Sicht vom Hochblauen

Evelyn Hecht-Galinski

Motto: „Es war doch alles nicht so schlimm!“

von Werner Rügemer

Offener Brief wegen eines Urteils zugunsten Verleger Alfred Neven DuMont

Alfred Neven DuMont hat am 2.9.2014 in seiner Zeitung auf die Gefahr hingewiesen, wenn der heutigen Jugend ein verharmlostes Bild des Hitler-Regimes vorgeführt werde: „Auschwitz ist nicht verjährt“. Der Kölner Autor Werner Rügemer hat den Kölner Stadt-Anzeiger-Herausgeber in einem Offenen Brief aufgefordert, seine rechtliche Komplizenschaft mit dem Nazi-Regime endlich zu beenden. Neven DuMont lässt bis heute gerichtlich die Aussage des Autors Albrecht Kieser und des Redakteurs und Herausgebers der Neuen Rheinischen Zeitung, Peter Kleinert, verbieten, sein Vater Kurt Neven DuMont habe beim Kauf arisierter Grundstücke profitiert. Sohn Alfred Neven DuMont argumentierte dagegen vor Gericht: Der Vater habe nicht profitiert, denn er habe den damaligen Marktpreis bezahlt. Werner Rügemer stellt dazu fest: Damit rechtfertige der Stadt-Anzeiger-Herausgeber bis heute das Hitler-Regime als eine rechtlich einwandfreie Form der Marktwirtschaft.

Sehr geehrter Herr Neven Dumont,

Beenden Sie Ihre rechtliche Komplizenschaft mit dem Nazi-Regime!

Verzichten Sie auf Ihre Rechte aus den Urteilen gegen die Autoren Albrecht Kieser und Peter Kleinert!

In Ihrem Kölner Stadt-Anzeiger erregen Sie sich darüber, dass der Autor Ferdinand von Schirach seinen Großvater Baldur von Schirach, Reichsjugendführer der NSDAP, allzu beschönigend darstelle. Sie monieren, dass der Enkel die Mittäterschaft des Großvaters in der Naziführung „nur am Rande“ berühre, etwa seine Rolle bei der Indoktrination der Jugendlichen, der Sie selbst als zwölfjähriges Mitglied des Jungvolks unterworfen gewesen seien. (Alfred Neven Dumont: „Eine zutiefst problematische Skizze. Ferdinand von Schirachs allzu zurückhaltender Essay über seinen Großvater Baldur von Schirach“, Kölner Stadt-Anzeiger 2.9.2014) Durch solche Darstellungen, schreiben Sie, laufe die jüngere Generation Gefahr, einen „zurückhaltenden, verkleinerten Eindruck“ vom NS-Regime zu übernehmen nach dem Motto: „Es war doch alles nicht so schlimm!“ Das erscheint Ihnen „sehr bedenklich, denn Auschwitz verjährt nicht!“

Ich teile diese Ihre Bedenken. Doch Sie beschönigen selbst seit Jahrzehnten geschichtsklitternd bis heute die Mittäterschaft Ihres Vaters Kurt Neven Dumont. Dies erscheint mir umso schwerwiegender, weil Sie Miteigentümer der israelischen Tageszeitung Haaretz sind.

 

Sie haben 2007 die Journalisten Albrecht Kieser und den Herausgeber und Redakteur der Neuen Rheinischen Zeitung (www.nrhz.de) Peter Kleinert verklagt. Die beiden hatten dargestellt, dass Ihr Vater während des NS wertvolle innerstädtische Grundstücke in Köln, z.B. an der Breite Straße, aus ehemals jüdischem Eigentum gekauft hatte. Somit habe Ihr Vater und der Verlag Dumont Schauberg von der Arisierung profitiert. Sie, Herr Neven DuMont, sind dagegen jahrelang verbissen durch die gerichtlichen Instanzen gegangen. Sie ließen diese freie und begründete Meinung verbieten. Sie brachten vor: Ihr Vater habe nicht von der Arisierung profitiert, sondern habe den damals marktüblichen Preis bezahlt. Der Kauf sei also rechtens gewesen und sei das bis heute.

Sie anerkennen damit, wenn man Sie richtig versteht, dass das Hitlerregime eine auch heute rechtlich einwandfreie Form der Marktwirtschaft gewesen sei, denn die Marktgesetze seien ja bei Verkauf und Kauf gültig geblieben. In Wirklichkeit aber hat das Nazi-Regime Ihrem Vater zu den für den Kauf nötigen Gewinnen verholfen, denn erst das Nazi-Regime hat die Bedingungen geschaffen, aufgrund derer diese Grundstücke überhaupt zum Verkauf standen.

Ich erinnere Sie:

Mit seinen Medien war Ihr Vater als Verlagseigentümer nicht nur Nazi-Mittäter, sondern er hatte das Nazi-Regime schon publizistisch mit vorbereitet:

  1. In den Verlagsmedien Kölnische Zeitung, Kölner Illustrierte und Kölner Stadt-Anzeiger wurde schon in den 1920er Jahren der Faschistenführer und italienische Diktator Mussolini gelobt. Im Stadt-Anzeiger vom Oktober 1932 hieß es angesichts der Verbrechen Mussolinis immer noch: Die Deutschen blickten mit „neidvoller Trauer über den Alpenwall“, Mussolini sei „einer der größten Staatsmänner der Neuzeit.“ In der Neujahrsausgabe 1932 hieß es in der Kölnischen Zeitung, dem publizistischen Flaggschiff des Verlags: Der Nationalsozialismus sei regierungsfähig, er bedürfe nur „noch der geistigen Durchdringung und Schulung“ durch das Bürgertum. Im April 1932 gab der Verlagschef in der Redaktionskonferenz die Linie aus, dass die Kölnische Zeitung sich für eine Rechtskoalition unter Einschluss der NSDAP einsetze.
  1. In der Neujahrsausgabe 1933 warb die Kölnische Zeitung, die auch im Ausland viel gelesen wurde, für Hitlers Regierungsfähigkeit. „Auf Hitler kommt es an!“ lautete die Schlagzeile. Deutschland brauche „den Willen und den Schwung einer jungen Regierung“. Die Zeitung warb unter dem Motto „Wirtschaft will Freiheit“ dafür, die deutsche Wirtschaft „mit Lohn- und Kostensenkung wettbewerbsfähig“ zu machen – Forderungen, die absehbar nur Hitler konsequent erfüllen würde und dann auch erfüllt hat.
  1. In der Neujahrsausgabe 1933 widmete die Kölnische Zeitung eine Seite der jungen Generation der 20- bis 26-jährigen. Namentlich genannte Prominentensöhne- und -Töchter (Wedekind, von Wiese u.a.) trugen ihre Wünsche vor: z.B. scharfe Aufnahmeprüfung für die Universität, Wehrsport, Arbeitsdienst, Herausbildung disziplinierter Volksgenossen, echte deutsche Filme, Besuch bei Mussolini in Rom. Jungvolk und Hitlerjugend wurden von Baldur von Schirach indoktriniert, das haben Sie zutreffend hervorgehoben. Aber: für die gutbürgerliche akademische Jugend hat sich die Kölnische Zeitung für zuständig erklärt.
  1. Während des Hitler-Regimes bewegte sich der Verlag in dem von ihm selbst mit beförderten „völkischen Geist“. Die NS-Mittäterschaft Ihres Vaters bestand u.a. nicht nur in der NSDAP-Mitgliedschaft, sondern auch darin, Beiträge an die vom Reichsverband der deutschen Industrie (RDI) 1933 eingerichtete „Hitler-Spende“ zu entrichten. Ihr Vater finanzierte Hitler direkt und entließ jüdische Angestellte.
  1. Die Kölnische Zeitung wurde durch seine stramme Ausrichtung zu einer der fünf reichswichtigen Zeitungen. Das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) richtete beim Verlag eine Dauer-Massen-Bestellung ein. Die Zeitung erweiterte also mit Wehrmachtshilfe nicht nur ihr Absatzgebiet, sondern war internationaler publizistischer Repräsentant des kriegführenden Verbrecherstaates. Der Verlag konnte so in den besetzten Staaten wie Frankreich und Niederlande die Zeitung verkaufen, zudem staatlich subventioniert und ohne unternehmerisches Risiko. Während des Überfalls auf Belgien und Frankreich füllte die Redaktion die Zeitung mit den täglichen Jubelmeldungen des OKW, begleitet von den Jubelkommentaren des in der Wehrmacht als embedded journalist mitmarschierenden Chefredakteurs Dr. Johannes Schäfer. Die Auflage von Kölnischer Zeitung und Kölner Stadt-Anzeiger wuchs während des NS von 36.000 auf 180.000.
  1. Neben Stadt-Anzeiger und Kölnische Zeitung produzierte der Verlag die Kölner Illustrierte, die mit Bild und Wort den einfacheren Menschen die NS-Herrschaft unterhaltend schmackhaft machte. Ihre Auflage stieg auf 800.000. Mithilfe des NS-Regimes kaufte Ihr Vater die Kölner Konkurrenzzeitung Kölnische Volkszeitung (nach dem Krieg wiedergegründet als Kölnische Rundschau); sie wurde vom NS-Regime als unzuverlässig in die Insolvenz getrieben – sie bekam nicht mehr das kriegswichtige Papier, im Unterschied zum Verlag Dumont Schauberg – und Ihr Vater konnte so die Abonnentenkartei der Konkurrenz kaufen, und zwar zu den „Markt“bedingungen, die das NS-Regime herstellte.

So beteiligte sich der Verlag Ihres Vaters an der gezielten Indoktrination verschiedener Bevölkerungsgruppen, also der Akademiker, des Mittelstandes, der „einfachen“ Bevölkerung, von Wehrmachtssoldaten und von Menschen in den besetzten Staaten. Wie die Kölnische Zeitung in ihrer Neujahrsausgabe gefordert hatte, hat sie als Sprecher des Bürgertums den Nationalsozialismus „geistig durchdrungen und geschult“.

Werner Rügemer
Werner Rügemer

Und so wuchsen Umsatz und Gewinn des Verlages. Das war der Grund, warum Ihr Vater mehr Raum für Druckmaschinen, Redaktion und Verwaltung brauchte. Was lag da näher als die andere Gelegenheit zu ergreifen, die das Nazi-Regime Ihrem Vater wie anderen Unternehmern ebenfalls bot: Vermögende jüdische Unternehmer wurden außer Landes getrieben, ihre arisierten Unternehmen und Grundstücke wurden an arische Unternehmen, Banken und Versicherungen verkauft.

So kam Ihr Vater an wertvolle innerstädtische Grundstücke u.a. in der Breite Straße Nr. 82, 86 und 88, die an den bisherigen Verlagssitz angrenzten. Ihr Vater kaufte z.B. vom Erstarisierer, dem Versicherungsunternehmen Gerling, ein solches Grundstück, das dem jüdischen Wäschereiunternehmer Brandenstein gehört hatte. So konnte sich der Verlag auch räumlich enorm vergrößern. Die Grundstücke blieben auch nach der Niederlage des Hitler-Regimes im Eigentum des Verlags – es galten ja offensichtlich die Nazi-„Markt“bedingungen weiter. Noch heute heißt es geschichtsklitternd auf der Messingtafel auf der Fassade des Dumont-Hauses in der Breite Straße, hier stehe das traditionelle Verlagshaus.

Sie haben zwar nach den Veröffentlichungen über die Grundstücksgeschäfte Ihres Vaters durch den Haushistoriker der Deutschen Bank eine neue Geschichte des Verlages schreiben lassen. Wie auch immer man deren Ergebnisse beurteilen mag: Durch Ihre Klage gegen die Autoren Kieser und Kleinert haben Sie selbst diese relative Selbstkritik im Nachhinein für wertlos erklärt und die Taten Ihres Vaters – wie Ferdinand von Schirach die Taten seines Großvaters – noch einmal beschönigt. Ist Ihnen dieser Widerspruch nicht aufgefallen?

Arisierungs-Profit oder marktüblicher Grundstückskauf?

So erweist sich Ihre Warnung, Auschwitz dürfe nicht vergessen werden, als unglaubwürdig. Mit Ihrem Festhalten, dass Ihr Vater den Marktpreis für ehemalige jüdische Grundstücke gezahlt habe, lassen Sie zugleich den von Ihnen rhetorisch aufwendig als verbrecherisch angeklagten Unrechtsstaat als marktgerechten Rechtsstaat erscheinen.

Ich fordere Sie auf: Verzichten Sie wenigstens jetzt auf die Rechte aus den Urteilen gegen Kieser und Kleinert! Korrigieren Sie die Geschichtsklitterung auf dem Messingschild an Ihrem Verlagshaus an der Breite Straße!

Mit freundlichem Gruß

Werner Rügemer


Dieser Offene Brief an Alfred Neven Dumont ging in Kopie am 15. 9. 2014 auch an die israelische Zeitung Haaretz in Tel Aviv. (PK)

Werner Rügemer lebt in Köln, wurde zunächst bekannt durch sein Buch „Colonia Corrupta“ (2002, 7. Auflage 2012), ist Lehrbeauftragter an der Universität Köln, beschäftigt sich mit den Hinter- und Abgründen von Wirtschaft und Politik weltweit. Zur Buchmesse 2014 erscheint (zusammen mit Elmar Wigand): „Die Fertigmacher. Die Bekämpfung von Gewerkschaften und Betriebsräten als professionelle Dienstleistung“, Papyrossa-Verlag 2014. www.werner-ruegemer.de
Er ist Vorstandsmitglied der aktion ./. arbeitsunrecht, gehört zum wissenschaftlichen Beirat von attac Deutschland und hat die Initiative Gemeingut in BürgerInnenhand (gib) mit gegründet. Mitglied im Deutschen Schriftstellerverband (ver.di), im PEN-Zentrum Deutschland und Initiator eines Aufrufs gegen das Freihandelsabkommen TTIP aus Arbeitnehmersicht. 2008 erhielt er den Kölner Karls-Preis der Neuen Rheinischen Zeitung.

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