Sicht vom Hochblauen

Evelyn Hecht-Galinski

Nachschlag zum „Meisterdenker aus Deutschland“ Von Werner Rügemer NRhZ

 

Aktueller Online-Flyer vom 26. Juni 2019  
Nachschlag zum „Meisterdenker aus Deutschland“ Jürgen Habermas
Philosophie als Arbeit am zulässigen Zeitgeist
Von Werner Rügemer

Mangels Ersatz feiert das bundesdeutsche Wissenschafts- und Kulturmilieu mit ZEIT und FAZ und Süddeutsche und Kölner Stadt-Anstreicher an den runden Geburtstagen wie jetzt zum 90. ausgiebig den „großen deutschen Denker“ Jürgen Habermas. Er repräsentiert wie kein anderer den Aufstieg und dann den logischen Verfall des offiziell zulässigen, herrschaftstechnisch nicht unwichtigen „kritischen Intellektuellen“.

Mit linker Kritik anfangen, aber …

Der 24jährige Student Habermas kritisierte völlig zurecht 1953, dass der „die innere Wahrheit und Größe“ der nationalsozialistischen Bewegung lobende führende deutsche Philosoph Martin Heidegger seine Rede von 1935 dann in der Bundesrepublik ohne weiteres im Original verbreiten konnte. Habermas protestierte später gegen die Aufrüstung der Bundesrepublik, gegen den Vietnam-Krieg der USA, 1967 gegen die Ermordung des Studenten Benno Ohnesorg in Berlin. Er kritisierte, was auch die studentische 1968er Bewegung kritisierte.

Doch seine philosophische Substanz war eine andere. Habermas forderte, jede „politische Norm“ müsse entstehen durch „Konsens in herrschaftsfreier Kommunikation“. Er deduzierte dies aber aus dem von den USA versprochenen bzw. behaupteten blauen, nachfaschistischen Himmel der neuen Demokratie: Die würde nach der „Stunde Null“ voraussetzungslos auf den gereinigten Separatstaat Bundesrepublik Deutschland herabkommen. Doch die konkreten Bedingungen der Möglichkeit einer solchen offenen politischen Kultur reflektierte Habermas nie.

Habermas vertiefte sich, angeregt vom Mitarbeiter der „Kritischen Theorie“ Herbert Marcuse, anfangs in den jungen Marx: Mit ihm forderte er die Selbstaufhebung der Philosophie in der Praxis, die „weltgeschichtliche Krise“ erfordere das. Nur Reden und Theoretisieren und Philosophieren reiche nicht. Richtig. Aber zu den Krisenverursachern drang Habermas nie vor. Die transatlantischen Vorbereiter, Finanziers, Organisatoren, Profiteure der beiden Weltkriege und der großen „Finanz“- und „Wirtschafts“krisen hat er nie benannt, auch nicht im „normalen“ Kapitalismus davor und danach. Den Schreibtisch- und universitären Vorlesungstäter Heidegger dagegen konnte und durfte er in der von Unternehmen, z.B. der Deutschen Bank finanzierten FAZ gern ausgiebig und heftig kritisieren.

Vater Ernst Habermas im NS, davor und danach – das wäre ein Thema gewesen

Der aufstrebende Journalist und Philosoph hätte mit der weltgeschichtlichen Krisenanalyse auch im Nächsten anfangen können, in der eigenen Familie. Mit der Tätigkeit seines Vaters Ernst Habermas, von 1921 bis 1956 Geschäftsführer der IHK Gummersbach bei Köln – damit hat sich der Sohn nie auseinandersetzt. In die Niederungen bzw. Höhen des kruden, auch glänzenden, bei Bedarf und Gelegenheit verbrecherischen Kapitalismus und der Kapitalisten selbst hat sich der Kommunikationstheoretiker und Demokratieschwärmer nie begeben.

Die IHKs als regionale Basisorganisationen der kapitalistischen Privatunternehmer waren freiwillig-begeisterte Vollzugsorgane des NS-Systems, auch bei den Arisierungen. Keine einzige der mehreren Dutzend IHKs in Deutschland machte auch nur ansatzweise eine Ausnahme. Vater Ernst Habermas, promovierter Volkswirt mit gutbürgerlicher Existenz und verehelicht mit einer Industriellentochter, standesgemäß schon Kriegsfreiwilliger im 1. Weltkrieg, trat 1933 sofort zeitgeistig in die NSDAP ein und führte die IHK weiter – viel musste er dafür ja nicht ändern.

Vater Habermas wäre auch deshalb ein aufschlussreiches Thema gewesen, weil die IHK Gummersbach der ortsnahen Kölner IHK und er somit dem wichtigsten IHK-Funktionär in Deutschland unterstellt war, nämlich dem Kölner IHK-Präsidenten. Der hieß Kurt Freiherr von Schröder. Der hatte, Mitinhaber der traditionsreichen Kölner Investmentbank J.H. Stein, die die aufkommende Ruhrindustrie finanziert hatte, bekanntlich die Kanzlerschaft Hitlers eingefädelt. Er hatte nach Korrespondenz mit Hitler und den Spitzen insbesondere des rheinischen und Ruhrkapitals den von diesen gewünschten Führer am 4.1.1933 in seine Kölner Residenz im katholischen Kölner Villenviertel Lindenthal eingeladen und ihm den früheren Reichskanzler Franz von Papen zugeführt. Der hatte dann endlich der Kanzlerschaft Hitlers zugestimmt und sich mit der Vizekanzlerschaft begnügt.

Freiherr von Schröder, der in SS-Offiziers-Uniform auch in der IHK erschien, hielt über die Schroders-Bank in London und New York die Verbindung in die US-Partnerkonzerne der IG Farben. Er wurde Sprecher der NS-Reichsgruppe der Privatbanken. Mit Finanzminister Hjalmar Schacht vertrat er die Deutsche Reichsbank in der Schweizer Goldwäschebank BIZ (Bank für internationalen Zahlungsausgleich), war damit auch Finanzier des Weltkriegs. Nach dem Krieg konnte er sein Leben bequem in seinem Privatschloss Hohenstein bei Eckernförde beschließen, während seine feine kleine Privatbank J.H. Stein weiter unangetastet bis 1998 diskret in der Räumen der Kölner IHK ihre Geschäfte weiterführte. (1)

Routinemäßig wurde IHK-Geschäftsführer Habermas nach dem Krieg als „Mitläufer“ eingestuft und durfte in der neuen Mitläufer-Republik bzw. schon ein paar Jahre vorher wieder ungestört in seine alte IHK-Funktion zurückkehren. Da hätten sich doch die weltgeschichtliche Krisengestalt des Kapitalismus und seine Gestalten und Gestalter auch in den jeweiligen Politikformen der Weimarer Republik, des Faschismus und dann in der von US-Hochkommissar John McCloy behüteten Adenauer-Demokratie gut am bekannten Beispiel erklären lassen können, oder? Und die konkreten Bedingungen für „herrschaftsfreie Kommunikation“? Aber das war nichts für den kritischen Intellektuellen und Heidegger-Kritiker Habermas.

Von Gummersbach über den Apartheidstaat Südafrika zur „Weltgeltung“

Vater Habermas hätte noch weiter aufschlussreichen Stoff für deutsch-weltgeschichtliche Reflexion bieten können. Das größte Unternehmen im Bereich der scheinbar etwas abgelegenen IHK Gummersbach im Bergischen Land war bis Anfang der 2000er Jahre die L&C Steinmüller GmbH. Spezialisiert auf den Bau von industriellen Großanlagen und Dampfkessel, blühte die Firma im Hitler-Deutschland zu neuer Größe auf. Chef Carl Hugo Steinmüller wurde natürlich auch NSDAP-Mitglied, genauso wie sein IHK-Geschäftsführer Ernst Habermas. Und auch Chef Carl Hugo bekam nach dem Krieg wie Habermas das Gütesiegel „Mitläufer“, und auch er bekam wieder sein altes Amt in der neu-alten Unternehmer-Mitläufer-Republik.

Der Steinmüller-Konzern gehörte mit den auch im NS führenden Unternehmen Daimler, Siemens, Deutsche Bank, Dresdner Bank und Commerzbank zu den Lieblingen der Adenauer-Regierung. Mit ihnen machte der christliche lackierte Gründungskanzler konkrete Außenpolitik, und zwar vorzugsweise mit befreundeten Diktaturen. Adenauer war ja zur Vorsicht bis 1955 selbst auch noch Außenminister, bis er es dem Ex-Vorzeigejuristen für Internationales Recht, Walter Hallstein übertrug, der dann folgerichtig erster Präsident der Europäischen Kommission wurde. Weil die deutschen Vorzeigeunternehmer wie Steinmüller also anderswo erstmal nicht durften, gründeten sie mit Adenauers Hilfe ihre neuen Auslands-Niederlassungen in den NS-Komplizenstaaten, so auch im Apartheidstaat Südafrika. Der hatte z.B. schon mitgeholfen, mit dem IOC der USA, dass die Olympiade 1936 im neuen Berlin stattfinden konnte, trotz der weltweiten Proteste. (2)

So eröffnete auch Steinmüller seine erste und dann größte Auslands-Niederlassung in Südafrika. Jährlich trafen sich die führenden deutschen Herren und NS-Mitläufer wie Carl Hugo Steinmüller mit dem jeweiligen Schatzmeister der Apartheid-Regierungspartei und lieferten korrekt ihr Schmiergeld ab, das in der Adenauer-Republik in Fortsetzung des NS-Steuergesetzes von 1934 weiter als steuerbegünstigte Betriebsausgabe anerkannt wurde. Dafür bekamen sie zum Wohl des Wirtschaftsstandortes Bundesrepublik Deutschland Aufträge, und sie bekamen rassistisch legitimierte Sklavenarbeiter vor Ort frei Haus dazu geliefert. Carl Hugo Steinmüller bekam 1952 von der Adenauer-Regierung das Große Verdienstkreuz – weil er die Firma „zur Weltgeltung“ geführt habe. (3)

Neuer Großer Bruder: Non commnunist left policy

Habermas war geförderter Gegenstand der US-Strategie der non-communist left policy: Das US Committee for the United States of Europe, geführt von den Wall Street-Anwälten und Geheimdienstchefs Allen Dulles und William Donovan, finanzierte und förderte, zusammen mit der Rockefeller-Stiftung, alles Linke in Kultur, Literatur und Wissenschaft, das sich links gab, aber sich von allem distanzierte, was als „kommunistisch“ galt: Von der Sowjetunion, von der DDR, von den damit in Verbindung gebrachten Parteien, Schriftstellern und Wissenschaftlern.

Da durfte Habermas sich wie andere „kritische Intellektuelle“ wechselweise in ZEIT, Handelsblatt und FAZ ausbreiten, ohne wissen zu müssen, dass die ChefredakteurInnen wie Gräfin Dönhoff ihr Zweitgehalt vom CIA-geführten bundesdeutschen Geheimdienst BND bekamen und von diesem unter den Decknamen DOROTHEA usw. geführt wurden. Einige solche wünschenden und Wunsch-Linke konnten Professoren werden und durften anspruchsvoll und links oder linksliberal plappern – solange der organisierte Zeitgeist es zuließ.

Nach anfänglicher, ohnehin nur oberflächlicher, vor allem auf die Ebenen Politik, Kultur und Konsum ausgerichteten Kapitalismuskritik glitt die „kritische Theorie“ mit Adorno, Horkheimer, Marcuse und auch Habermas schrittweise in eine andere Begrifflichkeit über, die in den Eliteuniversitäten des Neuen Großen Bruders ausgebrütet wurden.

„Anonyme Mächte“: Die offizielle Verschwörungs-Theorie

Statt „Kapitalismus“ musst Du nun „Ökonomie“ sagen, sagte der Große Bruder. Dann kannst du auch sagen: „Ökonomisierung aller Lebensbereiche“. Dann darfst sogar auch mal ganz superkritisch von „ökonomischem Terror“ sprechen. (Dann sind ja die Verursacher, die kapitalistischen Privateigentümer, verschwunden, sind unsichtbar gemacht. Und das ist das beste zur Sicherung ihrer Herrschaft.)

Oder statt kapitalistische Gesellschaft sagst Du zur Abwechslung besser „Industriegesellschaft“. Industrie – das ist ja irgendwie nicht falsch, oder? Und wenn sich das mit der „Industriegesellschaft“ etwas abgenutzt hat, dann sprichst du, etwas moderner – siehe die führende US-Soziologie – von der „Dienstleistungsgesellschaft“. Oder Du kannst zur Abwechslung auch sagen „Konsumgesellschaft“ – das ist ja auch nicht falsch, konsumiert wird doch immer und mehr als im Sozialismus, oder?

Oder Du übernimmst die andere in den USA entwickelte Theorie vom „Manager-Kapitalismus“. Dann kannst du, wenn es mal nicht so gut läuft, wenn z.B. Beschäftigte entlassen werden, deine kritische Kritik an den Managern auslassen, die Fehler machen. Dann dürfen auch die braven GewerkschafterInnen auf die unfähigen ManagerInnen eindreschen, und dass die sowieso viel zu viel verdienen – das klingt dann besonders kritisch. (Die viel höheren Gewinne der anonymisierten Eigentümer bleiben dann unsichtbar, und darauf kommt es ja an, klar)? (4)

Und ganz besonders gut ist es noch, wenn eine kritische, irgendwie linke Partei das in ihr Parteiprogramm aufnimmt. Da hat sich die SPD erbarmt, erfolgreiche Absolventin des non communist policy-Programms. 1959 schrieb sie in ihr Godesberger Programm: „In der Großwirtschaft ist die Verfügungsgewalt überwiegend Managern zugefallen, die ihrerseits anonymen Mächten dienen. Damit hat das Privateigentum an den Produktionsmitteln hier weitgehend seine Verfügungsgewalt verloren.“

Aha – da war man also angelangt, bei der offiziellen, im SPD-Parteiprogramm beschlossenen, deer Regierungsfähigkeit dienenden, von allen Geheimdiensten ebenfalls abgesegneten Verschwörungstheorie: „Anonyme Mächte“ herrschen im freien Westen. Manager dienen ihnen, Parteien dienen ihnen, Regierungen dienen ihnen, kritische (natürlich: kritische!) Wissenschaftler dienen ihnen.

Der Philosoph als „linker Sozialdemokrat“ o.ä.

Auch Habermas diente ihnen, den anonymen Mächten, durch Nichtbenennung. „Ich bin ein linker Sozialdemokrat“, sagte Habermas, folgerichtig. Das sagte er vor allem im Ausland, z.B. an der Peking-Universität.

Er hatte sich und seine Theorie zuerst als links bezeichnet, dann als linksliberal, auch als liberal, dann als bürgerlich liberal, oder auch mal als bürgerlich radikal. Wie bei den meisten führenden Schreihälsen der studentischen 1968er Bewegung zerfaserte die ohnehin nur politizistisch-kulturalistische Kritik am Kapitalismus und löste sich auf.

Die bürgerliche Substanz trat dagegen immer offener hervor, natürlich anspruchsvoll modernisiert. Habermas lernte sich bei aller politischen Kritik Heidegger dessen subjektlosen Technik-Begriff an. Das Lob der nationalsozialistischen Bewegung durch Heidegger sei eben nur ein „Primitivismus“ gewesen, ein zeitgeistiger Ausrutscher. Ebenso adaptierte er die Institutionenlehre des ansonsten von ihm als politischer Erzreaktionär gescholtenen philosophischen Anthropologen Arnold Gehlen. Und er integrierte fleißig und findig diverse Puzzles aus den vorherrschenden US-Wissenschaften.

So begleitete Habermas mit angemaßter, aber abnehmender humaner Substanzialität auch den frühen Übergang der SPD in die US-geführte Kapital-Demokratie und in deren wissenschaftliche Schweigespirale. Den Zusammenbruch des Sozialismus feierte er als Möglichkeit des dauerhaften Friedens, machte aber für den Krieg gegen das sozialistische Jugoslawien eine freundliche Ausnahme: „Es kann schlimmere Übel geben als den Krieg.“ Mitläufer auf hohem Niveau.

So begleitete Habermas auch die 1968er Schreihälse als frisches Über- und Mitläuferblut in die Redaktionen von ZEIT, FAZ, taz, Welt, Mitteldeutsche Zeitung, Kölner Stadt-Anstreicher, Badische Nachrichten usw. „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ – so eins der wichtigen Habermas-Bücher. Auch dafür hätte er anschaulichen konkreten Stoff gehabt – er hat es wieder nicht gepackt, nicht gewollt, nicht gekonnt, auch hier.

Der überzeugte Europäer verwechselt EU mit Europa – und noch anderes

Den Krieg der USA in Vietnam kritisieren, ja, das war zeitgeistig zulässig. Den Krieg der USA in Jugoslawien, nein, die Kritik daran ließ der neue gewendete Zeitgeist nicht zu. Die Unterwerfung der EU unter die Supermacht USA hat Habermas ohnehin nie kritisiert und zunehmend gerechtfertigt. Auch dies vor allem durch Nicht-Benennung, durch subkutane wort- und begriffslose Anerkennung.

Der anspruchsvolle Philosoph, Kommunikations- und Sprachtheoretiker folgt wie ein dummer Junge der vom Großen Bruder vorgegebenen Sprachregelung. Das U.S. State Department übersetzt er wie andere in der Schweigespirale mit „Außenministerium“. Er verdrängt routinemäßig und ganz unwissenschaftlich, dass die USA kein Außenministerium haben, sondern mit dem Staatsministerium seit der Gründung etwas anderes zum Ausdruck bringen: Die ganze Erde ist, wenn es uns passt, unser Staat, unser Einfluss- und Rechtsgebiet, mit allen staatlichen Mitteln, vom Völkermord auf dem nordamerikanischen Territorium angefangen über eingesetzte Diktaturen und Folterlager je nach Bedarf. Und als allerchristlichstes „God’s own country“ gegen Völkerrecht, gegen Demokratie, gegen Menschenrechte. Das verklärte Habermas nach dem Ende des Sozialismus als „Weltinnenpolitik“ und „Weltbürgergesellschaft“: Stichworte, die SPD-Schröder und Grünen-Fischer in ihrer Legitimations-Hektik nachplapperten.

Die EU hatte er zunächst irgendwie kritisch als Institution für ökonomische Handels-Liberalisierung bezeichnet. Das wäre zu präzisieren gewesen. Aber dann wechselte er, als die EU in die Krise kam und an Ansehen in den Bevölkerungen verlor zur Selbstbezeichnung als „überzeugter Europäer“. Auch da schluderte der anspruchsvolle Kommunikations- und Sprachwissenschaftler. Den feinen, grundlegenden Unterschied zwischen EU und Europa übertünchte er. Damit auch die Hauptfrage: Europa mit Russland oder Aufmarsch der EU gegen den neuen Erzfeind Russland?

Habermas kritisierte viel das Merkel-Europa. Merkel vertrete einen „unverhohlenen Führungsanspruch in einem deutsch geprägten Europa“. Außerdem mache sie sich abhängig von „Umfrageergebnissen“. Da ist er wieder, der hochrangige Mitarbeiter in der Schweigespirale: USA und Kapital abwesend, anonymisiert, unsichtbar. Die Parallelität und Kompatibilität von EU und NATO: Ausgeblendet. Stattdessen das bisschen billige Kritik am finanziell und medial alimentierten und inszenierten Regierungspersonal. Das schon in der ersten Vorstufe der EU, der 1950 gegründeten Montanunion begonnene Management billiger und williger Niedriglöhner, das EU-weit organisierte Arbeitsunrecht mit Millionen vertriebener WanderarbeiterInnen – nie ein Andeutung beim Meisterdenker.

Philosophie und Erkenntnis sind woanders zuhaus

Hitlers Kronjurist Carl Schmitt hatte eine der Herrschaftsbedingungen im modernen, hochprofessionell populistisch inszenierten Kapitalismus schon 1939 auf den Punkt gebracht: „Elite sind diejenigen, deren Soziologie keiner zu schreiben wagt“.

Der neudeutsche und schon wieder verbrauchte „Meisterdenker“ Habermas hat es nicht gewagt. Dafür hat er zehntausende Seiten beschrieben. Dafür wurden ihm die Leitmedien geöffnet, eine Professur und Direktorenposten verschafft und endlose Ehrungen überreicht. Deswegen wurde er nicht nur zum „Meisterdenker“ im halben und dann ganzen Deutschland, sondern auch im „liberalen“ Intellelli-Milieu der USA (gemacht). Hoher wortreicher Anspruch mit unterem Niveau. Durch Nichtbenennung die spiegelbildlich gewendete Verschwörungstheorie.

Philosophie und Welterkenntnis haben andere Gestalt und sind woanders zuhaus.

Fußnoten:

1 Werner Rügemer: Colonia Corrupta, Köln 2012, S. 126ff.
2 Werner Rügemer: Imperialistische Spiele vor dem Krieg, Hintergrund 1/2017
3 Günter Verheugen: Apartheid. Köln 1986; der Steinmüller-Konzern erwies sich in Fortsetzung seiner Apartheidpraktiken als größter Korrupteur während der 1990er Jahre beim Bau der Kölner Müllverbrennungsanlage. Den Bauauftrag hatte er mithilfe von Millionenspenden an Dutzende von Politiker und Unternehmer erlangt. Der Geschäftsführer Michelfelder wurde später zu Gefängnis verurteilt, siehe Werner Rügemer: Colonia Corrupta 2012
4 Werner Rügemer: Hindernisse der Opposition im westlichen Kapitalismus. In: Klaus-Jürgen Bruder u.a. (Hg.): Paralyse der Kritik – Gesellschaft ohne Opposition? Gießen 2019, S. 87ff.

Online-Flyer Nr. 711  vom 26.06.2019

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