Was steckt hinter der Israelfreundschaft und der deutschen Staatsräson für Israel der AG Palästina der KAZ”.

 

Ich danke Clemens Messerschmid sehr für die Information über drei interessante Artikel zur Geschichte und Verständnis der deutschen Israelfreundschaft  des deutschen Imperialismus und deutschen Statsräson der AG Palästina der KAZ”.. Evelyn Hecht-Galinski

1. Teil – Siedlerkolonialismus, die preußische DNA des Zionismus

KAZ-Fraktion: „Ausrichtung Kommunismus” Artikelserie: 10. Oktober 2021: Letzter Staatsbesuch in Israel. Merkel beteuert gegenüber ihrem treuen Freund Was steckt eigentlich hinter dieser deutschen Staatsräson`? Dieser Frage wollen wir in einer losen Folge mehrerer Artikel nachgehen. Sind es wirklich die Lehren aus dem Holocaust, (und wenn ja, welche Lehren werden da gezogen)?

KAZ-Fraktion: „Ausrichtung Kommunismus”

Artikelserie: Teil 1, 3

Was steckt eigentlich hinter der Israelfreundschaft des deutschen Imperialismus?

10. Oktober 2021: Letzter Staatsbesuch in Israel. Merkel beteuert gegenüber ihrem treuen Freund[1], Premierminister Naftali Bennett – auch im Namen zukünftiger deutscher Regierungen[2] – ihre unverbrüchliche Treue und Freundschaft zu Israel (angeblich als Lehre aus dem Holocaust) und deutsche Staatsräson als Selbstverpflichtung, Unterstützung und Treueschwur zum Projekt „jüdischer Staat“. Die Palästinenser fallen hinten runter; ihr Geschick sind „Einzelfragen“ und Merkel nur eine einzige Nennung ganz am Rande wert.

Was steckt eigentlich hinter dieser deutschen Staatsräson`? Dieser Frage wollen wir in einer losen Folge mehrerer Artikel nachgehen. Sind es wirklich die Lehren aus dem Holocaust, (und wenn ja, welche Lehren werden da gezogen)? Oder spielen etwa noch ganz andere Gründe eine Rolle? Gibt es lange Linien des engen deutsch-imperialen Verhältnisses zum Zionismus?

1. Teil – Siedlerkolonialismus, die preußische DNA des Zionismus

Frühe Versuche deutscher Besiedlung Palästinas

Bevor wir uns dem Zionismus zuwenden, beginnen wir mit der knappen Nennung einer wenig bekannten deutschen Traditionslinie kolonialer Landnahme und Besiedelung – dem Versuch, Palästina in eine deutsche, christliche Kolonie zu verwandeln. Er begann erheblich früher (und zunächst sogar erfolgreicher) als die jüdisch-zionistische Bewegung, nämlich bereits 1861 durch deutsche lutherisch-pietistische (millenaristische[3]) „Jerusalemfreunde“, die sog. „Templer“[4]. Diese gründeten bereits 1866 ihre erste deutsche Siedlerkolonie in der Nähe Nazareths, 1869 dann in Haifa, gefolgt von weiteren deutschen Kolonien in der Küstenebene, in Galiläa und nahe Jerusalems mit so klingenden Namen wie Walhalla, Waldheim und Wilhelmia. Der deutsche Imperialismus musste diese frühe koloniale Siedlungstätigkeit allerdings mit Waffengewalt gegen die Osmanischen Herrscher absichern. Zur Durchsetzung dieser frühen Form deutscher Staatsräson schickte Kaiser Wilhelm 1877-78[5] Kriegsschiffe vor die Küste Palästinas. So wie heute bei der Merkel‘schen „Sicherheit Israels“, ging es damals der kolonial-kaiserlichen Staatsräson um nichts weniger als die „Sicherheit“ jener Templergesellschaft. Ihr göttlich-germanischer Auftrag war dabei die Umwandlung Palästinas in einen christlichen Staat, welcher nach einem gewonnenen Weltkrieg Deutschland hätte zugesprochen werden sollen. Und genau wie später die Zionisten agierten auch die deutschen Templer in völliger Missachtung etwaiger Rechte der dort ansässigen Palästinenser. Palästinensische Bauern kämpften bereits damals an zwei Fronten, gegen zionistisch-jüdische, wie auch gegen christlich-deutsche Siedler – so etwa während des Aufstands der Jungtürken im Jahre 1908. Wieder schickte Kaiser Wilhelm Kanonenboote nach Palästina für die Sicherheit dieser treuen Träger deutscher Staatsräson. 1914, am Vorabend des 1. Weltkriegs, betrug die Zahl der Templer bereits fast 2.000, also mehr als die Gesamtzahl jüdischer Auswanderer aus Deutschland bis 1933 (über das weitere Schicksal der Templer, siehe nächster Teil).

Der Zionismus war geistig ein Kind des 19. Jahrhunderts Mitteleuropas, der Phase bürgerlicher Nationalstaats- und Reichsgründungen, ausgedrückt im Slogan: „Ein Land ohne Volk für Volk ohne Land“. Die in Mitteleuropa verfolgten Juden sollten sich in der Welt umschauen, ein Land aussuchen und sich in diesem niederlassen, um dort ihr „Altneuland“ auszugründen, so die Idee Theodor Herzls. Diese Idee fußte natürlich nicht nur auf dem herrschenden europäischen, dem bürgerlich national-liberalen Denken, sondern im Besonderen auch auf dem seiner grausigen Zwillingsschwester, jener Methode, die gerade ihre traurige Blütephase erlebte – der imperialen Kolonialidee, dem Kolonialismus: Die besondere Brutalität des Kolonialismus, seine kaum aufzuzählenden Gräuel, die Massaker, Ausbeutung, Hungerkatastrophen und Sklaverei, bis hin zum Völkermord sind dabei mitnichten ein „Rückfall ins Mittelalter“; im Gegenteil – sie sind Ausdruck einer damals hochmodernen Ausbeutergesellschaft auf der Höhe ihrer Zeit[6]. Der Zionismus als siedlerkolonialistische Eroberungs- und Herrschaftsform ist hierbei keine Abweichung oder Ausnahme, sondern ein charakteristischer, wenngleich verspäteter Vertreter. Für die frühen Zionisten des 19. Jahrhunderts war der Kolonialismus eine ganz selbstverständliche, hochmoderne Methode.

Auf der Suche nach dem passenden Kolonisationsmodell

Es gab jedoch viele unterschiedliche Formen des Kolonialismus. Für welche besondere Richtung nun entschied sich der Zionismus? Die Beantwortung dieser Frage ist nötig, um das besondere Wesen des Zionismus bis hin zum Wesen des heutigen Staates Israel zu bestimmen.

Der klassische Besatzungs- oder Mutterlandkolonialismus setzte eine kleine[7], militärisch-administrative Elite als Staatsbeamte ein, welche die Kolonie und ihre Bevölkerung im Auftrag des Mutterlandes beherrschte und ausbeutete. (So die Mehrzahl der Kolonien in Afrika und natürlich das Kronjuwel des Empires, der Subkontinent der britischen Ostindien-Kompanie. Eine andere Form kolonialer Ausbeutung bot die sog. Pflanzer-Kolonie, die überseeische Plantagenwirtschaft mit Zuckerrohr in Haiti und Kuba, oder mit den Baumwollplantagen in den amerikanischen Südstaaten. Auch das Modell französisch Algeriens (ab 1836[8]) war ein Pflanzer-Kolonialismus[9]. Im Gegensatz dazu stand das Modell des Siedlerkolonialismus, also der Ausgründung und Lossagung vom Mutterland, wie in den abtrünnigen Kolonien Englands – den puritanischen Nordstaaten (USA), der Sträflingskolonie Australien[10] oder der Kapkolonie der Buren (Südafrika).

Vor dieser Entscheidung standen auch die zionistischen Einwanderer im osmanischen Palästina um die Jahrhundertwende. Manche befürworteten das Modell der französischen Pflanzerkolonie – die ersten kolonialen Erfolge erzielte Baron de Rothschild, der palästinensische Latifundien aufkaufte[11] und mit großem Kapital der Jüdischen Kolonisationsvereinigung (JCA)[12] in erfolgreiche Exportplantagen für Orangen und Wein umwandelte. Für ihn sprachen v.a. die wirtschaftlichen Erfolge, die Profitabilität der agrarischen Plantagenindustrie[13], welche jedoch auf Ausbeutung billiger lokaler, also palästinensischer Arbeitskraft beruhte. Hiergegen wandten sich die Führer der Jüdischen Agentur (JA) und der Zionistischen Weltorganisation (WZO), sowie des Jüdischen Nationalfonds (JNF).

Als bestimmendes Merkmal ihres Kolonisierungsansatzes legte der JNF in seiner Präambel die Unveräußerlichkeit einmal erworbenen „jüdischen“ Landes fest, also das Verbot der Rückgabe und sogar der Nutzungsüberlassung für Nichtjuden. Dies war die Grundsatzentscheidung für einen ethnisch reinen Siedlerkolonialismus, das Wesensmerkmal des Zionismus und Israels bis heute – ein Ansatz der unmittelbar, grundsätzlich und systematisch auf Verdrängung der ansässigen Bevölkerung setzte und setzt.

Der Kongress spricht deutsch

Woher aber kam diese Idee? Wer diente als Leitbild? Wessen Kolonisationsmodell wurde da übernommen?

Hierzu muss man wissen, dass der Zionismus eine mitteleuropäische Bewegung war, deren Führer und Vordenker ganz überwiegend aus dem deutschen Sprachraum stammten. Die Lingua franca der auf dem Ersten Zionistenkongress in Basel 1897 gegründeten Bewegung war nicht etwa englisch, geschweige denn russisch[14] oder jiddisch[15]: Der Kongress sprach deutsch, zumindest seine Führung. Allerdings fand das Anliegen der Auswanderung und Kolonisierung Palästinas unter der Masse deutschen Juden[16] keinen Widerhall: Von 1900 bis 1933 wanderten gerade einmal 2.000 deutsche Juden nach Palästina aus. Das sollte sich mit der Machtübernahme des deutschen Faschismus schlagartig ändern[17]

Gleichwohl orientierten sich die zionistischen Planer und Entscheidungsträger an ihrem deutschen, wilhelminischen Umfeld und dabei unmittelbar an den deutschen Kolonialerfahrungen – sie feierten deren Erfolge und übten konstruktive Kritik an ihren „Fehlschlägen“. Sie waren aktive Teilnehmer am deutschen Kolonial-Diskurs, und nicht etwa als Kritiker: Sie waren eng mit den nicht-jüdischen deutschen Kolonialplanern und -Wissenschaftlern bekannt und befreundet, besuchten deren Kolonialtagungen[18] und lasen und publizierten in der Kolonialzeitschrift „Der Tropenpflanzer“[19], etc.

Nach einem Jahrzehnt heißer Diskussionen entschieden sich die Funktionäre der WZO und des JNF gegen den französischen Pflanzer-Kolonialismus in Algerien und für ein, im wörtlichen Sinne, viel näherliegendes Konkurrenzmodell[20]:

Das Modell der Königlich-Preußischen Ansiedlungs­kommission für Westpreußen und Posen.

Seine besondere Aggressivität verdankt der deutsche Imperialismus nicht zuletzt seiner preußischen DNA, der Herrschaftsform des preußischen Militarismus. Dieser ruhte seit jeher auf zwei Säulen, also lange vor der Deutschen Reichsgründung 1871 und noch lange nach dessen Untergang 1918: Einerseits der räumlichen Expansion, also äußerer Kolonisation durch Krieg, Raub und Annexion und andererseits der demographischen Expansion, der sog. „Inneren Kolonisation“, also ethnischer Säuberung durch Verdrängung, Vertreibung oder Mord. War das Geschäftsmodell des Preußentums seit jeher die gewaltsame Expansion, so war seine Richtung „gen Osten“ – die Eroberung von „Lebensraum“ und seine „Germanisierung“[21]. Ein besonderes Kapitel nahm dabei die Provinz Posen ein, welche das Deutsche Reich in mehreren Schritten nach der zweiten Teilung Polens erobert und schließlich annektiert hatte[22]. Die räumliche Eroberung und gewaltsame Eingliederung ins Deutsche Kaiserreich genügten dem deutschen Imperialismus jedoch nicht.

Im April 1886 beschloss das Preußische Abgeordnetenhaus per Gesetz eine Königliche Kommission[23] für die Ansiedlung Deutscher in den Provinzen Westpreußen und Posen. „Ansiedlung“ war dabei die euphemistische Umschreibung einer beispiellosen Gewaltkampagne mit dem Ziel der „Germanisierung“ Poznańs. Diese umfasste hauptsächlich zwei, miteinander verschränkte Elemente: Landerwerb zum Zwecke der „Neuansiedlung“, sowie Vertreibung; also, zunächst durch systematischen, selektiven und staatlich finanzierten Landkauf von polnischen Bauern. Aus dem Reich sollten „germanische“ Neusiedler angeworben, mit üppigen staatlichen Geldern ansässig gemacht und zu Bauern umgewandelt werden. Die Kampagne steigerte sich von systematischer Diskriminierung hin zu offener Gewalt. Bereits das Ansiedlungsgesetz von 1886 verbot Polen, ein Haus zu bauen. Zugleich war aber der Landaufkauf von polnischen Besitzern zunehmend nicht mehr zu „freiwillig“ bewerkstelligen. Der Ostmarkenverein (gegr. in Posen 1894), angelehnt an die Deutschen Ritterorden und unterstützt durch Altkanzler Bismarck, befand folgerichtig die herrschende Germanisierungspolitik als zu lasch und tolerant und forderte eine aggressivere Siedlungsförderung. Die Kommission schaltete auf eine härtere Gangart um: Das Enteignungsgesetz von 1908 erlaubte es der Kommission, polnisches Land zu enteignen, „zur Stärkung des Deutschtums“.

Fazit

Wir können feststellen: Die Ansiedlungskommission folgte hier, anders als der französische, britische oder spanische Pflanzer-Kolonialismus, nicht dem Kalkül optimaler, rentabler Ausbeutung. Im Gegenteil, es ließ sich diese 30-jährige Gewaltkampagne bis zum Untergang des Deutschen Kaiserreiches 1918 und der Abtretung Poznańs an Polen 1920 Unsummen staatlicher Gelder kosten – geschätzt rund eine Milliarde Reichsmark[24]. Zugleich mussten Polen vertrieben werden, denn dies war ja von vornherein das erklärte Ziel. Zunächst geschah das ökonomisch, mit wenig Erfolg; schließlich und deshalb durch stetig wachsende staatliche Repression.

Am Rande sei hier bemerkt: Letztlich scheiterte die Ansiedlungskommission krachend – an inneren Widersprüchen[25], polnischem Widerstand[26] und nicht zuletzt auch dem verlorenen Weltkrieg. (Das hielt den deutschen Imperialismus nicht davon ab, es 20 Jahre später erneut, umso erbitterter, in vielem größerem Maßstab und mit unvergleichlich höherer Gewaltbereitschaft, wieder zu versuchen – im Kampf um deutschen „Lebensraum“ und seine „Germanisierung“ … Das Rezept hierzu blieb ein und dasselbe: Einerseits Expansion durch „Aneignung“, als Raub; sowie andererseits Besiedlung durch Germanen, also „Verdrängung“ durch Entrechtung, Vertreibung und Massenmord[27].)

Zionistische Grundsatzent­scheidung

Einer der wichtigsten Führer der zionistischen Bewegung war der deutsche Soziologe und Rasse-Eugeniker Arthur Ruppin, geboren in preußisch Posen 1876. Anders als Ben Gurion war dieser „Vater der zionistischen Siedlungsbewegung“ mehr Funktionär und strategischer Planer für die Raumplanung, Landkäufe und Ansiedlung zionistischer Einwanderer, also die „jüdische Kolonisation Palästinas“, insbesondere der Landwirtschaft[28]. Ruppin untersuchte eingehend die v.a. wirtschaftsgeographischen Gegebenheiten osmanisch Palästinas und prüfte sie im Hinblick auf ihre Eignung für die jüdische Kolonisation[29]. Entsandt als Leiter einer Erkundungsmission der zionistischen Exekutive[30] brach er bereits im Juni 1907, nur zwei Wochen nach seiner Ankunft in Palästina radikal mit den vorherrschenden Konzepten der jüdischen Pflanzungen eines Baron Rothschild. Er empfahl stattdessen das deutsche Modell:

Ich betrachte die Arbeit des JNF als ähnlich wie die der Kolonisierungskommission in Posen und Westpreußen. Der JNF wird Land kaufen, wenn es von Nichtjuden angeboten wird, und es entweder ganz oder teilweise an Juden weiterverkaufen.[31]

Ein weiterer, fast ebenso wichtiger zionistischer Führer war der Agrarwissenschaftler Otto Warburg[32] (1859-1938), seines Zeichens Mitbegründer des Kolonialwirtschaftlichen Komitees (KWK) des Deutschen Reiches und selbst Mitglied der Königlich-Preußischen Ansiedlungskommission in Posen, sowie später, ab 1911, zehn Jahre lang Präsident der Zionistischen Organisation (ZO) – also während der entscheidenden Jahre der zionistischen Weichenstellung und noch vor dem Zusammenbruch der deutschen Welteroberungspläne[33]. Der Raumplaner und Tropenbotaniker Warburg bestätigte und bekräftigte[34] die königlich-preußische DNA des damaligen Zionismus; über die Methoden der Land-Entwicklungsgesellschaft Palästina (PLDC) betonte er, sie werde:

keine neuen Wege, keine neuen Experimente unbekannter Natur vorschlagen. Wir gehen stattdessen von der preußischen Kolonisationsmethode aus, wie sie in den letzten zehn Jahren von der Ansiedlungskommission praktiziert wurde.

Unterschiede und Gemein­samkeiten

Anders als die Arbeit der Ansiedlungskommission für Posen wurde dieses neue, zionistische Projekt der „jüdischen Autonomie“ kein Fehlschlag, sondern ein bahnbrechender Erfolg – aus zionistischer, nicht aus palästinensischer Sicht, versteht sich.

Frappierend sind hierbei die Ähnlichkeiten der beiden Unternehmen, bis ins planerische Detail:

– Die Größe des Landes – Posen war gleich groß wie Palästina

– Landwirtschaftliche Anbauarten und -formen

– Die durchschnittliche Farmgröße der Neusiedler

– Die eingesetzten finanziellen Mittel: Landkauf und staatliche, bzw. proto-staatliche Zuteilung

– Unterordnung des Profits unter die politische Zielstellung[35]: Raumplanung & Demographie

– Vor allem aber die einseitige und grundsätzliche Feinderklärung gegen das bereits ansässige, hierbei hinderliche Volk,

– und die Zielstellung der demographischen Verdrängung, bis hin zur Wahl der hierfür erforderlichen Mittel (Verdrängung, ökonomische Austrocknung, gewaltsame Vertreibung)

Vor allem in diesem letzten Punkt, der Verdrängung der Palästinenser zum Zwecke der Herstellung einer jüdischen Mehrheit zeigte er sich als ein gelehriger Schüler Theodor Herzls. Denn Herzl schrieb schon 1896 seinen Vorschlag in dem Buch „Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage“ nieder, die Juden sollen sich in Palästina ansiedeln und einen „Schutzwall gegen Asien“ bilden: „Wir würden den Vorpostendienst der Kultur gegen die Barbarei besorgen.“ Die Amtssprache sollte Deutsch sein, Deutschland sogar die Schutzmacht[36]. Zum Vergleich: Ziel und Auftrag der Preußischen Ansiedlungskommission war: Ein „lebendiger Wall gegen die slawische Flut“[37].

Bevor wir diesen historischen Abriss in den nächsten Ausgaben fortsetzen, sei hier bereits festzuhalten: Die heute wieder ausgerufene Staatsräson richtet sich nicht nur unmittelbar gegen die elementaren Lebens- und Freiheitsinteressen des palästinensischen Volkes. Indem sie die deutsche Unterstützung israelischer Kriegsverbrechen heute auf das „historische Erbe“ des Holocaust und damit die ganze deutsche Geschichte auf diese einzige Ereignis reduziert, verharmlost sie all die anderen finsteren Kapitel der Geschichte des deutschen Imperialismus und versucht sie vergessen zu machen. Eine neue Tradition wird erfunden. Sie beinhaltet die Verdrängung und sogar Leugnung der fortdauernden Kontinuitäten deutscher Kolonial- und Kriegsverbrechen – vom Völkermord an den Herero und Nama[38] bis zur kolonialen Raubkunst, dem Luf-Boot im Berliner Humboldt-Forum. Der Holocaust mutiert damit vom Gipfelpunkt deutscher Kriegsverbrechen zu einem einmaligen Ausrutscher, einem Betriebsunfall einer ansonsten blitzsauberen Nationalgeschichte, oder wie Gauland von der AfD es ausdrückt: „ein Vogelschiss in über 1.000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“.

AG Palästina

Teil 2

2. Teil – Zionismus als Spiegelung des deutschen völkischen Nationalismus

KAZ-Fraktion: „Ausrichtung Kommunismus” Der Zionismus war (und ist) eine bürgerliche Nationalbewegung. Er entstand im 19. Jahrhundert in Mitteleuropa, vornehmlich im deutschsprachigen Raum und übernahm die deutsche völkische Idee von Nation als „ethnisch reiner” Gemeinschaft. Dies steht im Gegensatz zum modernen, gerade auch marxistischen, Begriff der Nation als einer „ historisch entstandenen Gemeinschaft “.

KAZ-Fraktion: „Ausrichtung Kommunismus”

Was steckt eigentlich hinter der Israelfreundschaft des deutschen Imperialismus?

1.Teil – Siedlerkolonialismus, die preußische DNA des Zionismus (KAZ 377, S. 16 ff)

2. Teil – Zionismus als Spiegelung des deutschen völkischen

Nationalismus

Der Zionismus war (und ist) eine bürgerliche Nationalbewegung. Er entstand im 19. Jahrhundert in Mitteleuropa, vornehmlich im deutschsprachigen Raum und übernahm die deutsche völkische Idee von Nation als „ethnisch reiner“ Gemeinschaft. Dies steht im Gegensatz zum modernen, gerade auch marxistischen, Begriff der Nation als einer „historisch entstandenen Gemeinschaft“. Historisches Entstehen beinhaltet hierbei gerade auch die Mischung der verschiedenen, vorhandenen vor-nationalen Bevölkerungsgruppen, Stämme, „Völker“, etc. Die Nation ist weder räumlich-geographisch noch zeitlich, in ihrer Entwicklung ein feststehendes, unveränderliches Gebilde, sondern formt sich während ihres Bestehens fortlaufend um.

Der deutsche, historische Nationalismus war wesentlich geprägt durch einen völkischen Nationalismus, ganz im Gegensatz zum Nationenbegriff der Französischen[1] oder auch US-Amerikanischen Revolution in den Nordstaaten der USA[2].

Der völkische Nationalismus unterstellt eine homogene Nation im Sinne eines ethnisch-kulturellen (oder auch ethnisch-biologischen) Volkskörpers, der dann ideologisch zu einem Kollektivsubjekt, einer Schicksalsgemeinschaft überhöht wird. Meist beruft er sich dabei auf einen gemeinsamen Feind, nach außen hin, oder im Inneren („Volksfeinde“, „Andersartige“, „Fremde“). Die vermeintliche Sicherung der „Volksgemeinschaft“ rechtfertigt dabei den Ruf nach einem starken Staat im Inneren und eine aggressiv-chauvinistische Machtpolitik gegenüber anderen Völkern, Nationen oder Staaten.

Im Preußischen Judenedikt am 12. März 1812, während der Napoleonischen Kriege (1800-1814) reichte es nur zum Wandel vom geduldeten Schutzjuden zum preußischen Bürger jüdischen Glaubens, aber ohne volle rechtliche Emanzipation und wirtschaftliche Freisetzung… In der folgenden Phase der Reaktion traten die Gegner der Emanzipation auf den Plan. Sie richteten sich nicht nur aber auch gegen Juden und argumentierten mit Fremdenhass und Identitätsangst im „christlich-teutschen Kreis“. Emanzipatorische Gesetze wurden revidiert und erst 1847, in der Vorrevolution gab es wieder Ansätze und Vorschläge zur neuerlichen Erweiterung der Emanzipation, sowohl allgemein, als auch speziell für Juden. Die neuen Gesetze der Paulskirche banden die Bürgerrechte nicht mehr an die Religion. Die Revolution 1848 wurde jedoch vom Bürgertum selbst aufgegeben. Die bürgerlichen Liberalen waren also keineswegs verlässliche „Weggefährten“ für die deutschen Juden, sondern schwankten selbst ständig zwischen Emanzipation und Restauration.

Völkischer Nationalismus und Zionismus[3]

Was die Zionisten mit den deutschen völkischen Nationalisten einte, war eine grundlegend völkische Vorstellung[4]. Geprägt waren die deutschen Nationalstaatsdenker dabei von den politischen Umständen zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Ihr nationaler Weckruf entwickelte sich oftmals in scharfer Abgrenzung gegen die Franzosen, die als napoleonische Besatzungstruppen in den versprengten deutschen Einzellanden standen, und zwar nicht nur politisch gegen eine Herrschaftsform, sondern rasch gegen „alles Französische“, die französische Nation als solche. Hinzu trat die, gerade den Romantikern eigene Vorstellung von der deutschen Volkseele als einer übergeschichtlichen, immerwährenden Gemeinschaft, die durch „Überfremdung“ oder „Vermischung“ bedroht sei. Diese Gedankenwelt reichte bis tief in die Reihen der Aufklärer.

Ganz ähnlich die Zionisten 100 Jahre später; für sie waren feststehende, unwandelbare Nationalitäten (und auch Rassen) einfache Tatsachen, die nationale (sei es kulturell-ethnische, oder auch „rassische“) Trennung erschien ihnen natürlich und wünschenswert. Einige von ihnen begeisterten sich auch für den Sozialdarwinismus.

Eine Sonderrolle im deutschen Nationalismus spielt dabei der völkische Antisemitismus, also knapp ausgedrückt, die Idee von der Eliminierung jüdischen Lebens in Deutschland. Grob kategorisierend kann das auf drei Wegen geschehen: Durch Integration, Segregation oder Ausschluss. Erstens, die Idee der Integration setzt auf Assimilierung, aber auf eine, die, zu Ende gedacht, dazu führen sollte, dass der Jude aufhört, Jude zu sein. Die Segregation will zweitens eine „Durchmischung“ mit den „volksdeutschen“ Nicht-Juden verhindern – sei es durch Ghettoisierung oder gesetzliche Beschränkungen bürgerlicher Freiheiten – und so den Prozess der Assimilierung beschränken, wieder revidieren. Und schließlich, drittens, bedeutete der Ausschluss die physische Entfernung der Juden aus Deutschland. In der Folgezeit traten alle drei Elemente in unterschiedlicher Mischung bei allen völkischen deutschen Nationalisten und Antisemiten auf. Über eine Spanne von 150 Jahren, vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis Ende der 1930er Jahre, lautete das Programm: Eliminierung jüdischen Lebens, in der jeweils einen oder anderen Form.

So rief selbst der große Vertreter des deutschen Idealismus J.G. Fichte (1762-1814) Anfang des 19. Jahrhunderts in seinen „Reden an die deutsche Nation“ dazu auf, den „Volksgeist“ hochzuhalten und zu ehren. Er warnte vor der Judenemanzipation und schlug vor, die Juden nach Palästina zurückzuschicken, denn die Juden könnten niemals als Deutsche gelten; sie seien ein „dickköpfiges, hartes, undankbares, anmaßendes Volk[5]. Und an anderer Stelle fordert er: „Um uns vor ihnen zu schützen, dazu sehe ich wieder kein ander Mittel, als ihnen ihr gelobtes Land zu erobern, und sie alle dahin zu schicken. (…)[6]

Als „Patriarch“ des rassisch motivierten Antisemitismus – also einer rassistisch statt religiös begründeten Judenfeindschaft – gilt Wilhelm Marr (1819-1904). Er war es auch, der den neuen Begriff „Antisemitismus“ prägte[7]. Allerdings, trotz seines schäumenden Judenhasses setzte Marr nicht auf physische Vernichtung, sondern schwankte stattdessen in seinem Wunsch nach Eliminierung zwischen vollkommener Assimilation oder Auswanderung. Er stellte – geradezu bedauernd – fest, dass die Juden kein eigenes Vaterland hätten und beklagte als Judenhasser, dass sie jemals „ihre biblische Heimat“ Palästina verlassen hätten… Zugleich warb er für ihre Auswanderung nach Palästina, in der Hoffnung, dass dies letztendlich den Sieg des Deutschtums über das Judentum sichern helfen könnte.

Überschäumender Antisemitismus (P. Lagarde)

Eine wichtige Rolle spielte auch der Göttinger[8] Orientalist Paul de Lagarde (1827-1891). Er befand: „Mit jedem einzelnen Juden ist Freundschaft möglich, allerdings nur unter der Bedingung, daß er aufhöre Jude zu sein: die Judenheit als solche muß verschwinden.“ In seiner vielzitierten Hetzschrift „Juden und Indogermanen“ 1887 führte er biologistische und eliminatorische Begrifflichkeiten ein und sprach von Juden als Ungeziefer.

Es gehört ein Herz von der Härte der Krokodilshaut dazu, um mit den armen ausgesogenen Deutschen nicht Mitleid zu empfinden und – was dasselbe ist – um die Juden nicht zu hassen, um diejenigen nicht zu hassen und zu verachten, die – aus Humanität! – diesen Juden das Wort reden oder die zu feige sind, dies Ungeziefer zu zertreten. Mit Trichinen und Bacillen wird nicht verhandelt, Trichinen und Bazillen werden auch nicht erzogen, sie werden so rasch und so gründlich wie möglich vernichtet.[9]

Der Tonfall Lagardes mag im Nachhinein zwar so klingen wie der der Nazis, und Lagarde war zweifellos einer ihrer geistigen Wegbereiter. Jedoch forderte er selbst keineswegs die physische Vernichtung der Juden in Deutschland und Europa. Stattdessen betrachtete er den Zionismus als nützliches Instrument, das Ziel der jüdischen Ausschaffung zu erreichen, „nach Palästina oder noch lieber nach Madagaskar“… Statt Ausrottung also Auswanderung:

Möge Israel als eigenes Volk existieren und einen eigenen Staat gründen: Deutschland und Österreich werden mit diesem Volke und Staate in freundlichem Einvernehmen leben, und Angehörige dieses israelitischen Staates werden bei uns so wohlwollend und artig behandelt werden, wie die Angehörigen jedes anderen Staates es werden – als Ausländer.[10]

Wir sehen hier bereits die geradezu bizarre Verknüpfung eines auf rassistischem Hass gründenden „Wohlwollens“ mit einer auch heute gerühmten „besonderen deutschen Freundschaft“ mit Israel.

Folgerichtig wurde Lagarde führendes Mitglied im illustren[11] „Deutschen Verein zur Erforschung Palästinas“ (Palästinaverein)[12]. Gegründet 1877/78, orientierte sich dieser am Vorbild des Britischen Survey of Palestine, welcher wiederum die britische Kolonisierung Palästinas vorbereiten half. Bei beiden Vereinen ging es zwar um ‚Palästina‘, aber stets nur um Landraub, nie um die Palästinenser und deren Wünsche und Nöte[13].

Daneben entwickelte Lagarde auch die imperialistische Idee eines deutschen Grenzkolonialismus im Osten. An Russland gerichtet, forderte Lagarde „freiwilligen“ Gebietsabtritt, verbunden mit „Abschaffung“ der dortigen Juden (nach Palästina „oder noch lieber nach Madagaskar“):

Möge es die Gewogenheit haben, freiwillig einige fünfzig Meilen nach Mittelasien hinüberzurücken, wo Platz die Hülle und Fülle ist, der ihm zur Seite, uns ferne abliegt: möge es uns so viel Küste am schwarzen Meere geben, daß wir von da aus unsre Bettler und Bauern in Kleinasien ansiedeln können. (…) Das von Rußland in Gutem oder in Bösem zu erwerbende Land muß weitläufig genug sein, um in Bessarabien[14] und nordöstlich von ihm auch alle in Österreich und in der Türkei lebenden Rumänen ((aber) weniger der, mit den Juden Polens, Russlands (und) Österreichs, nach Palästina oder noch lieber nach Madagaskar abzuschaffenden rumänischen Juden) als Unterthanen des Königs Karl anzusiedeln. Diese Politik ist etwas assyrisch[15], aber es gibt keine andere mehr als sie.[16]

Interessant ist bei Lagarde auch eine weitere Verknüpfung in Sachen deutsche Staatsräson: Er warf nämlich den Juden vor, die Revolutionen von 1848 angezettelt zu haben, um Deutschland und Österreich zu zerstören; eine frühe Variante dessen, was später ein Kernpunkt der Nazi-Hetze werden sollte – die Idee von der jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung. Bei Lagarde war es allerdings noch sein Hass auf die bürgerliche, nicht etwa proletarische Revolution.

Antisemitismus zur Jahrhundertwende (Chamberlain, Dühring, Treitschke, etc.)

Doch zurück zum 19. Jahrhundert: Heinrich von Treitschke (1834-1896) betrachtete den in seiner Zeit auftretenden Antisemitismus als „eine natürliche Reaktion des germanischen Volksgefühls gegen ein fremdes Element“ und wünschte sich die Emigration der Juden (und die Schaffung einer Heimstätte für sie – in Palästina oder andernorts), denn niemand könne „gleichzeitig Deutscher und Jude“ sein… Auch Adolf Stöcker (1835-1909) von der Christlich-sozialen Partei machte sich für eine „Rückkehr“ der Juden nach Palästina stark.

Der antisemitische Vordenker Eugen Dühring (1833-1921) war besessen von der Idee eines „Rassenkampfes“ zwischen Juden und „Ariern“, denn die Juden wären „zu keinem innovativen und positiven Gedanken fähig“, sie lebten „parasitär“ und wären nur auf „Ausbeutung und Weltherrschaft“ versessen[17]. Einerseits beabsichtigte er, die Juden in einer Art Staat außerhalb von Europa, möglicherweise in Palästina, „zusammenzudrängen“. Zugleich aber warnte er[18], wie zuvor schon Houston Stewart Chamberlain (1855-1927) vor den Gefahren, die ein unabhängiger jüdischer Staat mit sich bringen würde, nämlich als Machtbasis für eine jüdische ‚Weltverschwörung‘, wie sie besonders der deutsche Rassenantisemitismus als seinen Kerngedanken erfand und postulierte.[19]

Antisemitismus und Auswanderung zur Jahrhundertwende

Der Wirtschaftswissenschaftler Werner Sombart (1861-1941)[20] bestand 1912 darauf, dass die jüdische Assimilation weder möglich noch wünschenswert sei, denn die „Judaisierung“ der deutschen Kultur wäre genauso verwerflich wie die „Germanisierung“ der jüdischen Kultur. Deshalb unterstützte er den Zionismus und befand, dass allein der jüdische Nationalismus die „Judenfrage“ lösen könne. Während damals die Nicht- oder Anti-Zionisten Sombart des Antisemitismus beschuldigten, stimmten die Zionisten mit seinen Schlussfolgerungen und Empfehlungen überein.

Heinrich Claß (1868-1951) vom Alldeutschen Verband verknüpfte dann die „Lösung der Judenfrage“ auch gleich noch wie Lagarde mit einer deutschen Expansion nach Osteuropa: Nach seinem Konzept sollten die Juden nach Palästina geschickt und die Polen und Russen weiter nach Osten zurückgedrängt werden.

Wir haben hier also feine Unterschiede – Emigration ja, Judenstaat nein. Das änderte sich nach dem Ersten Weltkrieg.

Deutsche Staatsräson und Judenfrage in der Weimarer Republik

In der Weimarer Republik betrachteten viele Deutschnationale und offene Antisemiten den Zionismus als eine „vernünftige“ Lösung der „Judenfrage“ – so z.B. Wilhelm Stapel, Hans Blüher, Max Wundt und der evangelische Pastor Johann Pepperkorn. (Und in seiner Rede im Bürgerbräukeller im Juli 1920 sagte Hitler noch: „Menschenrechte soll er (der Jude) sich da suchen, wo er hingehört, in seinem eigenen Staat Palästina.“)

Wir sehen also: Der völkische Nationalismus als aggressive, chauvinistische Staatsräson war nicht nur tief verwurzelt im Kaiserreich sondern auch später in der Weimarer Republik und er lieferte gleichsam auch die Vorlage für den Zionismus als mitteleuropäischer Ideologie ihrer Zeit. Es nimmt daher wenig Wunder, dass die deutsche Staatsräson stets großen Gefallen an der Idee einer jüdischen, kolonialen Ausgründung fand. Überdies griffen die (im Wesentlichen deutschen) Zionisten durchaus auch auf antisemitische Stereotype zurück, eigneten sie sich an und entwickelten sie fort:

So vertrat der jüdische, im kaiserlichen Österreich geborene Arzt, Journalist und bekennende Sozialdarwinist Max Nordau (1849-1923) die Idee eines „Muskeljudentums“: „Der Zionismus erweckt das Judentum zu neuem Leben (…). Er bewirkt dies sittlich durch Auffrischung der Volksideale, körperlich durch die physische Erziehung des Nachwuchses, der uns wieder das verloren gegangene Muskeljudentum schaffen soll.“

Demgegenüber verwarf der österreichisch-jüdische Kritiker Karl Kraus (1874-1936) Herzls Argumente und beschuldigte ihn, die antisemitische Propaganda über mehrfache, einander widerstrebende jüdische Loyalitäten zu bestätigen. Herzl war damit laut Kraus ein Sprachrohr für die antisemitische Forderung, Juden sollten ihr Geburtsland verlassen.[21]

Zionismus als Spiegelung des völkischen Nationalismus

Der Zionismus war demnach eine Reaktion auf den völkischen und zunehmend auch rabiat antisemitischen deutschen Nationalismus – jedoch in Form einer Spiegelung, nicht einer Negation oder Aufhebung von dessen völkischem Charakter; in ihm erblickt der deutsche Chauvinismus und Nationalismus sein Spiegelbild. An die Stelle der ethnisch/völkisch homogenen deutschen Volksgemeinschaft setzte er eine eigene jüdische Volksgemeinschaft. Er „erfand“ – wie Shlomo Sand es ausdrückt – das jüdische Volk[22] und behauptete dessen Existenz als Nation, in scharfer Abkehr vom modernen, demokratischen Nationenbegriff. Wie der deutsche, völkische Nationalismus beinhaltet der Zionismus als sein grundlegendes Element die Eigenschaft, sich über eine aggressive Abgrenzung nach außen, gegenüber anderen Völkern, Nationen oder Ethnien zu definieren. Dieser prinzipiell negative Nationenbegriff findet bis heute seine aggressive Anwendung gegenüber den Palästinensern, deren schiere Existenz und Anwesenheit als störend, ja, als Bedrohung begriffen wird.[23] Ein Gedanke, welcher der deutschen Staatsräson alles andere als fremd ist. Hierbei ist zu betonen, dass die Juden Mitteleuropas und speziell Deutschlands natürlich allen Grund dazu hatten, von einer den Juden „feindlichen Umwelt“ auszugehen. Es bedarf deshalb zweierlei: Einerseits Verständnis für die Suche nach einem Ausweg angesichts des ausgrenzenden völkischen Nationalismus und Antisemitismus. Zugleich aber muß verstanden werden, dass die Übernahme und Neuanwendung desselben völkischen Prinzips ungeeignet ist für die Formulierung eines zukunftsfähigen, demokratischen Programms. Dies gilt insbesondere für den Zionismus an der Macht – die zionistische Praxis gegenüber einem kolonial unterdrückten Volk – wie wir ihn heute in Israel vorfinden. Und es ist die deutsche Staatsräson selbst, die systematisch diesen wesentlichen Unterschied bis heute verwischt und in die verheerende Formel umpackt: Juden = Zionismus = Israel!

Der Zionismus und das deutsche Kaiserreich

Eines der deutschen Kriegsziele im Herbst 1914 war es, Osteuropa zu erobern, dabei aber die Juden aus den „Neulanden des Ostens“ unbedingt zu entfernen. Sie sollten im verbündeten Osmanischen Reich, in Palästina, angesiedelt werden. Ganz im Sinne des Zionismus wollte sich Deutschland nach dem Sieg gegenüber dem Sultan „ausbedingen, dass Palästina unter türkischer Oberhoheit dem nationalen Judenstaat zur Verfügung gestellt wird.[24] Also eine „jüdische Heimstätte“ nicht unter Britischem Mandat, sondern unter osmanischem, bzw. einem gemeinsamen, deutsch-osmanischen „Schutzdach“.

Der rabiate Antisemitismus des Kaisers, wie auch aller anderer europäischen Monarchen schreckte Herzl nicht ab[25]. Im Gegenteil: Er, genau wie später (und weitaus erfolgreicher!) der zionistische Emissär Chaim Weizman in London, machte sich genau diesen abscheulichen Judenhass zunutze. Versprach doch der Zionismus die Erfüllung des Traums aller Antisemiten, nämlich ihr Verschwinden aus Europa! Dieser „Pragmatismus“ zeichnet den Zionismus bis heute aus[26], und erklärt auch teilweise die stets anzutreffende besondere Nähe des Staates Israel mit den am meisten reaktionären, rassistischen, ja, sogar antisemitischen Staaten und Herrschern weltweit – ob Südafrika unter der Apartheid, Persien unterm Schah, Bolsonaro in Brasilien, Orban in Ungarn, Modi in Indien oder seit jüngstem: Bin Salman in Saudi-Arabien.

Doch das Deutsche Kaiserreich verlor den 1. Weltkrieg und so kam es wie es kam – England, nicht Deutschland wurde Schutzmacht in Palästina.

Bei all dem – Palästinenser spielen keine Rolle

Ihre nationalen und politischen Rechte tauchten in den deutschen und zionistischen Gleichungen und Berechnungen als eigenständiger Faktor überhaupt nicht auf. Während die schiere Existenz von Palästinensern („Arabern“) im zionistischen und v.a. deutschen Diskurs völlig ignoriert wurde, war aber das imaginierte „Land ohne Volk“ natürlich sehr wohl bewohnt, und den Zionisten war dies auch völlig bewusst: Nicht umsonst hatte eine zionistische Erkundungsmission schon 1905 aus Palästina zurück an den Kongress gekabelt: „Die Braut ist schön, aber sie ist bereits verheiratet.“ Der Spruch vom Land ohne Volk war also, von Anbeginn eine Lüge. Gleichwohl eine wirkmächtige Lüge. Sie war Teil der damaligen deutschen Staatsräson und ebenso sollte sie den Zionismus und seinen kolonialen Aufbau in Palästina auf Jahrzehnte hinaus prägen.

AG Palästina

Teil 3

3. Teil – Neuorientierung der Deutschen Staatsräson zu Palästina nach dem 1. Weltkrieg

KAZ-Fraktion: „Ausrichtung Kommunismus” Artikelserie (1. Teil KAZ 377, Seite 16 ff; 2. Teil KAZ 380 Seite 24 ff): Der Zionismus wurde geboren als Reaktion auf den europäischen, vor allem deutschen Antisemitismus, welcher im Kaiserreich eine Spielart des völkischen Nationalismus darstellte. Mit den Ergebnissen des 1.

KAZ-Fraktion: „Ausrichtung Kommunismus”

Was steckt eigentlich hinter der Israelfreundschaft des deutschen Imperialismus?

Artikelserie (1. Teil KAZ 377, Seite 16 ff; 2. Teil KAZ 380 Seite 24 ff):

3. Teil – Neuorientierung der Deutschen Staatsräson zu Palästina

nach dem 1. Weltkrieg

Der Zionismus wurde geboren als Reaktion auf den europäischen, vor allem deutschen Antisemitismus, welcher im Kaiserreich eine Spielart des völkischen Nationalismus darstellte. Mit den Ergebnissen des 1. Weltkriegs wurde jedoch 1917 nicht wie ursprünglich erhofft, das Kaiserreich, sondern das britische Empire zu dessen Schutzmacht im Nahen Osten.

Die neue Politik der englischen Krone und ihres Kriegskabinetts war natürlich von eigenen imperialistischen Interessen bestimmt, welche den Hintergrund der Balfour-Deklaration bildeten.

Deutsche Staatsräson im Bezug zum kolonialen Aufbau in Palästina

Als sich gegen Ende des Krieges der Zusammenbruch des Osmanischen Reiches, der deutschen Hauptstütze im Nahen Osten abzeichnete, und England im Verlauf des Jahres 1917 Palästina eroberte und sofort die Balfour-Deklaration erließ, schwenkte auch die deutsche Außenpolitik um. Nur zwei Monate später, am 5. Januar 1918 unternahm die Berliner Regierung einen verzweifelten Versuch, der bereits spürbaren Verschiebung jüdischer Sympathien von den Mittelmächten zur Entente entgegenzuwirken, und machte eine Kehrtwendung in ihrer bisherigen Politik. Sie machte Druck auf das Osmanische Reich, eine großflächige jüdische Ansiedlung in Palästina zuzulassen und eine Art jüdische Heimstätte unter deutsch-osmanischem Dache zu errichten. Das Auswärtige Amt gab eine „Gegenerklärung“ zur Balfour-Deklaration vor fünf jüdischen Vertretern ab. Darin hieß es:

Hinsichtlich der von der Judenheit, insbesondere von den Zionisten, verfolgten Bestrebungen in Palästina begrüßen wir die Erklärungen, die der Großwesir Talaat Pascha kürzlich abgegeben hat, insbesondere die Absicht der kaiserlich osmanischen Regierung, gemäß ihrer den Juden stets bewiesenen freundlichen Haltung, die aufblühende jüdische Siedlung in Palästina durch Gewährung von freier Einwanderung und Niederlassung in den Grenzen der Aufnahmefähigkeit des Landes, von örtlicher Selbstverwaltung, entsprechend den Landesgesetzen, und von freier Entwicklung ihrer kulturellen Eigenart zu fördern.“[1] (Hervorhbg. d. Aut.)

Der deutsche Imperialismus unterlag im Ersten Weltkrieg. Machtpolitisch änderte dies alles: Er verlor seine kolonialen „Schutzgebiete“ und musste die britische Seehoheit anerkennen – die Revanchisten taten dies schäumend vor Wut, aber auch das liberale Bürgertum nur eher widerwillig und zögerlich. Palästina fiel an Großbritannien, zunächst durch militärische Eroberung und später in Form eines Völkerbundmandats (angeblich mit dem Ziel, die Palästinenser auf souveräne Eigenstaatlichkeit vorzubereiten). Das hielt das inzwischen republikanische Deutschland aber nicht davon ab, den Zionismus weiterhin begeistert zu unterstützen – selbst unter britischem Mandat!

Die Unterstützung der deutschen Regierung für den Zionismus gründete wohl auf der Tatsache, dass sie der Bewegung eine bedeutende Rolle bei der Verfolgung der nunmehr hauptsächlich wirtschaftlichen Ziele des Landes im Nahen Osten nach dem Krieg zusprach. Und diese Einschätzung sollte sich auch bis zum Machtantritt der Nationalsozialisten im Jahre 1933 nicht ändern.

Die Gegenerklärung des Auswärtigen Amts vom Januar 1918 sprach nur von „Gewährung von freier Einwanderung und Niederlassungvon örtlicher Selbstverwaltung entsprechend den (weiterhin geltenden osmanischen) Landgesetzen“ und blieb damit weit hinter den Versprechen Balfours zurück. Dies sollte sich aber bald ändern, insbesondere durch die Arbeit des Komitees Pro-Palästina.

Deutsches Komitee Pro-Palästina

Das Komite gründete sich im April 1918 zunächst als „Deutsches Komitee zur Förderung der jüdischen Palästinasiedlung“, und wurde 1926 in „Deutsches Komitee Pro-Palästina“ umbenannt.

Der Name ‚Pro-Palästina‘ ist natürlich vollständig irreführend, denn das Komitee richtete sich gegen die Palästinenser; es bot ihnen nicht nur keinerlei Unterstützung, sondern zeigte sogar offene Feindschaft gegenüber den arabischen Nationalbewegungen!

Das Komitee Pro-Palästina versammelte die Crème de la Crème aus Staat und Wirtschaft. In seinen Reihen waren Staatssekretäre, Minister und Ministerpräsidenten, Reichstagspräsidenten und Botschafter, namhafte Wissenschaftler und hohe Kirchenvertreter. Kaum ein führender Politiker, der sich dort nicht einschreiben ließ; hierzu zählte ebenso der rechts-sozialdemokratische ‚Bluthund‘ Noske, wie auch ein aufstrebender Kölner Bürgermeister namens Konrad Adenauer[2].

Das neue Komitee war eine Lobby-Organsiation und betrachtete es als seine Aufgabe, das Streben des Zionismus nach einem ‚zusammenhängenden jüdischen Siedlungsgebiet‘ in Palästina in der deutschen Öffentlichkeit bekannt zu machen und dadurch die deutschen Kultur- und Wirtschaftsbeziehungen im Nahen Osten zu fördern.

Das Komitee repräsentierte 1918 eine Neuausrichtung deutscher Politik. Es unterstützte direkt die zionistische Agenda eines kolonialen Aufbaus mit dem erklärten Ziel einer rein jüdischen Staatsgründung und verstand sich hierfür als Lobby gegenüber der deutschen Regierung. Beiden Vereinen gemein war hingegen – wenngleich der jeweiligen Weltlage angepasst – die Förderung deutscher Wirtschaftsinteressen[3].

Der verlorene 1. Weltkrieg und dessen weitgehende Folgen waren der Grund, weshalb während der Weimarer Republik, die Rechten, die Nationalisten, die Deutschnationalen und dabei auch die offen rabiaten Antisemiten kaum noch Schwierigkeiten mit der Errichtung eines formalen jüdischen Staatswesens in und anstelle Palästinas hatten; sie mussten dafür wenige ihrer Überzeugungen aufgeben. Die Unterstützung des Judenstaats in Palästina wurde zur Staatsräson. Sie war kompatibel mit dem völkischen Nationalismus und Antisemitismus.

Staatsräson wurde die Unterstützung des Zionismus. Das spiegelte eine neue Interessenslage Deutschlands wider, worin sich das wirtschaftliche Export- und Handelsinteresse mit dem alten ideologischen Ziel der Ausschaffung deutscher Juden verband.

Neben dem mehrheitlich nicht-jüdisch besetzten Komitee Pro-Palästina dienten den deutschen Vertretern der Staatsräson dabei auch ihre direkten, engen Kontakte zu den jüdischen Repräsentanten des Zionismus in Deutschland, die Zionistische Vereinigung für Deutschland (ZVfD)[4]. Dabei kam wiederum das bereits im Teil 1 in KAZ 377 beschriebene enge und vertrauensvolle Verhältnis deutscher Kolonialplaner zu ihren zionistischen Kollegen zur Geltung.

Mit warmer Sympathie …

Im Mai 1920 erklärte der deutsche Außenminister Adolf Köster, dass das neue Deutschland „den Aufbau und die Entwicklung des jüdischen Palästinas mit warmer Sympathie verfolgen“ werde. Und 1925 berichtete Moritz Sobernheim[5], der Leiter des Referats „Deutsch-Jüdische Beziehungen“ des deutschen Außenministeriums, nach einer offiziellen Palästina-Reise, dass die deutsche Regierung sowohl das Britische Mandat als auch die jüdische nationale Heimstätte unterstützen und im Besonderen die Bemühungen der zionistischen Siedler in ihrem neuen Land befürworten werde. Einflussreiche Politiker wie der Diplomat Sobernheim, benutzten also die zionistische Bewegung um die eigenen, zu diesem Zeitpunkt v.a. wirtschaftlichen deutschen Interessen im Nahen Osten durchzusetzen[6].

Diese neue Einstellung wurde in einer Nachricht des im Außenministerium tätigen Staatssekretärs Bernhard von Bülow an das Deutsche Pro-Palästina Komitee am 16. Januar 1931 zusammengefasst:

„Die deutsche Regierung und das Auswärtige Amt haben ihre Sympathie für die Ziele und Bestrebungen Ihres Komitees wiederholt ausgesprochen. Insbesondere hat auch mein Amtsvorgänger schriftlich und mündlich mehrfach zum Ausdruck gebracht, daß wir mit Ihnen das Aufbauwerk in Palästina als ein hervorragendes Mittel für die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung des Orients, für die Ausbreitung deutscher Wirtschaftsbeziehungen und für die Versöhnung der Völker betrachten.“ (Bülow, 1931)

Deutsche Wirtschaftsinteressen und ein aus Mitteleuropa stammender, auf Verdrängung setzender Siedlerkolonialismus, verpackt als „Versöhnung der Völker“. Das palästinensische Volk jedenfalls, konnte mit dieser „Versöhnung“ kaum gemeint gewesen sein. Eher im Gegenteil: Es war die vorgebliche „Versöhnung“ des „deutschen Volkes“ (völkisch definiert) mit den Juden (denjenigen Juden, die als Zionisten bereit waren auszuwandern) auf dem Rücken der Palästinenser.

Die Unterstützung jüdischer Massenauswanderung beschränkte sich keineswegs auf die besonders aggressiven Kreise, des „schäumenden Antisemitismus“, also die langsam anwachsenden Kräfte der Faschisten, sondern sie war verbreitet in fast allen bürgerlichen Parteien der Weimarer Republik. Das Gros der deutschen Juden, also nichtzionistische bürgerliche jüdische Gemeinden und Organisationen wie der CV sahen sich mit ihrer Hoffnung auf Assimilierung innerhalb des Staates immer stärker isoliert und einer riesenbreiten Front gegenüber, welche sich durch fast das gesamte bürgerliche Lager zog (von Deutschnationalen, Zentrumspolitikern und Liberalen bis hin zu den Spitzen der Sozialdemokratie). Die „warme Sympathie“ und Unterstützung jüdischer Auswanderung stellte den Konsens des, bis auf einige Ausnahmen, gesamten bürgerlichen Lagers dar – sie war die Parteien- und strömungsübergreifende bürgerliche deutsche Staatsräson lange vor der Machtübergabe an die Nazis.

Friedrich Naumann (1860 – 1919, Namensgeber der FDP nahen Stiftung)

Ein Vertreter des „liberalen“ Imperialismus war Friedrich Naumann. Als bekennender Sozialdarwinist vertrat er die Ansicht, die Zukunft gehöre den Großbetrieben und großen Wirtschaftsblöcken. In seiner vielbeachteten Schrift „Mitteleuropa“ zu den Zielen des 1. Weltkriegs vom Herbst 1915 propagierte er die Schaffung eines deutschen Großreichs – eines Großbetriebs „Mitteleuropa“ – mit Gewalt: „Die Weltgeschichte muß fortfahren Nationen zu zerstören. … Wir scheuen uns gar nicht, Polen, Dänen, Suaheli, Chinesen nach Kräften zu entnationalisieren.“

Mit Bezug auf Palästina vertrat er eine, von der kaiserlichen Politik etwas abweichende Linie: Im Gegensatz zur Reichsregierung wollte er als glühender Unterstützer der „Jungtürkischen Revolution“ das Osmanische Reich mittels Modernisierung von Staatsapparat und Wirtschaft durch einen modernen Kapitalismus ersetzen, das dann unter deutscher Hegemonie stehen sollte, und zwar keineswegs in den Grenzen der heutigen Türkei, sondern weiterhin in denen des Osmanischen Reiches, inklusive des heutigen Syrien, Irak, Palästina, usw.

Denn in dieser Variante deutscher Hegemonie ohne formelle Annexion, witterte er Chancen für die wirtschaftliche Expansion Großdeutschlands.

Den Antisemitismus kritisierte er funktional als unpraktikabel und unklug im Sinne eines Spaltpilzes in seinem mitteleuropäischen „Großbetrieb“ und betrachtete den Zionismus als dessen bedauerliches aber logisches Resultat. Er bewunderte zwar den Zionismus für seinen aggressiven, modernen Nationalismus. Andererseits sah er auch in dessen Behauptung einer jüdischen Nation und in den Abspaltungsbemühungen der Zionisten in Mitteleuropa eine Gefahr für die Einheit der Nation.

Die Zukunftsaussichten des Zionismus betrachtet er nicht ohne Sympathie aber mit Skepsis. Denn da er nicht an die Reinheit der Rassen (auch nicht der jüdischen Rasse innerhalb des Deutschen Reiches) glaubte, sah er keine Grundlage für die „Einheit der Nation“ in einem zukünftigen Judenstaat.

Mit den Zionisten teilte er jedoch, nach einer Palästinareise 1898, den kolonialistisch und eurozentrisch-dünkelhaften Blick auf das heilige aber unangenehme Land Palästina[7] (dies betraf übrigens auch die dortigen, palästinensischen Juden, die er als rückständig und als „Chaos“ bezeichnete)[8].

Zusammenfassung: Die Deutsche Staatsräson des Kaiserreichs, wie auch der Weimarer Republik war und blieb pro-zionistisch. Die Unterstützung der zionistischen Idee beruhte nicht nur auf einer ideologischen Verwandtschaft eines aggressiven völkischen Nationalismus, sondern, kurioserweise auch gerade auf den sich scheinbar gegenseitig ausschließenden Gegensätzen im jeweiligen Inhalt: Während der Zionismus einen Nationalismus einer als Nation imaginierten weltweiten Judenheit darstellte, beinhaltete der deutsche völkische Nationalismus gerade deren Ausgrenzung, Ablehnung und Feinderklärung. Das Ziel dieser stabilen Staatsräson in Deutschland war die möglichst weitgehende „Ausschaffung“ der „volksfremden“ Juden aus dem Deutschen Reich, bzw. dem verkleinerten Herrschaftsgebiet nach dem 1. Weltkrieg. Deutsche Nationalisten und Antisemiten unterstützten das jüdische Projekt des Zionismus, gerade weil dieser dem eigenen Ziel, der Ausschaffung der Juden, entgegenkam. Die ideologische, politisch und praktisch tatkräftige Unterstützung der Auswanderung und Ansiedlung deutscher Juden in Palästina war also keine fortschrittliche, antirassistische oder gar antifaschistische Tat, sondern im Gegenteil, sie war die logische Umsetzung eines zutiefst aggressiven völkischen und aggressiven Programms. Oder knapp ausgedrückt: Unterstützung des „Judenstaats“ als antisemitische Tat.

Dieses Programm beinhaltete auch die Fortführung der kolonialistischen Bestrebungen, bzw. ihre Modifikation unter den neuen, durch die Kriegsniederlage aufgezwungenen Umständen, wie im Folgenden beleuchtet wird.

Deutsche Weltmachtambitionen während der Weimarer Republik

Wir haben nun über das Verhältnis des Deutschen Imperialismus zu den Juden im Inneren, also zu seinen eigenen jüdischen Staatsbürgern gesprochen. Es soll nun auch das Außenverhältnis zum kolonialen zionistischen Aufbau in Palästina beleuchtet werden.

Und schließlich sollen Kontinuität und Wandel der deutschen Staatsräson auch in Bezug auf ihre Weltmachtambitionen während der Weimarer Republik betrachtet werden.

Ungebrochener Kolonialismus

Das wilhelminische Kaiserreich hatte es fertig gebracht, in seiner nur 30-jährigen Kolonialperiode[9] in fast allen afrikanischen Kolonien Völkermorde zu begehen – deutscher Schutz und Trutz, damals als Aufstandsbekämpfung bezeichnet. Am bekanntesten dabei ist heute der Genozid an den „lebensunwerten Rassen“ der Nama und Herero in Namibia. Aber auch in Tanzania (Deutsch-Ostafrika) ermordeten die deutschen „Schutztruppen“ geschätzt zwischen 75.000 und 300.000 Afrikanerinnen und Afrikaner, sowie deren Kinder. Die Mehrheit der Opfer waren nämlich keineswegs „Aufständische“ (wie die Maji-Maji 1905-1907) und starb nicht an Gewehrkugeln, sondern an Hunger und durch die von den deutschen Kolonialbeamten eingeführte Politik der „verbrannten Erde“. Die Verbrennung ihrer Dörfer und Felder kostete etwa ein Drittel der Bevölkerung das Leben.

Mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg brachen für den deutschen Imperialismus seine Weltherrschaftspläne vorübergehend und sein gesamtes Kolonialreich zusammen, v.a. in Afrika und Ozeanien. Völlig ungebrochen hingegen blieb der deutsche Stolz auf die Mordregime in Übersee auch während der Weimarer Republik. Und bis heute bekundet die deutsche Reaktion ihren Stolz auf die angeblich „zivilisatorische Mission“ (BILD [10]).

Die heutzutage als vorbildlich demokratisch besungene Weimarer Republik hatte also überhaupt kein Problem mit dem deutschen mörderischen und rassistischen Kolonialismus, sondern nur mit dessen Verlust (und erzwungenen Abtreten an v.a. England). Sie war eben ein Kind des Kaiserreichs. Alle bürgerlichen Politiker, von liberal bis deutschnational, beklagten nicht etwa die Gräuel der Kolonialherrschaft, sondern nur ihr Ende. Der liberale Vorzeigepolitiker Außenminister Stresemann stellte noch im Herbst 1924 als Bedingung für den Beitritt Deutschlands zum Völkerbund, die Erwartung, „am Mandatssystem des Völkerbunds für die Kolonien beteiligt zu werden“.[11]

Nach Kriegsende musste der deutsche Imperialismus seine Träume nach einem Platz an der Sonne (Überseekolonien) begraben. Hierbei gab es zwei Linien: Liberal-pragmatische Politiker wie Stresemann akzeptierten, wenngleich unfreiwillig und mit gewissen Bedingungen[12] die Ergebnisse des 1. Weltkriegs, darunter auch die britische Seehoheit über die Weltmeere. Die Revanchisten, wie die Ostlandritter vom Alldeutschen Verband, oder die noch jungen Nazis hetzten dagegen und forderten die Revision dieser Ergebnisse. Weder der kolonialistische Hunger nach deutschen Schutzgebieten noch der Expansionsdurst des deutschen Imperialismus aber waren gestillt. Unter der nicht ganz neuen Parole: „Lebensraum im Osten“ wandte sich sein Blick nach Osteuropa, nach Polen und v.a. die Sowjetunion als ‚natürliche“ Ziele eines deutschen, nunmehr kontinentalen Grenzkolonialismus. Der Osten bot nicht nur wichtige Rohstoffe wie Eisen Kohle, Öl, sondern darüber hinaus auch „Raum“ – weite Gebiete zur Besiedlung.

Das alte Kolonialstreben musste weder begraben noch beschnitten werden, sondern wandte sich stattdessen neuen Zielen zu. Dies war keineswegs nur eine Domäne kleiner, rechts-außen angesiedelter Kreise deutschnationaler Revanchisten und Faschisten, sondern breites Massenbewusstsein bis tief in liberale bürgerliche Kreise. Als Paradebeispiel dieses Massenbewusstseins deutscher Staatsräson mag der heute zurecht vergessene Schriftsteller Hans Grimm gelten. Sein Blut-und-Boden-Roman „Volk ohne Raum“ war der erfolgreichste Bestseller[13] seiner Art in der Weimarer Republik (und blieb es bis 1944 mit immer neuen Auflagen[14]).

Volk ohne Raum – Hans Grimms Suche nach Raum ohne Volk

Hans Grimm (1875-1959), selbst stolzer Spross einer Kolonialfamilie,[15] heuerte in jungen Jahren (ab 1897) bei einem deutschen Handelsunternehmen in Südafrika an und besuchte in den 1920er Jahren mehrfach Namibia, das ehemalige Deutsch-Südwest. Zurück in Berlin (ab 1910) verwendete er als Journalist für die Tägliche Rundschau erstmals das Wort „Lebensraumpolitik“, sein Lebensthema. Nach mäßig erfolgreichen rassistischen Romanen und Novellen (u. a. zu Südafrika), schaffte er 1917 einen ersten Durchbruch mit einem Auftragsroman für die Oberste Heeresleitung (OHL), für den er von der OHL mit dem Posten als Militärpropagandist belohnt wurde: Hier durfte er, nach eigenem Bekunden, als Hauptaufgabe der ausländischen Presse „die deutsche Unschuld am Krieg erklären“. Jedoch erst sein Roman Volk ohne Raum, katapultierte ihn 1926 in die Bestseller-Charts (und machte ihn zu einem der Lieblingsautoren Hitlers).

In einer Mischung aus rassistischem Kolonialkitsch, Blut-und-Boden-Romantik und Hass auf die Arbeiterbewegung wird der Lebensweg eines Bauernsohnes (Cornelius Friebott) behandelt.

Friebott muß der räumlichen „Enge“ des bäuerlichen Deutschlands entfliehen und schließt sich in Südafrika der deutschen Kampftruppe im Burenkrieg an. Dort findet er seine Bestimmung. Er kämpft für mehr Lebensraum der Deutschen in ihren Kolonien. Nach dem Krieg, zurück in Deutschland, tingelt er als Wanderprediger durchs Land und verkündet seine Gedanken über das „Volk ohne Raum“. Kurz vor dem 9. November 1923 (!) wird er von einem, natürlich sozialistischen Arbeiter meuchlings ermordet.

Tucholsky bezeichnete 1928 in einer Rezension dessen Behandlung der „Hererofrage als … Teil der Eingeborenenfrage“ als „hundsföttische Gemeinheit“ und attestierte Grimm: „Er kann die Niederlage nicht verwinden“ (daher sein Ressentiment, „eine durch alten Groll getrübte Empfindung“).[16]

Auch wenn Grimm selbst nicht an Lebensraum in Russland, sondern weiterhin nur „unter der Sonne“ dachte, wurde sein Roman ein frühes massenwirksames Mittel der weit über Nazi-Kreise hinausreichenden imperialen Eroberungs- und Siedlungspolitik.

Die Verdrängung und gewaltsame Beseitigung der EinwohnerInnen dieser Gebiete stand in direkter Tradition des Kerngedankens der Preußischen Ansiedlungskommission wenige Jahrzehnte zuvor – der Germanisierung der Ostgebiete, welches auch von der zionistischen Bewegung zum Vorbild genommen worden war, um nicht nur das Land Palästina zu erobern, sondern dort in bewusster Abgrenzung zu der bestehenden Bevölkerung eine ethnisch reine, homogene jüdische Heimstätte zu schaffen und als rein jüdischen Staat zu errichten. Es ist also keine Überraschung, dass der deutsche Imperialismus das, ebenfalls auf Vertreibung abzielende, zionistische Siedlungsprojekt mit Wohlwollen und großem Verständnis betrachtete.

Umgang mit den Palästinensern – bis heute

Während die Zionisten vor Ort in Palästina sehr heftig mit den Palästinensern als Gegner beschäftigt waren, war Britannien v.a. darum bemüht, seine einseitige Parteinahme zu kaschieren und die Lebenslüge von der neutralen Mandatsmacht aufrechtzuerhalten – dabei übrigens nicht unähnlich der heutigen Doppelbödigkeit und Heuchelei westlicher Mächte in der Frage des sog. Konflikts zwischen Palästina und Israel.

Für den Diskurs des deutschen Imperialismus und der Bestimmung seiner Interessen während der Weimarer Republik spielten die Palästinenser selbst jedoch weiterhin keinerlei Rolle. Palästina wurde, wenn, dann nur als eine Art Sammellager für die „Ausschaffung“ europäischer Juden betrachtet (unter nun britischem Wachkommando). Für seine ihm eigene Idee vom Land ohne Volk hingegen, suchte sich der geschlagene und auf Revanche zielende deutsche Imperialismus neue, näher liegende Ziele; und er fand sie in den angrenzenden Ostgebieten, welche nicht nur genügend „Raum“ böten, sondern v.a. auch erneut zu germanisieren wären, wie schon 1886 in Poznań (Posen) unter der Preußischen Ansiedlungskommission, nur diesmal auf sehr viel höherer Stufenleiter. Eine Politik, die wenige Jahre später zig Millionen Menschen das Leben kosten sollte.

In Bezug auf Palästina wurde die Lüge vom Land ohne Volk von den Zionisten jedoch nur umso erbitterter verfochten, je mehr sich der palästinensische Widerstand gegen die Vertreibung organisierte und anschwoll; und dieser langgehegte zionistische Traum wurde in der Nakba (1947-49) durch hunderttausendfache gewaltsame Vertreibung rücksichtslos militärisch durchgesetzt.

In Bezug auf Polen, Belorussland, die Ukraine, usw. würde heute niemand mehr wagen, von Germanisierung oder auch nur von einem Land ohne Volk zu reden. In Israel heute ist diese Ideologie weiterhin wirkmächtig. Israelische Botschafter können in der UN weiterhin von einem, dem „jüdischen Volk“ von Gott höchstpersönlich versprochenen Land sprechen (ohne ausgelacht zu werden!), Nakba-Gedenkfeiern werden unter Strafe gestellt, Arabisch als Landessprache abgeschafft[17], usw. 2018 wird im „Nationalstaatsgesetzt“ Israel als „nationale Heimstätte des jüdischen Volkes“ in der Verfassung verankert. Netanjahu bezeichnete dieses Gesetz als „Schlüsselmoment in der Geschichte des Zionismus und des Staates Israel“[18]. Denn das Kapitel kolonialer Landnahme und Vertreibung ist, was den Nahen Osten durch den Staat Israel betrifft, eben noch lange nicht beendet.

AG Palästina

Balfour-Deklaration

Die Balfour-Deklaration war das einschneidende Signal eines Wachwechsels im Nahen Osten und speziell in Palästina. Am 2. November 1917, kaum 36 Stunden nach der Schlacht um Bir Al-Sabaa (heute Hebräisch: Beer Sheva) im Negev, dem britischen Durchbruch bei der Eroberung Palästinas, erließ Außenminister Lord Balfour jene kurze Deklaration, in welcher die britische Krone den Zionisten die Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina versprach und den 90 % Palästinensern keinerlei nationale Rechte, sondern nur kulturelle und religiöse „Minderheiten“-Rechte einräumte, wobei das Wort ‚Palästinenser‘ darin gar nicht auftaucht.

Die Regierung Seiner Majestät betrachtet mit Wohlwollen die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina und wird ihr Bestes tun, die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, mit der Maßgabe, dass nichts geschehen soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden nicht-jüdischen Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und den politischen Status der Juden in anderen Ländern in Frage stellen könnte.

Palästina wurde militärisch britischer de-facto Kolonialbesitz und auf der Konferenz von Sanremo 1920 formell als Mandatsgebiet vom Völkerbund den Briten übertragen. Das international verbindliche Völkerbunds-Versprechen, das Mandat solle die Palästinenser in die Eigenstaatlichkeit führen, war von Anfang an nicht das Papier wert, auf dem es gedruckt wurde. Hinter Lord Balfours Deklaration standen fünf unterschiedliche Motive.

Erstens war es ein zentrales Kriegsziel, sich an die Stelle des mit dem Deutschen Reich verbündeten Osmanischen Reichs zu setzen. Zweitens sollte Palästina geopolitisch die rechte Flanke des Suezkanals abdecken und war wesentliches Element des britischen Traums von einer Landbrücke bis zur Kronkolonie Indien[19]. Balfours Entscheidung war aber auch durch sein Verhältnis zu den Juden bestimmt. Das dritte Motiv war die britische Flüchtlingsabwehr, denn Millionen von Juden waren aus dem Zarenreich geflohen, bevorzugt nach England und in die USA.

Zudem waren schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts die Evangelikalen eine wichtige ideologische Strömung. Sie waren es, die die auch heute noch bestehende Vorstellung eines „Heiligen Landes“ prägten[20]. Balfour war selbst Antisemit und fürchtete viertens die Chimäre von der Macht einer internationalen Allianz jüdischer Bankiers. Im Kabinett gab es nur eine Gegenstimme gegen die Deklaration. Dies war die Stimme des einzigen jüdischen Mitglieds des Kriegskabinetts, E. Montagu. Dieser befand die Deklaration keineswegs als Gefallen sondern als Bedrohung für die Juden: „Juden werden daraufhin in jedem Land außer Palästina als Ausländer behandelt werden.“ –, sowie für die Palästinenser: „Wenn den Juden gesagt wird, dass Palästina ihr nationales Heim sei … werden Sie eine (neue, jüdische) Bevölkerung in Palästina finden, die ihre gegenwärtigen Bewohner vertreibt und das Beste des Landes nimmt.

Und schließlich ging es fünftens auch um einen ganz neu aufgetretenen Feind, die Bolschewiki[21], die nur einen Tag zuvor die erste Sitzung des Petrograder Sowjets abgehalten hatten. Balfour phantasierte eine angebliche Allianz zwischen dem deutschen Kaiser und den Bolschewiki und zudem eine entscheidende Rolle von Juden in der Revolution. Das Versprechen einer jüdischen Heimstätte sollte England als Beschützer der Juden darstellen und deren Sympathie für Deutschland mindern. Genau die gleichen, antisemitischen Vorstellungen bewogen die Deutschen dann bei ihrer Gegenerklärung im Januar 1918 (s.u.).

Stellung der deutschen Juden zum Zionismus bis 1933

Ein Widerstand gegen diese deutsche Politik des Komitees Pro-Palästina wie auch der Zionistischen Vereinigung für Deutschland (ZVfD) kam fast nur aus den Reihen der bürgerlich-liberalen, sog. assimilierten Juden.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Nur eine kleine Minderheit (geschätzte 10%) der deutschen Juden waren Zionisten (im ZVfD) oder für diesen empfänglich. Die große Masse der alteingesessenen und sich patriotisch als Deutsche fühlenden „assimilierten“ Juden (im Central-Verein) wollte mit ihnen nichts zu tun haben und bekämpfte sie sogar heftig, v.a. publizistisch. Ihre zahlenmäßig starke Organisation, der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV)[22], stand zwar politisch der DDP, sowie teils auch der SPD und anderen liberalen Parteien nahe, fand aber bei der deutschen Regierung in dieser Hinsicht kein Gehör[23]. Eine dritte Gruppe von Juden waren neu zuwandernde, meist arme Juden aus Osteuropa, die sich als Arbeiter oder prekär beschäftigt durchschlugen.

Die starke Auswanderungswelle aus Deutschland nach dem 1. Weltkrieg, und vor allem die weiterhin riesige Durchwanderungswelle von Millionen von „Ostjuden“ orientierte sich allerdings bevorzugt nach England und v.a. in die USA.[24]

Von den eingesessenen deutschen Juden verließen zwischen 1920 und 1932 nur etwa 40.000 Deutschland. Und hiervon wanderten lediglich 3.000 nach Palästina aus. Bis zum Machtantritt Hitlers war die zionistische Bewegung in Deutschland also ausgesprochen erfolglos. Die Masse der deutschen Juden waren eben keine Zionisten. Dementsprechend blieb auch während der Weimarer Republik die Mitgliedsstärke der ZVfD weit hinter der des CV zurück.

Die mangelnde Begeisterung für den Zionismus unter deutschen, „assimilierten“ Juden war auch eine Klassenfrage. Denn die Vorstellung von heroischer Bodenerschließung durch Säen und Pflügen hinterm Ochsen, mag als zionistischer Werbeslogan tauglich gewesen sein, hatte aber auf das städtische, gut situierte jüdische Bürgertum in Berlin oder Frankfurt wenig Ausstrahlungskraft[25].

Und noch eine zweite Unterscheidung ist wichtig: Während die Zionisten sich nicht am Abwehrkampf gegen den Faschismus und den immer rabiateren Antisemitismus der Nazis beteiligten[26], übernahm diese Aufgabe vor allen Dingen der liberale CV der „assimilierten“ Juden. Als Bürgerliche hatten diese Juden allerdings fast keine Berührungspunkte mit den Kommunisten oder linken Sozialdemokraten.

1 Jehuda Reinharz (Hg), 1981: Dokumente zur Geschichte des deutschen Zionismus 18

Clemens Messerschmid ist ein deutscher Hydrogeologe, der seit über 20 Jahren in Ramallah lebt, arbeitet und forscht

https://www.amnesty.ch/de/laender/naher-osten-nordafrika/israel-besetzte-gebiete/dok/2011/wasser-vortragsreihe-clemens-messerschmid-ramallah/praesentation-messerschmid

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