Sicht vom Hochblauen

Evelyn Hecht-Galinski

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, Sehr geehrter Herr Außenminister,

Ich, Dr. Ehab Abu-El-Auf, bin Arzt und lebe seit mehr als 40 Jahren in Norddeutschland. Seit 1996 bin ich deutscher Staatsbürger mit palästinensischen Wurzeln. Der Großteil meiner Familie lebt in meiner Geburtsstadt Gaza.

Innerhalb von 6 Jahren ist zum 3. Mal Krieg im 360km2 kleinen Gaza-Streifen. Wurde in den vorangegangenen Kriegen Dime und Weisser Phosphor „getestet“ scheint diesmal die Zerstörung ganzer Wohn- und Hochhäuser „Trend“ zu sein.

Mehr als 500 Wohnhäuser sind zerstört, teils mit noch darin befindlichen Bewohnern. Selbst die völlig unzureichende 5-minütige Vorwarnzeit ist oftmals nicht eingehalten worden. Neben den angegriffenen Häusern selber sind natürlich auch die Nachbargebäude teils erheblich in Mitleidenschaft gezogen worden und nicht mehr sicher bewohnbar.

Manchmal stelle ich mir einfach vor, dass das 4-stöckige Haus mit „nur“ 8 Wohnungen, in dem ich lebe, um 3 Uhr morgens in 5 Min. evakuiert werden muss samt schlafender Kinder. Selbst wenn man darauf vorbereitet ist (z.B. mit gepacktem Koffer) ist das fast unmöglich.

Und selbst wenn man es mit dem nackten Überleben schaffen würde: Was dann? Ein komplettes Lebenswerk zunichte. Kein Obdach, ungewisse Zukunft, traumatisierte Erwachsene und für ihr restliches Leben verstörte Kinder.

Ein wunderbares Milieu für weitere Radikalisierung, da man eh nichts mehr zu verlieren hat.

Ich schreibe Ihnen, da ich angesichts des Zerstörungsausmaßes und der Brutalität des israelischen Vorgehens (jedes Mal aufs Neue) entsetzt und über die Reaktion der deutschen Regierung maßlos enttäuscht bin. Gerade der Ablauf der Ereignisse, die zum aktuellen Krieg geführt haben (bis heute früh 700 Tote und mehr als 2000 Verletzte, größtenteils Zivilisten), sprechen Ihrem immer wiederkehrendem Hinweis auf das Selbstverteidigungsrecht Israels Hohn:

Der meines Wissens nach immer noch ungeklärten Entführung und Ermordung der 3 Siedlerjungen im Westjordanland am 12.06.14 folgten nicht etwa intensive kriminalpolizeiliche Ermittlungen, sondern eine fast sofortige Erklärung über die Schuld der Hamas an deren Tod mit anschließend brutalen Durchkämmungsaktionen der israelischen Armee im Westjordanland im Schatten der Fußball-WM mit 5 getöteten Palästinensern (darunter auch 3 Jugendliche) und mehr als 300 Festnahmen (darunter über 50 im Rahmen des Gefangenenaustauschs 2011 Freigekommene).

Dass die israelischen Sicherheitskräfte durch das gezielte Zurückhalten des vom ersten Tag der Entführung bekannten Tods der 3 Siedlerjungen den Konflikt angeheizt haben (wsch. um die brutale Durchkämmungsaktion zu rechtfertigen), wird in einem Beitrag des Auslandsjournals (ZDF 17.07.14) sehr gut dargelegt.

Die darauffolgende, in den heiligen Monat Ramadan reichende Eskalation mit Angriffen und Gegenangriffen gipfelte in die brutale Rache-Verbrennung eines arabischen 16-jährigen Teenagers aus Jerusalem am 02.07.14, den massiven Luftschlägen der Israelis (seit 08.07.14) und seit dem 13.07.14 der bis heute anhaltenden Bodenoffensive.

Wer dabei agiert und wer reagiert ist je nach benutztem Medium unterschiedlich dargestellt. In den deutschen (wie auch den meisten westlichen) Medien ist immer die Rede vom Rakentenbeschuss der Hamas (damit Agitator) und den Vergeltungsschlägen der Israelis (die damit i.R. der Selbstverteidigung reagieren).

In nahezu allen Medien wird die Hamas auch immer zusammen mit dem Adjektiv „radikal-islamisch“ tituliert, was schon die Boshaftigkeit beinhaltet, analog zum „bösen“ Wolf im Märchen Rotkäppchen (selbst wenn Rotkäppchen den „bösen“ Wolf grundlos angreifen würde, würde es ihr kein Leser verübeln).

Ich bin kein Hamas-Mitglied oder -Anhänger. Für mich und die meisten Palästinenser ist sie aber eine Partei und Widerstandsbewegung, der man aufgrund des Missmuts Israels und des Westens den Sieg der einzigen freien palästinensischen Wahlen beraubt hat und dessen Beteiligung an der Einheitsregierung von Israel nicht toleriert bzw. vom Westen massivst kritisch gesehen wird. Außerdem bin ich der Überzeugung, dass wenn man sie gelassen hätte, sie die nächsten Wahlen eh verloren hätten.

Stattdessen merkt Israel nicht, dass sie mit jedem Krieg der Hamas Sympathien zuträgt und durch übertriebene Gewalt die nächsten Gewaltwelle sät. Hauptverlierer ist die Zivilbevölkerung.

Vor dem Hintergrund einer lähmenden Belagerung, gezielter Liquidationen und fehlender Fortschritte durch politische Bemühungen seitens der weitreichend kooperierenden Autonomiebehörde im Westjordanland wird der Raketenbeschuss der Hamas von Vielen als ein Akt der Selbstverteidigung gesehen, den Ihre Regierung bisher immer nur Israel zugestanden hat.

Meines Erachtens erklärt dies auch das fehlende Aufbegehren der Gazaner gegen die jetzt besonders geschwächte Hamas, auf das Israel spekuliert. Außerdem was hat Israels Selbstverteidigung mit dem gestrigen Angriff auf das einzige noch arbeitende E-Werk in Gaza zu tun (mit schwerwiegenden Folgen für den Alltag der Menschen).

Den Frieden zu gewinnen ist weitaus schwieriger als einen Krieg zu gewinnen. Das Lehrgeld für diese Erkenntnis haben die USA in 2 Kriegen teuer bezahlt. In Israel ist man für solche Erkenntnisse (noch) taub.

Als besonderer Freund Israels (und einziges Land, die Israels Sicherheit zur Staatsräson erhoben hat und mind. 6 U-Boote massiv subventioniert trotz verdrängtem Wissen um den möglichen späteren Umbau für Nuklearsprengköpfe) kommt Deutschland meines Erachtens eine besondere Verantwortung zur konstruktiven Kritik an der übertriebenen Gewaltanwendung zu. Kritiklose Ja-Sager sind keine wahren Freunde.

Die deutsche Geschichte hat nicht nur den Juden erhebliches Leid zugefügt, sondern auch den Palästinensern durch den vom Westen bis heute geduldeten Landraub schweres Unrecht angetan. Der Landanteil der Palästinenser ist von 1917 97,5% auf 2006 13% geschrumpft (und schrumpft durch fortgesetzten Siedlungsbau weiter). Plastischer ausgedrückt würde vom heutigen Bundesgebiet nur noch Niedersachsen übrig bleiben.

Bezüglich der aktuell aufkommenden Diskussion über antisemitische Ausschreitungen auf pro-palästinensischen Demos, möchte ich klar meine Ablehnung antijüdischer Hetzparolen äußern. Der Nahost-Konflikt ist kein Religionskonflikt. Juden wie auch Christen und andere Glaubensrichtungen (z.B. Drusen) haben schon seit eh und je in Palästina gelebt in einem historisch gewachsenen Verhältnis. Die massive Judeneinwanderung im 20. Jahrhundert (v.a. nach dem 2. Weltkrieg) hat daraus ein demographisches Pulverfass gemacht, das mit dem von den Arabern abgelehnten, weil ungerechten Teilungsplan 1947 und der israelischen Staatsgründung 1948 explodiert ist. Ironischerweise hat jetzt Israel ein demografisches Problem (durch die deutlich höhere Geburtenrate arabischer Israelis), das sie versucht zu unterbinden indem Israel als jüdischer Staat anerkannt werden soll und zudem versucht wird jüdische Ländereien im Westjordanland gegen arabische Ländereien im Kernland zu „tauschen“.

Natürlich gibt es auf beiden Seiten verbohrte Zeitgenossen, die glauben aufgrund ihrer Religion oder Ethnie was besseres zu sein. Palästinenser sind nicht minder oder mehr antijüdisch wie Israelis antipalästinensisch sind. Meines Erachtens ist die Hamas auch nicht radikaler als die in Israel mitregierende Partei des Außenministers Lieberman, nur dass sich da keiner dran stört.

Das Problem ist aber die israelische Politik samt seiner kurzsichtigen Arroganz der Macht und mit ihrem Expansionsdrang außerhalb bzw. der Diskriminierung arabischer Israelis innerhalb des Kernlands.

Bis heute (66 Jahre nach Staatsgründung !!) hat Israel noch nicht mal seine Grenzen festgesetzt oder eine endgültige Verfassung. Meine Einstellung ist daher (und soweit ich weiß, die meiner Bekannten) antiisraelisch und nicht antijüdisch. Dass dies von Lobbyverbänden gerne in einen Topf geworfen wird und Israel-Kritik mit Antisemitismus gleichgesetzt wird, ist verständlich und einer proisraelischen Einstellung dienlich und logisch, da damit Israel-Kritiker zumindest zwielichtig antisemitisch sind (sogenannte „Antisemitismus-Keule“).

In aller Deutlichkeit nochmal: Ich bin gegen die israelische Politik und definitiv nicht gegen die jüdische (ebenfalls abrahamitische) Religion. Und eigentlich erwarte ich von einem Volk, dem soviel Leid widerfahren ist, dass er es anderen Völkern nicht antut.

Aus o.g. Erwägungen sind meine „Forderungen“ (eher Wünsche/Ideen) an die deutsche Regierung:

  1. Das Auftreten als „ehrlicher“ Vermittler eines Waffenstillstands zwischen Israelis und Palästinensern unter gleichzeitiger Lockerung der für den Krieg mitverantwortlichen lähmenden Blockade Gazas unter Einbeziehung Ägyptens (Grenzübergang Rafah). Bei einem Status quo ist der nächste Krieg nur eine Frage der Zeit.
  2. Einwirken auf Israel zur Akzeptierung der Einheitsregierung auch mit Hamas-Beteiligung (so wie die Palästinenser Lieberman zu akzeptieren haben).
  3. Einsatz für einen freien Zugang nach Gaza für Menschen und Waren durch Reaktivierung des aus EU-Geldern errichteten und 2002 durch Israel zerstörten Flughafens sowie die Errichtung eines Seehafens. Der Schutz müsste von Israel vertraglich zugesichert und international überwacht werden. Die Kontrolle wäre noch zu regeln.
  4. Unterstützung der Idee einer Geberkonferenz zur Reparatur zumindest der gröbsten Schäden und Gewährleistung einer adäquaten Versorgung mit Wasser, Medizin, Strom und Baumaterialien.
  5. Das forcierte Hinwirken auf einen gerechten Friedensvertrag entweder als 2-Staaten-Lösung (dann mit einem lebensfähigen Palästina mit gesicherter Gaza-West Bank-Verbindung) oder als 1-Staaten-Lösung (dann mit Gleichbehandlung aller Bürger unabhängig von Religion und Ethnie). Als mögliche Grundlage könnte das bisher unbegründet abgelehnte Angebot der Arabischen Liga von 2007 und 2009 sein.
  6. Das Respektieren eigener Vorsätze hinsichtlich dem Verbot von Waffen-Exporten in Krisenregionen, zu denen Israel bis zu einem Friedensvertrag gehören wird.

Hinweis:

Dieses Schreiben ist privat von mir aus der aktuellen Kriegssituation heraus entstanden ohne damit irgendeine Person oder Institution zu vertreten. Es ist Ausdruck einer angestauten Frustration und Angst um Nahestehende hinsichtlich der täglichen Nachrichten, die einem die Freude auf das am 28.07.14 anstehende Ramadanfest vermiesen.

Auch ist der Text mit niemandem aus dem Deutsch-Palästinensischen Verein in Braunschweig e.V. (DPV), dem ich derzeit vorstehe, abgestimmt, so dass er nur meine private Meinung widerspiegelt, die ich als Normalbürger meiner Regierung mitteilen möchte, wenn auch ohne nennenswerte Hoffnung Gehör zu finden.

Geschrieben und gemailt am 24.07.2014

Mit freundlichen Grüßen,

Dr. med. Abu-El-Auf, Ehab

poststelle@bk.bund.de

poststelle@auswaertiges-amt.de

1 Kommentar zu Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, Sehr geehrter Herr Außenminister,

  1. Sehr geehrter Herr Dr. Ehab Abu-El-Auf ich habe lange gesucht nach einer Rede die ich an einer Mahnwache halten will, aber nix hat mich so mitgenommen wie Ihr Brief. Ich hoffe Sie haben nix dagegen einzuwenden den ich beabsichtige diesen Vorzutragen. Liebe grüße und in d Hoffnung das Gaza bald wieder Leben darf
    Hanadi Yassine aus Nienburg

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