Sicht vom Hochblauen

Evelyn Hecht-Galinski

Native Believer von Ali Eteraz, Buchkritik von Richard Marcus, Übersetzung aus dem Englischen von Maja Ueberlin Pfaff Dank an Qantara

Die Narben und Demütigungen, die der Rassismus in der Gesellschaft hinterlässt, lassen sich nun einmal nicht bis ins Letzte wahrheitsgetreu darstellen. Mögen die Politiker auch noch so oft beteuern, dass „der Islam nicht unser Feind“ sei, durch ihr Handeln – sie ordnen Ausweisungen und Verhaftungen an und bomben muslimische Länder zurück in die Steinzeit – schaffen sie eine Atmosphäre, in der Angst und Rassismus gedeihen. …

… Native Believer ist ein brillanter, kompromissloser Roman, der ein schmutziges Thema mit drastischen Mitteln abhandelt. Und es ist genau der richtige Roman für unsere Zeit. In einer gerechten Welt würde er in einer Reihe mit den großen Werken zum Thema Bürgerrechte genannt. Doch vermutlich wird er von den Selbstgerechten und Blinden geächtet und verachtet werden, von denjenigen also, die ihn am dringendsten lesen und verstehen müssten.

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10.05.2016

Buchkritik: Ali Eteraz, Native Believer

Wühlen im Schmutz

In seinem neuen Roman Native Believer lenkt Ali Eteraz den Blick darauf, was anti-islamische Verbalattacken von Politikern für die Menschen bedeuten und beschreibt auf beeindruckende Weise die Verletzungen und bleibenden Narben einer ganze Generation amerikanische Bürger. Richard Marcus hat das Buch für qantara.de gelesen.

Kollateralschäden können in allen möglichen Formen und Varianten auftreten. Wir kennen den Begriff vor allem im Zusammenhang mit militärischen Angriffen. Dann gibt es das unschuldige Opfer eines Drohnenangriffs oder das Krankenhaus, das von einer „intelligenten“ Bombe getroffen wird.

Doch Kollateralschäden beschränken sich nicht auf jene, die direkt in die Schusslinie geraten. Seit dem 11. September 2001 greift in Nordamerika die Islamfeindlichkeit immer mehr um sich. Es spielt keine Rolle, ob jemand im Land geboren oder vor kurzem eingewandert ist. Seine Religion (und Hautfarbe) machen ihn verdächtig.

Der Leser sieht diese Welt aus dem Blickwinkel von M und man denkt unwillkürlich an Joseph K, den K aus Kafkas „Der Prozess“. In beiden Romanen versucht der Protagonist verzweifelt, einen Ausweg aus einem vertrackten Labyrinth zu finden, wobei keine der bekannten Regeln mehr zu gelten scheint. In beiden Fällen wird der Hauptfigur aus Gründen, die ihr nicht einsichtig sind, der Prozess gemacht.

M allerdings erkennt rasch, dass das Urteil über ihn etwas mit der Religion zu tun hat, die er angeblich praktiziert. Dabei hat er sich – und das ist die Ironie der Geschichte – selbst nie als Muslim betrachtet. Er hat seine College-Liebe geheiratet, eine Weiße aus den Südstaaten, und arbeitet sich in einem PR-Unternehmen Stufe um Stufe die rutschige Karriereleiter hinauf, wobei er sich mehr für Bürointrigen interessiert als für die große Weltpolitik.

Ein schicksalhafter Abend

Auf einer Party für den neuen Chef und die Kollegen gerät seine Welt aus den Fugen. Seine Mutter hatte ihm kurz vor ihrem Tod einen kleinen Koran samt Holzständer und Schmuckhülle geschenkt. Auf der Party entdeckt der neue Chef den Koran hoch oben auf einem Buchregal, wo M ihn im Grunde versteckt hatte. Da der Chef annimmt, dass die Position des Buches seine Bedeutung spiegelt – über all den anderen Büchern, die M besitzt – zieht er entsprechende Rückschlüsse auf M’s Charakter und Persönlichkeit.

Gleich am ersten Tag nach der Party wird M zum Chef zitiert und unter Berufung auf die Unternehmenskultur entlassen. Anders ausgedrückt: Er wird gefeuert, weil er ein Muslim ist. M ist schockiert und entsetzt, denn, wie er einer Person sagt, die ihm rät, die Firma wegen Diskriminierung zu verklagen: „Ich bin kein Muslim“. Doch was er selbst über sich denkt und was andere von ihm halten, ist ganz und gar nicht dasselbe.

Nach seiner Entlassung gewöhnt M es sich an, durch die Straßen von Philadelphia zu ziehen – insbesondere die ärmeren Gegenden, die er früher nie aufgesucht hatte. Bei diesen Streifzügen und bei seinen Versuchen, als Freiberufler Fuß zu fassen, begreift er – und mit ihm der Leser – wie traumatisch sich die antimuslimischen Ressentiments auswirken.

Ein freier Filmregisseur, den er kennenlernt, führt ihn – wie Vergil den Dichter Dante – hinab in die verschiedenen Kreise der Hölle, die aus religiösem Übereifer entstanden sind.

Die Kreise der Hölle

Auf der ersten Ebene sieht M, wie die Popkultur, hier symbolisiert durch Profi-Wrestling, Muslime als „Bösewichter“ stigmatisiert hat, die nie gewinnen können und immer besiegt werden müssen. Über einen der Männer, einen dunkelhäutigen, nicht-muslimischen Wrestler, der die Rolle des „Bösen“ spielen musste und dessen Karriere dadurch ins Stocken geriet, dreht der Filmemacher eine Dokumentation.

Doch der berufliche Ehrgeiz seines neuen Bekannten geht noch weiter: Wie sich herausstellt, verdient er das meiste Geld mit Pornos, in denen muslimische Männer als attraktive Sexobjekte für weiße Frauen präsentiert werden sollen.

Der neue Bekannte bringt M dann auch mit Mitgliedern der muslimischen Gemeinschaft von Philadelphia zusammen. Zunächst heißt das nur, dass M Restaurants aufsucht, in denen diese Bevölkerungsgruppe verkehrt, aber dann wird er auch Einzelnen vorgestellt: ernsthaften Theologiestudenten der Temple University, die den Menschen nahebringen wollen, dass der Islam die Religion des Friedens ist, bis hin zu einer lockeren Gruppe von Menschen im Umfeld der Band „Gay Commie Muzzies“.

Jede Gruppe versucht, alle anderen davon zu überzeugen, dass sie harmlos ist und für niemand eine Bedrohung darstellt. Die Frommen demonstrieren, dass in ihrer Religion der Frieden im Mittelpunkt steht. Eine andere Figur drückt es krasser aus: „Schwanzlutschen ist die beste Methode, der Regierung zu beweisen, dass du keine Bedrohung bist!“

Doch wo immer M auch hingeht und welche muslimische Gruppierung er auch kennenlernt – einmal gehört er sogar einem Gremium des Außenministeriums an, das amerikanische Muslime nach Übersee schickt, damit sie dort verkünden, wie großartig es sei, als Muslim in den USA zu leben – überall muss er feststellen, dass anti-islamische Ressentiments tief verwurzelt sind und man ihren schädlichen Folgen nirgendwo entkommt.

Brillant und kompromisslos

Native Believer wirkt wie ein Schock. Man will sich das, was das Buch schildert, lieber nicht genauer ansehen, und gleichzeitig kann man den Blick nicht davon abwenden. Besonders feinsinnig ist Eteraz‘ Darstellung nicht, aber das ist ein notwendiges Übel. Die Narben und Demütigungen, die der Rassismus in der Gesellschaft hinterlässt, lassen sich nun einmal nicht bis ins Letzte wahrheitsgetreu darstellen. Mögen die Politiker auch noch so oft beteuern, dass „der Islam nicht unser Feind“ sei, durch ihr Handeln – sie ordnen Ausweisungen und Verhaftungen an und bomben muslimische Länder zurück in die Steinzeit – schaffen sie eine Atmosphäre, in der Angst und Rassismus gedeihen.

Wer diese Art von Rassismus nicht aus erster Hand erlebt hat, kann seine Wirkung nicht vollständig ermessen. Doch Eteraz hat das nahezu Unmögliche geschafft und lässt die Zustände auf eine Weise lebendig werden, die man nicht ignorieren kann. Wer nicht der Meinung ist, dass Aussagen wie „wir sollten muslimische Viertel überwachen, um Fundamentalisten auszumerzen“ keinen unwiderruflichen Schaden anrichten oder wer nicht versteht, wie sich solche Äußerungen auf die Psyche der Menschen auswirken, sollte dieses Buch lesen.

Native Believer ist ein brillianter, kompromissloser Roman, der ein schmutziges Thema mit drastischen Mitteln abhandelt. Und es ist genau der richtige Roman für unsere Zeit. In einer gerechten Welt würde er in einer Reihe mit den großen Werken zum Thema Bürgerrechte genannt. Doch vermutlich wird er von den Selbstgerechten und Blinden geächtet und verachtet werden, von denjenigen also, die ihn am dringendsten lesen und verstehen müssten.

Richard Marcus

© Qantara 2016

Übersetzung aus dem Englischen von Maja Ueberle-Pfaff

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