Sicht vom Hochblauen

Evelyn Hecht-Galinski

Es stinkt zum Himmel!

Tatsächlich schreiben deutsche Medien über den zurückgetretenen israelischen Verteidigungsminister Jaalon so, als ob er eine Friedenstaube wäre. Schon seit langem sieht man die Verlogenheit der Berichterstattung, wenn es um die Darstellung von Zuständen im „Jüdischen Staat“ geht.

gaza air strike photo
Photo by Imaginary Museum Projects: News Tableaus

Geradezu erschreckend, wie Lesern dabei Sand in die Augen gestreut wird, damit bloß kein Ressentiment gegen Juden und den „Jüdischen Staat“ aufkommt. War es nicht der „Kriegsminister Jaalon, der schon immer durchgriff, wenn es darum ging, die illegale Besatzung Palästinas zu festigen und mit aller Besatzungshärte durchgriff, um die zweite Intifada im illegal besetzten Westjordanland niederzuschlagen? Er lehnte einen unabhängigen Palästinenserstaat ebenso ab, wie einen Tausch „Land gegen Frieden“, weil auch dieser Machtmensch alles will, nur keinen Frieden. Er mit seiner Anti-Palästinenser Haltung hält diesen immer wieder vor, dass sie nur einen Traum hätten, nämlich Israel zu zerstören. Doch ist es hingegen nicht ganz anders, und haben die jüdischen Besatzer nicht seit 1948, seit der Nakba und Vertreibung der Palästinenser den palästinensischen Traum zerstört, in einem freien Palästina friedlich zu leben? War es nicht Jaalon, der ebenso wie die anderen israelischen politischen Kriegsverbrecher die „moralischste Armee der Welt“ befehligte, den Völkermord in Gaza ungehindert ausführen zu können? Diese totale Blindheit gegenüber dem palästinensischen Leid und die zynische Kälte, mit der man den Tod von palästinensischen Menschen nicht nur in Kauf nimmt, sondern diesen auch noch als unvermeidlich hinstellt, um so den palästinensischen Widerstand zu bekämpfen und die Sicherheit der „einzigen Demokratie im Nahen Osten“ zu schützen, ist einzigartig in der Welt und vereint alle diese Politiker, von Jaalon bis Netanjahu und von Livni bis Herzog. Egal wie man es dreht und wendet, es sind nur Nuancen die diese Politiker voneinander trennen, mehr nicht.

Als im April diesen Jahres propagandaträchtig ein neuer „Angriffstunnel“ der Hamas aus Gaza von den „jüdischen Verteidigungssoldaten“ gefunden wurde, warnte Jaalon die Hamas schon davor, sich keinen Illusionen hinzugeben, um anzugreifen, denn Israel würde mit aller Härte zurückschlagen! (1) 
Alles, was aus Gaza, oder von der Hamas kommt, wird als Kriegserklärung dämonisiert, vom Tunnelsystem bis zu den selbst gebauten verzweifelten Raketen, während die „jüdischen Verteidigungssoldaten“ vorgeben, immer nur friedenserhaltend zu verteidigen. Bei seinem Abschied lobte Jaalon Netanjahu sogar noch für seinen „harmonischen und respektvollen“ Umgang mit ihm, bis zum Krach. Um sich dann als Friedensheld darzustellen, der nur gegen den Rassismus und Radikalisierung in der Gesellschaft gekämpft hätte. Was für eine triefende Verlogenheit dieses Falken, sich als Friedenstaube darzustellen. All das deutet daraufhin, dass er selbst ein neues „Rechts-Mitte Lager“ aufbauen will.

Es ist schon mehr als belustigend, wenn sich jetzt alle ehemaligen oder inzwischen machtlosen Politiker als Mahner vor einem Faschismus im „Jüdischen Staat“ darzustellen zu versuchen, während sie diesen während ihrer Amtszeit doch selbst befördert haben.

Illusionen sollte man aufgeben wenn es um den „jüdischen Staat“ und sein Regime geht, denn Frieden steht nicht auf deren Agenda. Am Montag lehnte Ministerpräsident Netanjahu die französische Friedensinitiative endgültig ab. Begründung: nur direkte Verhandlungen „ohne Vorbedingungen“ mit den Palästinensern, keine Vermittler, denn diese würden den „Friedensbemühungen“ nur schaden. Welche Friedensbemühungen von ihm ausgehen, wird uns für ewig verschlossen bleiben, weil er genau wie seine Kollegen keinen Frieden will, und alle Grundlagen geschaffen hat, um diese auch zu realisieren und die Besatzung und ethnische Säuberung bis zur Endlösung als zionistischen Ziel der Judaisierung Palästinas zu schaffen! Schließlich warf Netanjahu auch noch der französischen Regierung vor, die Unesco-Resolution zum „Tempelberg“ unterstützt zu haben, die jüdische Interessen negiere. Leider „vergisst“ Netanjahu, dass der Haram al-Sharif und die al-Aqsa Moschee für alle Muslime unantastbar bleiben müssen, frei von jüdischen Eindringlingen. Denn ständig dringen jüdische Extremisten unter Regierungsschutz provokativ auf die Heiligtümer vor, muslimische Männer werden verbannt und dürfen dort nicht beten; soviel zur Glaubensfreiheit unter dem Netanjahu-Regime! (2) (3) (4)

Wenn jetzt auch noch der durch Jaalons Rückzug aus der Knesset freigewordene Abgeordnetensitz von Yehuda Glick eingenommen wird, einem Vertreter der übelsten Gruppe von Extremisten, die die Juden und ihre Gebete auf dem Tempelberg erzwingen wollen und den Bau eines jüdischen Tempels anstelle des Felsendoms und der al-Aqsa Moschee anstreben, dann ist die Provokation komplett. (5)

Das Chaos im „jüdischen Staat“ durch diese Taktik von Netanjahu, der erneut Avigdor Lieberman, den ex-Außenminister und seiner Beitenu „Israel unser Haus“ Partei als Verteidigungs-Kriegsminister ins Kabinett holt, zeigt doch nur seine Strategie. Lieberman war schon als Außenminister nicht tragbar, aber als Kriegsminister ist er natürlich erste Wahl. Lieberman wird alle seine Forderungen erfüllen, von der Einführung der Todesstrafe, allerdings nur für „palästinensische Terroristen“, während jüdische Terroristen nicht belangt werden. Er verlangt Sonderleistungen für russische Einwanderer und vieles mehr, was man sich gar nicht vorzustellen vermag. Unter ihm ist zu befürchten, dass er als „Kriegsminister“ versuchen wird, Gaza nach einem Angriff ganz in Schutt und Asche zu bomben! Es ist eine mehr als gefährliche Situation für Palästina, und wir müssen darauf gefasst sein, dass die Zukunft sicher noch viel schrecklicher sein wird, sollte dieses neue Kabinett etabliert und eingesetzt sein. (6)

Ja, es stinkt zum Himmel, wie die Politik mit größter Verlogenheit vorgeht, um eigenes Versagen zu vertuschen. Ja, es stinkt zum Himmel, wenn US- oder israelische Drohnen die Lizenz zum Töten nutzen, um eigenmächtig zu entscheiden über gut und böse, über Leben und Tod. Ja, es stinkt zum Himmel, wenn die USA den Terror über die Welt bringen und Waffen verkaufen, um „Regime Changes“ herbeizuführen. Ja, es stinkt zum Himmel, wenn wir eine Spalterin als Kanzlerin haben, die wie es scheint als US-gesteuerte Marionette TTIP und CETA durchsetzen will und das Flüchtlingsproblem eigenmächtig zu bewältigen versucht. Sie ist eine der Hauptschuldigen an der Spaltung Europas, eigenmächtig wie zu DDR Zeiten regiert sie. Ist das noch alternativlos? Nein! Aber wie sehen die Alternativen aus, in einem gespaltenen Europa? Rechts gewinnt immer mehr, was vermieden werden muss, gerade noch einmal konnte ein rechter Burschenschaftler als Präsident in Österreich verhindert werden. Merkel und die GRO/KO hat uns quasi entmündigt, das hat das Klima für eine AfD geschaffen. Aber alle demokratischen vernünftigen Bürger sollten sich davor hüten, auf die geschürte Terrorangst und den Islam-Hass hereinzufallen. Seit geraumer Zeit wurden auffallend viele Artikel zur Christenverfolgung in allen Medien veröffentlicht, wie z. B. „vergesst die Christen nicht“, in der FAZ. (7)

Was stutzig machte, dass gerade die mehr als umstrittene Organisation Open Doors Daten dazu lieferte, jetzt mussten dieselben Medien eingestehen, dass es Zweifel an der Seriosität dieser Studie gibt. Aber erschreckend, wie gezielt diese Islamophobie gestreut wurde. (8)

Während Merkel in der Türkei weilt, um den Flüchtlingsdeal unter Dach und Fach zu bringen, hat sich in der Türkei ähnliches ereignet wie im „Jüdischen Staat“. Während sich Erdogan, allerdings unter großem Zuspruch des türkischen Parlaments politischer Gegner entledigte, indem man 138 oppositionellen Abgeordneten die Immunität entzogen hatte (9)

und diese mehr als fragwürdige Tat international genauso einhellig kritisiert wurde wie die mehr als fragwürdigen Urteile gegen türkische Journalisten, konnte sich desgleichen im „Jüdischen Staat“ ungestört fortsetzen. Ich kann mich nicht erinnern, hier je kritische Äußerungen vernommen zu haben, als Abgeordneten der palästinensischen Partei im israelischen Parlament, der Knesset, die Immunität entzogen wurde, oder dass dies sogar verurteilt wurde! Das Netanjahu Regime hat faschistoide Gesetze und Methoden, um die israelischen Palästinenser aus dem Parlament zu drängen. (10)

Hanan Zoabi, eine palästinensische Menschenrechtsaktivistin und Anwältin, wurde so mehrmals unter mehr als fadenscheinigen Vorwürfen aus der Knesset gedrängt. Das Netanjahu Regime versucht auf diese Weise, indem sie die palästinensischen Abgeordneten der Balad Partei aus der Knesset drängen, das jüdische Parlament „araberfrei“ zu machen und zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Jerusalem nur von Juden regieren zu lassen und sich ihrer politisch wirksam agierenden Gegnern zu entledigen. (11)

Wenn Merkel also jetzt in der Türkei Erdogan ein bisschen lau kritisiert, dann ist das genauso, wie sie Netanjahu während des Gaza Angriffs ihrer Solidarität versicherte und das Recht auf Selbstverteidigung zubilligte, aber immer angemessen in der Reaktion zu bleiben. Allerdings ist der Türkei anzurechnen, dass sie 3 Millionen Kriegsflüchtlinge aufgenommen hat, im Gegensatz zum „Jüdischen Staat“, der den palästinensischen Flüchtlingen die legitime Rückkehr in ihre Heimat verwehrt.

Es stinkt zum Himmel


Links:
http://www.spiegel.de/politik/ausland/gazastreifen-israels-armee-entdeckt-neuen-angriffstunnel-der-hamas-a-1087767.html
http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/naher-osten/netanjahu-lehnt-pariser-friedensinitiative-ab-14235235.html
http://www.deutschlandfunk.de/tempelberg-in-jerusalem-fels-des-anstosses.886.de.html?dram:article_id=341600
http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-09/israel-muslimische-maenner
http://www.welt.de/politik/ausland/article139103432/Ein-Leben-fuer-die-Rueckkehr-auf-den-Tempelberg.html
http://www.haaretz.com/israel-news/1.721076
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/fluechtlingspolitik-vergesst-die-christen-nicht-14223590.html
http://www.deutschlandfunk.de/hilfswerk-open-doors-zweifel-an-seriositaet-von-studie.1818.de.html?dram:article_id=354813
http://www.rp-online.de/politik/138-tuerkische-abgeordnete-verlieren-immunitaet-aid-1.5991131
http://www.haaretz.com/israel-news/.premium-1.706303
http://www.fr-online.de/politik/israel-knesset-verbannt-arabische-abgeordnete,1472596,33756646.html

 

4 Kommentare zu Es stinkt zum Himmel!

  1. Danke für den Kommentar, auf Facbook entstand tatsächlich der Eindruck einer Kritik an der Regierungspolitik Nethanyahus…

  2. Die Zurückhaltung bei der Berichterstattung über Netanjahus Coup, Jalon gegen Lieberman zu ersetzen, in unseren Medien hat schon fast Methode: Lieber gar nichts mehr über dieses Drecksland berichten als in den Zwang zu geraten, wunschgemäß einen Panegyrikus über Bibis Weisheit nach dem anderen aus den Tastaturen fließen zu lassen, so wie es die Broderisten und der Rest der Lobby, die es angeblich nicht gibt, verlangt. Nützen tut es den Redaktionen nichts, denn die Lobby riecht den Braten und haut daher um so kräftiger mit der A-Keule um sich.
    Dabei bietet gerade dieser Vorgang genug Anlass, sich laut und deutlich zu positionieren und seinen Gedanken keine Fesseln anzulegen. Natürlich ist Jalon nur Recht geschehen. Wer sich mit Bibi einlässt, kommt durch Bibi um. Das unterscheidet ihn nicht von zahllosen anderen Menschen auf dieser Welt. Aber unerwähnt bleiben darf der Hintergrund dieses Schlages nicht: Jalon flog raus, weil er sich vor einen seiner Generäle stellte, der angesichts des jüngsten Lynchmordes durch einen Soldaten in Hebron, das Militärgerichtsverfahren für richtig erachtete und vor üblen Tendenzen in den Streitkräften warnte. Das war sein Todesurteil. Leider macht uns Israel vor, was mit einer Bevölkerung passiert, die sich von Rechtspopulisten und Rassisten regieren lässt: Sie verwandelt sich in einen rechten Lynchmob. Wen wundert es da noch, wenn die Straches und Wilders in Israel ein und ausgehen?

  3. Ja, es stinkt zum Himmel. Frau Hecht-Galinski, Ihr Vater forderte einst für alle Angehörigen der Konzentrationslager Wachmannschaften eine summarische Strafe wegen Zugehörigkeit zu einer terroristischen Vereinigung. Wie wäre es diesen Gedanken auf Mitglieder der IDF auszudehnen, die ihr schmutziges Handwerk in den besetzten Gebieten und im Gazastreifen vollbringen. Wenn Herr Liebermann jetzt als neuer Verteidígungsminister anheuert kann eigentlich nicht mehr viel Sinnvolles passieren. Interessant in diesem Zusammenhang ist die Tatsache dass von dem sonst so quirligen Friedens – und Tugendwächter Michel Friedman nichts zu hören ist, der sich ja sonst permanent überschlägt wenn es darum geht, vermeitlich Radikale den Zugang zu öffentlichen Ämtern zu verwehren und er lautstark gegen Derartiges demonstriert. Weltweit selbstverständlich. Bei Herrn Liebermann versagt sein sonst so trefflich funktionierendes Gerechtigkeits und Radikalismiusverhinderungsradar. Offensichtlich funktionieren seine sonst so sensiblen Antennen nicht. Scheinbar werden die geistigen Grundlagen im Schulchan Aruch (oder anderswo, es gibt ja jede Menge davon) sehr genau befolgt. Nichtjüdisches Eigentum gilt als herrenlos. Vor diesem Hintergrund ist der Landraub in Nahost nachvollziehbar und verständlich. Je nach Betrachtungsweise und Berufung auf entsprechende Schriften (heilig oder nicht) stinkt es doch nicht zum Himmel. Die einen dürfen dies, da es wohl von höherer Stelle befohlen wurde. Eines Beweises bedarf es nicht, es gilt der Verweis. Wie sonst ist das Desaster in Nahost noch zu verstehen.

  4. Ich wäre vorsichtig mit einem Lob der Land-für-Frieden-Formel, denn diese bedeutete immer nur EUER Land für unsere Frieden.

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