Sicht vom Hochblauen

Evelyn Hecht-Galinski

Evelyn Hecht-Galinski – Du darfst das sagen

BZ-Interview vom 1.9.2007 mit Evelyn Hecht-Galinski über jüdische Kultur in Deutschland, den Einfluss der Israel-Lobby und ihren Vater, den ersten Zentralratsvorsitzenden

Nach Krieg und Holocaust hat ihr Vater Heinz Galinski den Juden in Deutschland wieder zu einer Stimme verholfen. Tochter Evelyn Hecht-Galinski (58) dagegen gilt dem Zentralrat der Juden eher als Enfant terrible. Mechthild Blum und Stefan Hupka sprachen mit ihr anlässlich des bevorstehenden „Europäischen Tages der jüdischen Kultur“ .

BZ: Frau Hecht-Galinski, andere Religionen setzen unübersehbare Zeichen in Deutschland, mehr und mehr auch die Muslime, siehe Kölner Moschee. Kann man da als Jüdin eifersüchtig werden?
Hecht-Galinski: Dazu besteht kein Anlass. Denken Sie an die jüdischen Gemeindezentren in Deutschland, gerade das neue in München. Wenn aber die Zentralratsvorsitzende, Frau Knobloch, sagt, wir seien damit „endlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen“ , muss ich lachen. Gemeindezentren gibt es hier seit Jahrzehnten. Aber ist die jüdische Kultur in Deutschland wieder angekommen? Ich sage Nein.
BZ: Wieso nicht?
Hecht-Galinski: Dass die ursprüngliche deutsch-jüdische Kultur von den Nazis ausgerottet wurde, muss ich nicht erwähnen. Heute haben wir zwar eine Inflation jüdischer Kulturtage, aber die meisten sind eigentlich israelische Tage und werden von der Lobby und dem Zentralrat dazu benutzt, aktuelle Israelpolitik zu verkaufen. Wir als „Jüdische Stimme“ gründen uns jetzt als Verein, um mitreden zu können. Wir wollen nicht missbraucht werden als Juden für eine Politik, die wir für menschenrechtswidrig halten.
BZ: Was muss passieren, damit jüdische Kultur in Deutschland wieder ankommt?
Hecht-Galinski: Für mich ist jüdische Kultur heute erst wieder erreicht, wenn die hiesigen jüdischen Gemeinden und der Zentralrat der Juden in Deutschland die Tradition des liberalen deutschen Judentums in den Vordergrund stellen. Dazu gehört auch konsequente Integration der Einwanderer. Das Berliner Gemeindeblatt erscheint zur Hälfte in russischer Sprache und Schrift. Das kann es ja nicht sein, so sieht für mich keine gelungene Integration aus.
BZ: Wenn man die Neuen noch nicht auf Deutsch erreichen kann, ist es vielleicht nicht schlecht, es wenigstens auf Russisch zu probieren.
Hecht-Galinski: Gut. Aber es geht auch um die Inhalte. Und da wird schon den Jugendlichen der zionistische Gedanke vermittelt, dass das Heil im Staate Israel liegt und sie doch besser alle nach Israel gehen sollten. Das finde ich sehr bedenklich.
BZ: Es gibt aber auch Gegenstimmen.
Hecht-Galinski: Ja, aber nicht unter dem Dach des Zentralrats. Stattdessen haben in Berlin jetzt amerikanische Chabad-Gemeinden mit Billigung des Zentralrats und Geldern der Lauder-Stiftung ein großes Bildungszentrum errichtet, das an diesem Sonntag eingeweiht wird, und einen großen Teil der Jugendarbeit an sich gezogen. Das sind Vertreter eines ganz orthodoxen Judentums, eigentlich eine Sekte.
BZ: Sie selbst sind doch eine Gegenstimme, Sie bezeichnen sich als Antizionistin.
Hecht-Galinski: Ja, aber das Problem ist, dass Israelkritiker und Zentralratskritiker diffamiert werden. Ich bin zum Beispiel eine „voller Selbsthass steckende Jüdin“

BZ: So etwas bekommen Sie zu hören?
Hecht-Galinski: Sicher. Auch die Holocaust-Opfer werden missbraucht für diese Politik. Wobei nicht wenige von ihnen aus Israel nach Deutschland kommen, um hier einen besseren Lebensabend zu verbringen, als in diesem militärisch hochgerüsteten Israel, das jeden Cent für die Rüstung ausgibt.
BZ: Sind Sie eigentlich schon Ihrem Vater gegenüber als Dissidentin aufgetreten, dem früheren Zentralratsvorsitzenden Heinz Galinski ?
Hecht-Galinski: Sicher, mein Vater war ja auch in dieses System eingebunden, aber wir haben viel darüber diskutieren können. Und wenn ich eine andere Meinung hatte, gab es auch mal Krach, aber damit hatte sich das. Wenn ich heute vom Deutschlandfunk interviewt werde, schreibt der Zentralrat anschließend an den Intendanten, dass diese „Einzelstimme“ und „Minderheit“ im Deutschlandfunk nichts verloren habe. Das habe ich schwarz auf weiß.
BZ: Dass Sie in der Minderheit sind, würden Sie aber nicht bestreiten?
Hecht-Galinski: Nein, das ist wahr. Aber inzwischen schließen wir uns in ganz Europa zusammen und auch in den Vereinigten Staaten. „Europäische und amerikanische Juden für einen gerechten Frieden.“ Viele haben mal klein angefangen.

BZ: Verpflichtet nicht das Jahrhundertverbrechen, das im deutschen Namen vor siebzig Jahren an den Juden verübt wurde, jede Bundesregierung zu einer wohlmeinenden Haltung gegenüber Israel?
Hecht Galinski: Nein, das kritisieren und dagegen protestieren wir. Dass man gute Beziehungen pflegt, ist ja in Ordnung. Aber das darf nicht zur Billigung einer Politik führen, die Menschenrechte mit Füßen tritt. Das wäre eine Schande für Deutschland.
BZ: Aber das Existenzrecht Israels steht für Sie nicht zur Debatte?
Hecht-Galinski: Nein. Wohl aber das Existenzrecht des Staates, der jetzt so in diesen Grenzen existiert.
BZ: Wie sind Sie in die Rebellenrolle geraten. Gab es da Schlüsselerlebnisse? Hat das mit Israelbesuchen zu tun?
Hecht-Galinski: Ja, auch das. Die Beobachtung etwa, dass und wie man dort über Palästinenser die Nase rümpfte, zumal auf angeeignetem Land.
BZ: Wie lange ist das jetzt her?
Hecht-Galinkis: Mehr als zehn Jahre bestimmt.

BZ: Keine Lust, mal wieder hinzufahren und die Meinung zu überprüfen?
Hecht-Galinski: Nein, ich will da nicht hin. Nicht, solange die Politik sich dort nicht ändert
BZ: Denkt der Zentralrat eigentlich demokratisch?
Hecht-Galinski: Nicht die Spur. Er hat es etwa geschafft, jegliche Kritik als Antisemitismus zu diffamieren. Damit hat er selbst Nachkriegsgenerationen so eingeschüchtert, dass sie den Mund nicht mehr aufmachen. Meine Freunde sagen immer: Ja, du darfst das sagen, aber wir nicht. Das Schlimmste in Deutschland ist ja, als Antisemit zu gelten.
BZ: Die Antisemitismuskeule wird zu früh herausgeholt? Dann hätte Martin Walser ja recht.
Hecht-Galinski (lacht): Ja, obwohl ich kein Freund von Herrn Walser bin — denn er ist nicht die richtige Person, so etwas anzuprangern, und er hat es am falschen Ort getan, in der Paulskirche — , aber da hat er mal etwas Richtiges gesagt.
BZ: Prägt der Zentralrat die Wahrnehmung der jüdischen Kultur in Deutschland?
Hecht-Galinski: Leider ja. Und die israelische Botschaft prägt mit, samt Organisationen wie „Honestly concerned“ , „I like Israel“ und andere.
BZ: Fürchten Sie nicht, Antisemiten und Rechtsradikalen in Deutschland als Kronzeugin zu dienen?
Hecht-Galinski: Nein, die wird es immer geben. Was da in Ostdeutschland vorgeht, dagegen nützen nicht immer mehr Millionen für die Bildung sondern nur eine harte Polizeihand. Und viele Leute wird man auch nicht ändern können, egal was der Zentralrat sagt oder was ich äußere. Im Gegenteil, das ist ja die Politik des Zentralrats, gegen die wir uns wehren, dass wir alle schweigen sollen mit dem Argument, immer wenn Ihr den Mund aufmacht, spielt Ihr den Antisemiten in die Hände. Ich sehe dagegen Israels Politik den Antisemitismus stärken.
BZ: Trifft Deutschland in Israel den richtigen Ton?
Hecht-Galinski: Nicht immer. Und nehmen Sie nur die Gedenkstätte Yad Vashem. Die wird instrumentalisiert. Es ist richtig, dorthin zu gehen und sie auf sich wirken zu lassen. Aber es wird zum Ritual, dass ein Politiker sofort nach der Landung dahin gekarrt wird. Das legt die israelische Regierung den deutschen Besuchern nahe, und wehe, die sagen, ich gehe da nicht mehr hin. Joschka Fischer war bestimmt 35-mal dort.
BZ: Eine Bußübung?
Hecht-Galinski: Ja, man geht hernach schon eingeschüchtert in die anstehenden Gespräche.
BZ: Wenn Sie sich die Zentralratschefs so anschauen, Galinski, Lewin, Nachmann, Bubis, Spiegel oder jetzt Frau Knobloch, wer überzeugt Sie da am meisten?
Hecht-Galinski: Ehrlich gesagt keiner. Mein Vater hatte da noch am ehesten originelle Motive. Er kam aus dem KZ und nahm sich vor, wieder jüdisches Leben in Deutschland aufzubauen. Er hat auch nie auf gepackten Koffern gelebt. Und ich wuchs deshalb völlig integriert auf. Meine Mutter wollte immer nach Amerika auswandern, mein Vater nur sehr ungern. Dann kam ich glücklicherweise zwei Monate zu früh zur Welt, damit war der Fall erledigt und mein Vater konnte seine Arbeit hier weitermachen.
BZ: Sie wären nicht gern Amerikanerin geworden?
Hecht-Galinski: Nein, heute erst recht nicht.
BZ: Allerdings ist jüdische Kultur in New York, Boston oder Chicago viel präsenter, selbstverständlicher und selbstbewusster als in Deutschland.
Hecht-Galinski: Das schon. Allerdings hatte ich Pech mit meiner amerikanischen Gastfamilie in New York, in der ich als Jugendliche war. Da wurde von morgens bis abends nur über Auschwitz gesprochen. Es war die Hölle. Ich habe es nicht mehr ertragen.

BZ: Stört es Sie eigentlich, wenn man Sie als Nestbeschmutzerin bezeichnet?
Hecht-Galinski: Nein, damit kann ich wunderbar leben, weil es nicht stimmt.
BZ: Und fühlen Sie sich manchmal bedroht?
Hecht-Galinski: Nein, ich werde auch weiter öffentlich auftreten. Ich fühle mich ganz normal und kein bisschen verfolgt. Das hat auch mit meiner Herkunft zu tun. Mein Vater war zwar im KZ, aber ich bin danach ganz „normal“ erzogen worden, wir hatten ein offenes Haus und auch immer nichtjüdische Freunde und Besucher.
BZ: Wann waren Sie zuletzt in einer Synagoge?
Hecht-Galinski: Schätzungsweise 1992.
BZ: Was bleibt vom Jüdischsein, wenn man nicht religiös ist? Eine Weltanschauung?
Hecht-Galinski: Die Abstammung. Und eine Wertegemeinschaft, wenn auch eine zerstrittene.

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