Sicht vom Hochblauen

Evelyn Hecht-Galinski

Nurit Peled-Elhanan: Ich schreibe Ihnen aus der Pforte zur Hölle!

von

Nurit Peled-Elhanan, am 16. Juli 2014

Mein Brief an das Europäische Parlament zu seiner Sitzung anlässlich des israelischen Angriffes auf Gaza:

Liebe Freunde und Friedensaktivisten,

ich schreibe Ihnen aus der Pforte zur Hölle. Genozid in Gaza, Pogrome und Massaker in der Westbank und Panik vor den Raketen auf Israel.

Drei entführte und getötete Siedler, und die sofort benachrichtigte Polizei hat nichts unternommen. Ihr Tod wurde zum Vorwand für den schon im Voraus geplanten Angriff auf die Westbank und Gaza genommen. Ein junger Palästinenser aus Jerusalem, entführt und bei lebendigem Leib verbrannt, und die sofort benachrichtigte Polizei tut nichts. Mehr als 200 Opfer während des Luftangriffes auf Gaza. Ganze Familien, getötet durch israelische Piloten, und als Ergebnis Raketenangriffe auf ganz Israel. Der gefährliche und gewalttätige Rassismus gegen die arabischen israelischen Bürger, begeistert angefeuert durch die israelischen Minister und durch Parlamentsmitglieder führt zu Unruhen auf den Strassen, erzeugt Aggressivität und schwerwiegende Diskriminierungen der Palästinenser, mit einer erneuten Gewalt, die sich gegen die jüdischen Friedensaktivisten entlädt.

Trotz der Abkommen, der internationalen Resolutionen und der israelischen Versprechungen entwickeln sich die Siedlungen, währenddessen dauernd palästinensische Häuser in Ost-Jerusalem und in der Westbank zerstört werden. Das Wasser fließt uneingeschränkt in die Swimmingpools der Siedler, während palästinensische Kinder an Durst leiden  und während Dörfer und ganze Städte ein grausames Wasserverteilungsverfahren erleiden, wie es Präsident Schultz  vor kurzem betont hat. Getrennte Strassen nur für die Juden und zahlreiche Checkpoints machen das Leben und Fahrten für die Palästinenser unmöglich. Das undemokratische Wesen des Staates Israel wird mehr und mehr zu einem gefährlichen Apatheidstaat.

All diese Gräueltaten wurden vom selben teuflischen und kriminellen Geist ersonnen – dem Geist des rassistischen und für Palästina gnadenlosen Besatzers. Folglich soll die Verantwortlichkeit all dieser Verbrechen gegen die Menschlichkeit den Zuständigen angelastet werden: Den blutigen Händen der rassistischen Politiker Israels, den Generälen, den Soldaten und den Piloten, den Straßenhooligans und den Mitgliedern der Knesset. Alle sind schuldig für das Blutvergießen und müssten vor das internationale Strafgericht gestellt werden.

Bis heute hat die internationale Gemeinschaft nicht genug getan, um dem israelischen Besatzungsregime Einhalt zu gebieten. Die europäischen Länder haben es zwar streng kritisiert, aber zur gleichen Zeit haben sie wirtschaftlich, politisch und militärisch mit Israel voll weiter kooperiert. Infolgedessen zahlt Israel nicht den Preis für seine schwerwiegenden Verletzungen des internationalen Rechts und der menschlichen Werte. Im Gegenteil, es ist Europa, das für die Mehrzahl der humanitären Schäden der Besatzung zahlt und macht es Israel so noch leichter, sie aufrecht zu halten.

Obwohl Richtlinien ausgestellt wurden, die es Institutionen der EU verbieten, Forschungsorganisationen und Aktivitäten in den Siedlungen zu fördern oder zu finanzieren, und obwohl 20 europäische Länder für ihre Bürger und Unternehmen offizielle Warnungen gegen Handels- und Finanzverbindungen  mit den Siedlungen herausgegeben haben, ist das nicht ausreichend. Diese Maßnahmen stellen die israelische Politik im besetzten Palästina nicht ernsthaft in Frage. Europa könnte viel mehr tun, so wie seine harte Antwort zur Annektierung der Krim durch Russland es zeigt. In wenigen Wochen hat die europäische Union gezielte Sanktionen den russischen und ukrainischen Verantwortlichen und den in der Krim tätigen Unternehmen auferlegt. Die EU ging noch viel weiter und hat die Sanktionen erweitert, indem sie den Import von Waren aus der Krim verboten hat.

Wir, Bürger Israels und Staatenlose aus Palästina, wir schaffen es nicht allein, das Ende der Besatzung herbeizuführen und das Blutbad zu stoppen.. Wir brauchen die Hilfe der internationalen Gemeinschaft im Allgemeinen und der EU insbesondere. Wir brauchen Euch, um die Regierung und die israelische Armee zu verklagen, wir brauchen Euch um die Wirtschaft und die israelische Kultur zu boykottieren, wir brauchen Euch, um Euere Regierung zu ermahnen, nicht weiter aus der Besatzung Profit zu ziehen und wir brauchen Euch, um zu einem Waffenembargo gegen Israel und für die Beendigung der Belagerung Gaza aufzurufen. Israel ist die größte und gefährlichste heute existierende terroristische Organisation. Alle ihre Munitionen dienen dem Töten von unschuldigen Zivilisten, Frauen und Kindern. Es ist nichts weniger als ein Genozid.

Als Trägerin des Sakharov-Preises des europäischen Parlamentes für die Menschenrechte, als Mutter und als Mensch, fordere ich von der EU alle zu ihrer Verfügung stehenden diplomatischen und wirtschaftlichen Mittel zu benutzen, um  mein Land vor diesem Abgrund des Todes und der Verzweifelung in dem wir leben,  retten zu helfen.

Bitte, Sie müssen Israel aus der internationalen Gemeinschaft ausstoßen, bis es ein wirklich demokratischer Staat wird und Sie müssen jeden boykottieren und sanktionieren,  der Geschäfte mit diesem Apartheidstaat  macht und uns helfen, diese rassistische und blutrünstige Regierung los zu werden, um das Leben der Palästinenser und der Juden  wieder lebenswert zu machen.


Nurit Peled-Elhanan, Professorin für Komparatistik (Allgemeine Vergleichende Literaturwissenschaft) an der hebräischen Universität Jerusalem, hat ihre 14 jährige Tochter bei einem palästinensischen Selbstmordattentat verloren. Sie hatte es den offiziellen Persönlichkeiten, darunter Benjamin Netanyahu verboten, an der Trauerfeier teilzunehmen und hatte erklärt, „dass sie der Verzweiflung nicht nachgeben wollte und eine Rede gehalten hatte, die als Thema die Verantwortlichkeit einer kurzsichtigen Politik hatte, die sich weigert, die Rechte des Anderen anzuerkennen und die Hass und Konflikte schürt.

 

Als Mitbegründerin der Organisation „Trauernde Familien für israelisch-palästinensische Verständigung wurde ihr der Sakharov-Preis 2001 verliehen.

Herzlichen Dank an Christiane Renaud für die Übersetzung

 

4 Kommentare zu Nurit Peled-Elhanan: Ich schreibe Ihnen aus der Pforte zur Hölle!

  1. Schlimm, dass sich unsere Politiker hier taub stellen. Ich gehe erst wieder wählen, wenn es eine Partei gibt, die nicht vor dem ZdJ kuscht. Ich will keine Antisemitismus haben, aber die Verbrechen Israels, der Zionisten müssen benannt werden. Es muß eine Trennung erfolgen von den vielen friedlichen Juden auf der Welt und dieser Terrororganisation Zionisten.

    • Danke Nurit Peled-Elhanan,
      Ich bin Palästinenser der in ein Flüchtlingslager geboren, in der 70er Jahr, habe ich immer gefragt: Warum leben wir in der Flüchtlingslager, und die andern in der Stadt? Meine Mutter antwortete; Weil es auf die Welt Bösen gibt die uns alles weggenommen haben. Ich konnte nie ein Israeli vertrauen, wenn er auf Seite der Palästinenser und von Menschenrechte spricht, weil ich voll überzeugt bin dass der Israeli ein Zionist ist und im Namen der Religion aus Polen, Frankreich, Deutschland oder Äthiopien nach Palästina gewandert und somit hat er die Menschenrechte verletzt. Aber Ihnen Frau Peled-Elhanan vertraue ich voll, weil ich den Gefühl habe, dass Sie aus dem Herzen und Kopf geschrieben haben. Ich werde mit Ihnen Unsere Haus in Palästina teilen. Einen Platz für jeden ist vorhanden. zusammen in einem Land demokratisch, gleichberechtigt leben, und NICHT in zwei Staaten. Viel Erfolg.

  2. Ich bin wütend darüber, wie die israelische Regierung Genozid an den Palästinensern verübt, und die Welt- oder „Werte-„gemeinschaft sieht zu, ohne Sanktionen zu verhängen, wie sie es sonst prompt und gerne tut, im Gegenteil, die Regierung bekommt noch militärische Hilfe. Wir haben hier so viele Mahnmale, in denen Juden umgebracht wurden und die hier nutzlos herumstehen. Vielleicht sollten wir sie an die israelische Regierung als Hilfsgüter schicken, vielleicht können die was damit anfangen. Dabei sollten wir nicht vergessen, daß das Land nicht nur heute ein Terrorstaat ist, der gegen die Palästinenser Genozid ausübt, sondern daß die Israelis seinerzeit ihr Gebiet auch durch Terror den Palästinensern abgetrotzt haben und auch heute noch völkerrechtswidrig, auch ohne Reaktion von Seiten der „Werte“-gemeinschaft, Gebiete rauben. Und wenn gesagt wird, Israel sei die einzige Demokratie in der Region, wenn das unsere Vorstellung von Demokratie ist, dann kann man vor Demokratien nur noch davonlaufen.
    Meine größte Hochachtung und ich verneige mich vor Frau Nurit Peled-Elhanan.

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