Sicht vom Hochblauen

Evelyn Hecht-Galinski

Widerstand als Symbol der Befreiung Von Evelyn Hecht-Galinski

Kommentar vom Hochblauen

 

Widerstand als Symbol der Befreiung

Von Evelyn Hecht-Galinski

Wenn am 31.Januar im deutschen Bundestag der Befreiung von Auschwitz vor 74 Jahren gedacht wird, könnte man auch einmal Überlegungen zu einem veränderten, der heutigen Politik geschuldeten Gedenken, anstellen. Ein Anfang wäre es, wenn der diesjährige Gastredner Prof. Dr. Saul Friedländer, ein in Prag geborener Historiker, dessen Eltern in Auschwitz ermordet wurden, der den Holocaust versteckt in Frankreich überlebte und der nach dem Ende des Krieges nach Israel auswanderte, alle Facetten des Symbols „Auschwitz und Befreiung“ beleuchten würde. Zumal im Anschluss an die Gedenkstunde eine Ausstellung des United States Holocaust Museums mit dem Titel „Einige waren Nachbarn“ eröffnet wird.

Parallelen vom Warschauer Ghetto zu Gaza

Wäre es dann nicht eine wichtige Geste, wenn Friedländer es wagen würde, was deutschen Politikern und Israel-Freunden niemals in den Sinn käme, nämlich Parallelen zu ziehen vom Warschauer Ghetto zu Gaza oder zur illegalen Besatzung Palästinas durch Holocaustopfer und deren Nachfahren?

2 Millionen eingesperrte Menschen im Konzentrationslager Gaza klagen an

Ist der verzweifelte Kampf vieler junger Palästinenser gegen die schon seit Jahrzehnten andauernde zionistische Besatzung ihres Landes nicht auch ein Symbol des Widerstands? Und warum werden sie, die diesen ungleichen und verzweifelten Kampf führen, kriminalisiert, während jüdischer Widerstand heroisiert wird? Muss nicht langsam Schluss sein mit dieser Art „christlich-jüdischen Werte Allianz“? Klagen nicht fast 2 Millionen eingesperrte Menschen im Konzentrationslager Gaza an, gerade im Gedenken an Auschwitz und des Warschauer Ghettos? (1)

Ist nicht gerade das Warschauer Ghetto das Symbol des jüdischen Widerstands gegen die deutsche Besatzung vor 76 Jahren am 19. April 1943?

Unter unsäglichen Bedingungen mussten mehr als 380.000 Juden seit 1940 im Warschauer Ghetto leben, darunter auch meine Mutter. Am 19.April 1943 stellten sich ein paar hundert von ihnen einer Übermacht von zweitausend deutschen Besatzern entgegen. Sie wussten, dieser Kampf war aussichtslos und nicht zu gewinnen, aber sie wollten Widerstand leisten, aufrecht mit der Waffe in der Hand.

Wenn am 15. Januar auf Arte und am 22. Januar in der ARD „Das Geheimarchiv im Warschauer Ghetto“ TV-Premiere und weltweite Filmvorführungen an mehr als 200 Orten der Welt, u. A. in Australien, Brasilien, Nepal, Südafrika und den USA und in diversen Städten in Deutschland, auf Großleinwänden gezeigt wird, ist das ein Großprojekt was seinesgleichen sucht.

„Ich habe Auschwitz nicht überlebt um zu neuem Unrecht zu schweigen“

Und für mich war das Lebensmotto meines Vaters nach seiner Befreiung durch die Rote Armee: „Ich habe Auschwitz nicht überlebt um zu neuem Unrecht zu schweigen“, immer ein Antrieb, zu Unrecht nicht zu schweigen und mich für die Freiheit Palästinas einzusetzen.

Nicht im Namen „aller Juden“

Deshalb werde ich es nie verstehen, dass deutsche Politiker schweigen angesichts der Verbrechen, die der „Jüdische Staat“ begeht! Gerade diejenigen, die immer wieder von Auschwitz als Symbol der Politik sprechen, sollten sich schämen. Wie zynisch muss man sein, angesichts der Zustände im „Jüdischen Staat“ und in den besetzten Gebieten die Augen zu verschließen vor Rassismus, Apartheid, Menschen- und Völkerrechtsverbrechen, alle begangen mit der Rechtfertigung der ewigen Opferrolle und einer infamen Instrumentalisierung des Holocaust, und ganz sicher nicht im Namen „aller Juden“!

„Apartheid Road“ Symbol für Rassismus

Am letzten Donnerstag wurde eine neue Straße mitten im besetzten Westjordanland eröffnet, mit einer acht Meter langen Mauer, die jüdische und palästinensische Menschen trennt. Diese „Apartheid Road“ verbindet die illegale jüdische Geva Siedlung, südöstlich von Ramallah, mit der Route 1, einer Hauptverkehrsstraße, die durch das besetzte Westjordanland und in das besetzte Ost-Jerusalem führt. Die Besatzer tun alles, um den Palästinensern mit Checkpoints, Kontrollen und Erniedrigungen ein normales tägliches Leben zur Hölle zu machen. Es gibt schon Dutzende von getrennten rassistischen Apartheidstraßen, die nur für jüdische Siedler gebaut wurden. Allerdings hat die Route 4370 als erste ihrer Art eine Besonderheit, nämlich eine Mauer – halb Beton, halb Zaun –, die Palästinenser und jüdische Israelis voneinander trennt. Wenn das kein Symbol für Rassismus und Apartheid ist, viel schlimmer noch als jemals im Südafrika zur Apartheid-Zeiten. Alles wird dafür getan, um die geografische Trennung nach der demografischen zu zementieren, um so das Westjordanland immer mehr wirtschaftlich zu knebeln und die Perspektiven für die Palästinenser zu untergraben. So geht es Stück für Stück weiter auf dem Weg der Enteignung und in die Endlösung der Judaisierung. Alles läuft darauf aus, mit dem „Greater Jerusalem“, die faktische Annexion der drei großen Siedlungsblöcke, angrenzend an Jerusalem City – Gush Etzion im Süden, Ma`ale Adumim/E-1 im Osten und Givat Ze`ev im Norden – anzustreben. Alles wird dafür getan, um den jüdischen Siedlern freie Fahrt in das illegal besetzte Jerusalem zu erleichtern und damit den Anspruch auf ganz Jerusalem als ewig ungeteilte Hauptstadt des „Jüdischen Staates“ zu beanspruchen. Alles vorgezeigt von den Trump-USA mit dem Völkerrechtsbruch eines Umzugs ihrer Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem. (2)

Bei einer Umsetzung würde das südliche Westjordanland vollständig vom Norden abgeschnitten, was einen zukünftigen zusammenhängenden und lebensfähigen Staat Palästina für immer unmöglich macht, aber dazu führen würde, dass von Jerusalem bis zur Grenze von Jericho alles zu diesem jüdischen Territorium gehören würde. Alles diese Pläne beruhen auf den Ideen des ehemaligen Premierminister Ariel Sharon, dem als „Schlächter von Libanon“ in die Geschichte eingegangenen berüchtigten Kriegstreibers.

Netanjahus Visionen Mauerbau und Apartheidstraßen

2,8 Millionen Palästinenser im Westjordanland werden von 500.000 jüdischen Siedlern vor vollendete Tatsachen gestellt. Das sind die politischen Visionen von Netanjahu: Mauerbau und Apartheidstraßen, ganz nach Vorbild des US-Freundes Trump, der inzwischen große Teile von US-Beamten und Arbeitswilligen in brutaler Geiselhaft hält, um seinen Mauerbau zu Mexiko durchzusetzen. So sieht die ethnische Säuberung Palästinas aus – der deutsche Außenminister, der wegen „Auschwitz“ in die Politik gegangen ist, schweigt fein dazu!

Wohneinheiten auf dem Gelände von Deir Yassin

Wenn demnächst auch noch Pläne durchgesetzt werden, 2.300 Wohneinheiten ausgerechnet auf dem Gelände des Massakers von Deir Yassin entstehen zu lassen, dann ist das unfassbar und an geschmackloser Geschichtsklitterung nicht zu überbieten! Gerade momentan verkündet der Jüdische Nationalfond großspurig, wie viel er dafür tut, um die Ökologie der israelischen Wälder zu stärken. Allerdings ist die traurige Wahrheit, dass mit der Grünwaschung der Besatzung und Landenteignung alles verschleiert werden soll, was an die Vertreibung der Palästinenser aus ihrer Heimat erinnert.

Die illegale Enteignung Palästinas durch den JNF

Viele der Wälder entstanden nur, um die Ruinen der palästinensischen Dörfer zu bedecken, die während der Nakba 1948 zerstört und gewaltsam entvölkert wurden. Laut Zochrot, einer wichtigen und unterstützenswerten gemeinnützigen israelischen Organisation, die sich für die Offenlegung und Gedenken an die Nakba-Verbrechen einsetzt. Schließlich  verbergen sich unter mehr als zwei Drittel der Wälder und Stätten des KKL Keren Kayemeth LeIsrael (die mit der blauen Sammeldose), als Teil des JNF, 46 von 68 Wäldern auf den Ruinen der vom „Jüdischen Staat“ abgerissenen und dem Erdboden gleichgemachten ehemaligen palästinensischen Dörfern. So geht die illegale Enteignung Palästinas durch den JNF immer weiter und kommt gerade auch den großen illegalen Siedlungsblöcken in Palästina zu gute. In diesem Zusammenhang ist es auch besonders verwerflich, wenn gerade deutsche Politiker, von Linke-Politiker Bartsch bis Steinmeier und Nahles (SPD) immer wieder „deutsche Wälder“ pflanzen, auf geraubtem Land wohlgemerkt! (3)(4)

Apropos Andrea Nahles, das ehemalige „Juso-„Blauhemdchen“ und Israel-Unterstützerin hat sich wieder einmal ganz nach SPD- Art gedreht. Die SPD-Chefin hatte noch im letzten November in einer Rede in Berlin erklärt, es sei „wahrscheinlich“, dass der damalige SPD-Politiker Gustav Noske (1868-1946) bei der Ermordung Rosa Luxemburgs „seine Hände im Spiel“ hatte. Jetzt allerdings, als sich der Jahrestag der Ermordung ihres ehemaligen Partei-Mitglieds näherte, lehnte es Nahles ab, die Verantwortung für die Ermordung der späteren KPD-Mitbegründerin Rosa Luxemburg zu übernehmen, trotz der Aufforderung des Luxemburg-Forschers Klaus Gietinger und anderer SPD-linker Intellektueller. Wen wundert es da, dass rosa Sozialdemokraten am letzten Sonntag in Berlin zum Gedenken anlässlich der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht vor 100 Jahren am Grab im Friedhof Friedrichsfelde fehlten!

Nahles Antisemitin?

Rosa Luxemburg war eine Heldin, Frauenrechtlerin, Jüdin und Märtyrerin der Novemberrevolution. Ist Nahles also auch noch Antisemitin, wenn sie die Verantwortung und Mitschuld der SPD jetzt ablehnt?

Erschreckende SPD Parallelen

Erschreckende Parallelen lassen sich bis heute ziehen: Damals gründete Rosa Luxemburg auf die Haltung der SPD im August 1914 eine anti-Kriegsgruppe und blieb, im Gegensatz zur „kriegsfreudigen“ SPD, ihrem Pazifismus bis zu ihrer Ermordung treu.(5)

Was hat die SPD bis zum heutigen Tag versäumt, sich an ihre Prinzipien zu halten und gegen Rüstungsgüter und Kriegseinsätze zu stimmen. Auch der Radikalenerlass und der Nato-Doppelbeschluss sind keine Ruhmestaten. (6)

Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!

So jedenfalls, mit dieser Art von Politik wird die SPD keine Stimmen gewinnen. „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten“, ist ein Spruch, der sicher von einer großen Anzahl der ehemaligen Wähler unterstrichen wird. Ganz besonders möchte ich dazu die neu erschienene Rosa Luxemburg-Biografie von Ernst Piper empfehlen. (7)(8)(9)

Die Freiheit des Andersdenkenden, galt aber nicht in der DDR

Aber auch die ehemalige DDR hat sicher nicht im Sinne von Rosa Luxemburg gehandelt, wenn sie diese Frau für sich vereinnahmte. War es nicht gerade Rosa Luxemburg, die „die Freiheit des Andersdenkenden“ einforderte? Kein Mauerbau und Stasimethoden. Wurden nicht DDR-Bürger, wie der Liedermacher Stefan Krawczyk verhaftet und in den Westen abgeschoben, weil sie an einer Demonstration am 17.Januar 1988 „Liebknecht-Luxemburg“ teilnahmen, die „Freiheit für Andersdenkende“ forderte? (10) Sie war eine Frau mit Charakter und Charisma, was den heutigen Politikerinnen fehlt. Es war gut, dass viele echte Linke ihrer und der Ermordung von Karl Liebknecht gedachten und auch die Stalinopfer nicht vergaßen. Wieder hat die SPD eine Chance der Geschichtsaufarbeitung verpasst, das verbindet sie traurigerweise mit dem „Jüdischen Staat“, der auch nichts von Nakba-Geschichte wissen will, außer der eigenen Holocaust-Erinnerung. Unter diesen Voraussetzungen plädiere ich  für eine Gedenkstunde im Deutschen Bundestag zur Erinnerung an die Nakba, als Folge des Holocaust und der Gründung des „Jüdischen Staates“ auf dem Rücken der Palästinenser. Als Gedenkredner käme der israelische Historiker Prof. Ilan Papp in Betracht, Autor zahlreicher wegweisender Bücher zu diesem Thema.

So vergessen wir nie den Widerstand als Symbol der Befreiung .

(1)https://www.btselem.org/gaza_strip/20181122_over_5800_palestinians_wounded_in_7_months_of_protests?fbclid=IwAR0lX6wRbKJkf8UIuNZMn8kSzIkx2ea9gp3kUjjUycJd0YyHnJBy-ta6U1o

(2)https://www.aljazeera.com/news/2019/01/israel-opens-apartheid-road-occupied-west-bank-190110051605433.html

(3)https://www.jnf-kkl.de/d/spdwald.htm?neuer-spendenanlass-490

(4)http://www.taz.de/!5069433/

(5)https://www.zeit.de/2013/29/berufsverbote-radikalenerlass-1972/komplettansicht

(6)https://www.zeit.de/2013/29/berufsverbote-radikalenerlass-1972/komplettansicht

(7)https://www.zeit.de/2014/08/rosa-luxemburg-erster-weltkrieg-pazifismus?print

(8)https://www.zeit.de/2019/03/kpd-100-jahre-linke-spd

(9)https://www.deutschlandfunkkultur.de/ernst-piper-ueber-seine-neue-rosa-luxemburg-biografie-ihre.2162.de.html?dram:article_id=438175

(10)https://www.mdr.de/damals/archiv/luxemburg-demonstration100.html

 

Evelyn Hecht-Galinski, Tochter des ehemaligen Zentralratsvorsitzenden der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, ist Publizistin und Autorin. Ihre Kommentare für die NRhZ schreibt sie regelmäßig vom „Hochblauen“, dem 1165 m hohen „Hausberg“ im Badischen, wo sie mit ihrem Ehemann Benjamin Hecht lebt. (http://sicht-vom-hochblauen.de/) 2012 kam ihr Buch „Das elfte Gebot: Israel darf alles“ heraus. Erschienen im tz-Verlag, ISBN 978-3940456-51-9 (print), Preis 17,89 Euro. Am 28. September 2014 wurde sie von der NRhZ mit dem vierten „Kölner Karls-Preis für engagierte Literatur und Publizistik“ ausgezeichnet.

1 Kommentar zu Widerstand als Symbol der Befreiung Von Evelyn Hecht-Galinski

  1. Liebe Evelyn, ein ganz hervorragender Beitrag, der mir aus der Seele spricht. Jedoch wird die zionistische Lobby und die hiesigen Medien, allen voran ARD, WDR und die rechtsextrem- radikal zionistische Rheinische Post, den 31. Januar bis zum geht nicht mehr ausschlachten und was die eigentlich notwendige Solidarität mit den Palästinensern angeht: Solidarität mit Unterdrückten hört da auf, wo es sich bei den Besatzern und Unterdrückern um den jüdischen Staat handelt.
    Jedem Volk wird das Recht auf Freiheit und ein selbstbestimmtes Leben zugesprochen, die Palästinenser hingegen werden von vielen, allen voran den meisten der deutschen Medien, nichtmal als Volk angesehen.
    Aus dem Holocaust scheinen die meisten, die der zionistischen Lobby aus blindem Gehorsam Tag für Tag hinterherrennen, jedenfalls nichts gelernt zu haben, sich mit den stärkeren zu verbünden, das Recht des stäkeren als Grundsatz anzusehen und die schwachen zu verteufeln, ist ja so verdammt einfach.

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