Sicht vom Hochblauen

Evelyn Hecht-Galinski

Die Lehren aus der Kristallnacht und der Nakba Von Evelyn Hecht-Galinski

Kommentar vom Hochblauen

Die Lehren aus der Kristallnacht und der Nakba

Von Evelyn Hecht-Galinski

 

Wenn am 9. November 2018 zum 80. Mal der so genannten „Kristallnacht“ gedacht wird, dann sollte dieses schreckliche Datum uns alle auch daran erinnern, dass dieser Tag für immer untrennbar mit der Nakba, der Katastrophe für Palästina, verbunden sein wird! Diese Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, in der Kristall-Kronleuchter, Porzellan und Fensterscheiben von mehr als 1400 Synagogen und tausenden von jüdischen Häusern, Wohnungen und Geschäften von den Nazis zerschlagen und verbrannt wurden, mindestens 90 jüdische Menschen ihr Leben verloren haben und etwa 30.000 weitere verhaftet und ins Gefängnis gesteckt wurden, bleibt für immer im Gedächtnis als die „Nacht der verbrannten Synagogen“ und der Beginn der systematischen Judenausrottung.

 

„Jerusalemer Rassegesetze“: Nicht schweigen, wenn Unrecht geschieht!

 

Welche Lehren sollten wir aus diesen Verbrechen für die heutige Zeit ziehen? Nicht schweigen, wenn Unrecht geschieht! Seit 70 Jahren ist die Welt Zeuge der Nakba, der gezielten Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung und damit einhergehend der anhaltenden illegalen Besatzung Palästinas und des zunehmenden Landraubs. Kann man beide Verbrechen vergleichen? Was die schweigenden Bevölkerungen betrifft, ganz sicher.

 

Natürlich kann man an solchen Jahrestagen die Leiden der damaligen Juden mit den Leiden der heutigen Palästinenser verbinden. Damals gab es die Nürnberger Rassegesetze, heute gibt es die „Jerusalemer Rassegesetze“.

 

Wenn der Holocaust zu Recht als eines der größten Verbrechen der Menschheit bezeichnet wird, so darf man doch nicht zulassen, die Verbrechen in Palästina zu leugnen. Während die Holocaust-Leugnung strafbar ist, wird die Nakba-Leugnung staatlich unterstützt, und das Wort Nakba wurde aus dem Lehrplan gestrichen. Schließlich wurde das Land Israel zu Tätern und der Mythos von der „moralischsten“ aller „Verteidigungsarmeen“, ebenso wie der Slogan von der „Reinheit der Waffen“ für immer zerstört. Mit Sprüchen wie „die Nakba ist eine Lüge“ wird ungestraft die Leugnung der Nakba betrieben. Diese Verweigerungspolitik des isolierten Einmauerns, auch in den Köpfen, führte dazu, dass der Großteil der jüdischen Bevölkerung die Annexion der illegal besetzten Gebiete unterstützt und sich im jüdischen Apartheidregime äußert wohl fühlt. Schließlich hat nur die Nakba mit der gewaltsamen Vertreibung von mehr als 700.000 Palästinensern den „jüdischen Staat“, so wie er heute existiert, ermöglicht. Kann man diese Tatsachen vergessen, wenn man der Kristallnacht und des Holocaust gedenkt?

 

Es berührt mich sehr, wenn ich sehe, wie gerade Holocaustüberlebende und deren Nachfahren die Lehren aus diesem schrecklichen Ereignis verleugnen und das heutige Unrecht mit dem damaligem rechtfertigen. Es gibt kein Monopol auf Alleinvertretungsanspruch auf Leiden und Sympathie. Nein, haben sich nicht inzwischen gerade die Juden in Israel jede Sympathie verscherzt? Tatsächlich sind nicht sie es, die hilf- und wehrlos sich allein gegen die feindliche Umwelt verteidigen, sondern sie sind es, die aggressiv andere souveräne Staaten bedrohen und – einmalig in der Welt – seit Jahrzehnten einen Besatzerstaat betreiben.

 

Nichts rechtfertigt die illegale Besatzung Palästinas und die Nakba als Beginn der gezielten Vertreibung und Entwürdigung des palästinensischen Volkes. Als Ilan Pappe als einer der ersten neuen Historiker mit seinem Buch „Die ethnische Säuberung Palästinas“ darauf wissenschaftlich fundiert aufmerksam machte, setzte die Israel-Lobby alles daran, ihn als unwissenschaftlichen Historiker niederzumachen. Das misslang allerdings, denn es war der Durchbruch einer neuen korrekten Geschichtsdarstellung, die endlich auf Wahrheit und nicht auf zionistischen Lügen basierte. Schließlich lässt sich die traurige Wahrheit der Nakba nicht ewig verleugnen, auch wenn es bis heute versucht wird.

 

Immer mehr Ähnlichkeiten zwischen „Jüdischem Staat“ und Nazi-Deutschland

 

Immer mehr häufen sich die Ähnlichkeiten zwischen dem „Jüdischen Staat“ und Nazi-Deutschland. Immer mehr haben sich seit Staatsgründung im „Jüdischen Staat“ die Werte verschoben, bis zur Entmenschlichung und Pogromen. Immer skrupelloser wird der Anspruch auf ganz Palästina eingefordert und die Judaisierung betrieben.

 

Auch die Mehrheit der jüdischen Israelis will nicht einsehen, dass Besatzung illegal ist und Widerstand dagegen völlig legal ist – ich erinnere nur an den Aufstand im Warschauer Ghetto, der zwar missglückte, aber legal und wichtig war. Solange die Leugnung der Nakba, die Besatzung Palästinas, die Vertreibung, Sippenhaft, Kollektivbestrafung und die täglichen Razzien und diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit als normal und legitim angesehen werden, und solange die heuchlerische Staatengemeinschaft diese menschenverachtende Politik auch noch unterstützt, die den Palästinensern ihr verbrieftes Rückkehrrecht verweigert, BDS-Unterstützern und Kritikern die Einreise verweigert, und Woche für Woche im Konzentrationslager Gaza den „Marsch der Rückkehr“ mörderisch unterdrückt, müssen wenigstens wir solidarisch sein und den Mund aufmachen gegen dieses Unrecht.

 

Hilflos müssen die Nachkommen der palästinensischen Vertriebenen, die überall in der Diaspora verstreut leben, auf die überfällige Umsetzung der UN-Resolution 194 warten, die ein Rückkehrrecht und Schadenersatzzahlungen vorsieht. Immer wieder wird das jüdische Propaganda-Märchen verbreitet, dass die Palästinenser ihre Heimat Palästina freiwillig verlassen hätten, um nicht mit den Juden zusammen leben zu müssen. So wurde infamer Weise die Katastrophe der Nakba zu einem freiwilligen Auszug der Palästinenser gemacht, ganz klar also, dass dem „jüdischen Staat“ nichts unangenehmer war, als die Wahrheit über die Vertreibung der Palästinenser aus ihrer Heimat!

 

So wird das „NIE WIEDER“ im Zusammenhang mit deutscher Schuld immer unglaubwürdiger. Während die Einreise nach Gaza und in die illegal besetzten Gebiete Palästinas fast unmöglich gemacht wird, soll, geht es nach dem „Jüdischen Staat“ und seiner rührigen Lobby, die muslimischen Migranten zu Besuchen in Konzentrationslager genötigt werden. Schließlich sollen sie den Holocaust verinnerlichen. Da sollte man sich schon die Frage stellen, warum sollen sie diese deutsche Schuld verinnerlichen, wo doch gerade auch sie die Leidtragenden diese Schuld sind? Ist es nicht ein Hohn, dass man Menschen dazu zwingen will, die doch seit Jahren mit ansehen müssen, wie Israel Palästina, Syrien, Libanon ruiniert?

 

Mit der Eroberung von Land und Eigentum, der Vorenthaltung von Bildungsmöglichkeiten, der Besatzung, Blockade und Demütigung, Apartheidmauer und Checkpoints, sowie die Verweigerung von Freiheit, die die Menschen so gezielt zermürben soll, dass sie freiwillig aufgeben.

 

Während das zionistische Regime Zwietracht sät und jegliche freie Wahlen, sowie eine Einigung zwischen den verfeindeten Palästinenser-Gruppen mit aller Macht hintertreibt, versucht man, sich mit Saudi-Arabien und den Golfstaaten zu verbinden, um einen Keil zwischen alle zu treiben und eine Front gegen Iran zu schaffen. Das alles ist nur möglich, weil die USA unter Trump, sowie mehre faschistische Staaten dazu beitragen, dass der „Jüdische Staat“ als der Machtfaktor im Nahen Osten erhalten bleibt.

 

Während Kritik in Nazideutschland zur Verfolgung, Verhaftung und KZ führten, wären Proteste gegen die völkerrechtswidrige Besatzungspolitik im „Jüdischen Staat“ möglich und nicht lebensbedrohend. Trotzdem protestiert nur ein ganz kleiner Teil der jüdischen Bevölkerung gegen diese Politik, während sich die Mehrheit mit dieser Politik identifiziert und an der Wahlurne bestätigt.

 

Während Nazideutschland alle demokratischen Rechte zerstörte, will der „Jüdische Staat“ als „einzige“ Demokratie im Nahen Osten bezeichnet werden. Dieser Anspruch gerät immer mehr zur Farce, nach den vielen Gesetzen, die allein jüdischen Staatsbürgern zu Gute kommen und die Rechte der Minderheiten immer mehr aushöhlt, angefangen vom Verbot des Nakba-Gedenkens bis zum gerade durchgesetzten Nationalgesetz, das auch den letzten Rest und Anschein von demokratischer Rechtsstaatlichkeit aufgibt.

 

Gedenken zu verbieten, ist ein Verbrechen

 

Gerade diese beiden Gesetze sollten uns am 9. November daran erinnern, dass es ein Verbrechen ist, Gedenken staatlich zu verbieten, ein Verbrechen ist, was nicht unwidersprochen hingenommen werden darf. Wenn man den Palästinensern verbietet, öffentlich an die Nakba zu erinnern, was unterschiedet diesen faschistischen Staat noch von deutschen Nazis? Tatsächlich gibt es nur noch den Unterschied, dass die systematische Ausrottung der Juden in Europa nur bedingt mit der Vertreibung der Palästinenser gleichzusetzen ist, aber vergleichen ist schließlich nicht gleichsetzen und daher völlig legitim. Wie kann man als jüdischer Bürger oder gar als Demokrat zulassen, dass rassistische Gesetze in Israel von den „Auserwählten“ als normal empfunden werden? Durch die Instrumentalisierung des Holocaust hat sich der „Jüdische Staat“ inzwischen so entwickelt, dass so gut wie kein führender Politiker mehr dagegen zu opponieren wagt. Dabei wäre es demokratische Pflicht, den Holocaust nur in einem Sinne zu instrumentalisieren, nämlich so, wie ich es in meinem Elternhaus gelernt habe und nach dem Lebensmotto meines Vaters: „Ich habe Auschwitz nicht überlebt, um zu neuem Unrecht zu schweigen“. Tatsächlich schweigt die philosemitische Gesellschaft heute, um damit vermeintlichen Antisemitismus zu widerstehen, vergisst dabei allerdings dass diese Ablösung der Begriffe nur eine sprachliche Verdrehung bedeutet, die verwerflich ist.

 

Momentan erleben wir wieder eine gezielte Kampagne, die nach Denunziationsportalen in einer Vereinsgründung gipfeln soll, die, und das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, alle „antisemitischen Vorfälle“ dokumentieren will, auch jene, bei denen nicht gegen das Gesetz verstoßen wurde. Man kann es nicht glauben, wer sich solche Perversitäten ausdenkt, um gezielt abzulenken, von der Realität, dass nämlich in Deutschland der Antisemitismus abgenommen hat. Während die rechtsextreme Gewaltbereitschaft extrem zunimmt, versucht die Israel-Lobby, angeführt vom Zentralrat der Juden, gezielt Stimmung zu machen gegen Migranten und einem angeblich eingeschleppten „muslimischen Antisemitismus“. Diese gefährliche Stimmungsmache sollte uns alle besorgt machen, damit die Muslime nicht zu den heutigen Juden werden. Nicht muslimische Einwanderer bringen den Antisemitismus nach Deutschland, sondern sie bringen die so wichtige Kritik an der Politik des „jüdischen Staates“ mit, die in Deutschland immer mehr unmöglich gemacht werden soll. Immer massiver erleben wir, dass jede Kritik am jüdischen Unterdrückungsstaat als antisemitisch verdammt wird.

 

Leider sehen wir, dass sich die heuchlerische Staatengemeinschaft weg duckt. Ein schlechtes Gewissen darf nicht dazu führen, einem ehemaligen Opfervolk und heutigem Tätervolk einen Freibrief für Völker- und Menschenrechtsverbrechen auszustellen und ihm die Lizenz zum Töten, immer mit der Lüge der „Selbstverteidigung“, zu gestatten.

 

Sollte es uns nicht zu denken geben, dass sich die rechtsextremen Parteien, Regierungen und philosemitischen „christlichen Freunde“ Israels so sehr mit dem „jüdischen Staat“ solidarisieren? Allerdings ist es inzwischen auch auf linker Seite zu bemerken, dass sich diese Politik der uneingeschränkten Unterstützung des „Jüdischen Staates breit macht. Ein mehr als erschreckendes Phänomen, das zu gefährlichen Bündnissen führt.

 

Der Gedenktag an die Kristallnacht sollte uns alle ermahnen, dass das, was damals in Deutschland geschah, sich jederzeit und überall wiederholen kann. Die Dämonisierung der Nachbarn, eine Bevölkerungsgruppe als unserer Kultur fremd darzustellen und sich von ihnen abzuschotten, sie auszugrenzen und sich selbst höher zu stellen, als „wertvoller“, eine „christlich-jüdische Leitkultur“ zu propagieren, die es in Wirklichkeit nicht gibt, aber bezwecken soll, dass der Islam und die Muslime als der heutigen Zeit nicht angepasst diskriminiert werden können.

 

Ungehemmt freier Lauf für Rassismus gegen Palästinenser

 

Schauen wir uns doch einmal das orthodoxe oder das politische Judentum an, das in Rassismus nicht zu überbieten ist, wenn der israelische Oberrabbiner Lau, wie gerade nach dem Anschlag in Pittsburgh geschah, den ermordeten Juden der Synagoge das Judentum absprechen wollte, oder wie schon so oft geschehen, dass gerade Rabbiner ihrem Rassismus gegen Palästinenser ungehemmt freien Lauf ließen. Und was ist mit dem Papst, der doch tatsächlich Abtreibung mit „Auftragsmord“ verglich, aber es bis heute versäumt hat, den Missbrauchsskandal der katholischen Kirche wirklich zu bereinigen. Keiner Religionsgemeinschaft sollte es gestattet sein, sich über eine andere zu stellen, ebenso wie die ständigen Menschenrechtsverbrechen Israels mit dem Holocaust zu rechtfertigen.

 

Solange die ethnische Säuberung Palästinas als zionistische Zukunftsvision der Judaisierung Palästinas hingenommen wird und die alleinige jüdische Herrschaft angestrebt wird, ist dieser Tatsache am 9. November mit zu gedenken, denn die Palästinenser sind die bis heute verleugneten Opfer der Naziverbrechen. Auch das sollte die Lehre aus Kristallnacht/Holocaust und Nakba/Katastrophe sein.

 

 

In der Neuen Rheinischen Zeitung (NRhZ) veröffentlicht in Ausgabe 681 vom 07.11.2018 unter http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25358

 

 

Evelyn Hecht-Galinski, Tochter des ehemaligen Zentralratsvorsitzenden der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, ist Publizistin und Autorin. Ihre Kommentare für die NRhZ schreibt sie regelmäßig vom „Hochblauen“, dem 1165 m hohen „Hausberg“ im Badischen, wo sie mit ihrem Ehemann Benjamin Hecht lebt. (http://sicht-vom-hochblauen.de/) 2012 kam ihr Buch „Das elfte Gebot: Israel darf alles“ heraus. Erschienen im tz-Verlag, ISBN 978-3940456-51-9 (print), Preis 17,89 Euro. Am 28. September 2014 wurde sie von der NRhZ mit dem vierten „Kölner Karls-Preis für engagierte Literatur und Publizistik“ ausgezeichnet.

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