Sicht vom Hochblauen

Evelyn Hecht-Galinski

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, Sehr geehrter Herr Aussenminister,

Ich, Dr. Ehab Abu-El-Auf, bin Arzt und lebe seit mehr als 40 Jahren in Norddeutschland. Seit 1996 bin ich deutscher Staatsbürger mit palästinensischen Wurzeln. Der Großteil meiner Familie lebt in meiner Geburtsstadt Gaza.

Vor 5 Tagen hatte ich Ihnen bereits geschrieben. Die aktuellen „Festtage“ anlässlich des Ramadanendes sowie die i.R. dessen erfolgten Telefonate mit meinen (Gott sei Dank bisher nicht direkt betroffenen) Angehörigen in Gaza haben mich erneut zum Schreiben bewogen, wobei mir eine an Sie gerichtete Frage nicht aus dem Kopf geht:

Warum diese Zweizüngigkeit und doppelte Moral in diesem Nahostkonflikt?

  1. Sie wiederholen gebetsmühlenartig das Recht Israels auf Selbstverteidigung. Wo bleibt ihr Bekenntnis zum Recht auf Selbstverteidigung für die Palästinenser.
    Die unzureichend bewiesene und sofort am selben Tag der Entführung herausgegebene Annahme Israels, die Hamas sei für die Entführung und den Tod der 3 israelischen Siedlerjungen am 12.06.14 verantwortlich, war mit den darauffolgenden brutalen Durchkämmungsaktionen der israelischen Armee im Westjordanland (mit 5 getöteten Palästinensern [darunter auch 3 Jugendliche] und mehr als 300 Festnahmen [darunter über 50 i.R. des Gefangenenaustauschs 2011 Freigekommene]) und der in einer brutalen Rache-Verbrennung eines arab. 16-jährigen Teenagers aus Jerusalem am 02.07.14 gipfelnden Schürung nationalistischen Hasses war für diesen unter der Zivilbevölkerung extrem verlustreichen Konflikt ursächlich.
    Mittlerweile ist sogar vom israelischen Polizeisprecher Micky Rosenfeld eingeräumt worden, dass die Täter ohne Wissen der Hamas-Führung auf eigene Faust gehandelt hatten. Dieses Eingeständnis, was leider in der aktuellen Kriegsberichterstattung in Israel bislang aber fast komplett untergegangen ist, verdeutlicht meines Erachtens wie sehr dieser Krieg von Israel an den Haaren herbeigezogen wurde.
  2. Der ukrainische Präsident Poroschenko wurde „bei seinem legitimen Vorgehen gegen die Separatisten“ in einem Telefonat mit der Bundeskanzlerin am 10.07.14 zur Besonnenheit angemahnt und aufgefordert die Verhältnismäßigkeit zu wahren und die Zivilbevölkerung zu schützen.
    Wo bleibt diese Anmahnung bzw. Aufforderung gegenüber Israel, insbes. im Hinblick auf mittlerweile über 1000 Tote, 6000 Verwundete, 600 zerstörte Häuser und 20.000 Obdachlose?
  3. Die deutsche Regierung steht immer für das Existenzrechts Israels ein, obwohl Israel ganz offensichtlich existiert und mit der viertstärksten Armee und geschätzt mehr als 200 Atombomben im Rücken sicher auch nicht in seiner Existenz gefährdet ist.
    Wo bleibt das Existenzrecht für einen zu schaffenden und durch die Zweiteilung (Gaza, West Bank) ohnehin fragilen Staat Palästina, zumindest in den von der Uno vorgesehenen Grenzen von 1967 (die ohnehin nur 22% des historischen Palästinas darstellen)?

Die Sicherheit eines fremden Landes zur eigenen Staatsräson zu erheben ist ein sehr mutiger, wenn auch meines Erachtens mehr als fragwürdiger Schritt, erst Recht wenn man auf die politischen Vorgänge in diesem Land so gut wie keinen Einfluß hat.

So ein Ausdruck tiefster Verbundenheit und Freundschaft hat auch die Verpflichtung inne mahnend für seine Überzeugungen einzustehen.

Das fast 70-jährige Erfolgsmodell Bundesrepublik Deutschland mit seiner festen demokratischen Verankerung inmitten Europas ist es Wert konstruktive Kritik auch Israel zukommen zu lassen. Und auch wenn Deutschland zu Israel nie neutral sein wird, so wäre es doch mehr als ein Symbol an die Palästinenser, Araber, Muslime und den Rest der Welt, dass Deutschland doch ein ehrlicher Makler sein kann.

Hingegen ist das Leisetreten und Duckmäusertum hinsichtlich jeglicher, auch offensichtlich berechtigter Kritik an Israel eines lebenswerten Landes wie Deutschland, dessen Stärke aus seinen gut nachbarschaftlichen Beziehungen herrührt und das aus seinen fatalen Fehlern der Vergangenheit gelernt hat, nicht würdig.

Dass die Arroganz der Macht keinen dauerhaften Frieden schafft, hat Deutschland in 2 Weltkriegen und die Supermacht USA in 2 neuzeitlichen Kriegen lernen müssen mit jeweils sehr hohem Lehrgeld.

Dies sollte auch lautstark gegenüber Israel artikuliert werden, auch wenn sich einige israelische Regierungsmitglieder (z.B. Wirtschaftsminister Bennett) explizit „Anmerkungen auf Deutsch“ verbitten und auch wenn heftigere Reaktionen als bei Martin Schulz´ Auftritt vor der Knesset im Februar 2014 „drohen“. Dies ist z.B. der Fall beim bisher nur sehr leisetreterisch und eher rhetorisch angemahnten (noch nicht mal richtig kritisierten) Siedlungsbau in den besetzten Gebieten, der für Palästinenser einen fortgesetzten Landraub darstellt (der Landanteil der Palästinenser am historischen Palästina ist von 1917 97,5% auf 2006 13% geschrumpft).

Wie wollen Sie sonst die Menschen im Nahen Osten davon überzeugen, dass es nur politisch eine dauerhafte Lösung geben kann, wenn „militante“ Gruppen augenscheinlich darauf verweisen können, dass selbst jahrelange Verhandlungen im Westjordanland nicht einen Quadratmeter Land zurückgebracht haben (sogar im Gegenteil weiteres Land für Siedlungen oder nicht näher erläuterte Sicherheitsbedürfnisse annektiert wurden) und dass Araber in Israel als Menschen zweiter Klasse behandelt werden mit weniger Rechten als jüdische Israelis.

Hinweis:

Dieses Schreiben ist privat von mir aus der aktuellen Kriegssituation heraus entstanden ohne damit irgendeine Person oder Institution zu vertreten. Es ist Ausdruck einer angestauten Frustration und Angst um Nahestehende hinsichtlich der täglichen Nachrichten, die einem die Freude auf das gestern begonnene Ramadanfest vermiesen.

Auch ist der Text mit niemandem aus dem Deutsch-Palästinensischen Verein in Braunschweig e.V. (DPV), dem ich derzeit vorstehe, abgestimmt, so dass er nur meine private Meinung widerspiegelt, die ich als Normalbürger meiner Regierung mitteilen möchte, wenn auch ohne nennenswerte Hoffnung Gehör zu finden.

Mit freundlichen Grüßen,

Dr. med. Abu-El-Auf, Ehab

1 Kommentar zu Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, Sehr geehrter Herr Aussenminister,

  1. Ein sehr, sehr guter ausgewogener Brief, der Wahrheiten enthält, denen nichts hinzuzufügen ist und die man unseren Politikern oder denen, die sich dafür halten, nur wünschen kann. Sollten sie unfähig sein, danach zu handeln, müssen sie ihr Amt unverzüglich niederlegen, um Schaden nicht nur vom deutschen Volk oder vom palästinensischen, sondern von allen Völkern dieser Erde abzuwenden.

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