Sicht vom Hochblauen

Evelyn Hecht-Galinski

ProMosaik im Gespräch mit dem Autor Günter Schenk zum Thema des Antizionismus

von ProMoasaik
Liebe Leserinnen und Leser,

anbei ein engagiertes und wahres Interview mit dem Autor Günter Schenk zum Thema des Antizionismus. Wie wir es bereits oft formuliert haben, gibt es einen starken Willen des Zusammenlebens zwischen Juden und Muslimen jenseits des Zionismus. Es geht daher darum, den Zionismus in all seinen Formen zu bekämpfen, um den Staat Israel als den jüdischen, kolonialistischen und militaristischen Staat wie er heute im Nahen Osten dasteht abzubauen (dieses Wort habe ich von einem jüdischen Kollegen aus den USA, der den Begriff „dismantle“ verwendet).

Herr Schenk ist Mitglied des Collectif Judeo-Arab et Citoyen pour la Paix in Strassburg, wo er seit Jahren lebt.

günter schenkMöchte nichts mehr vorwegnehmen.
Anbei wie sich Herr Schenk selbst vorstellen möchte:

Günter Schenk, ehemaliger langjähriger Repräsentant eines führenden Wissenschaftsverlages,

lebt im Unruhestand mit seiner französischen Ehefrau in Straßburg. Sie haben 4 erwachsende Söhne und 4 Enkel. Günter Schenk ist Mitglied des Vereines „Collectif Judéo-Arabe et Citoyen pour la Palestine“ in Straßburg und unternahm 2005 mit 150 anderen Teilnehmern aus zahlreichen Ländern Europas die „Caravane pour la Palestine – Caravane du Droit“vom Straßburger Europaparlament nach Jerusalem.

Günter Schenk ist ebenfalls Mitglied der Deutsch-Arabischen Gesellschaft e.V., Berlin.


Dr. phil. Milena Rampoldi: Wie können wir heute im deutschsprachigen Raum den Unterschied zwischen Judentum und Zionismus klarstellen, ohne uns wegen Antisemitismus oder als Holocaustrelativierer verleumden zu lassen?

Günter Schenk: Indem wir immer gegen Ungerechtigkeit, Rassismus, Unterdrückung Einspruch erheben, aber niemals Juden, allein wegen ihrer Zugehörigkeit und Religion verunglimpfen, Zionismus als eine Ideologie brandmarken, die nicht nur zur Unterdrückung anderer dient, sondern auch das aufgeklärte europäische Judentum zerstört.

Dr. phil. Milena Rampoldi: ProMosaik e.V. träumt von den alten Zeiten vor dem Zionismus, als Juden und Muslime in der islamischen Welt friedlich zusammenlebten. Wie viel kann man noch von dieser Zeit herüberretten, um am Frieden in Nahost zu arbeiten?

Günter Schenk: Menschen jüdischer, christlicher, muslimischer Religion lebten im Orient, auch im Osmanischen Reich neben-, meistens friedlich  miteinander. Besonders in Palästina, dem ehemaligen Teil Groß-Syriens war das der Fall. Darüber ist zu berichten, aus Quellen und persönlichen Zeugnissen (Oral History, wie auch authentische Berichte aus der Zeit).

Der Wille, auch die Kraft, zusammen zu leben, ist bei den Menschen des Nahen Osten bis heute erhalten. Westlicher Interventionismus jedoch hat im Orient Kräfte beflügelt, die dem entgegenwirken. Besonders Israel ist hier bisher negativ wirkender Akteur.

Dr. phil. Milena Rampoldi: Wie sehr beeinflusst die Schuld an der Shoa die Deutschen heute und bekräftigt sie, Israel blind zu unterstützen?

Günter Schenk: Menschen (in diesem Fall Deutsche) sollten erkennen, dass Schuld immer persönlich ist, anders als Verantwortung, die auch Folge von schuldhaftem Verhalten anderer sein kann.

Besonders Deutsche sollten wissen, dass in Europa entstandene Schuld am Judentum niemals dadurch abgegolten wird, indem stellvertretend andere, hier die Palästinenser als Sündenböcke herhalten müssen. Israel jedoch missbraucht zynisch nicht nur Schuld, sondern auch Verantwortung von Deutschen zu politischen Zwecken, wodurch vergangene Schuld, wo tatsächlich vorhanden, zu neuer Schuld wird, schlimmer noch: wo Unschuldige zu Mittätern werden.

Interessengeleitete Medien und auch Regierungen haben das Volk der Palästinenser als die Opfer der gewaltsam, mit großem Terror von den Zionisten herbeigeführten Staatsgründung in Deutschland schlichtweg ausgeblendet. Darüber wurde einfach nicht berichtet. Damit wurde bewusst bei vielen der falsche Eindruck von Gleichsetzung Israel = Juden erweckt. Große Aufgaben der Aufklärung sind hier vonnöten! Regierungen jedoch folgen ihren eigenen Maximen, „Realpolitik“, im Wesentlichen der Anpassung an die als mächtig Erkannten. Ob sie als „Überzeugungstäter“ oder als Erpressbare handeln, darüber mag man streiten.

Dr. phil. Milena Rampoldi: Wie kamen Sie persönlich zum Thema Palästina und wie war ihr Weg hin zur Israelkritik?

Günter Schenk: Eine lange Geschichte, die mir nicht vom Himmel fiel. Bis zu meinem späten Erwachsenenalter war auch für mich das Wohlergehen Israels identisch mit dem Wohlergehen von Juden schlechthin. Die Erziehung durch die Eltern, auch die Schule und die Kenntnis der Vergangenheit genügten.

Als ich jedoch infolge persönlicher Begegnungen erschrocken feststellte, wie wenig meine Beurteilung Israels und Palästinas meinen eigenen Wertvorstellungen über die Gleichheit von Menschen entsprach, gab es einen Bruch.

Palästinenser, denen ich bis dahin begegnet war (sie waren zahlreich, in deutschen Universitätsstädten seit den 1960er Jahren), hatte ich nicht zugehört, wenn sie mir von ihren Erlebnissen als Flüchtlinge im eigenen Land berichteten. Empathie ihnen gegenüber hatte ich nicht. Alles jedoch, was Israel tat, erfüllte mich regelrecht mit Freude…war doch Israel für mich deckungsgleich mit den die Shoah Überlebenden oder deren Kindern.

Ein – für die neuen Opfer, die Palästinenser – folgenschwerer Irrtum, wie ich erkennen musste. Diese „kognitive Dissonanz“ war in meinem Fall umso erstaunlicher, gab es doch im Freundeskreis meiner Eltern Juden, dann auch persönlich in meiner Freundschaft mit einer infolge des „Prager Frühlings“ nach Deutschland geflüchteten jungen Jüdin… Bis heute nage ich an so viel eigener Ignoranz, sicherlich von den herrschenden Medien dazu verführt, nicht meinem Verstand und meinem sonst vorhandenes Unterscheidungsvermögen gefolgt zu sein.

 

Dr. phil. Milena Rampoldi: Erzählen Sie uns bitte von Ihrem Buch Denke ich an Palästina. Welche sind die Grundthesen, die Sie den Lesern mitteilen möchten?

Günter Schenk: Nach dem Sinneswandel, den ich oben kurz geschildert hab, wurde ich in Straßburg von einer gerade gegründeten Gruppe von Juden und Nichtjuden in eine Welt geführt, die mir wie maßgeschneidert für mich vorkam. Ich wurde zu einem Palästina-Aktivisten, in Frankreich verwendet man dafür den viel zutreffenderen Begriff der „Militanz“ – was nichts außer der etymologischen Herkunft, mit Militär zu tun hat.

Auch in Deutschland kam ich Solidaritätsgruppen nahe. Oft wurde ich gefragt, warum ich mich ausgerechnet den Palästinensern zuwendete. Das wollte ich in einem kleinen Aufsatz begründen. Als ich das einer Freundin, Journalistin mit Berliner und Pariser Wohnsitz erzählte, sagte sie spontan zu mir: „Das ist eine fabelhafte Idee. Viele von uns sollten darüber schreiben“. Daraus entstand die Idee zu meinem Sammelband  „Denk ich an Palästina – Palestine on my Mind“.

Damit wollte ich kein weiteres Buch über den so genannten „Palästina-Konflikt“ schreiben – es gibt sie zahlreich und es gibt sehr gute darunter! Vielmehr waren es die vielen Menschen um mich herum, angefangen bei meinen eigenen Geschwistern, aber auch in der Politik, denen ich damit sagen wollte:

Wir, Deutsche und Europäer, können uns nicht nur mit den entrechteten Palästinensern solidarisieren, wir sollten es auch, denn diese sind die Leidtragenden der in ihrem Land im Jahr 1948 gewaltsam, auch durch eine großangelegte ethnische Säuberung und anderer Verbrechen herbeigeführten Staatsgründung Israels. Nicht etwa, weil wir gerade einmal Deutsche, Franzosen, Iren usw. sind, sondern weil es eine Frage der Gerechtigkeit ist, der wir uns auch sonst verpflichtet fühlen sollten.

Dr. phil. Milena Rampoldi: Wie sehen Sie die Zukunft des jüdischen und nicht-jüdischen Antizionismus und welche Chancen sehen Sie für eine endgültige Lösung des Israel-Palästina-Konflikts?

Günter Schenk: Zunächst möchte ich über die Zukunft des Zionismus – unter Juden und Nichtjuden sprechen. Die latente Gefahr die – im Nahen Osten und darüber hinaus – vom politischen Zionismus ausgeht, muss kaum erläutert werden.

Das Grundmissverständnis, Juden der Welt seien zum Zionismus „verurteilt“ ist falsch und wird auch von zahlreichen Juden als falsch erkannt. Sonst müssten ja alle Juden, dieser Ideologie folgend, ihre „Päckchen packen“ und nach Palästina, jetzt Israel auswandern. Tun sie aber nicht. Zionismus war zu allen Zeiten in Mitteleuropa unter Juden eine – meist ungeliebte – Minderheits-Ideologie.

Die Nationalsozialisten hingegen sahen durchaus Positives am Zionismus. Nur durch den Massen- und Rassenwahn der Nationalsozialisten, die im Grunde einer sehr ähnlichen Ideologie anhingen: Deutschland für „uns, Arier“, auf der anderen Seite Palästina/Israel „NUR für UNS Juden“, schlug für diese Minderheitsideologie Zionismus die „goldene Stunde“, für die Gründung dieses letzten Kolonialstaates unserer Zeit: Israel.

Die Mehrheit der Juden in aller Welt aber sind, wie oben erläutert, keine Zionisten oder, sie sind sich über den Begriff selbst nicht einmal im Klaren. In Israel selbst spielt eigenartiger Weise der Begriff kaum eine Rolle, er wurde dort ersetzt durch eine Ideologie, gleichermaßen systematisch geschürter Angst, wie von Überheblichkeit, einem neuen Herrenmenschentum. Wirklich bedenklich jedoch sind, in Israel, die verheerenden Folgen dieser Ideologie, die blind macht für „die Anderen“, „blind für den Anderen“.

Sie fragen mich aber nach meiner Einschätzung der Zukunft des Anti-Zionismus, unter Juden und Nichtjuden:  Immer mehr junge Juden in den Vereinigten Staaten wenden sich von Ideologien ab, besonders auch von der zionistischen. Sie wollen – kurz – davon nichts wissen.

Damit werden die heutigen – oft finanzmächtigen – Unterstützer des Zionismus mit der Zeit abgelöst, nur eine Frage der Zeit! Aber auch, eine Frage des – bei diesen jungen US-amerikanischen Juden – zunehmendem Unwillens, für die Untaten eines anmaßend in ihrem Namen handelnden angeblich „jüdischen“ Staates in Haftung genommen zu werden.

In Europa ist das noch wenig erkennbar, jedoch, wie so oft auf anderen Gebieten, wird die europäische Entwicklung der in den Vereinigten Staaten mit zeitlicher Verzögerung folgen. Der mir unvergessliche Freund Dr. Hajo Meyer war gewiss, als Naturwissenschaftler und Denker, gleichermaßen ein Vorbote europäischer Entwicklungen, wie Erbe des aufgeklärten europäischen Judentums seiner Eltern und darum erklärter Antizionist.

Andere Juden in Deutschland wenden sich angewidert ab von einem sich völkisch-nationalistisch verstehenden Verständnis eines Judentums, welches, absurd für einen deutschen Staatsbürger, Israel unterstützt als „bad or wrong, my country“.

Anders in Frankreich, wo sich zahlreiche Juden seit langem als Citoyen begreifen, als Franzosen mit jüdischen Wurzeln, denen allein die Werte der Republik maßgeblich sind. Ihnen ist jeder Gedanke an Zionismus fremd, sie fühlen sich von ihm abgestoßen. Der in Deutschland Bekannteste von ihnen ist Alfred Grosser, ein Mann der Verständigung.

Aber, auch in Frankreich hat der „Bazillus“ der Ideologie zahlreiche Juden erfasst, oft gefördert durch Abgrenzungstendenzen aufgrund innerfranzösischer Spannungen. Somit ist die Jüdische Gemeinschaft Frankreichs, wie auch das Land selbst, gespalten. Auf längere Sicht jedoch sollten wir auf die „Kraft der Republik“ vertrauen, schließlich fühlen sich die meisten französischen Juden als Franzosen – und dabei auch wohl, was sicherlich noch nicht automatisch Antizionisten aus ihnen macht.

Als schwieriger wird sich die Überwindung des Zionismus unter Nichtjuden darstellen, auch dies wieder besonders – fast ausnahmslos – in den Vereinigten Staaten, wo die so genannten „Christlichen Zionisten“, getragen von christlichem Fundamentalismus Evangelikaler, vielfach ein schwerwiegenderes Erbe ist, mit Millionen religiös Verführter und Verblendeter.

Was aber nicht-jüdischen Antizionisten angeht, so wird die Gretchen-Frage immer sein: bist Du ein Demokrat, glaubst Du an Gleichheit vor dem Gesetz? Wer dies uneingeschränkt beantwortet, ist per se Antizionist. Diese Zukunft – um einen Buchtitel des deutschen Juden Robert Jungk zu benutzen – hat schon begonnen.

Nichtjüdische Deutsche, Franzosen oder andere europäische Antizionisten werden sicherlich weiterhin eine Minderheit politisch und gesellschaftlich besonders Engagierter bleiben. Um Antizionist zu sein, müsste zunächst Zionismus selbst in seiner gefährlichen Wirkung erkannt werden und dazu gehört eine profunde Kenntnis. Aber auch die zu fördern ist eine lohnende Aufgabe, der ich mich gern stelle.

Den Begriff „Lösung“ des Konfliktes möchte ich mir nicht zu eigen machen. Jedoch bin ich felsenfest davon überzeugt, dass einem Zusammenleben von Juden und Nichtjuden, hier Palästinensern im historischen Palästina, dem kleinen „Ländle“ zwischen Mittelmeer und Jordan, zwischen den schneebedeckten Bergen im Norden und dem Roten Meer im Süden, die Zukunft gehört.

Wenn Sie wollen, ein Zustand ANTE..! Es fehlt zurzeit eigentlich nur an einem: der Überwindung des Zionismus und dessen Entsorgung auf den Müllhaufen der Geschichte. Wenn Juden in aller Welt für die Aufhebung von Rassen- und anderen Schranken eingetreten sind, weiter eintreten, in vielen Fällen  Speerspitze von Bürgerrechtsbewegungen waren, so scheint es absurd, wenn dies ausgerechnet im „Jüdischen! Israel“, in Palästina nicht möglich sein sollte.

Bedingung wird aber der Abschied Israels vom Dogma der ANGST VOR DEM ANDEREN sein, dem „Overcoming Zionism“, entsprechend dem Buchtitel des Juden und im Jahr 2000 Präsidentschaftskandidat der US „Greens“ Joel Kovel. Dann, erst dann, kann das Land zu dem werden, was es einmal werden sollte: zu einem sicheren Hafen – und einem Segen für alle seine Bürger und Nachbarn. Daran gilt es, zu arbeiten!

 


 

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