Sicht vom Hochblauen

Evelyn Hecht-Galinski

Offener Brief an die Botschafterin Palästinas

Anis Hamadeh, 20.01.2016

Sehr geehrte Frau Dr. Daibes,

gestern veröffentlichten Sie einen offenen Brief an Journalisten und Pressevertreter (Link unten), auf den ich als freier und langjähriger Vertreter der Menschenrechte für alle Palästinenser antworten möchte. Im Kern wiesen Sie darauf hin, dass sich Städte wie Bethlehem, Hebron und Ost-Jerusalem in Palästina befinden, dass die Besatzung Realität ist, die Siedlungen illegal sind, dass die Palästinenser keine Souveränität und keine Armee besitzen, dass die aktuellen Tötungen von Palästinensern kritisch betrachtet werden sollen und dass die deutschen Medien ganz allgemein das Prinzip der Gerechtigkeit verfolgen sollen.

Wenn Sie derart fundamentale Dinge anmahnen müssen, Frau Daibes, wieso beginnen Sie Ihren Beitrag dann mit den Worten: „Zunächst möchte ich Ihnen für die im letzten Jahr geleistete Arbeit danken. Mit Ihrer Tätigkeit sensibilisieren Sie die Menschen in Deutschland für Palästina und tragen zur öffentlichen Meinungsbildung bei. Ihre Wortmeldungen und Beiträge zeigen uns immer wieder die Verbundenheit mit Palästina und dafür danke ich Ihnen sehr.“

Sie wissen schon, dass Sie mit Ihrem „Danke Deutschland“ nicht den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekommen werden, oder? Verbundenheit mit Palästina? Es sind gerade die Mainstreammedien, auch die deutschen, die jeden Tag dafür sorgen, dass Israel sich nicht zu verantworten hat. Die üblichen Tricks dabei sind: juristische Aspekte ausblenden und nur auf die persönliche und die Gruppen-Ebene eingehen; Israel immer als bedroht und sich verteidigend darstellen; von „zwei Seiten“ sprechen, als gäbe es eine palästinensische Armee; israelischen Staatsterrorismus mit Verweis auf den Antisemitismusvorwurf so weit wie möglich ignorieren; vorgeben, es handele sich um einen Kampf der Religionen; Israelis als Erben der Holocaust-Opfer rassistisch überhöhen und dies regelmäßig durch Antisemitismusartikel beteuern, um so eine Pseudo-Vergangenheitsbewältigung zur Schau zu tragen. In diesem Bekenntnisdemokratie-Szenario haben Palästinenser eine vorgegebene Rolle zu erfüllen, die in unserer Realität weit wichtiger ist als ihre Menschenrechte. Und Sie sagen Danke dazu.

Stellen wir fest, dass Sie Ihr monatliches Geld von Mahmoud Abbas bekommen, und dass das System Abbas weitgehend steinzeitmäßig so funktioniert, dass er einige Millionen im Jahr bekommt und die Fleischstücke an sein Gefolge verteilt, das dafür dankbar ist. Im Gegenzug unterstützt die Palästinensische Autonomie-Behörde den Besatzer Israel auf Kosten ihrer eigenen Gesellschaft und lässt den Besatzer stets gewähren. Beobachter weisen darauf hin, dass sich die Behörde auflösen muss, damit Israel die Verantwortung nicht mehr abwälzen kann. Nur: Dann würden sympathische Politiker wie Sie keine monatlichen Bezüge mehr erhalten und das wäre eine richtige Katastrophe, denn Sie müssen ja von irgendetwas leben.

Sehen Sie: Es ist im Grunde sehr erfrischend, wenn eine Frau, dazu eine Christin, in der von alten Männern mit Stinkefüßen dominierten palästinensischen Gesellschaft etwas zu sagen hat. Aber wenn Sie deren Politik der Anbiederung an den offensichtlichen Peiniger übernehmen, sind Sie nicht besser. Die deutschen Medien wissen ganz genau, was sie tun, und sind sich sehr bewusst darüber, dass sie die „Staatsräson“ vertreten, ebenso wie Sie, Frau Daibes, sich darüber im Klaren sind, dass derartige Appelle in der Post-Oslo-Ära nutzlos sind. Sie zeigen mit Ihrem offenen Brief lediglich, dass Sie sich nicht wehren. Sie sagen nicht: Schaut euch mal die Definition des Begriffs „Genozid“ bei Wikipedia an! Sie sagen nicht: Wie könnt ihr eure unselige Nazi-Geschichte auf unserem Rücken zelebrieren! Sie sagen nicht: Lest mal die echten täglichen Nachrichten auf www.theheadlines.org ! Sie sagen nicht: Schämt euch! Sie sagen Danke.

Im Gazastreifen, einem der am dichtesten besiedelten Gebiete der Erde mit etwa zwei Millionen Menschen, wurde seit dem schrecklichen letzten Massaker genau ein Haus wieder aufgebaut. Das Trinkwasser ist schlecht und schon bald nicht mehr trinkbar, die Menschen sind ohne Menschenrechte, eingeschnürt, ausgehungert. Fast täglich werden Palästinenser in der eigenen Heimat ohne Gerichtsverfahren getötet, Land wird gestohlen, Terror begangen. Der Punkt der Verzweiflung ist schon lange erreicht. Glauben Sie denn, Frau Daibes, dass all dies geschehen könnte, wenn die Medien nicht aktiv dazu beitragen würden, auch die deutschen? Als der amtierende israelische Außenminister öffentlich gesagt hat, dass man allen Gegnern Israels mit der Axt den Kopf abschlagen müsse, da Israel anders nicht überleben könne, hat das die deutschen Mainstreammedien kalt gelassen, und Sie wissen das. – Manchmal muss man auf Annehmlichkeiten verzichten, um Mensch zu bleiben.


Links:
– Offener Brief der Botschafterin Palästinas an Journalisten und Pressevertreter, 19.01.2016:

http://palaestina.org/index.php?id=160&tx_ttnews[tt_news]=528&cHash=4a70adf17ca275cca2dbca8135370450
– Checkpoints und Currywurst: Als Christin in der Palästinenserregierung (ARD 2013, 30 min, Film von Uri Schneider):

https://youtu.be/xNP4TFjkMz0

1 Kommentar zu Offener Brief an die Botschafterin Palästinas

  1. Lieber Anis,
    einen sehr guten offenen Brief hast Du verfasst. Vor allem der letzte Absatz (Thema Gaza) hat mich mehr als nachdenklich gemacht. Die Menschen im Gaza werden offenbar nicht nur von den hiesigen PolitikerInnen und Medien***** vergessen und ignoriert.

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