Sicht vom Hochblauen

Evelyn Hecht-Galinski

Sehr geehrter Herr Bundespräsident

Ein Brief von Irene Jäger an den Bundespräsidenten:

Ihre Stellungnahme zum neuen Anti-Semitismus in Deutschland und Ihr Schweigen zu dem grausamen Geschehen in Gaza, so im Fernsehen gehört und gesehen, sowie im Internet nachgelesen, bestürzt  mich sehr. Ihre Äußerungen lassen –scheinbar- eine kurzsichtige, die wahren Fakten Palästinas völlig ignorierende Sichtweise erkennen. Es ist jedoch völlig unmöglich, dass Sie nicht die Geschichte Palästinas und die Leidensgeschichte der Palästinenser seit 1948 und besonders seit der israelischen Besatzung seit 1967 kennen. Und ich weiß, dass  auch Sie genau wissen, wie seit 1967 das Restpalästina, vor unseren Augen,  in zerrissene Kleinstparzellen  zerschlagen wurde. Ich brauche Ihnen keine Landkarte zu schicken, und keine Bilder über die Mauer, welche die israelische Regierung auf palästinensischen Boden errichtet  und die Palästinenser in eine Art Internierungslager gepfercht hat. Auch benötigen Sie von mir keine Bilder und Karten über die israelische Siedlungspolitik und den weiteren stillen Landraub.
Dies alles, Herr Bundespräsident , ist Ihnen bekannt, so wie Sie auch das internationales Recht, z.B. bezüglich Menschenrechte, Kinderrechte, Kriegsrecht… als Bundespräsident kennen müssen. All diese international vereinbarten Rechte, sowie Genfer Konventionen  werden von Israel seit Jahrzehnten aufs Gröbste verletzt.
Und zu all den Verbrechen, zu den Hunderten von Toten im 3. Gazakrieg, zumeist Zivilisten und Kinder schweigen Sie? Gehört das für Sie, wie der Bundeskanzlerin, zum Recht auf Verteidigung des jüdischen Staates Israel.?

Ich möchte gleich vorausschicken, dass ich a priori  uneingeschränkt Antisemitismus verurteile, aber was ist Anti-Semitismus?
Von den Medien wird berichtet, dass die gewalttätigen Auseinandersetzungen, zumeist von Menschen mit arabischem Immigrationshintergrund (Semiten) ausgeführt werden. Und wer diese –unschönen Parolen von Judenschweinen benützt–sind  Menschen, denen geschichtlich, abgesehen von kleinen Ausnahmen wie im muslimischen Andalusien , kein Anti-Semitismus vorzuwerfen ist. Hat es im arabischen Raum jemals ein Pogrom gegeben? NEIN!! Christen, Juden und Muslime haben etwa in Ägypten, im Jemen und anderen arabischen Staaten friedlich zusammengelebt, bis der jüdische Staat den christlichen und muslimischen Palästinensern ihr Land raubte und weiter raubt, mit unserer stillschweigenden Genehmigung,  so wie wir zwei  auch vorangegangene Gazakriege zuließen.

Zu den gewalttätigen Ausschreitungen schreibt Frau Evelyn Hecht- Galinski sehr treffend : „Wenn also jetzt gegen Juden geschrien wird, dann ist das kein Antisemitismus, sondern der Hass auf das abschlachtende israelische Regime. Israel hat es in Jahrzehnten zu einer Meisterschaft der Vertuschung von Kriegsverbrechen gebracht und ist außerdem ein Meister in der Ablenkung von der Ursache des Konflikts. Alle Welt spricht nur über Hamas-Terror, anstatt über Besatzung, Abrieglung und Besiedlung zu sprechen. Friedensverhandlungen werden seit Jahrzehnten von Israel torpediert, weil es ja nie einen Partner hat.“

Zu diesem Abschlachten – die UN Hochkommissarin  für Menschenrechte  spricht von möglichen Kriegsverbrechen – dazu schweigen Sie?
Widersprechen Sie dem Bericht der Hochkommissarin? Gehört  das grausame Töten, nach deutschem Strafrecht Morden genannt, Ihrem  Verständnis eben zu einem bedauerlichen Kollateralschaden? Das kann nicht sein.

Sind Sie nicht über Jahre durch deutsche Lande gezogen, den Wert der Freiheit predigend? Haben Sie nicht die Freiheit zum Leitbild Ihrer Amtszeit gemacht? Warum, so frage ich Sie dann, haben Sie bei Ihrem Besuch in Israel zu  dem  Unrecht und vor allem der  Apartheid-Mauer geschwiegen? Warum haben Sie nicht über das Glück der Deutschen, die Mauer überwunden zu haben , gesprochen, wie Sie es sonst immer wieder betonen?

Herr Bundespräsident, akzeptieren Sie den jüdisch-israelischen Apartheidstaat? Sind Sie der Auffassung, dass der grausame Holocaust an Menschen jüdischen Glaubens, Sie dazu verpflichtet,  grausames Vorgehen der israelischen Regierung, der Verletzung internationalen Rechtes, nicht anprangern zu dürfen?

Herr Bundespräsident, in Deutschland gibt es nicht nur die jüdisch-israelische Lobby, nicht nur „Honestly Concerned,“ es gibt viele, viele Juden in Deutschland,  Zivilisten als auch Organisationen, welche die jüdisch-israelisch Vernichtungspolitik gegen die Palästinenser auf das Schärfste verurteilen. Und es gibt eine ständig steigende Zahl jüdischer Emigranten, die aus Protest ihr Land verlassen, um sich auch in Deutschland niederlassen.

Herr Bundespräsident, helfen Sie dem grausamen Treiben ein Ende zu setzen! Das erwartet eine ständig steigende Zahl unserer MitbürgerInnen von Ihnen.

Zum Schluss lege ich Ihnen den nachstehenden Beitrag  eines Palästinensers sehr ans Herz, in der Hoffnung, er möge Sie  aufrütteln.

 

Hochachtungsvoll
Irene Jäger

 


 

Die Raketen der Hamas sind nur die Symptome des Konflikts. Die wirkliche Ursache ist die Jahrzehnte lange israelische Besatzung .
Dieser Krieg ist sinnlos, weil ein solcher Krieg schon mehrfach geführt wurde und schon mehrfach scheiterte; und dennoch wird ein solcher Krieg jetzt wiederholt. Israel kann diesen Krieg auf keinen Fall gewinnen,   wie es vorherige Kriege  gewonnen hat – jene gegen Gaza und den Libanon etwa. Denn alle diese Kriege versuchten die Symptome zu kurieren statt die Ursachen zu bekämpfen.
Die Symptome sind in diesem Fall die Raketen aus dem Libanon und aus Gaza sowie die Tunnel. Die wahre Ursache liegt indessen in der Besatzung  und in ihren Auswirkungen. Diese sind, neben anderen Dingen, der Siedlungsbau, die Abriegelung von Gaza, die Einschränkung der Bewegungsfreiheit der Palästinenser und die Erniedrigung durch die  Besatzung  in jedem Lebensbereich  der Menschen und auf all den Wegen und Straßen in den besetzten Gebieten.
Um uns nur auf dieses Jahrhundert zu beschränken – Israel fiel 2006 in den Libanon ein und in den Gazastreifen 2008 und 2009  und dann noch einmal 2012. Ziel war die Bekämpfung der Raketen der Hizbollah und der Hamas, die auf  südliche und nördliche israelische Städte fielen sowie auf Territorien  um die libanesische Grenze und um Gaza herum.
Alle diese israelischen Invasionen ins Nachbarland  endeten mit einem Waffenstillstand, ohne dass danach  die wahre Ursache des  Nahostkonflikts gelöst wurde – die Besatzung.  Daher kam es jetzt wiederum zu einer Invasion und einer blutigen Konfrontation.
Die Raketen hatten damals eine Reichweite von 50 Kilometern, höchstens. Sie zogen israelische Städte in der Nähe des Gazastreifens in Mitleidenschaft. In der gegenwärtigen Runde des Krieges erreichten die Raketen Tel Aviv und Haifa. Aber immer noch versuchen die Israelis, ihren Krieg damit zu rechtfertigen, diese Raketen stoppen zu müssen.
Die Israelis und die Weltgemeinschaft haben immer noch nicht verstanden: die Raketen sind das Symptom. Wenn die Besatzung nicht beendet wird, wird der Kampf fortgesetzt werden und sich noch intensivieren. Die Palästinenser sind wie andere Völker. Sie wollen nichts mehr als in Frieden und Sicherheit leben. Aber sie werden niemals die Besatzung und die damit verbundene Erniedrigung tolerieren. Und selbst wenn der Widerstand der Hamas gebrochen werden sollte, wird das nicht das Ende des palästinensischen Widerstandes sein. Im Gegenteil. Die nächste Generation palästinensischer Kämpfer wird entschiedener kämpfen und mit wirksameren Mitteln. Und sicherlich werden sie mit mehr Gewalt kämpfen.
66 Jahre des Konfliktes und das riesige Ungleichgewicht an Feuerkraft zwischen Israelis und Palästinensern hat die Palästinenser niemals abgeschreckt, ihren Freiheitskampf fortzusetzen. Massaker und die riesigen Opfer haben es nicht vermocht, sie von diesem Kampf abzuschrecken, und sie werden sich auch in Zukunft nicht abschrecken lassen.
Die Weltgemeinschaft handelt dumm, wenn sie die israelische Rechtfertigung für diesen Krieg akzeptiert. Ebenso dumm handelt sie, wenn sie Israel ermuntert, die Palästinenser unter dem Vorwand der  Selbstverteidigung gegen die Raketen der Hamas anzugreifen. Die Besatzung ist die Quelle allen Übels im Nahen Osten. Und wenn diese Besatzung nicht ein Ende findet, wird der palästinensische Kampf weitergeführt.
Es ist auch dumm, einen Waffenstillstand zu suchen, ohne die wahre Ursache des Krieges zu bekämpfen. Die einzige und wahre  Art, die Situation zu bewältigen und damit den elenden Kreis der Gewalt in diesem Teil der Welt zu beenden besteht darin, die Besatzung zu beenden und mit ihr alle ihre Folgen: Siedlungsbau, Belagerungen, Erniedrigung, Abriegelung von Dörfern und Städten.
Wenn das alles nicht geschieht, verschiebt die Weltgemeinschaft nur das Problem, das mit absoluter Sicherheit erneut vor ihrem Gesicht explodieren wird. Und ich bin mir bewußt, daß der nächste Krieg gewalttätiger sein wird und mit weitaus größerer Zerstörungskraft geführt werden wird. Und er wird uns allen viel näher sein, wo immer wir uns dann in der Welt gerade aufhalten“.
Adil Yahya war einer der Führer der ersten Intifada, die 1987 begann. Wie viele seiner Mitstreiter saß auch er einst in einem israelischen Gefängnis.


 

Übersetzung des Textes aus dem Englischen durch Heiko Flottau

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