Sicht vom Hochblauen

Evelyn Hecht-Galinski

Tod und Verdrehung

Was der Ministerpräsident des „Jüdischen Staates“ vor der UNO an Verdrehungen, Unwahrheiten und Rechtfertigung von Kriegsverbrechen und Völkermord vorbrachte, war an unmoralischer Chuzpe nicht zu überbieten. Er ist wahrlich ein Meister von Tod und Verdrehung!

By MRECIC ARG [CC-BY-SA-2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons
By MRECIC ARG [CC-BY-SA-2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons
Sätze wie: „In der Geschichte der Menschheit hat es keine Armee gegeben, die mehr zur Vermeidung von zivilen Opfern getan hat als die israelische“! Oder.“Wir bedauern jedes zivile Opfer, jedes! Aber wir haben alles getan um diese Opfer zu vermeiden. Wir haben Flugblätter abgeworfen, angerufen, Kurznachrichten verschickt und Fernsehaufrufe geschaltet, um Zivilisten zu warnen“. So Netanjahu!

 

Oder als Netanjahu noch dreister die IS tatsächlich mit der palästinensischen Widerstandsbewegung der Hamas gleichsetzte: „IS ist Hamas und Hamas ist IS“! Was für eine perverse Verdrehung der Tatsachen. Denn Fakt ist, dass, wenn es schon Vergleiche, oder Gleichsetzungen gibt, hätte Netanjahu besser das „moderate Saudi-Arabien“, das laut der israelischen Justizministerin Tzipi Livni die gleichen Werte wie der „Jüdische Staat“ teilt, mit der IS gleichgesetzt. (1)

 

Wunderbare Werte müssen das sein, die sich beide Länder teilen. In Saudi-Arabien werden Todesurteile an Verurteilten mitten auf dem Platz mit einem Dolch vollstreckt, und die Delinquenten werden enthauptet! (2)

 

Aber auch Deutschland kommt da wieder ins Spiel als Partner in dieser illustren Wertegemeinschaft, wir liefern an beide „Demokratien“ Rüstungsgüter!Tatsache ist, dass die „moralischste aller Armeen“ die „Jüdische Verteidigungsarmee“ in den letzten 50 Tagen der Kriegsmassaker, mindestens 2,180 Palästinenser ermordete, davon mindestens 505 Kinder, davon mindestens 70% Zivilisten ist! Darunter waren auch 138 UNRWA Schüler, 814 von ihnen wurden verletzt und 560 wurden zu Vollwaisen gemacht, wie die UNRWA, das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten, berichtete. Die UNRWA trainiert momentan Lehrer, die für psychologische Hilfe für die 241.000 traumatisierten palästinensischen Kindern ausgebildet werden sollen, die auf ihren Schulgang warten. Weiter wird ein mentales Hilfsprogramm geplant für die traumatisierten Schüler und Studenten im Gaza Ghetto! Die „Jüdische Verteidigungsarmee“ zerstörte mehr als 80.000 Häuser in Gaza und machte 110.000 Palästinenser obdachlos, darunter mehrheitlich ebenfalls Kinder! Hier zeigt sich erneut, wie Netanjahu und andere jüdische Funktionsträger ohne Empathie, über Kriegsverbrechen hinweggehen und gleichzeitig Solidarität fordern!

So war es auch nicht verwunderlich, dass Netanjahu mit UN-Generalsekretär Ban-Ki-Moon während eines Gespräches in New York eine heftige Auseinandersetzung hatte, weil er diesen eindringlich aufforderte, eine geplante Untersuchung der israelischen Kriegsverbrechen durch die UN, an UNRWA-Einrichtungen zu verschieben. Ich stelle mir vor, dass Netanjahu diese auf den „St-Nimmerleinstag“ verschieben möchte, oder diese Untersuchungskommission selbst leiten möchte, vielleicht mit seinem Außenminister „lieber man“ als Stellvertreter! Sogar deutsche Politiker und Prominente schämten sich nicht, diese Farce der Verdrängung der Kriegsverbrechen zu unterstützen und in den überall lauernden Anitisemitismus-Chor der „Graumänner“ einzustimmen und mitzusingen.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch am heutigen Samstag, dem jüdischen Jom Kippur-Feiertag, darauf hinweisen, dass der „Jüdische Staat“, wenn er feiert, die besetzten Palästinenser noch mehr einsperrt. Ausgerechnet fällt dieses mal das muslimische Opferfest Eid-el-Adha mit Jom Kippur zusammen. So werden die Palästinenser am Feiern und Beten gehindert, während Juden uneingeschränkt beten und feiern! Ob es Gott, wenn es ihn denn gibt, gefällt, wie sich sein „auserwähltes Volk“ benimmt?

 

Als ich gestern die Feierstunde zur deutschen Einheit in Hannover sah, musste ich mich mit Abscheu abwenden, als der Landesrabbiner von Niedersachsen, Jonah Sievers, „eine Friedensbotschaft“ abgab, in der er sich bestürzt zeigte über neu aufkeimende „Judenfeindlichkeit“ in Deutschland und Antisemitismus als Angriff auf unsere gesamte Gesellschaft bezeichnete. Ich wäre selbstverständlich die Letzte, die Antisemitismus nicht auch verurteilen würde, aber dass ein Rabbiner diese Feierstunde eklatant missbraucht, um Antisemitismus hervorzuheben, den man tatsächlich bei uns glücklicherweise selten antrifft, anstatt ein Gebet zu sprechen für die Opfer des Völkermords in Gaza, eben einen Tag vor dem Versöhnungsfest der Juden in aller Welt, ist kaum zu glauben. Allerdings haben wir es dabei mit mehreren Problemen zu tun: Das Versöhnungsfest bedeutet, so wie Rabbiner es deuten, Versöhnung mit Gott, aber nicht mit den anderen Menschen und mit Andersgläubigen schon gar nicht!

 

So bedauere ich es im nachhinein, dass ich damals noch an den damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff einen Brief schrieb, um ihn zu bitten, die Ökumene in dieser offiziellen Feierstunde doch auf Juden und Muslime auszuweiten, was jetzt auch geschah. Allerdings hatte ich mir das so nicht vorgestellt! Deshalb stelle ich die grundsätzliche Frage: Warum müssen bei dieser Art Staatsfeiern überhaupt Gottesdienste stattfinden und geistliche Würdenträger sprechen? Haben wir nicht eigentlich eine Trennung von Kirche und Staat? Und ich frage als Nichtgläubige auch: Sollte es denn einen Gott geben, würde der sich mit Juden versöhnen, die Völkermord, Kriegsverbrechen und Besatzung ausüben?

 

Ganz anders verhielt sich der Vertreter der Muslime, Avni Altiner auf dieser Feierstunde. Er sprach sehr gut über den Tag der deutschen Einheit und darüber, wie wichtig Werte von Einigkeit, Freiheit und Demokratie sind. Leider vergaß er dabei die Palästinenser, denen Freiheit leider bis zum heutigen Tag verwehrt wird! Stattdessen distanzierte er sich eilfertig, wie schon so viele muslimische Funktionsträger zuvor, sofort von der Gewalt islamistischer Terrorgruppen in Syrien und im Irak. Da frage ich mich schon, warum verlangt man von Muslimen etwas, was von Juden nicht verlangt wird? Warum distanzieren sich Muslime von der IS oder ähnlichen Dschihadisten, obwohl sie überhaupt nichts mit ihnen zu tun haben? Warum distanzieren sich jüdische Vertreter nicht von jüdischen extremistischen Siedlern und „Judaisten“, die Palästinenser demütigen, besetzen, berauben und töten? Warum verlangen deutsche Politiker immer die Distanzierung von Muslimen von den Extremisten des Islam, aber solidarisieren sich mit einem „jüdischen Staatsterrorismus“, der schon seit Staatsgründung die Palästinenser unterdrückt und beraubt und seit 1967 kontinuierlich die Besatzung palästinensischen Landes, als Landraub für die „Judaisierung Palästinas“ vorantreibt? Warum wird geschwiegen, wenn Netanjahu laut Haaretz vom 3.Oktober bestreitet, auf der Basis der Grenzen von 1967 zu verhandeln? Begründung: Warum sollte es Juden nicht erlaubt sein, z.B. in Ost-Jerusalem Häuser zu kaufen?
Tatsächlich können aber Palästinenser im „Jüdischen Staat“ nicht einfach Häuser oder Land erwerben, sie können nur beraubt und enteignet werden. So verhält sich die „einzige Demokratie im Nahen Osten“, das „Licht unter den Völkern“.
Dieses Licht wird immer weniger und die Aussichten für das palästinensische Volk verdunkeln sich immer mehr als eine der Antworten auf Kritik an 2.600 neuen Wohneinheiten im besetzten Ost-Jerusalem und in der Siedlung Givat Hamatos oder an den 23 Wohnungen in Silwan, die unter „mehr als unkoscheren Methoden“ von jüdischen Siedlern mit größtenteils gefälschten Unterschriften und mit Hilfe von israelischen Grenzpolizisten „gekauft“ und in Besitz genommen werden, um Jerusalem als ewig ungeteilte Hauptstadt Israels zu judaisieren! So wird der ärmliche Stadtteil Silwan als „Davidstadt“ aufgewertet, ganz im Sinne von vielen US- und anderen ausländischen Investoren, wie Kandel Finance und dem Siedler-Wirtschaftsminister Naftali Bennett, der dieses Silwan-Vorhaben als historisch pries, um das „arabische Viertel“ in ein „jüdisches zu verwandeln“!

Übrigens las ich auch in Haaretz, dass ein Ex-IS`ler jüdischen extremistischen Siedlern bei den Immobilien Deals, z.B. der Silwan, zu Wohnungen verhalf! (3)

IS = ISRAEL? Passt doch viel besser! So sieht ethnische Säuberung und Vertreibung, ganz im zionistischen Sinne, im „Jüdischen Staat“ ohne definierte Grenzen aus!

Inzwischen werden vom „Jüdischen Staat“ auch „Bypass-Straßen“, nur für Juden, durch das besetzte Westjordanland gebaut, um „Staus für Juden“ zu vermeiden, wenn sie nach Jerusalem fahren wollen. So wird das besetzte Westjordanland für Palästinenser immer mehr vom annektierten Ost-Jerusalem getrennt. Die Zwei-Staaten-Lösung erweist sich als ein trauriger Witz!
In deutschen Medien werden diese Tatsachen und die Ost-Jerusalem-Ereignisse noch „schön geschrieben“, wenn ich etwa lese, dass die „leichte Bahn“ in Jerusalem, die, wenn sie durch Ost-Jerusalem fährt, einen bewaffneten israelischen Sicherheitsmann mitfahren lässt. Dann ist das die Quittung für das Unrecht der „jüdischen Besatzung“. Diese Bahn ist nicht, wie hier so oft behauptet wird, als sie vor drei Jahren ihren Betrieb aufnahm, von Israelis und Palästinensern begeistert gefeiert worden, als „Symbol für das zaghafte Zusammenwachsen“. Im Gegenteil. Sie wurde von Beginn an kritisiert, als „jüdische Bahn“. Doch dieser Schwachsinn der israelischen Propaganda-Darstellung zur angeblichen Begeisterung über die Bahn wird in Deutschland tatsächlich erfolgreich vermittelt. Ich weiß hingegen von palästinensischen Freunden, die im besetzten Ost-Jerusalem leben, dass diese Bahn von Anfang an eine israelische Provokation war, die nur dazu dienen sollte, die „Judaisierung“ voranzutreiben. Kann man es da den Palästinensern verdenken, dass sie Leitungen und Haltestellen dieser Bahn verwüsten und sie mit Steinen bewerfen? Im annektierten Ost-Jerusalem leben inzwischen schon 180.000 Juden, gegenüber 300.000 Palästinensern, und diese Zahl wird durch neue jüdische Extremisten, täglich erhöht. Eine dritte Intifada liegt in der Luft!

 

So ist es zwar wunderbar, dass der palästinensische Ministerpräsident ohne Mandat, Mahmoud Abbas, eine glühende Rede vor der UNO hielt und die Kriegsverbrechen in Gaza und weitere Verbrechen der Besatzungsmacht Israel aufzählte, aber diese Worte bleiben leer und hohl, wenn daraus keine Konsequenzen folgen! Abbas Auftritt hatte wohl nur den Sinn, seine Popularität zu steigern, die im „palästinensischen Keller“ gelandet ist. Denn würde es heute (endlich) in Palästina Wahlen geben, dann würde die Fatah haushoch gegenüber der Hamas verlieren, zumal die Palästinenserbehörde schon wieder im geheimen mit der israelischen Regierung kollaboriert und an einem „Gaza-Deal arbeitet“. (4) Tatsache ist, dass sich Israel über diese Geberkonferenz in Ägypten, wo man angeblich über die 4 Milliarden verhandeln will, die für den Wiederaufbau von Gaza gebraucht werden, sehr erfreut zeigt. Wird doch damit erneut das Verursacher-Prinzip ausgehebelt, indem die Zerstörungen der gesamten Infrastruktur in Gaza durch die „Jüdische Verteidigungsarmee“ von uns allen bezahlt werden sollen, und Israel dann noch als der Kriegsgewinnler, als Phoenix aus der Asche steigt, wie üblich. Nicht umsonst brummt doch nach dieser erneuten Waffenshow die Rüstungsindustrie im „Jüdischen Staat“. (5)

Sollten doch Politiker wie Präsident Abbas, „Gaza-Gouverneur“ Frangi und andere erst einmal auf der sofortigen Aufhebung der Blockade Gazas bestehen, anstatt die Fata Morgana des Staates Palästina blumig in den schönsten Farben auszumalen, wo doch ihr „jüdischer Friedenspartner“ diese täglich zum Absurdum werden lässt. Frangi warnt schon davor, dass der Wiederaufbau durch die  Hamas scheitern würde, weil er genau weiß, würde die Hamas die Wahlen gewinnen, dann wären seine tage in Gaza als Gouverneur gezählt! Sie denken nur an an ihren Wiederaufbau, anstatt erst einmal daran die Blockade zu beenden! Die Einheitsregierung soll, geht es nach Frangi, nur der Fatah die Macht in Gaza erneut, auch ohne Wahlen sichern! Ganz im Sinne von Israel und den USA und der EU! Das palästinensische Volk hat wie immer das Nachsehen! (6) Inzwischen sterben Flüchtlinge aus Gaza auf See, die dem Inferno des Gaza-Ghettos entfliehen wollen! Diese jungen Menschen schreckt der Tod nicht mehr als das Leben im Konzentrationslager Gaza!

 

So ist es zwar phantastisch, wenn die neue schwedische Mitte-Links-Regierung von Ministerpräsident Stefan Löfven ankündigte, als erstes größeres EU-Land Palästina als eigenständigen Staat anzuerkennen und ihm damit den Status eines eigenständigen Staates einräumt. Ein schönes Symbol, aber ohne Wert, solange die Errichtung eines eigenständigen Palästina als lebensfähiger Staat in den Grenzen von 1967 durch Israel verweigert wird. So sollte sich Schweden ebenso wie die gesamte EU erst mal endlich dafür einsetzen, dass mehr Druck oder Boykott gegen diesen „Jüdischen Besatzer-Staat“ ausgeübt wird!

Nur das zählt!
From the River to the Sea Palestine must be free!
Free Palestine!

Zum Schluss darf ich mich auf diesem Weg nochmals für die vielen Gratulationen, die mich wegen der Kölner Karls-Preis-Verleihung erreichten, bedanken. Ganz großen Dank auch an Peter Kleinert, Anneliese Fickentscher und Andreas Neumann für diesen für mich unvergesslichen Abend! Dank auch an Ken Jebsen und seine Crew, die es sich nicht nehmen ließen, tags zuvor für eine wichtige Veranstaltung der Gaza-Hilfe auch noch extra aus Berlin nach Wuppertal zu kommen.


In dieser NRhZ-Ausgabe ist auch ein Artikel über diesen 27. September in Wuppertal, wo ich die große Ehre hatte, auf der Benefizveranstaltung „Hand in Hand für Gaza“ teilzunehmen und eine Ehrenurkunde von der Allianz der palästinensischen Gemeinden, Vereine und Gemeinschaft in NRW entgegenzunehmen – nicht zu verwechseln mit der palästinensischen Vertretung in Deutschland – darauf möchte ich extra hinweisen! Es war mir auch ein Bedürfnis, mit einer Spende zu der Tombola für Gaza beizutragen. Ich solidarisiere mich mit meinen palästinensischen Freunden, die mit mir das gleiche taten. In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf das Friedensdorf hinweisen, das verletzte Kinder aus Gaza einfliegen lässt und hier behandelt, und welches an diesem Abend auch geehrt wurde und mich enorm beeindruckte. Dessen Leiterin Claudia Peppmüller, hielt eine hervorragende Rede und wurde ebenfalls an diesem Abend geehrt. Mein nächstes Honorar werde ich deshalb diesmal an das Friedensdorf spenden!  Hier halte ich Spenden für äußerst sinnvoll, im Gegensatz zu vielen Palästina-Blogs, die um „Solidaritätsbeiträge“ bitten. Jeder Cent an dieses Friedensdorf ist gut investiert, wie ich meine! (7)

2 Kommentare zu Tod und Verdrehung

  1. Der Artikel stimmt Satz für Satz. Beim Besuch in Palästina erlebte ich Israel als extremistischen Terrorstaat. Wichtig ist aber auch: Nicht alle Israelis, nicht alle Juden unterstützen diese kriminelle Raub- und friedensfeindliche Unterdrückungspolitik der israelischen Regierung!
    Das Schweigen zu den ständigen israelischen Verbrechen gegen die Palästinenser und die Unterstützung Israels durch die USA und Europäische Mächte ist ein unentschuldbarer Skandal und macht alles Reden über Gerechtigkeit und Friedenswünsche unglaubwürdig. Wer Verbrecher unterstützt, macht sich mitschuldig!

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  1. Tod und Verdrehung | Reportationen von Andreas Friedrich

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