Sicht vom Hochblauen

Evelyn Hecht-Galinski

Vom Baum der Erkenntnis kosten Rezension von Clara S.

Literatur
Gilad Atzmon: „Being in Time – A Post-Political Manifesto“
Vom Baum der Erkenntnis kosten
Rezension von Clara S.

Wir leben im ‚post-politischen Zeitalter‘, und wir ‚die Menschen wie Du und ich‘, die in den USA und Europa leben, sind aus der Zeit gefallen. Denn wir haben keine Antwort auf das, was uns geschieht. Und auch keine Strategie, um irgendwann wieder „in der Zeit zu sein“. Im heutigen ‚Dystopia‘ (dem Gegenbild zu Utopia) hat das Finanzkapital die Herrschaft übernommen und die Güterproduktion in den westlichen Ländern weitgehend abgeschafft. In auf Pump lebende Konsumenten verwandelt, finden sich immer mehr Menschen als Opfer des globalen Kapitalismus im ‚Korb der Verachtenswerten‘ (H. Clinton) wieder. Die Demokratie ist zur Farce geworden, die Bürger haben so gut wie keinen Einfluss mehr auf politische Entscheidungen. Und das Ganze ist fast reibungslos über die Bühne gegangen, ohne dass es nennenswerte soziale Proteste, eine grundlegende wissenschaftliche Kritik oder die kritische künstlerische Verarbeitung der Entwicklung gegeben hätte. Dies ist Gilad Atzmons Beschreibung des Zustands der Welt, in der wir leben. Warum ist das so?


Gilad Atzmon: „Being in Time – A Post-Political Manifesto“ (2017 auf Englisch erschienen bei Skyscraper Publications, 200 Seiten)

Dazu schaut sich der Autor zunächst die uns bekannten linken und rechten Ideologien an. Er untersucht ohne Berührungsängste deren Versprechen, ihre Massentauglichkeit und Eignung als Antwort auf die gegenwärtige Situation. Z.B. geht er auf die Begriffe ‚national‘ und ‚sozialistisch‘ ein und fragt, ob die Kombination der beiden politischen Ausrichtungen vom Grundgedanken her wirklich so schlecht sei (2). Dabei kommt er zu originellen und interessanten Einsichten, ohne irgendeiner dieser Ideologien unkritisch das Wort zu reden. Sein Ergebnis: die gesellschaftlichen Spannungen im Rahmen des gängigen links/rechts Schemas (utopisch-idealistisches Denken im Gegensatz zu nostalgisch-realistischem Denken) haben über mehrere Jahrzehnte eine Balance aufrecht erhalten, die der Bevölkerung des Westens einiges an Stabilität und Wohlstand sowie das Gefühl, das politische Leben beeinflussen zu können, gebracht hat. Diese Zeiten seien nun vorbei. Die westliche liberale Demokratie, die Fukuyama (3) als Höhe- und Endpunkt unserer Entwicklung gesehen habe, gäbe es nicht mehr.

Globales Regime politischer Korrektheit und ihrer Denkverbote

Die Neue Linke habe inzwischen ihre sozialen Ziele weitgehend aufgegeben und teile die Gesellschaft nun in lauter fragmentierte, sich gegenseitig bekämpfende, biologisch orientierte, identitäre Gruppen ein (nach ethnischer Herkunft, Geschlecht, oder sexueller Orientierung), die sich alle in irgendeiner Weise als Opfer fühlen, und schafften ein globales Regime politischer Korrektheit, indem niemand mehr wirklich das sagen könne, was er meint und alle sich somit praktisch selbst nicht nur Sprech- sondern auch Denkverbote auferlegen.

Die Antwort der Neuen Rechten sei einerseits die Forderung, nun auch weiße Männer als Identitätsgruppe und Diskriminierungs-Opfer anzuerkennen, andererseits aber die vehemente Ablehnung der Identitätspolitik und stattdessen die Betonung nicht besonders klar definierter jüdisch-christlicher und nationaler Werte.

Generell seien der Zustrom zu rechtspopulistischen Parteien, die Wahl Trumps, die Befürwortung von Brexit, aber auch die Erfolge von Sanders und Corbyn als Gegenbewegung zu dieser ‚linken‘ Identitätspolitik zu sehen, als Wunsch der Menschen nach Verankerung und Veränderung ihrer Realität und nicht nach politisch korrekten Idealvorstellungen.

Die Menschen seien heute Zuschauer und Objekte einer Politik, die sie nicht beeinflussen können. Es gelte, die Situation der Menschheit insgesamt dem vollständigen Spektrum der politischen Ideen gegenüberzustellen, neue zeitgemäße Erklärungen und Antworten zu finden und nicht in eingeschränkten Denkmustern stecken zu bleiben. Dies sei nur möglich, wenn wir die Stadt Jerusalem (die Stadt der Ge- und Verbote) als unsere Hauptstadt aufgäben und Athen (die Stadt der Vernunft) wieder als solche einsetzten. Diese Unterscheidung bezieht sich auf den diesbezüglichen 2000 Jahre alten Streit in der Philosophie. Gilad Atzmon beruft sich bei seinen Ausführungen auch auf ‚(erz-)konservative‘ Philosophen wie Leo Strauss (4) und Martin Heidegger (5).

Jüdische Eliten an den Schaltstellen der Macht?

Genügte die oben geschilderte Analyse seinen Gegnern dafür, ihn als Faschisten zu diskreditieren (6)(7), sind die Erklärungen, die Gilad Atzmon für die aktuelle Situation findet, Grund genug für seine Kritiker, ihn als Antisemiten zu brandmarken. Denn er sieht eine wesentliche Ursache dafür im großen Einfluss jüdischer Kultur und Ideologie sowie der jüdischen Eliten an den Schaltstellen der Macht (Politik, Finanzindustrie, Kultur, Medien) seit dem 20. ‚jüdischen‘ Jahrhundert (8) und begründet auch dies höchst originell.

Hier verzichtet er ebenfalls auf Scheuklappen bei der Quellenwahl und beruft sich zum Beispiel auf Henry Ford (9), der allgemein als Antisemit gilt. Er zeigt z.B., wie sich bei den jüdischen Eliten ein hohes intellektuelles Niveau und praktische Wirksamkeit, z.B. im Finanzwesen, auf besondere Weise verbunden haben. Wie sich die Spaltung unserer Gesellschaft in privilegierte, begabte Eliten und manipulierte, weniger begabte ‚Abgehängte‘ vollzogen hat, was das mit der jüdischen Kultur zu tun und welche Folgen das hat, wird anschaulich beschrieben, regt aber auch zum Widerspruch an, denn er beruft sich dabei u.a. auf einen höchst umstrittenen Wissenschaftler. Es handelt sich dabei um den Erfinder der so genannten ‚Bell-Curve‘ (10), Richard J. Herrnstein, der für seine Ergebnisse als übelster Rassist bezeichnet wird. Ich habe in Deutschland von dieser ‚Bell-Curve‘ noch nie etwas gehört, aber in Kommentaren auf amerikanischen Blogs davon gelesen. Er hat die Intelligenz verschiedener Bevölkerungsgruppen untersucht, mit dem Ergebnis, dass Schwarze im Schnitt dümmer als Weiße sind. Atzmons Schlussfolgerungen daraus sind jedoch nicht rassistisch sondern eher die Aufforderung, der Realität ins Auge zu schauen, und praktikable gesellschaftliche Lösungen zu suchen. Als ehemalige Lehrerin, die den täglichen Kampf kennt, liebevoll die motivationalen und intellektuellen Grenzen von Jugendlichen aus ‚bildungsfernen‘ Schichten zu überwinden und ihnen das mit besserer Bildung verbundene Aufstiegsversprechen ‚einzutrichtern‘, wohl wissend, dass die reale gesellschaftliche Situation eine völlig andere ist, konnte ich diesen Teil seiner Ausführungen sehr gut nachvollziehen.

Die Macht, Kritik an der Macht zu unterbinden

Während also einerseits der Einfluss jüdischer Eliten nicht zu unterschätzen sei, gelänge es diesen andererseits, ihre Rolle als potentielle Opfer zu kultivieren. Hierin liege die Macht dieser Menschengruppe begründet, Kritik an ihrer Macht zu unterbinden. Ein Mittel hierzu sei auch die ‚kontrollierte Opposition‘. Er beschreibt humorvoll, wie sich fast jede aktuelle gesellschaftliche Debatte in eine inner-jüdische Kontroverse verwandelt und dadurch grundlegende Kritik entschärft bis vereitelt wird. Dabei betont er, dass es sich sehr häufig nicht um manipulierte Opposition handele, die es natürlich auch gäbe, sondern dass vermutlich viele der von uns verehrten kritischen Stimmen, wie z.B. Chomsky, vollkommen aufrichtig, aber eben in ihrer kulturellen Blase gefangen seien.

Es wäre dem Autor (und uns allen) zu wünschen, dass Interessierte, Historiker und Soziologen sich von den Torwächtern der politischen Korrektheit nicht abschrecken lassen und seine Thesen ernsthaft mit eigenen Erfahrungen vergleichen, auf ihre Schlüssigkeit und Fundiertheit überprüfen und ggf. widerlegen. Denn, wie Atzmon betont, geht es ihm zunächst um eine philosophische Innensicht (Introspektion) und nicht um die Sicherung wissenschaftlich überprüfter Erkenntnisse. An vielen Stellen im Buch fand ich interessante Impulse für weitere Überlegungen. Antworten gibt es im Buch nur in Form von Fragen (manche der folgenden stellt der Autor selbst, andere stammen von mir):

  • Was kann eine Gesellschaft tun, um ihren ‚Abgehängten‘ Würde und Auskommen zu verschaffen?
  • Ist die Schaffung von Gleichheit innerhalb von Grenzen eine angemessene Antwort auf den globalen Finanzkapitalismus?
  • In welcher Beziehung steht der vom Autor geschilderte ideologisch/soziale ‚Überbau‘ zu der gegenwärtigen materiellen Basis des globalen Finanzkapitalismus?
  • Ist die starke jüdische Prägung überhaupt wichtig, wenn es im Grunde um die Kritik an einer bestimmten Ausprägung des Kapitalismus geht?
  • Welche Chancen und Risiken liegen in der Rückkehr zum ‚athenischen‘ Vernunftdenken?

Manche mögen Gilad Atzmon als die Schlange sehen, die uns auffordert, vom Baum der Erkenntnis zu kosten. Sei es drum.

Fussnoten:

1 http://www.gilad.co.uk/being-in-time/
Das Buch liegt bisher noch nicht in deutscher Sprache vor.

2 An dieser Stelle ist es sehr leicht, ‚kalte Füße‘ zu bekommen: Klaus Hartmann, der Vorsitzende des Freidenkerverbands, hat in einer Veranstaltung (http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24504) sehr richtig klarstellt, dass der Hitlerfaschismus weder national noch sozialistisch war und dass diese Bezeichnungen als Propagandatricks zu werten seien.

3 https://de.wikipedia.org/wiki/Francis_Fukuyama

4 https://de.wikipedia.org/wiki/Leo_Strauss

5 https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Heidegger

6 Dave Rich: „Is Gilad Atzmon a fascist?“ (Ist Gilad Atzmon ein Faschist?)
Veröffentlicht auf der zionistischen website “Community Security Trust” (dem britischen Gegenstück zur us-amerikanischen Anti-Defamation-League)
https://cst.org.uk/news/blog/2017/11/08/is-gilad-atzmon-a-fascist

7 Gilad Atzmon kommentiert Dave Rich
„Finally, a Jewish Supremacist Reviews ‚Being in Time'“
(Endlich bespricht ein jüdischer Rassist ‚Being in Time‘)
http://www.gilad.co.uk/writings/2017/11/9/neo-facist-cst-review-of-being-in-time

8 http://www.dubnow.de/publikationen/monografien/yuri-slezkine-das-juedische-jahrhundert/

9 https://de.wikipedia.org/wiki/Der_internationale_Jude

10 https://de.wikipedia.org/wiki/The_Bell_Curve


Anhang:

KenFM über Gilad Atzmon – „Being in Time: A Post-Political Manifesto“ (21.9.2017)

Gilad Atzmon ist ein begnadeter Saxophonist. Wer an Reinkarnation zweifelt, kommt bei Atzmon ins Grübeln. Könnte es sein, dass John Coltrane wieder am Set ist? Atzmons Scheibe „Exile“ wurde 2003 von der BBC zum Jazz-Album des Jahres gewählt, was sich auch in der Anzahl seiner Fans niederschlug. Atzmon wurde international bekannt. Pink Floyd buchten Atzmon! (https://youtu.be/B7iwLrMQLP4) Neben dem künstlerischen Ausdruck besticht der 1963 in Israel geborene und heute in London lebende Künstler durch seine politische Haltung. Gilad Atzmon ist ein Anti-Imperialist. Die Freiheit des Menschen geht ihm über alles und so setzt er sich seit Jahren für das Ende der Unterdrückung der Palästinenser ein. Damit macht man sich nicht nur Freunde. Gerade deshalb schrieb jetzt Glenn Greenwald über ihn: „The criminalization of political speech and activism against Israel has become one of the gravest threats to free speech in the west.” Als Atzmon dann auch noch in Buchform die Ideologie seiner Heimat, den Zionismus, als rassistisch brandmarkte, bekam er massive Probleme mit der Israel-Lobby. Atzmon wäre aber nicht Atzmon, wenn er hier nicht mit jüdischem Humor reagieren würde. Nach „Der wandernde – Wer?“ legte er 2017 mit „Being in Time: A Post-Political Manifesto“ nach. Es geht um eine Tiefenanalyse des politisch-wirtschaftlichen Gesamtsystems, das nicht ohne Gewalt auskommt und nur stabil bleiben kann, wenn es den einzelnen Menschen in seiner Ganzheit bis in die letzte Zelle unterdrückt. Weltweit. Rund um die Uhr. Wie bringt man eine solche Erkenntnis, sein Buch, seine Message und das Motiv dahinter unter die Leute? Indem man vor seinen eigenen Jazz-Konzerten eine Art Stand-up-Comedy durchzieht. Bitter und süß zugleich. KenFM war 2017 Zeuge, als Gilad Atzmon im Berliner Jazz-Club A-Trane auf die Bühne trat, um dieses Experiment durchzuziehen. Im Anschluss gab es den klassischen Gig. Atzmon ist ein begnadeter Musiker, aber vor allem seine politische Haltung, sein nicht Wegducken, wenn es um Menschenrechte geht, machen ihn zu einer herausragenden Persönlichkeit. Wir raten, ihn live zu sehen. (Quelle: kenfm.de/kenfm-am-set-gilad-atzmon/)

„Sicht vom Hochblauen“ über Gilad Atzmon – „Being in Time: A Post-Political Manifesto“ (15.6.2017)

In dem post-politischen Universum, in dem wir leben, wurde ein großer Teil der Menschheit darauf reduziert, den Interessen des großen Geldes und der Oligarchie zu dienen. Links und Rechts sind ununterscheidbar und bedeutungslos geworden. Die Freiheit, offen zu denken, gibt es nur noch in der Nostalgie-Abteilung. Unsere westliche liberale „Utopie“ hat sich in eine Orwell’sche Katastrophe verwandelt, und wir, die Menschen, bleiben verwirrt und verarmt zurück. Being in Time ist ein mutiger Versuch, die intellektuellen Entwicklungen zu begreifen, die zur aktuellen Dystopie führten. Das Buch analysiert den Konkurs der großen ideologischen Narrative. Es erforscht das kolossale Scheitern der Medien, der Akademie und der Politik bei der Erkennung und Aufarbeitung der Ereignisse, die uns in diese Notlage führten. Es identifiziert die Ideologien, die die Identitätspolitik und die Tyrannei der politischen Korrektheit in unsere Mitte gepflanzt haben. Wir, die Menschen, wurden zum einfachen Publikum einer griechischen Tragödie degradiert, die zufällig von unserer eigenen Zerstörung handelt. Die Zeit ist reif, um alles zu verstehen. Being in Time deutet „Post-Politik“ als die Geschichte des entscheidenden Sieges einer Elite. Gilad Atzmon, Autor von ‚Der wandernde Wer‘, gelingt es in seinem neuen Buch, Ethos, Strategie und Kultur dieser unbesiegbaren Elite offen zu legen. (Quelle: http://sicht-vom-hochblauen.de/gilad-atzmon-berlin-buchvorstellung-vor-dem-konzert-15-juni-2017-being-in-time)

Siehe auch:

Arn Strohmeyer: „Die israelisch-jüdische Tragödie. Von Auschwitz zum Besatzungs- und Apartheidstaat Israel. Das Ende der Verklärung“
Die Hybris Israels
Buchtipp von Harry Popow
NRhZ 645 vom 31.01.2018
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24538

Gespräch eines „Brunnenvergifters“ mit einer „Antisemitin“
Auf der falschen Seite der Geschichte?
Gespräch von Clara S. mit Gilad Atzmon (Teil 1 und 2)
NRhZ 644 vom 24.01.2018
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24509

Gespräch eines „Brunnenvergifters“ mit einer „Antisemitin“
Auf der falschen Seite der Geschichte?
Gespräch von Clara S. mit Gilad Atzmon (Teil 3 und 4)
NRhZ 645 vom 31.01.2018
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24545

Online-Flyer Nr. 645  vom 31.01.2018

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