in den deutschen Medien können bei hier ansässigen Bürgern arabischer Herkunft verständlicherweise agressive Reaktionen hervorrufen.  Ronen Steinke scheint da auf einem Auge blind zu sein.
Leider bekunden in Deutschland beheimatete jüdische Organisationen unter Führung des Zentralratspräsidenten Josef Schuster im Verein mit deutschen Helfershelfern bis hinauf zu Angela Merkel ihre bedingungslose und unkritische Unterstützung der zionistischen Kolonialpolitik Israels. Sie bekämpfen zunehmend aktiv jüdische Vereine, jüdisch-israelische Einzelpersonen wie auch israelkritische Organisationen und Veranstaltungen nichtjüdischer Bürger, die sich für die Einhaltung von Menschen- und Völkerrecht und einen gerechten Frieden in Israel und Palästina einsetzen. Sie werden pauschal als jüdische Selbsthasser oder Antisemiten diffamiert. Der israelische Journalist Uri Avnery schrieb schon 2015 „Wenn jüdische Institutionen sich in Frankreich, den USA und anderswo total und unkritisch mit der Politik und den Operationen Israels identifizieren, machen sie sich freiwillig zu potentiellen Opfern von Racheakten. … keine dieser Gründe hat etwas mit Antisemtismus zu tun.“ Angela Merkels „Staatsraison“ basiert in erster Linie darauf, aus Israel Technologien beziehen zu können, die den neoliberalen Machteliten die Überwachung und Kontrolle ihrer Bürger ermöglichen sollen.
Der Versuch, die Vergabe des Göttinger Friedenspreises an die Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden zu verhindern, die meistens gescheiterten Raumverbote für Vorträge von Andreas Zumach zum Thema „Israel, Palästina und die Grenzen des Sagbaren“, die Kontokündigungen israelkritischer Vereine oder Personen, die erzwungene Herausdrängung von Peter Schäfer, als Leiter des Jüdischen Museums in Berlin, die Einflussnahme jüdisch-israelischer Lobbyorganisationen wie der „Werteinitiative“ und „Naffo“ auf den unsäglichen Bundestagsbeschluss „BDS gleich Antisemitismus“ vom 17.Mai dieses Jahres  sind nur die Spitzen des Eisbergs. Nicht die „ständige Gefahr für die Juden in Deutschland zerstören die Republik“, wie Ronen Steinke meint, sondern diese besorgniserregende Israelisierung mit besonders negativen Folgen für die Einhaltung des Artikel 5 des Grundgesetzes zur Meinungsfreiheit. Das sind leider Fakten und keine „Verschwörungstheorien“.
In letzter Zeit haben nahmhafte Persönlichkeiten die Ursachen der besonders in Deutschland verbreiteten Überidentifikation mit Israel untersucht. Dazu gehören der israelische Soziologe Moshe Zuckermann, der deutsche evangelische Bischof  Abromeit und der israelische Historiker Daniel Batman. Sie kommen zu ganz ähnlichen Schlüssen: Dass diese Haltung der Schuldentlastung für den Massenmord an den europäischen Juden dient. Wenn dann die israelische Politik festlegt, was Antisemitismus ist und was nicht, wird dem in Deutschland eifrig Folge geleistet. Das betrifft die Gleichsetzung von Antizionismus mit Antisemitismus als Verteidigungs- und Rechtfertigungsstrategie der verbrecherischen Politik Israels, um jeden Diskurs über diese abwürgen zu können und die Hexenjagd auf Israelkritiker zum festen Bestandteil deutscher politischer und kultureller Handlungsweisen zu machen.
Batman weist darauf hin, dass Deutschland so dem brutalen und rassistischem Konzept des Zionismus im heutigen Israel dient und zu einem führenden Mitglied der Koalition der „Verzerrer des Antisemitismus“ geworden ist.

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