Sicht vom Hochblauen

Evelyn Hecht-Galinski

Skandal um die Verleihung des Göttinger Friedenspreises Von Günter Schenk, Claudia Karas und Tanya Ury, NRhZ

Inland
Skandal um die Verleihung des Göttinger Friedenspreises an die „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“
Entehrung meiner in Auschwitz ermordeten Großmutter
Von Tanya Ury, sowie weitere zwei Briefe von Claudia Karas und Günter Schenk

  Am 9. März 2019 soll die „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ mit dem „Göttinger Friedenspreis“ ausgezeichnet werden. Dagegen hat die Menschen- und Völkerrecht verachtende zionistische Israel-Lobby interveniert. Georg-August-Universität Göttingen, Sparkasse Göttingen und Stadt Göttingen sind auf diesen Zug aufgesprungen und verweigern sich der Preisverleihung. Dagegen gibt es einen Sturm der Entrüstung. Drei Beispiele: „Kurzum, Ihre Entscheidung ist nicht nur peinlich, sie ist unentschuldbar… Sie haben der Rede- und Gedankenfreiheit unseres Landes einen schlechten Dienst erwiesen, Sie haben den Ruf der Georg-August-Universität mutwillig und feige beschädigt, das macht nicht nur wütend, es macht unendlich traurig.“ „Hiermit möchte ich Sie dringend dazu auffordern, sich der konzertierten Schmutzkampagne gegen die ‚Jüdische Stimme‘ zu widersetzen… Ein Zurückweichen vor dieser gesteuerten Kampagne gegen Personen und Gruppen, die wegen ihres Engagements für das internationale Recht und für ihr kompromissloses Eintreten für einen gerechten Frieden als Antisemiten diffamiert werden, wäre ein fatales Signal.“ „Ich bitte Sie, Ihre jüngsten Entscheidungen – die ich als einen Missbrauch der Erinnerung an meine Großeltern und die vielen anderen Familienmitglieder, die in Deutschland unter dem Nazi-Regime ermordet wurden, ansehe – zu überdenken, damit die ‚Jüdische Stimme‘ für ihre friedliche Arbeit für das Palästinensische Volk, am 9. März ausgezeichnet wird.“ Das sind Zitate aus Briefen von Günter Schenk, Claudia Karas und Tanya Ury, die nachfolgend vollständig wiedergegeben sind.

Ihre Entscheidung, den Preisträgern des diesjährigen Göttinger Friedenspreises die Aula der Universität zu verweigern

Sehr geehrte Frau Professor Beisiegel, vieles wurde zur Verleihung des Göttinger Friedenspreises geschrieben, vieles auch an Sie und, das meiste davon wäre überflüssig gewesen, wenn Sie nicht erneut vor Pressionen außerhalb Ihrer Universität umgefallen wären. Denn, das war ja kein entschuldbares „Erstes Mal“, die Vorgänge um die Nakba-Ausstellung im Jahr 2016 hätten Sie schließlich um eine Erfahrung, wie mit ebenso böswilligen, wie unberechtigten Anschuldigungen umzugehen sei, reicher machen müssen.

Ich komme hier nur zu einem Punkt Ihrer Erklärung, die tatsächlich, aus der Feder der Präsidentin einer der traditionsreichsten Universitäten unseres Landes, beunruhigend ist. Sie haben erklärt: Ihre Entscheidung der Jury des Göttinger Friedenspreises zur Preisvergabe an die Jüdische Stimme habe „zu einer Kontroverse geführt, bei der sich die Universität keiner der kontrovers geäußerten Meinungen anschließen kann“.

Wie das? Haben Sie sich nun einer der „kontrovers geäußerten Meinungen“ angeschlossen, oder haben Sie nicht? Erkennen Sie hier nicht Ihren erfolglosen und verquasten Versuch, Ihre Entscheidung, die Aula Ihrer Alma Mater nicht zur Verfügung zu stellen – darum geht es – als „neutral in der Sache“ darzustellen? Wie wollen Sie diesen von Ihnen selbst geknüpften „Gordischen Knoten“ lösen, ohne Ihr Gesicht, von wissenschaftlichem Renommee zu schweigen, zu verlieren?

Kurzum, Ihre Entscheidung ist nicht nur peinlich, sie ist unentschuldbar. Andere, Ihre Kolleginnen und Kollegen, auch von anderen Universitäten, haben Ihnen das, auf kollegiale Weise gesagt. Genügt Ihnen das nicht? Was würden die „Göttinger Sieben“ zu Ihnen gesagt haben? Was die Mutigen, die in Göttingen gegen atomare Rüstung aufstanden, gegen den Strom der Zeit, zu Ihnen heute sagen?

Sie haben der Rede- und Gedankenfreiheit unseres Landes einen schlechten Dienst erwiesen, Sie haben den Ruf der Georg-August-Universität mutwillig und feige beschädigt, das macht nicht nur wütend, es macht unendlich traurig.

Mit dem Versuch, angesichts Ihres ehrverletzenden Verhaltens die Contenance nicht zu verlieren, grüße ich Sie
Günter Schenk, Membre du Collectif Judéo Arabe et Citoyen pour la Palestine, Strasbourg/France

Kampagne gegen die Vergabe des „Göttinger Friedenspreises“ an die „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“

Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Beisiegel, sehr geehrter Herr Hald, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Köhler, sehr geehrter Herr Prof. Dr. Neuneck, sehr geehrter Herr Dr. Roehl, hiermit möchte ich Sie dringend dazu auffordern, sich der konzertierten Schmutzkampagne gegen die ‚Jüdische Stimme‘ zu widersetzen. Wie immer versucht das gut geschmierte Netzwerk mit allen Mitteln, Kritik an den Menschenrechtsverletzungen Israels zum Schweigen zu bringen. Rufmord ist, wie in all den unzähligen Fällen zuvor, das probate Mittel zum Zweck.

Die Behauptung, dass die „Jüdische Stimme“ mit BDS eine antisemitische Kampagne unterstützen würde, ist völlig absurd. Die BDS-Kampagne hat definitiv und nachweislich nichts mit Antisemitismus zu tun! Honorige Leute wie z.B. Desmond Tutu, Noam Chomsky, Naomi Klein, Ilan Pappe, Arundhati Roy, Ken Loach, Alice Walker, Angela Davis, Steven Hawking, Stéphane Hessel (war Co-Autor der UN- Menschenrechtscharta!), unterstützen die von VertreterInnen der palästinensischen Zivilgesellschaft initiierte gewaltlose BDS-Kampagne. Alles Antisemiten?!

Ein Zurückweichen vor dieser gesteuerten Kampagne gegen Personen und Gruppen, die wegen ihres Engagements für das internationale Recht und für ihr kompromissloses Eintreten für einen gerechten Frieden als Antisemiten diffamiert werden, wäre ein fatales Signal, mit dem Sie sich willfährig vor den Karren von Friedensfeinden, die die zutiefst berechtigte Kritik an der israelischen Politik immer als „Antisemitismus“ diffamieren, einzuspannen bereit wären. Offensichtlich braucht es heute tatsächlich keine Nazis, um Juden aus Hörsälen und Veranstaltungsräumen zu vertreiben.

Damals wie heute allerdings braucht es Mut und Zivilcourage, die Wahrheit auszusprechen, hier treffend ausgedrückt von einem der berühmten „Göttinger Sieben“, nämlich von Jacob Grimm: „Die Geschichte zeigt uns edle und freie Männer, welche es wagten, vor dem Angesicht der Könige die volle Wahrheit zu sagen; das Befugtsein gehört denen, die den Mut dazu haben.“

Die Jury hat Punkt für Punkt die richtige Entscheidung getroffen und die „Jüdische Stimme“ hat den „Göttinger Friedenspreis“ redlich verdient. Deshalb noch einmal die Bitte, die Schmutzkampagne von Feinden eines gerechten Friedens mit allem Nachdruck zurückzuweisen.

Mit freundlichen Grüßen
Claudia Karas, Frankfurt am Main

Göttinger Friedenspreis – bitte reagieren!

Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Beisiegel (Präsidentin der Georg-August-Universität Göttingen), sehr geehrter Herr Hald (Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Göttingen), sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Köhler, sehr geehrter Herr Prof. Dr. Neuneck (Professor für Friedensforschung), sehr geehrter Herr Dr. Roehl (Stifter des Göttinger Friedenspreises), ich bin Jüdin, die in Großbritannien aufgewachsen ist. Als Künstlerin bin ich in den frühen 90-er Jahre nach Deutschland gezogen, um den Holocaust und meine Familiengeschichte aufzuarbeiten, aber auch um zu beobachten, wie Deutschland sich in den Jahren nach Auschwitz, und nach der Wende, entwickelt. Ich habe sogar die englisch-deutsche doppelte Staatsbürgerschaft erhalten und fühle mich nach so vielen Jahren, als Deutsche.

Es ist durch die vielen Familienmitglieder, die in Nazi-Deutschland enteignet waren und leiden mussten, dass ich als Mitglied der „zweiten Generation“ dazu gekommen bin, über Frieden und über Menschenrechte zu reflektieren, nicht nur in der Kunst, sondern auch mit Artikeln und auch aktiv, als Rednerin, wenn ich eingeladen bin.

Ich bin auch schon jahrelang Mitglied der Jüdischen Stimme für Frieden in Nahost und unterstütze die Palästinenser in Israel, so gut ich kann. Wenn BDS-Gruppen mich einladen in NRW zu sprechen, tue ich das gern, denn BDS steht auch für friedliches, gewaltfreies Demonstrieren.

Die Tatsache, dass die Jüdische Stimme an der Universität Göttingen mit einem Friedenspreis am 9. März 2019 ausgezeichnet werden soll, ist bewundernswert. Doch ist die jüngste Tatsache, dass andere in Deutschland das verhindern wollen, sehr verheerend.

Wir leben doch in einer Demokratie, wo man sich für die Menschrechte ausdrücken darf und soll. Für mich und die Jüdische Stimme ist es das einzig mögliche moralische Handeln, die Palästinenser zu unterstützen, deren Häuser zerstört und deren Land geraubt wird – die in Israel nicht gleichberechtigt behandelt werden, die keine Recht auf Rückkehr zu ihrem eigenen Land haben.

Dass in Deutschland, wo meine Eltern ähnliches erlebt hatten, nun versucht wird, eine Stimme für Frieden mundtot zu machen, bereitet mir große Sorgen. Mich als Antisemitin zu bezeichnen, weil ich mich für die Rechte von enteigneten Palästinensern in Israel aussprechen will, betrachte ich als Entehrung meiner Großmutter Hedwig Ury, die in Auschwitz ermordet wurde.

Ich bitte Sie, Ihre jüngsten Entscheidungen – die ich als einen Missbrauch der Erinnerung an meine Großeltern und die vielen anderen Familienmitglieder, die in Deutschland unter dem Nazi-Regime ermordet wurden, ansehe – zu überdenken, damit die Jüdische Stimme für ihre friedliche Arbeit für das Palästinensische Volk, am 9. März ausgezeichnet wird.

Mit freundlichen Grüßen
Tanya Ury


Anhang:

Mitteilung der Georg-August-Universität Göttingen vom 19.2.2019

Sehr geehrte Damen und Herren, im Auftrag unserer Präsidentin Ulrike Beisiegel übersende ich Ihnen folgendes Statement von ihr:

„Die Universität Göttingen anerkennt die in der Satzung der Göttinger Friedenspreis Stiftung Dr. Roland Röhl festgehaltene Unanfechtbarkeit einer satzungsgemäßen Wahl der Preisträger(in/innen) durch die Jury. In der aktuellen Situation hat die Entscheidung zu einer Kontroverse geführt, bei der sich die Universität keiner der kontrovers geäußerten Meinungen anschließen kann. Daher wird kann die Universität in diesem Jahr die Preisverleihung nicht unterstützen und die Verleihungsfeier kann nicht in Räumen der Universität stattfinden. Die prinzipielle Unterstützung der Universität für den Göttinger Friedenspreis ist hiervon nicht betroffen.“

Wir senden dieses Statement heute nur an die Mitglieder der Stiftung. Ab dem morgigen Tag würden wir es auch auf Presseanfragen hin verteilen-

Gleichzeitig bitte ich um Ihr Verständnis, dass ich ab sofort meine Mitgliedschaft im Beirat für Öffentlichkeitsarbeit und meine Tätigkeit als Pressesprecher der Stiftung ruhen lassen werde. Presseanfragen an die Stiftung zur Fragen der Juryentscheidung werde ich an Herrn Zumach, Presseanfragen zur Organisation der Verleihung oder generelle Fragen zur Stiftung an Herrn Röhl weiterleiten.

Freundliche Grüße
Thomas Richter
Pressesprecher & Leiter Öffentlichkeitsarbeit
Georg-August-Universität Göttingen


Mitteilung der Sparkasse Göttingen vom 19.2.2019

Sehr geehrte Damen und Herren, zu Ihrer Information übersende ich Ihnen folgendes Statement der Sparkasse Göttingen zur diesjährigen Verleihung des Göttinger Friedenspreises:

„Als regionales Kreditinstitut unterstützt die Sparkasse Göttingen die Stiftung Dr. Roland Röhl bei der jährlichen Organisation der Preisverleihung des Göttinger Friedenspreises seit Jahren mit einer Förderung in Höhe von circa 2.000 Euro. Gemäß Satzung der Stiftung Dr. Roland Röhl obliegt die Auswahl der Preisträger einzig und ausschließlich der Jury des Göttinger Friedenspreises. Die Sparkasse Göttingen konnte und kann an keiner Stelle auf die Entscheidung der Jury einwirken. Die Wahl des diesjährigen Preisträgers hat in Politik, Medien und Öffentlichkeit eine intensive Diskussion ausgelöst. Vor diesem Hintergrund hat die Sparkasse Göttingen entschieden, die Preisverleihung 2019 nicht weiter zu unterstützen. Die Sparkasse Göttingen fühlt sich als regionales öffentliches Kreditinstitut zur politischen Neutralität verpflichtet und demzufolge steht der Sparkasse eine inhaltliche Bewertung der Antisemitismusvorwürfe nicht zu. Die Sparkasse Göttingen distanziert sich ausdrücklich von jeglicher Form des Antisemitismus.“

Das obige Statement erhalten Sie als Mitglieder der Stiftung vorab. Dieses werden wir ab morgen in der Pressekommunikation einsetzen.

Freundliche Grüße!
Frank Sickora
Sparkasse Göttingen
Abteilungsleiter Kommunikation


Erklärung von Andreas Zumach, Vorsitzender der Jury des Göttinger Friedenspreises, vom 20.2.2019 – Feiger und unehrlich begründeter Rückzug von Universität, Stadt und Sparkasse vom Göttinger Friedenspreis für die „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ – Preisverleihung findet dennoch statt – Spenden erforderlich

Die drei institutionellen Unterstützer des Göttinger Friedenspreises – Universität, Stadt und Stadtsparkasse – haben dem Druck von Falschbehauptungen, Verleumdungen und Rufmord gegen den diesjährigen Preisträger „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ nachgegeben und ihre Unterstützung für die Teilnahme an der Verleihungsfeier am 9. März 2019 gestern, am 19.2.2019 Nachmittag, endgültig abgesagt:

    • Universitätspräsidentin (UP) Ulrike Beisiegel teilte mit, dass die Aula der Universität, in der die Verleihungsfeiern seit 1998 stattfinden, dieses Jahr nicht zur Verfügung steht. Auch in anderen „Räumen der Universität“ kann die Veranstaltung laut Beisiegel „nicht stattfinden“.

 

    • Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler lies wissen, dass die Stadt Göttingen dieses Jahr die TeilnehmerInnen der Verleihungsfeier nicht einlädt zum traditionellen Empfang im Foyer des Alten Rathauses

 

    • Der Oberbürgermeister und die Universitätspräsidentin, beide qua ihrer Funktion auch Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Roland Röhl, die den Göttinger Friedenspreis vergibt, haben bei allen Verleihfeiern der letzten 20 Jahre ein Grußwort gesprochen. Diese Grußworte der Stadt und der Universität wird es dieses Jahr nicht geben.

 

  • Die Sparkasse Göttingen, die zur Deckung der Kosten der Verleihfeier (Druck der Einladung; Reise, Unterkunft, Verpflegung der Preisträger und des/r Laudators/in etc.) bislang jährlich rund Euro 2.000 beisteuerte, ließ wissen, dass ihre finanzielle Unterstützung dieses Jahr entfällt.

Der Rückzug der drei institutionellen Unterstützer des Friedenspreise ist feige und ihre Begründung für diesen ist Schritt unehrlich.

Frau Beisiegel erklärt in ihrer gestrigen Mitteilung, die Entscheidung der Jury des Göttinger Friedenspreises zur Preisvergabe an die Jüdische Stimme habe „zu einer Kontroverse geführt, bei der sich die Universität keiner der kontrovers geäußerten Meinungen anschließen kann.“ Das ist falsch. Mit ihrer Rückzugsentscheidung hat sich die Universität einer der „kontrovers geäußerten Meinungen“ angeschlossen. Sie hat die Falschbehauptungen, Verleumdungen und Rufmordversuche gegen die Jüdische Stimme, mit denen die Göttinger FDP-Fraktionsvorsitzende Felicitas Oldenburg und der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, letzte Woche die Absage der Preisverleihung gefordert haben, höher gewichtet als sämtliche dazu kontroversen Meinungen, Argumente und Beweise:

    • Höher gewichtet als die ausführlich begründete Entscheidung der Jury, die Frau Beisiegel und Herrn Köhler in ihrer Funktion als Mitglieder des Kuratoriums der Stiftung bereits seit dem 11. September 2018 vorlagen.

 

    • Höher gewichtet als die ausführliche Stellungnahme, in der ich am 14.2. in meiner Funktion als Juryvorsitzender die Preisentscheidung noch einmal begründet und die Falschbehauptungen, Verleumdungen und Rufmordversuche von Frau Oldenburg und Herrn Schuster detailliert belegt und widerlegt habe.

 

    • Höher gewichtet, als die meiner Stellungnahme vom 14.2. beigelegte Erklärung „Der Einsatz für Menschenrechte ist nicht antisemitisch“, in der am 18. Januar 2019 mehr als 90 namhafte jüdische Wissenschaftler und Intellektuelle aus Deutschland, Israel und anderen Ländern in einem gemeinsamen Offenen Brief die Angriffe gegen die „Jüdische Stimme“, sie sei „antisemitisch“, zurückgewiesen haben.

 

    • Höher gewichtet als die Stellungnahmen die über 150 Personen und Organisationen aus dem In- und Ausland bis gestern an Frau Beisiegel, Herrn Köhler und Herrn Reiner Hald von der Sparkasse geschrieben haben

 

  • mit der dringenden Bitte, der Diffamierungskampagne gegen die Jüdische Stimme nicht nachzugeben. Darunter sind mehrere Träger des Göttinger Friedenspreises (u.a. Professor Wilhelm Heitmeyer, das Forum Ziviler Friedensdienst und die Zeitschrift Wissenschaft und Frieden) sowie zahlreiche Juden, Jüdinnen und jüdische Organisationen aus Israel, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, der Schweiz und den USA.

Nach den Interventionen von Frau Oldenburg, Herrn Schuster sowie von FDP-MdB Konstantin Kuhle gegen die Preisvergabe an die Jüdische Stimme hatten OB Köhler, UP Beisiegel und die Sparkasse der Stiftung des Göttinger Friedenspreises am 14.2. unter Berufung auf von ihnen nicht näher identifizierte „Vorbehalte von unterschiedlichen Seiten“ schriftlich empfohlen, die für den 9.3. geplante Verleihungsfeier „zunächst auszusetzen“. Es sei aus ihrer Sicht „erforderlich, den Antisemitismusvorwurf (gegen die Jüdische Stimme, AZ) vor allem in Bezug auf Zusammenarbeit mit der BDS-Bewegung eindeutig auszuräumen“.

In der Folge wurden Frau Beisiegel und Herr Köhler von mir sowie von den Vorständen der Stiftung und ihres Kuratoriums, Hans-Jörg Röhl und Goetz Neuneck mehrfach schriftlich und mündlich gebeten, dringend mitzuteilen, was sie über meine Stellungnahme vom 14.2. und die beigelegte Erklärung jüdischer Intellektueller vom 18.1.2019 noch benötigen an Argumenten, Dokumenten, Belegen etc., damit der Antisemitismusvorwurf gegen die Jüdische Stimme auch für sie eindeutig ausgeräumt ist.

Frau Beisiegel und Herr Köhler haben darauf nicht geantwortet. Das heißt: sie haben der Stiftung Göttinger Friedenspreis überhaupt keine Chance gegeben, den Antisemitismusvorwurf eindeutig auszuräumen. Mit Schreiben vom 16.2. habe ich Frau Beisiegel und Herrn Köhler gebeten, ihre Formulierung von den „Vorbehalten von unterschiedlicher Seite“ zu konkretisieren und folgende Frage zu beantworten: Von welcher anderen Seite außer von Oldenburg/Kuhle/Schuster wurden Vorbehalte vorgebracht, schriftlich, telefonisch oder auf anderem Wege? Was genau beinhalten diese Vorbehalte? Ich stellte diese Frage auf Grund einer Reihe von Erfahrungen mit ähnlichen Vorgängen, bei denen neben schriftlichen und öffentlich bekannt gemachten Vorbehalten von weiteren Akteuren hinter den Kulissen mit dem Antisemitismus-Vorwurf interveniert wurde gegen Preisverleihungen an / Auftritte von Personen, die Kritik an der Politik der israelischen Regierung üben.

Frau Beisiegel und Herr Köhler haben auf diese Frage bis heute nicht geantwortet. In meinem Schreiben vom 16.2. habe ich Frau Beisiegel und Herrn Köhler folgenden Vorschlag gemacht:

Die Stadt und die Universität in Kooperation mit der Stiftung Göttinger Friedenspreis laden Herrn Schuster, Frau Oldenburg sowie die Vorsitzende der Jüdischen Stimme, Iris Hefets, und die Laudatorin bei der Preisverleihung am 9. März, Nirit Sommerfeld, zu einer öffentlichen Podiumsdiskussion ein. Moderiert von eine/r im Thema versierten, professionellen ModeratorIn (Namensvorschläge hätte ich). Eine Podiumsdiskussion nicht anstelle der Preisverleihung oder als „Kompromiss“, sondern zusätzlich zu der Preisverleihung an einem Termin vor oder nach dem 9. März. Eine solche öffentliche Podiumsdiskussion zu diesem brisanten Thema und mit dieser Besetzung hat es in Deutschland noch nie gegeben. Sie würde mit Sicherheit große, bundesweite Beachtung finden. Mit einer solchen Veranstaltung könnten die Stadt Göttingen, die Universität und die Stiftung des Friedenspreises einen äußerst wichtigen Beitrag zum öffentlichen demokratischen Diskurs in unserem Land leisten.

Frau Beisiegel und Herr Köhler haben auf diesen Vorschlag nicht reagiert. […]

Trotz des Rückzuges der drei institutionellen Unterstützer findet die Verleihungsfeier wie geplant am 9. März in Göttingen statt. Der genaue Ort wird noch bekannt gegeben. Nach dem Ausfall der finanziellen Zuschusses durch die Sparkasse Göttingen zur Deckung der Kosten und da eventuell zusätzlich noch Mietkosten für einen Veranstaltungsraum anfallen werden, droht der Stiftung Göttinger Friedenspreis allerdings ein Defizit. Zur Deckung dieses Defizits rufe ich auf zur Überweisung von Spenden unter dem Stichwort „Jüdische Stimme“ auf das unter meinem Namen geführte Postbankkonto

IBAN DE86 3701 0050 0099 0085 08
BICC: PBNKDEFF

Ich werde ein Teil des Preisgeldes spenden, das ich 2009 als Träger des Göttinger Friedenspreises erhalten habe. Sollten mehr Spenden eintreffen als zur Deckung der Kosten erforderlich, schlage ich vor, dass ich den Restbetrag überweise an medico international für deren Arbeit in Israel/Palästina. medico international unterstützt unter anderem die Soldatengruppe „Breaking the Silence“, sowie die „Physicians for Human Rights“, eine Gruppe jüdisch-israelischer und palästinensischer Ärzte, Ärztinnen und Krankenschwestern, die kostenlose medizinische Versorgung für Menschen in der besetzten Westbank leisten. Der Geschäftsführer von medico international, Thomas Gebauer, hat 2016 wesentlich dazu beigetragen, dass die Bank für Sozialwirtschaft die infame Kündigung des Kontos der Jüdischen Stimme wieder revidiert hat. Inzwischen wird die Bank wieder massiv unter Druck gesetzt, das Konto erneut zu kündigen. Nach der Verleihfeier am 9. März werde ich über den Eingang der eingegangenen Spenden und ihre Verwendung informieren.

Presseinformation der Stiftung Dr. Roland Röhl / Göttinger Friedenspreis vom 21.02.2019

Der Göttinger Friedenspreis 2019 wurde von der Jury der Stiftung Dr. Roland Röhl in satzungsgemäßer Wahl dem Verein „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost e.V.“, Berlin zuerkannt. Nachdem darüber eine öffentliche, kontroverse Diskussion aufgekommen ist, stellt die Stiftung fest, dass sie an der Juryentscheidung festhält.

Wir nehmen die Entscheidungen von Stadt, Universität und Sparkasse, die Preisverleihung in diesem Jahr nicht zu unterstützen, mit Bedauern zur Kenntnis.

Die Stiftung verurteilt jede Form des Antisemitismus. Unserer Jury sind bisher keine Vorwürfe bekannt geworden, die nicht auch schon bei der Wahlentscheidung berücksichtigt wurden. Wie diese überzeugend entkräftet werden konnten ist in der öffentlichen Diskussion dokumentiert. Zur Wahlentscheidung der Jury verweisen wir auf die veröffentlichte Begründung (www.goettinger-friedenspreis.de).

Da die Stiftung einen satzungsgemäßen Preisträger 2019 hat, gegen den keine Hinderungsgründe vorliegen, wird sie die Preisverleihung am 9. März 2019 vornehmen. Der Veranstaltungsort wird noch bekannt gegeben.

Sollte von der Seite der Kritiker wie der Befürworter der Preisverleihung Interesse an einer Diskussion miteinander statt an einem gegenseitigen Austausch von Vorwürfen bestehen, ist die Stiftung bereit, bei der Organisation einer solchen, gerne auch im zeitlichen Umfeld der Preisverleihung, mitzuwirken.

Siehe auch:

Wie sich der Bremer Weser-Kurier mit dieser Menschenrechtsgruppe auseinandersetzt
Wenn man BDS-Aktivisten auf „Krawall“ reduziert
Von Arn Strohmeyer
NRhZ 694 vom 27.02.2019
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25669

Online-Flyer Nr. 694  vom 27.02.2019

1 Kommentar zu Skandal um die Verleihung des Göttinger Friedenspreises Von Günter Schenk, Claudia Karas und Tanya Ury, NRhZ

  1. Dank an Evelyn Hecht-Galinski, für diese umfangreiche Dokumentation über einen Vorgang, der besser nicht hätte passieren dürfen. Besonderen Dank für die wichtige Wiedergabe der Erklärung von Andreas Zumach, dem Vorsitzenden des Stiftungsrates des GÖTTINGER FRIEDENSPREISES! Nur eine kleine Anmerkung: sowohl in dem Brief wie z.B. von Tanja Ury wurden auch die Herrn Professor Neuneck und Dr. Röhl angesprochen. Beide Schreiberinnen konnten nicht wissen, dass gerade diese beiden von ihnen Genannten, fest und unbeirrbar zur Verleihung des diesjährigen Preises an die „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost e.V.“ stehen.

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